Donnerstag, 29. September 2016

Magische Nacht mit Macken

Es war der Höhepunkt der sagenhaften Entwicklung von Borussia Mönchengladbach in den vergangenen Jahren: Der FC Barcelona kommt in einem Spiel der Champions League  - in den Borussia Park! Man muss sich immer noch kneifen, um zu überprüfen, um das nur ein schöner Traum ist.

Und nun? Das vielleicht größten Spiel für Borussia-Fans in den vergangenen 30 Jahren (seit dem 5:1/0:4 gegen Real Madrid) lässt einen mit zwiespältigen Eindrücken und Gefühlen zurück. Nur 1:2 verloren, gegen einen von der Papierform schier übermächtigen, in aller Ehrfurcht erwarteten Weltklassegegner. Das klingt gut, wenn man weiß, dass Celtic von diesem Ensemble zuletzt 7 Tore eingeschenkt bekam.

Doch nach dem Spiel relativiert sich einiges. Der Ruf, der dem FC Barcelona voraneilt, ist stärker als die Mannschaft, die da auf dem Platz stand (und die Leo Messi gestern in keiner Weise ersetzen konnte. Die Strahlkraft "Barcas" hat für mich nach dem Spiel abgenommen, denn Borussia war mit akribischer Arbeit in der Lage, Weltstars wie Neymar und Luis Suarez, einen Ivan Rakitic oder Andrés Iniesta über die komplette Spielzeit oder weite Teile der Partie aus dem Spiel zu nehmen.

In der ersten Halbzeit war, trotz zwei guter Chancen der Gäste, nur der VfL Herr im Haus und die Mannschaft um Heimkehrer Marc-André ter Stegen nicht ansatzweise in der Lage, auf Borussias aufwendige Balleroberungs- und Kontertaktik angemessen zu reagieren. Im Gegenteil, kurz vor der Halbzeit wirkte der Favorit angeknockt, ein zweites Gladbacher Tor hätte sie ernsthaft ins Wanken gebracht. Dass sich Neymar dazu hergab, durch seine weinerliche Theatralik bei verlorenen Zweikämpfen den Buhmann zu geben und die Gladbachfans so richtig in Fahrt zu bringen, passte ins Bild.

Letztlich überwog bei mir nach dem Spiel deshalb die Enttäuschung. Dass es - wie gegen Kiew, Juve, Manchester - wieder nicht gelungen war, eine Führung durchzubringen, einen Favoriten zu stürzen und eben nicht nur nah dran zu sein. Natürlich, auf jede dieser Niederlagen kann man auch stolz sein, weil die Spieler jedes Mal über ihren Möglichkeiten spielten und man Spiele nicht nur am nackten Ergebnis messen darf. Aber gestern ging es mir so, dass ich mir gewünscht hätte, dass es dann bitte doch auch einmal anders laufen könnte als in den Borussia-Genen offenbar festgelegt - die den VfL am Ende stets als tapferer, vielgelobter Verlierer dastehen lassen.


Ein Spielstand zum Abpfeifen


Weil das Spiel so lief, hält man sich jetzt auch nicht mehr damit auf, dem nicht gegebenen Handelfmeter zu Spielbeginn nachzutrauern. Oder sich groß über die merkwürdige Zweikampfbewertung von Schiedsrichter Skomina zu wundern. Gladbach hatte Barca im Griff, hatte Barca in der ersten Hälfte entzaubert, entnervt, aus dem Konzept gebracht. Es war eine perfekte Hälfte, noch stärker als im vergangenen Jahr gegen Man City oder Juve. Doch es war wie so oft: Das zweite Tor kam nicht und so konnte sich Barca in der Halbzeit neu sortieren und wieder sammeln, ohne nach vorn zu großes Risiko gehen zu müssen, was der Gladbacher Kontertaktik entgegengekommen wäre.

