Samstag, 16. Dezember 2017

Mit starkem Oxford-Akzent

Geschafft! Die Hinrunden-Achterbahn ist überstanden - und das mit einem sehr anständigen Ergebnis. 28 Punkte, in Reichweite der Champions-League-Plätze und das mit einer Gegentorquote, die eher der eines Abstiegskandidaten entspricht. 
Aber es war ja fast klar, dass auch das letzte Spiel der Hinrunde das Auf und Ab des Saisonverlaufs nachspielen würde. Unter dem Strich stand dementsprechend ein verdienter Sieg, der die durchaus vorhandenen Schwächen ganz gut übertünchte -und der leicht auch zur Niederlage hätte werden können.

Zuerst das, was mich gestört hat:

Dass nach der frühen Führung trotz bester Torchancen wieder nicht nachgelegt wurde.
Das ist mittlerweile nur noch schwer zu ertragen.

Dass die passive Phase nach der Pause den absehbaren Ausgleich mit sich brachte (natürlich durch Ex-Gladbacher André Hahn) und damit das Spiel zu kippen drohte.

Dass es im Stadion zeitweise so unruhig wurde.
Ich kann die Verzweiflung verstehen, die man auf den Rängen und vor dem Fernseher spürt, wenn man genau sieht, wo ein vielversprechender schneller Ball in die Offensive gespielt werden könnte, stattdessen aber die sichere Variante nach hinten gewählt wird. Und das über mehrere Minuen immer wieder. Aber ehrlich: Die Mannschaft, die heute auf dem Platz stand, hatte keine Kritik verdient. Sie hat aus der Gesamtsituation (Verletzungen, Verunsicherung über die eigenen wechselhaften Auftritte, das erste Mal in dieser Formation auf dem Platz) das Beste gemacht.
Dass der VfL uns verzaubern kann, hat man auch heute wieder in vielen Szenen gesehen. Aber man darf sich davon nicht blenden lassen. Die Mannschaft, und vor allem die Spieler, die durch die Verletzungsmisere in die erste Elf gerutscht sind, ist noch auf der Suche nach der Balance und der Konstanz in ihren Leistungen. 
Manchmal sollte man da auch als Fan einen Schritt zurücktreten und mit etwas Abstand und einer Prise Großzügigkeit betrachten, was die Jungs unter diesen Voraussetzungen leisten. Das soll nicht heißen, dass ich es nicht kritisch sehe, wie schlecht manche Situationen gelöst werden oder wie schwach viele lange Bälle von Yann Sommer im Moment sind. Denn wenn ich viel hintenrum spiele und dann öfter einen langen Ball einstreue, dann sollte auch ab und zu mal einer beim Mitspieler ankommen.

Dass sich die Mannschaft immer wieder ohne Not in die Enge treiben lässt. Das hängt sicher mit dem vorherigen Punkt zusammen, aber es ist hochgefährlich. Wenn vorne die Tore nicht fallen und hinten leichtfertig zugelassen wird, dass sich ein Gegner an den tiefstehenden Borussen langsam aufbaut und dann - viel zu einfach - zu Toren kommt. Das muss abgestellt werden, will der VfL auch am Ende der Saison noch in diesen Tabellenregionen stehen, wo er jetzt ist. 

Dass sich drei Tage nach Freiburg offensichtlich die Video-Schirivorgaben schon wieder verändert haben. 
Denn sonst hätte es noch vor dem 1:0 einen verspäteten Elfmeterpfiff geben müssen. Nach Oxfords Lattentreffer war Vestergaard klar am Ball, bevor er von drei Hamburgern regelwidrig abgeräumt wurde. Die fällige Intervention aus Köln blieb allerdings aus.

Dass einseitige Schiedsrichterleistungen zur Serie werden. Schiedsrichter Markus Schmidt veränderte zum Glück nicht den Spielausgang mit seinen mitunter nicht mehr nachvollziehbaren Foulpfiffen gegen Borussia. Zweifel an der Wahrnehmung eines Schiris kann man schon bekommen, wenn dieser ein völlig reguläres Tackling wie das von Cuisance in der ersten Halbzeit als Foul bewertet, wo der junge Franzose den Ball doch - ohne Körperkontakt - einen halben Meter vor dem Gegner wegspitzelt. Auffälliger aber war sein Umgehen mit verwarnungswürdigen Fouls beim Gegner. Viermal hätte er gegen Hamburger deswegen Gelb ziehen müssen. Er tat es nicht. Die drei Verwarnungen, die er stattdessen gab, waren dafür umso kurioser: Für das Spielen des Balles mit einer Trinkflasche in der Hand (korrekt), für den Torwart einem kleinen Gerangel nach dem 3:1, bei dem auch Hazard provoziert hatte (übertrieben) und für ein Foulspiel, das er nicht gepfiffen hatte (unverständlich). Es war die Szene, wo Ekdal Oxford wohl unabsichtlich, aber heftig auf das Sprunggelenk trat, Schmidt nicht unterbrach und erst nach der Behandlungspause plötzlich die Karte zog (Hinweis aus Köln? Wäre auch wieder nicht angemessen). Das Spiel aber ging mit einem Einwurf für den HSV weiter, Schmidt hatte also das Foul auch nicht nachträglich mit einem Freistoß für Gladbach geahndet. Sehr seltsam. 

