Sonntag, 27. November 2016

Bester in der falschen Tabelle

In der Rangliste der "Spiele, die du nicht verlieren darfst", ist der VfL in dieser Saison sicher mit Abstand Tabellenführer. Gleiches gilt in der Statistik "Spiele, die du gewinnen musst". Und am deutlichsten führt die Mannchaft natürlich in der Kategorie "Chancen, die du nicht versemmeln darfst".Eine bittere Erkenntnis, denn das verträgt sich leider nicht so gut mit der in der Fußball-Bundesliga geltenden Tabellenrechnung, in der es vor allem um gewonnene Spiele und die meisten Punkte in einer Saison geht.
Ja, es bleibt im Moment eigentlich nur noch Galgenhumor. Und immerhin wurden heute mal nicht Pfosten oder Latte des Gegners getestet. Und selbst unserem Lieblingsschiedsrichter Deniz Aytekin kann man heute eine rundum gute Leistung bescheinigen. Es hängt also alles an der Effektivität der Borussia beziehungsweise an deren Fehlen.

Egal wie man es dreht und wendet: Jedem, der auch heute wieder eine gute, in der ersten Halbzeit sogar hervorragende Gesamtleistung der Borussia gesehen hat, fehlen langsam die Argumente, warum unser Verein nicht dort steht, wo er nach den erarbeiteten Torchancen stehen könnte und sollte. Und so empfinde (wohl nicht nur) ich den einen Punkt gegen eine (ziemlich gute und abgeklärt auftretende) Hoffenheimer Mannschaft am Ende eher als Niederlage denn als Fingerzeig für den Aufwärtstrend - was es vom Spielverlauf her aber zweifellos war.

In fast allen Dingen zeigt die Tendenz nach oben. Zuletzt formschwächere Spieler wie Wendt, Dahoud, Christensen und Sommer zeigen sich stabiler, das Spiel nach vorne funktioniert gut, die Torchancen sind da. Die Defensive steht in den allermeisten Fällen sehr sicher und zeigt sich vor allem besser gewappnet gegen aggressives Pressing - das zeigten die beiden Spiele gegen Manchester und Hoffenheim deutlich. Nico Elvedi entwickelt sich immer mehr zum Antreiber auch nach vorne, und er raubt dazu noch mit geschicktem Zweikampfverhalten den gegnerischen Angreifern den Nerv. Heute hatte der junge Schweizer wieder einen richtig guten Tag erwischt. Auch Jannik Vestergaard wächst immer besser in das Mannschaftgefüge hinein. Es wird sichtbar besser, ob nun im 4-3-3, mit dem Schubert sein Team aufs Feld schickte oder mit der Dreierkette, die am Ende des Spiels die Geschicke in der Defensive leitete.

Dass es nichts wurde mit dem ersten Bundesligasieg seit dem Ingolstadt-Spiel, das lag an zwei Dingen: Eine grobe Fehlleistung der gesamten Defensive beim Gegentor, als Amiri vor dem Tor völlig aus den Augen verloren wurde. Und das leidlich bekannte Problem, den Ball erfolgreich über die Torlinie des Gegners zu bugsieren. Hazard, Stindl, Johnson ließen heute die besten Chancen aus, und man kann sich nicht erklären, wieso. Vor einigen Wochen waren es doch genau diese Spieler, die genauso eiskalt vollstrecken konnten wie sie jetzt vor dem Tor die jeweils falsche Entscheidung treffen.

Was bleibt uns übrig? Nichts, außer weiter auf den platzenden Knoten zu warten - auf einen Frustlöser wie im vergangenen Jahr der Sieg gegen Augsburg nach Favres Rücktritt. Ob das in Dortmund der Fall sein kann, daran wagt man nicht zu denken. Aber man weiß ja nie. Fürs erste bin ich allerdings ernüchtert, auch wenn ich weiterhin nicht den Trainer und nur in Maßen die Mannschaft verantwortlich mache. Zumindest scheint der Schulterschluss mit dem Publikum heute gelungen, schöne Choreo, gute Unterstützung und eine gute Leistung des VfL, die sich nur leider nicht in den Punkten widerspiegelt.

Bundesliga 2016/17, 12. Spieltag (26.11.16): Borussia Mönchengladbach - TSG Hoffenheim 1:1 (Tor für Borussia: 1:0 Dahoud)

Donnerstag, 24. November 2016

Mission erfüllt

Borussia steht im Sechzehntelfinale der Europa League. Dahinter gehört ein dickes Ausrufezeichen. Denn auch wenn das in dem ganzen Gemaule über die verkorksten letzten Wochen etwas unterzugehen drohte: Das Überwintern im europäischen Geschäft war das Königsziel, spätestens nach der Auslosung der Gruppen. Das ist erreicht, Borussia tanzt also auch nächstes Jahr noch auf drei Hochzeiten.
Hätte, wenn und Aber: Klar, mit etwas mehr Glück oder Kaltschnäuzigkeit hätte der VfL sogar Platz zwei angreifen können. Die Reporter bemühten diese schon vor dem Spiel sehr unwahrscheinliche Option ja zur Genüge. Genommen hätten wir es natürlich, doch verdient wäre es unter dem Strich nicht gewesen.
Das Hinspiel in Manchester war eine heftige Klatsche, das 2:0 in Glasgow eine hervorragende Visitenkarte für die Königsklasse. Gegen Barcelona und im Heimspiel gegen Celtic fehlte das berühmte Quäntchen Glück und/oder Geschick, um mehr Punkte zu sammeln. Und das Spiel gestern war ein ganz spezielles, eine Partie, die unter sehr schwierigen Vorzeichen geführt wurde und am Ende völlig gerecht unentschieden endete. Diesmal erkämpften sich die Borussen den Punkt, den sie schon in der vergangenen Saison an gleicher Stelle gegen den gleichen Gegner unglücklich verpasst, aber verdient gehabt hatten - und der letztlich auch damals schon zum Euro-League-Platz gereicht hätte. Insofern schloss sich gestern Abend ein Kreis - mit einem Spiel und einem Ergebnis, das allen Gladbachern Mut machen sollte, auch wenn selbstverständlich nicht alles Gold war, was glänzte.
  