Dass es in der zweiten Hälfte nicht so weitergehen würde, war ohnehin sehr wahrscheinlich. Doch dann geschahen zwei Dinge, die spielentscheidend wurden. Raffael musste verletzt raus und Borussia ließ nach dem Wiederanpfiff den Gästen etwas mehr Leine, ließ sie den Ball in den eigenen Reihen, wenn auch weit weg vom Tor von Yann Sommer zirkulieren und so wieder an Sicherheit gewinnen.

Und mit dem einlullenden Ballgeschiebe, das zunächst keinerlei Torgefahr nach sich zog, weil die VfL-Defensive sofort bissig zur Stelle war, wenn Neymar oder Suarez in Position gebracht werden sollten, veränderte sich auch die Stimmung im Borussia Park. Die Nordkurve peitschte nicht mehr mit gleicher Intensität und Lautstärke nach vorn wie in der ersten Hälfte, als sie spielend das ganze Stadion mitreißen und hinter sich bringen konnte. Stattdessen beschäftigte sie sich, so wirkte es von der Süd aus, für ein paar Minuten mehr mit sich selbst als mit dem Spiel. Leisere Gesänge, die von der anderen Stadionseite nicht gut auszumachen und entsprechend nicht aufzugreifen waren, prägten den Beginn der zweiten Halbzeit. Es war greifbar, dass sich Borussia zu tief zurückzog und Barca langsam auf Betriebstemperatur kam.
Und ausgerechnet in diesem Spiel, gerade als - nicht mehr ganz aus dem Nichts - der Ausgleich fiel und dann noch das unglückliche 1:2, fand das Stadion irgendwie nicht mehr in den Hexenkessel-Modus der ersten Hälfte zurück. Das heißt nicht, dass die Stimmung schlecht gewesen wäre. Sie hätte aber vielleicht noch ein paar Prozent Power auf dem Spielfeld freisetzen können, wenn sie konstant geblieben wäre. So fegte immer mal wieder ein kurzer, aber mächtiger Anfeuerungshall über den Rasen hinweg, aber so wie den Borussen auf dem Spielfeld langsam die Spielkontrolle entglitt, so fehlte es auch den Fans mit zunehmender Spielzeit und dem Spielstand der letzte Glaube daran, dass man das Spiel nochmal hätte drehen können. In den letzten zehn Minuten wirkte es ein wenig, als wären Team wie Fans nicht mehr ganz überzeugt, dass der Ausgleich noch gelingen kann.

Die magische Nacht gegen den FC Barcelona hatte also ihre Macken. Aber das gehört dazu. Und natürlich sollte man - Enttäuschung hin oder her - auch dieses Spiel als guten Entwicklungsschritt werten. Die taktische Variabilität, die Schubert im Spiel haben möchte, wurde gestern schon hervorragend demonstriert. Wie situationsbedingt aus der Vierer- eine Dreierkette mit einem etwas höher stehenden Oscar Wendt wird, wie in der Offensive die Positionen gewechselt werden, wie man zwischen Pressing und etwas zurückgezogener Abwehr variiert, das alles war gegen Barcelona gut zu sehen. Die Mannschaft entwickelt sich und dabei ist es egal, wer gerade auf dem Platz steht.
Aus einer hervorragend eingestellten Mannschaft einzelne Spieler hervorzuheben, ist eigentlich ungerecht. Doch das Pensum, das Christoph Kramer im Mittelfeld abriss, die Zweikämpfe, die er gewann, das war ebenso bemerkenswert wie Raffaels unermüdlicher Einsatz inklusive Grätscheinlagen, das Rackern von Kapitän Lars Stindl und der Angriffselan des wie aufgedreht spielenden Thorgan Hazard. Julian Korb brachte Neymar mit unfassbar kaltem Zweikkampfverhalten an den Rand des Nervenzusammenbruchs, Andreas Christensen verteidigte leichtfüßig und elegant, Nico Elvedi gegen spielerisch weit veranlagtere Gegner erfolgreich mit unbändigem Willen und toller Einstellung. Umso ärgerlicher, dass er Turans Schuss zum 1:1 nicht verhindern konnte. Mo Dahoud dürfte mit seiner Vorlage zum 1:0, der robusten Zweikampfführung und seinen eleganten Richtungswechseln im Spielaufbau die Notizbücher der Scouts weiter befüllt haben. Doch noch befindet er sich nicht in der Topform der Vorsaison. Aber darauf lässt sich aufbauen, nicht nur für den jungen Mittelfeldregisseur.