Doch kommen wir zum Positiven.

Ich bin sehr stolz darauf, wie sich die Mannschaft nur drei Tage nach der Pleite in Freiburg heute präsentiert und wie sie sich auch aus der schwierigen Wackelphase nach der Halbzeit wieder befreit hat. Wie einfach sie es den nachrückenden jungen Spielern macht, sich nahtlos in das Team einzufügen. Das galt am Anfang der Saison für Zakaria und Cuisance, heute genauso für Reece Oxford, der auf einer überraschenden Position als Sechser neben dem kaum erfahreneren Mickael Cuisance ein ganz hervorragendes Spiel ablieferte - auch weil ihm die anderen mit viel Einsatz super halfen. Oxford eroberte Bälle, spielte kraftvolle, sichere und intelligente Pässe, stand stabil in Kopfballduellen und hätte um ein Haar sogar sein erstes Bundesligator erzielt. Er fühlte sich in der zentralen Rolle sichtlich wohler als auf der rechten Seite, die er in Freiburg übernehmen musste. Doch auch da machte er es schon sehr passabel. Was für gute Anlagen der Junge hat, war aber erst gegen den HSV richtig zu sehen. Und so spielte Gladbach heute - das Wortspiel können wir uns ruhig mal erlauben - nicht perfekt, aber mit starkem Oxford-Akzent.

Mich freut, dass sich Raffael und Thorgan Hazard von den zuletzt bescheideneren Auftritten gut erholt zeigten, auch wenn man konstatieren muss, dass sie die einfachen Gelegenheiten viel zu oft verschenken und wie heute die komplizierten Bälle reinschießen - das aber dann mit Klasse. Längst nicht so auffällig, aber mindestens genauso wichtig, war daneben heute wieder einmal Lars Stindl, der als giftiger Forechecker, Balleroberer, Verbindungsspieler und Passgeber das Gladbacher Spiel zwischen den Strafräumen prägt.
Auch Patrick Herrmanns Rückkehr brachte Belebung, ebenso wie Elvedi über rechts, der hoffentlich (nach seinem Pferdekuss heute) bis zum Leverkusenspiel wieder fit wird. Cuisance gefiel mit seinem frechen Spiel, das mitunter noch einige Spuren zu risikofreudig ist. Und er hat einfach eine fantastische Ballbehandlung, wie man nicht nur bei seinem Pfostenschuss sah. Die Abwehr stand bis auf wenige Minuten deutlich sicherer als gegen Freiburg, Wendt steigert sich von Spiel zu Spiel und auch Ginter und Vestergaard gewinnen zunehmend an Profil und räumen konsequent hinten auf.

Es sind also alle Voraussetzungen da, um die Saison erfolgreich zu gestalten: Ein ausgewogener Kader, der selbst diese unglaubliche Verletzungsseuche anständig auffängt und der Ergebnisse abliefert. Klar, mit mehr Cleverness wäre auch noch mehr drin gewesen in dieser Halbserie. Aber das wäre dann in der Tat auch etwas vermessen, denn viele Spiele, die Borussia siegreich gestalten konnte, waren eben auch nur phasenweise gut. Dieter Hecking hat sicher recht damit, dass er vor überzogenen Erwartungen warnt. Der Zeitpunkt nach der Freiburg-Enttäuschung war allerdings wohl nicht der richtige, um dies anzusprechen. Doch davon sollten wir uns nicht auseinanderdividieren lassen.

Es gilt jetzt noch einmal für alle auf die Zähne zu beißen und sich trotz der angespannten personellen Lage den Weg ins Viertelfinale des DFB-Pokals freizuschießen. Dazu braucht es wieder einmal die unbeugsame positive Energie von allen im Stadion. Ich kann leider nicht da sein, aber ich wünsche mir, dass der Borussia Park von der ersten bis zur letzten Minute ohne Murren und Zweifeln hinter der Fohlenelf steht, vor allem hinter solch feinen Jungs wie Oxford, Cuisance oder Zakaria. Also, Borussen: Noch einmal alles geben bis zum Schlusspfiff! Erst danach dürfen wir uns ein paar Tage erholen, von einer grandios stressigen ersten Saisonhälfte. Nur der VfL!   

