Sonntag, 20. Dezember 2015

Sinnlos-sinnvolles Rot und ein Happyend

Es lag heute nicht viel zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt. Hätte Borussia das Spiel nicht umgebogen, wären die Negativtendenz zum Schluss der Vorrunde und die Gegentorflut beständige Begleiter in der Winterpause geworden. Mit dem 3:2-Sieg und dem moralischen Triumph in Unterzahl gegen einen zudem noch unfairen Gegner nimmt das Fußballjahr für Borussia aber letztlich doch noch die versöhnliche Wende, die sich die Mannschaft verdient hat.

29 Punkte, 4. Platz nach 17 Spielen: Das hätte nach dem Derby in Köln wohl kaum einer geglaubt und wohl auch nicht mehr zu hoffen gewagt. Doch es ist eine Tatsache, genauso wie der dritte Platz in der Vorsaison und Platz drei in der Tabelle, die die beiden Halbserien dieses Jahres zusammenzählt. Dort liegen nur Bayern und Dortmund vor dem VfL - das zeigt, dass 2015 ein außerordentlich gutes Jahr für den Verein war.
Die Mannschaft hat Lehrgeld gezahlt, hat sich unter widrigen Umständen in drei Wettbewerben behauptet, ist in den Pokalwettbewerben tragisch gescheitert und hat sich zurückgekämpft in die Spitzengruppe der Bundesliga und dort behauptet. So etwas geht nur, wenn es innerhalb der Mannschaft stimmt und jeder für jeden kämpft. Und dass das so ist, haben die Spieler heute einmal mehr gegen Darmstadt bewiesen. Dafür kann man als Fan nur ein inbrünstiges "Die Seele brennt" zurückgeben und ehrlichen Applaus spenden.
Ich freue mich darauf, die Jungs in der Rückrunde wieder erholt und frisch durchstarten zu sehen. Borussia 2015 - Ihr wart Spitze!

So, das waren die notwendigen Worte, um die heutige Leistung, aber auch die Niederlagen in der vorigen Woche, richtig in den Gesamtzusammenhang einzuordnen. Auch heute gab es viel zu kritisieren, aber auch vieles, was richtig gut war. Fangen wir mit dem irren Abnutzungskampf an, dem Borussia am Ende für sich entschieden hat. Diese Mannschaft brennt und sie ist auch durch Rückschläge nicht zu brechen - sie gibt nicht auf. Deshalb hat sich sich auch den aufmunternden Applaus vergangene Woche verdient.

Dass die Gäste mit ähnlich dreckigen Mitteln vorgehen würden wie vor ein paar Wochen Ingolstadt, war abzusehen. Bei jedem Zweikampf ging es in die Knochen. Wenn die Lilien gefoult wurden oder nur einen Kontakt spürten, wälzten sie sich theatralisch auf der Erde, forderten Karten. Ansonsten viel verbales Scharmützel mit einem Ziel: den Gegner zu provozieren. Der junge Schiedsrichter Brand hätte gegen eine solch eklige Spielweise von Beginn an vielleicht etwas besser durchgreifen können. Er tat es nicht, fuhr eine Linie, im Spiel viel laufen zu lassen und so nahm das Unheil seinen Lauf. Denn dafür war das Spiel zu giftig geführt. Dass Granit Xhaka wieder einmal die Nerven verlor und gegen Niemeyer herzhaft nachtrat, hatte einen ebenso berechtigten Platzverweis zur Folge wie es (sorry für die Häme) dem Gefoulten Recht geschah, der sich zuvor schon mit einigen fiesen Aktionen hervorgetan hatte.
Doch im Ergebnis war es eine erneute Disziplinlosigkeit von Xhaka, die vor allem die eigene Mannschaft traf. Und er selbst schafft es auf diese Weise ganz sicher nicht aus dem "besonderen Beobachtungsfokus" der Schiedsrichter heraus. Dieser Ruf wiederum führt auch immer wieder mal zu Strafen, die nicht gerechtfertigt sind. Bei dieser hier gab es nun wirklich aber keinen Ermessensspielraum und sie wird noch im Januar und Februar weh tun, wenn der Schweizer seine absehbare Sperre von mindestens drei Spielen abbrummen muss.
Doch nicht nur Granit Xhaka muss in dieser Hinsicht an sich arbeiten. Auch Lars Stindl stand am Ende nach einigen heftigen Aktionen kurz vor einem Platzverweis - zu viele Spieler ließen sich gegen die 98er und gegen Ingolstadt provozieren und aus dem Tritt bringen. Natürlich ist es schwer, immer ruhig zu bleiben. Aber auch das muss eine Spitzenmannschaft hinbekommen - sonst verliert in solchen Duellen zu oft der (gute) Fußball.