Denn lange sah es so aus, als ob auch dieses Spiel maßgeblich von Dingen beeinflusst werden würde, die nicht allein in der Macht der Spieler lagen. Da fehlte der quirlige Thorgan Hazard ganz auf dem Spielberichtsbogen, der gerade genesene Ibo Traoré humpelte früh vom Platz, sodass Gladbachs Flügelspiel schon in der guten ersten Hälfte merklich erlahmte. Den Rest zum Widrigkeiten-Cocktail steuerte der sehr unstet pfeifende Schiedsrichter bei, der beim Heimteam zwar die Verwarnungen korrekt zückte, dies bei Manchester allerdings viel zu lange unterließ. Der später vom Platz gestellte Fernandinho hätte schon den Pausenpfiff nicht mehr auf dem Rasen erleben dürfen, die zweite Gelbe war dagegen schon eher als eine Art Konzessionsentscheidung nach der sehr harten zweiten Karte gegen Stindl zu werten. Mo Dahoud und selbst Raffael standen irgendwann auch in der Gefahr, vom Platz zu fliegen, was den Trainer anderer taktischer Auswechslungsoptionen beraubte.
Doch dann war es plötzlich, als hätte zum ersten Mal in dieser Saison der Fußballgott ein Einsehen - als hätte er es über, immer und immer wieder mit dem VfL Schabernack zu treiben. Allen Widrigkeiten zum Trotz hielten Elvedi und Co den Punkt fest und hatten diesmal keinen weiteren bitteren Nackenschlag gegen ein Weltklasseteam zu erleiden - mit dem man sich einmal mehr um den Lohn der Mühen gebracht hätte.

Wird diese nicht spektakuläre, aber hoch einzuschätzende Leistung der gesamten Mannschaft von den Fans gebührend gewürdigt? Es ist zu hoffen. Doch das Verhalten von Teilen der Stadionbesucher lässt Zweifel aufkommen. Die Nordkurve kämpfte um Leben in der Bude, die Süd machte ein bisschen mit, der Rest saß über weite Teile des Spiels eher teilnahmslos dabei. Wieder machten sich hunderte nach der 80. Minute beim Stand von 1:1 vom Acker. Mit dem Aufstehen, zugleich eine Ehrenbezeugung und ein letztes aufpeitschendes Element für die kämpfenden Jungs auf dem Rasen, ließ sich das Stadion Zeit bis drei Minuten vor Schluss, während unten die Schubert-Schützlinge eine ganze Halbzeit lang verzweifelt auf die Zähne bissen und das Remis mit selbigen und Klauen verteidigten.

Da fragt man sich schon: Was erwarten diese Leute eigentlich? In welcher Realtität befinden sie sich? Wofür wird denn das Glasgower Publikum so bewundert und gefeiert? Für den nicht nachlassenden Support auch in ausweglosen Situationen. Die Mannschaft und das letzte Heimspiel in der Königsklasse (vielleicht für längere Zeit) hätten gestern ein enthusiastischeres Publikum wirklich verdient gehabt. Eins, das den Gegner mit schierer Lautstärke beeindrucken und vielleicht auch einschüchtern kann. Phasenweise geht das im Borussia Park, vor allem in den ersten zehn Minuten des Spiels. Dann aber wird es oft wieder erstaunlich still. Und wenn die Mannschaft mal dringend Unterstützung braucht, reagiert das Stadion gern mal phlegmatisch. Nein, Borussia Park, das war nicht Champions-League reif. Und das können wir viel besser.

Zu notieren war in diesem Spiel aber auch, dass die Mannschaft allen Unkenrufen zum Trotz funktioniert, dass kritisierte Spieler (Dahoud, Wendt, auch Jantschke) langsam wieder auf Touren kommen und Yann Sommer ganz stark auf die unglücklichen Gegentore vom Wochenende reagiert hat. Es zeigt sich, dass André Schubert nicht nur einen Plan hat, sondern die Mannschaft ihn auch flexibel umsetzen kann. Die Defensive stand bis auf wenige Ausnahmen gegen diese Weltauswahl äußerst nervenstark und sicher, und nach vorne ging in der ersten Hälfte erstaunlich viel, auch wenn die letzte Präzision auch diesmal zu oft fehlte.

Darauf lässt sich aufbauen, das zählt. Und mit einem Sieg gegen Hoppenheim am Samstag lässt sich hoffentlich auch eine Krisendiskussion wieder abschütteln, die der Borussia einfach unwürdig ist.

Champions League, Gruppenphase, 5. Spieltag (23.11.16): Borussia Mönchengladbach - Manchester City 1:1 (Tor für Borussia: 1:0 Raffael)