Bundesliga, Saison 2017/18, 17. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - Hamburger SV 3:1 (Tore für Borussia: 1:0 Hazard, 2:1 Raffael, 3:1 Raffael)

Dienstag, 12. Dezember 2017

Schwarzwälder Fohlenlähmung

Wer mich und mein Blog etwas kennt, weiß, dass ich nicht vorschnell auf die Mannschaft einschlage. Aber das, was ich mir heute Abend anschauen musste, war sicherlich die schlechteste Leistung einer Borussen-Elf seit der letzten Abstiegssaison. Das war vor mehr als 10 Jahren. 
Von Position eins bis elf gab es heute nur Totalausfälle. Von einem Yann Sommer, der zwar einige Male noch Schlimmeres verhinderte, aber gefühlt keinen langen Ball zum eigenen Mann brachte bis zu einem Thorgan Hazard, der uninspiriert und arrogant über den Platz stolzierte, wie ich es von ihm noch nie gesehen habe. Es schien so, als ob die Mannschaft vor dem Anpfiff noch gemeinsam einen Eimer Baldrian geschlürft hatte. Fünf bissige Minuten mit gutem Forechecking zu Beginn, danach nichts mehr, was in irgendeiner Weise an eine Bundesligamannschaft erinnerte, die zu diesem Zeitpunkt auf einem Champions-League-Qualiplatz stand. Drei offensive Einwechslungen, die verpufften. Eine Halbzeitpause, die keine erfrischende Wirkung zeigte - im Gegenteil. Direkt nach Wiederanpfiff hätten die Breisgauer unser Team richtig abschießen können. Das ist schlicht unbegreiflich.

Natürlich, es war wieder Freiburg mit dieser traditionell fohlenlähmenden Schwarzwaldluft, die seit inzwischen fast 30 Jahren für fortlaufend unerfreuliche Ausflüge unseres treuen Anhangs sorgt. Aber das heute war noch mehr (oder weniger) als die Fortsetzung einer holprigen Vorstellung bei einem Angstgegner. Das heute war ein Offenbarungseid. 
Es hatte auch nichts damit zu tun, dass die Mannschaft sich verletzungsbedingt von selbst aufstellte oder dass der sichtlich noch nicht für die Startelf bereite Josip Drmic für Raffael begann. Es war eine kollektive Auszeit, ein Lehrbuch-Beispiel für Zweikampfschwäche und dem Gegner hilflos hinterherlaufen.

Nicht mal über das Tor des Tages lohnt es sich groß zu reden. Es ist zwar nach wie vor albern, dass es für so einen zufälligen Kontakt die gleiche Strafe gibt wie für eine Blutgrätsche im Strafraum, aber die Regel ist eben so. Dass es mehr als eine Minute braucht, bis der Elfmeterpfiff nachgeholt wird, gehört zu dem Irrsinn, der sich mittlerweile rund um den Videobeweis entwickelt hat. Zum Drehbuch hätte heute aber eher gepasst, dass Gladbach ein Tor schießt, das nicht zählt, weil es auf der anderen Seite Elfmeter geben muss. Den Shitstorm hätte ich dem DFB mal gegönnt. Aber nicht einmal diese Gefahr bestand heute.

Der VfL ließ heute nicht einmal in der Schlussphase erkennen, dass ihm bewusst war, dass man Tore schießen muss, um ein Spiel zu gewinnen. Wie anders ist es zu erklären, dass man sich trotz des frühen Rückstands bis zur 85. Minute stoisch die Bälle in der eigenen Hälfte hin und herschob und jeglichen Esprit nach vorne hin vermissen ließ? Leute - der Gegner hieß nicht Dortmund, Bayern oder Barcelona - das war der SC Freiburg, der auch heute defensiv keineswegs sattelfest war. Dem es aber ausreichte, die Gladbacher Defensive halbwegs clever anzulaufen, damit diese jeglichen Spielfluss nach vorne verstolperte und den Ball lieber zum Torwart zurückpasste, der ihn dann mit Vorliebe ins Seitenaus prügelte. Ok, ich übertreibe. Aber ich bin auch wirklich sauer über das, was sich die Hecking-Truppe da heute geleistet hat.

Zum Gesamteindruck passt, dass sich Denis Zakaria nun auch noch die 5. Gelbe Karte abholte, die natürlich nicht zwingend verhänt werden musste - was sich aber dadurch ausglich, dass Schiri Aytekin sowohl ein übles Frustfoul von Chris Kramer (der vor der Auswechslung erneut angeknockt wirkte) ungeahndet ließ wie Zakarias Rempler in der Schlussphase, der genausogut Gelb-Rot hätte bedeuten können.

In drei Tagen steht voraussichtlich eine noch gerupftere Borussen-Elf schon wieder gegen den HSV auf dem Platz und in der Pflicht, sich zu rehabilitieren. Da kann es einem schon ein bisschen mulmig werden. Denn aus der prima Ausgangslage nach dem Bayern-Sieg kann innerhalb von zwei Wochen auch leicht ordentlich Zunder unterm Weihnachtsbaum werden, wenn Stindl und Co. den Hamburgern nicht viel entschlossener die Stirn bieten und sich am Ende vielleicht auch noch im Pokal verabschieden müssen. Ich hoffe, ich sehe das zu schwarz. Aber sicher bin ich nicht. Dafür war die Leistung heute zu erschreckend.



Bundesliga, Saison 2017/18, 16. Spieltag: SC Freiburg - Borussia Mönchengladbach 1:0