Für diesen Tag nehmen wir die Disziplin als verbesserungswürdig zur Kenntnis und freuen uns, dass Borussia im Anschluss in Unterzahl deutlich besser mit dem im Spielaufbau doch sehr limitierten Gegner zurechtkam als im Elf-gegen-Elf. Insofern hatte der Platzverweis heute eine vielleicht sogar positive Wirkung - es war demnach die sinnvollste sinnloseste Rote Karte in der jüngeren VfL-Geschichte. Denn während Borussia unbeirrt weiter kämpfte und spielte, bewiesen die Südhessen, dass sie in Überzahl kaum in der Lage sind, ein intelligentes Passspiel aufzuziehen oder den Gegner so unter Druck zu setzen, damit sie das Spiel frühzeitig entscheiden können.
Darmstadt lebt in der Offensive allein von Kontern, Standards oder Flankenbällen. Mit letzteren machte der VfL es ihnen heute allerdings bisweilen wieder zu einfach. Denn was die Anfälligkeit für Gegentore angeht, bleibt es dabei, dass Yann Sommer derzeit seinen Kasten nicht sauber halten kann. Heute waren es wieder zwei gruselig schlecht verteidigte Szenen, die zu den Toren von Heller und Wagner führten. Und wenn man beim entscheidenden Kopfball zu spät kommt, wie Nico Elvedi gegen Wagner vor dem 0:1 oder, wie Hazard vor dem 2:2, Heller unbedrängt flanken lässt, dann bekommen auch die guten Leistungen über die gesamte Spielzeit eine hässliche Schramme.
Aber auch hier darf man nicht vergessen, wie jung Elvedi, Christensen oder Dahoud sind und dass sie unter dem Strich richtig gute Leistungen bringen, für die sie in diesem  Jahr noch gar nicht vorgesehen waren,  zumindest, was die Häufigkeit der Einsätze betrifft.
Gut hat mir gefallen, dass André Schubert erneut taktisch das Spiel positiv beeinflusst hat. Durch den Wechsel Brouwers für Hazard und der Umstellung auf drei Innenverteidiger hatten Oscar Wendt und Julian Korb nach vorne noch mehr Freiraum. Und den nutzten sie. Imponierend fand ich zudem, wie vor allem Nordtveit, Wendt und Stindl, aber auch Raffael, nach Xhakas Ausscheiden die Mannschaft geführt und mit Kampfkraft und der richtigen Aggressivität den Ton vorgegeben haben. Dass Nordtveit sich dann mit einem so feinen Freistoßtor belohnt und der vergangene Woche noch so unglückliche "Oscar, Oscar Wendt" den befreienden Schlusspunkt setzt, freut mich besonders.
So bleibt als Fazit eine kämpferisch hervorragende, aber auch sonst insgesamt gute Partie des VfL, mit schnellen, guten Kombinationen, mit guten Chancen und letztlich auch genügend Toren für drei wichtige Punkte. Ein Happyend, über das man sich noch mal so richtig lautstark freuen konnte - eine Befreiung nach der deprimierenden Woche zuvor.

Nun ist es endlich auch mal Zeit, durchzuatmen, die irren Aufs und Abs der Vorrunde zu verdauen und im Januar frisch und fit wieder ans Werk zu gehen. Ich schließe mich dem an und wünsche allen Lesern meines Blogs - es sind inzwischen erfreulich viele (auch dafür heißen Dank!) - ein geruhsames Weihnachtsfest und alles Gute für 2016.

Aber eins kann ich als guten Vorsatz schon jetzt versprechen: Ich werde nie wieder schreiben, dass ich "so entspannt in eine Saison gehe wie noch nie", wie ich es im Sommer tat - nicht wissend, was da alles vor uns lag.