Champions League, Gruppenphase, 2. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - FC Barcelona 1:2 (Tor für Borussia: 1:0 Hazard)

Sonntag, 25. September 2016

Keine Angst vor blauen Flecken

"Wir haben verstanden" - dieser Werbeslogan passt derzeit auf den VfL wie die Faust aufs Auge. Schwierigkeiten hat die Schubert-Elf natürlich noch immer mit Gegnern, die schon in Borussias Hälfte den Spielaufbau konsequent zerstören wollen. Doch der Lernprozess ist sichtbar - auch dieses System ist zu entschlüsseln - und er ist inzwischen auch an der Punkteausbeute ablesbar. Vier Punkte gegen die kratzbürstigen Leipziger und Ingolstädter und der Sieg gegen die Leverkusener Pressingmaschine, die man ebenfalls in dieser Hinsicht zu den unangenehmen Gegnern zählen muss: Das ist eine gute Ausbeute. Dagegen steht nur das 1:3 in Freiburg, das sich - durch die gute Bilanz seitdem - aber leichteren Herzens unter "Lehrgeld" abhaken lässt.

Nun muss man sich deswegen aber nicht gleich einbilden, dass man einen Gegner wie Ingolstadt mal eben mit 5:0 nach Hause schickt - und deshalb war das vernehmbare Gemurre auf den Rängen in der ersten Halbzeit auch ziemlich daneben. Noch immer steckt viel Arbeit, Willen und Zweikampfhärte dazu, solche Spiele erfolgreich zu gestalten. Und da zählt ein erspielt und erkämpftes 2:0 vielleicht sogar mehr als ein zu leichtgemachtes 4:1. Zum Ende des Spiels in Leipzig und gestern war erstmals zu sehen, dass die Borussen diese Art "Blaue-Flecken-Fußball" anzunehmen bereit sind, nicht mehr zurückzucken und auch nicht der Tatsache nachtrauern wollen, dass sie an solchen Tagen weniger Zauberfußball bieten können als sie gern wollen.
Vorneweg geht da sichtbar der kantige André Hahn, der diese Art Fußball perfekt verkörpern kann, aber auch Kapitän Lars Stindl. Man sieht es im Spiel oft gar nicht so, aber was er in den Zweikämpfen abbekommt und doch unbeirrt immer wieder genau die Bewegungen macht, bei denen ihm die Abwehrspieler weh tun können - das ist wirklich bemerkenswert. Denn immer wieder sind es auch diese Bewegungen, die Gladbacher Chancen und Tore einleiten.

Dass dem VfL gestern das erste Tor und der erste Sieg gegen die Audistädter gelang, lag allerdings auch an Mo Dahoud, der seine aufsteigende Form in diesem Spiel eindrucksvoll bestätigte. Mit seinen schnellen Richtungswechseln und mit den wieder präziser werdenden Pässen machte er an diesem Tag zusammen mit dem ebenfalls sehr konzentriert auftrumpfenden Christoph Kramer den Unterschied in diesem Spiel. Denn das zentrale Mittelfeld, in den Spielen zuvor oft noch Ausgangspunkt vieler gegnerischer Angriffe, dominierte gestern die Partie und sorgten für die entscheidenden Impulse in der Bewegung nach vorne. Wenn sie diese gute Abstimmung auch gegen spielerisch stärkere und schnellere Gegner hinbekommen, könnte die zu Anfang der Saison so schmerzlich vermisste Stabilität im zentralen Mittelfeld zurück und die Xhaka-Nordtveit-Lücke vorerst geschlossen sein. Davon, Barca stoppen zu können, will ich deshalb aber noch nicht gleich reden.

Bundesliga 2016/17, 5. Spieltag (24.9.16): Borussia Mönchengladbach - FC Ingolstadt 2:0 (Tore für Borussia: 1:0 Stindl, 2:0 Wendt)