Bundesliga 2015/16, 17. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - SV Darmstadt 98 3:2 (20.12.15)
(Tore für Borussia: 1:1 Stindl, 2:1 Nordtveit, 3:2 Wendt)



Mittwoch, 16. Dezember 2015

Rien ne va plus

Mann, Mann, Mann! Das war die dämlichste Niederlage seit langer, langer Zeit. Verdient und unverdient zugleich, unglücklich und selbst verschuldet, aber vor allem eins: ärgerlich und unnötig. Borussia ist auf dem besten Weg, wie früher zum beliebten Aufbaugegner für alle Teams zu werden, die gerade mal ein Erfolgserlebnis brauchen. Erst die strauchelnden Leverkusener wieder in die Spur gebracht, jetzt die torkelnden Grün-Weißen vom Weserstrand, die nun wirklich kein Über-Gegner waren. Zum Heulen ist das.
13 Gegentore in drei Spielen, davon in der Entstehung, in den Fehlerketten eins schlimmer als das andere. So kann es definitiv defensiv nicht weitergehen. Und dafür kann man die enge Personallage und die Müdigkeit nur zum Teil als Erklärung gelten lassen. Auch das Pech, dass die Bälle nun mal gerade durch Yann Sommers Beine oder vom Pfosten zum Gegner springen, kann nur ein kleiner Teil der Wahrheit sein.

Dabei war vieles gar nicht so schlecht. Eine halbe Stunde lang war Borussia die Verunsicherung nach den beiden Klatschen der Vorwoche deutlich anzumerken und es war etwas glücklich, dass die Bremer daraus kein Kapital zu schlagen verstanden. Dann folgte ein gelungener Spielzug zum 1:1 und das Gefühl für das elegante und effiziente Spiel nach vorne war wieder da, wozu auch Thorgan Hazard seinen Teil beitrug. Gladbach schien wieder in der Spur zu sein, hätte vor der Pause oder kurz danach das 2:0 machen müssen, kassierte stattdessen aus dem Nichts, ausgehend von einer zu lässig-schlampig Verteidigungsaktion von Wendt und dem folgenden Ballverlust den Ausgleich. Und wie schon gegen Manchester und Bayer 04 schluckt das Team dann nicht nur ein Tor, sondern gleich mehrere in kurzen Abständen. Vom 1:0 bis zum 1:2 dauerte es sechs Minuten, nach dem umjubelten Ausgleich brauchte Bremen nur drei Minuten, um uneinholbar auf 2:4 davonzuziehen. Dass davor und danach noch genug Chancen vorhanden waren, gegen die aus unerfindlichen Gründen auch bei eigener Führung hinten weiter völlig offenen Gäste fünf bis sechs Tore zu schießen, macht das Ganze noch ärgerlicher. Bei allen Unzulänglichkeiten wäre ein Sieg bis zum Schluss drin gewesen. Stattdessen versaut sich die Mannschaft gerade einen Teil dessen, was sich sich in den vergangenen Wochen trotz aller Widrigkeiten so bravourös erkämpft hatte.

Allerdings muss man auch die Gesamtsituation berücksichtigen. Und die sagt aus, dass der VfL in dieser Hinrunde die meiste Zeit auf Martin Stranzl, Alvaro Dominguez und Tony Jantschke in der Innenverteidigung verzichten musste. Letzterer fällt offenbar nach der dritten Verletzung in dieser Saison jetzt für weitere Monate aus. Daneben fehlen in André Hahn und Patrick Herrmann weiterhin zwei äußerst torgefährliche Flügelstürmer und in Nico Schulz ein fähiger Backup für die überspielten Oscar Wendt und Fabian Johnson. Insofern hätte es alles auch noch schlimmer kommen können.
Und ich denke, wir sollten uns nicht von dem zwischenzeitlichen Siegeszug und dem vorübergehenden Sprung auf Platz drei oder vier blenden lassen. In dieser an Widrigkeiten so reichen Saison kann und muss unter Umständen eine knappe Qualifikation für die Euro League am Ende als Erfolg verbucht werden. So fair muss man auch gegenüber der Mannschaft sein, bei der man angesichts der aktuellen Lage konstatieren kann: Rien ne va plus - nichts geht mehr.
Wichtig für den Kopf und eine ruhige Arbeit in der Winterpause wäre wenigstens noch ein guter Abschluss der Hinrunde gegen Darmstadt - auch das ist alles andere als ein Selbstläufer. Dann aber hat André Schubert erstmals Zeit, ein paar Tage am Stück gezielt an den Schwächen der Mannschaft zu arbeiten und sie für die zweite Saisonhälfte stabiler aufzustellen. Das ist die erste große Bewährungsprobe, über die in seiner Interimszeit so häufig geunkt wurde. Ich habe keinen Zweifel das ihm das gelingt.


DFB-Pokal, Achtelfinale: Borussia Mönchengladbach - Werder Bremen 3:4 (15.12.2105)
(Tore für Borussia: 1:0 Stindl, 2:2 Hrgota, 3:4 Hrgota)

P.S. Als bekennender Branimir-Hrgota-Fan hatte der Abend für mich ja wenigstens noch eine Spur Positives. Ich habe es dem Jungen gegönnt, dass er bei seinem ersten längeren Einsatz gleich wieder zweimal im Stile eines ausgebufften Torjägers zugeschlagen hat. Ich befürchte dennoch, dass das möglicherweise seine letzten Tore für uns gewesen sein könnten. Zu selten hat er die Chance bekommen, sein großes Können zu zeigen. Im Sommer läuft sein Vertrag aus, den Rest kann man sich wohl denken. Wünschen würde ich mir natürlich, dass er bleibt.

Sonntag, 13. Dezember 2015

Das süße Gift des Bayern-Sieges

Endlich hat Gladbach mal wieder verloren. Endlich hat das Geschwätz der Boulevard-Sportreporter vom Zauberer "Schubidu" und seinem grünen Glückspulli ein Ende. Endlich sind die Bayern-Bezwinger wieder auf Normalmaß zurückgestutzt. Ganz ehrlich: Ich habe durchaus damit gerechnet, dass Borussias Unbesiegt-Serie noch vor der Winterpause reißen würde. Dass das in Leverkusen passieren würde, war auch eine nicht ganz weltfremde Annahme. Aber so? Das war in unangenehmer Hinsicht ein denkwürdiger Abend. Eine Klatsche, wie wir sie nicht mehr gewohnt sind. Verdient schon, aber mit 0:5 am Ende doch zu hoch. Aber so läuft es eben, wenn ab einem bestimmten Zeitpunkt mal gar nichts mehr zu klappen scheint. Das kann auch heilsam sein. Wenn man die richtigen Schlüsse daraus zieht.

Damit man mich nicht falsch versteht: Natürlich wollte ich nicht, dass der VfL verliert. Schon gar nicht gegen einen direkten Konkurrenten um einen möglichen Europacup-Platz. Und obendrauf nicht, wenn man die Chance hatte, sich mit einem Sieg von anderen Konkurrenten ein wenig abzusetzen. Wenn man es genau betrachtet, war Borussia in der ersten Hälfte auch gar nicht so schlecht. Yann Sommers Vorderleute hatten zur Halbzeit deutlich weniger Chancen des Gegners zugelassen als gegen die Bayern in der Woche zuvor und das Team lag trotz des 0:1 in Schlagdistanz zum Gegner. Zu Beginn der zweiten Hälfte schien es, als könnte das Spiel kippen, Borussia war kurzzeitig deutlich besser im Spiel, kam auch zu guten Möglichkeiten.
Doch dann passierte fast das Gleiche wie am Dienstag gegen Manchester und das, was den Bayern eine Woche zuvor im Borussia Park widerfahren war: Die Mannschaft wurde mit dem Treffer zum 0:2 angezählt, brach nach dem dritten Gegentor auseinander und war dann nur noch ein wehrloses Opfer für den Gegner. In Manchester kam der Ausgleichstreffer erst sehr spät, diesmal das 0:2 ausreichend früh, um noch reagieren zu können.
Doch ein weiterer Kraftakt wie gegen Hoffenheim gelang nicht, ein Pfostenschuss beim Stand von 0:1 war das einzige, was in der zweiten Halbzeit offensiv notierenswert war. Dafür waren die Schwächen in der Defensive umso frappierender. Dass Borussia zu viele Chancen des Gegners zulässt, ist nicht erst seit dieser Woche so. Bislang konnte das durch Yann Sommers glänzende Form und eine gehörige Portion Glück weitgehend kaschiert werden. Heute nicht mehr. Und die Entstehung der Gegentore (in Manchester wie in Leverkusen) macht nicht unbedingt Mut für die beiden wichtigen letzten Partien vor der Winterpause.

Was sind die Gründe dafür?
Der Schubert-Stil: Zum einen spielt die Mannschaft seit zwei Wochen noch ein Stück mutiger und offensiver als zuvor, vor allem durch die extrem vorgeschobenen Außenverteidiger. Das macht Borussias Spiel so attraktiv. Es hat gegen Hoffenheim in der Schlussphase gut funktioniert, unter dem Strich auch gegen die Bayern (man denke aber an die vielen Chancen des Gegners in der erste Hälfte) und sogar in der ersten Halbzeit gegen City. Das risikoreichere Spiel geht aber nur dann auf, wenn man den Gegner ständig unter Druck hält und zu Fehlern zwingt. In der ersten Halbzeit ging das auch bei Bayer noch halbwegs auf, doch mit zunehmender Spielzeit nicht mehr. Laut Sky lief die Mannschaft insgesamt nur 106 Kilometer, gegen die Bayern waren es 122. Der Gegner spulte jeweils 115 Kilometer ab.
Das süße Gift des Bayern-Sieges: Der unbewusste innere Schweinehund - oder die "Einstellung" - hat vielleicht auch eine Rolle gespielt. Wer glaubt, als Bayern-Besieger im nächsten Spiel auch nur einen Schritt weniger machen zu können, hat es gegen jeden Gegner in der Bundesliga schwer. Wenn einem das dann gegen eine so aggressive, lauf- und pressfreudige Mannschaft passiert, kommt leicht das raus, was heute am Ende auf der Anzeigetafel stand.
Der Substanzverlust: Die Mannschaft hat das Limit überschritten. Über Monate fallen jetzt schon eine Reihe von Leistungsträgern aus, nun fehlte auch noch "Mister Überall" Fabian Johnson. Schon als er gegen Man City vom Feld ging, nahm das Unheil seinen Lauf. Nicht allein deswegen, aber auch seinetwegen. Heute fehlten seine Staubsaugerqualitäten schmerzlich. Dass ein Mo Dahoud, ein Howie Nordtveit, ein Julian Korb und ein Oscar Wendt auch mal schwächere Tage haben, muss man angesichts der Dauerbelastung einfach hinnehmen. Dass Tony Jantschke noch nicht wieder der Alte ist und sich einen Lapsus leistet wie beim 0:1, wohl auch. Es ist deshalb ehrlich gesagt auch weniger verwunderlich, dass die Mannschaft heute so unter die Räder gekommen ist als dass das Team trotz der ganzen Ausfälle und Umstellungen überhaupt eine solche Siegesserie hingelegt hat.

Egal wie, jetzt muss vor allen Dingen die Stabilität und das Gleichgewicht in der Abwehr wiedergefunden werden, und zwar schnell: Neun Gegentore in zwei Spielen, das erinnert an schlimme Zeiten, vor allem aber an den verpatzten Saisonstart, den wir uns ja gerade erst aus den Kleidern geschüttelt hatten. Wieder einmal muss Borussia also blitzschnell an einer großen Herausforderung wachsen. Damit das Pokalspiel gegen Bremen und der Vorrundenabschluss gegen die unangenehmen Darmstädter uns nicht mit einem schlechten Gefühl in die Winterpause entlassen. Denn dann geht auch das Selbstbewusstsein, dass sich die Spieler bis hierhin so eindrucksvoll erspielt haben, schnell wieder stiften.
Die Fans bewiesen auch in Leverkusen wieder ein gutes Gespür für die Situation. So seltsam es für die Spieler sein muss, wenn sie auch beim Stand von 0:5 noch mit Gesängen bedacht werden. Es zeigt zugleich, dass jeder bei Borussia nach wie vor weiß, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen - nicht mal, wenn der Gärtner einen grünen Pulli trägt.

Bundesliga 2015/16, 16. Spieltag: Bayer Leverkusen - Borussia Mönchengladbach 5:0 (12.12.15)

Mittwoch, 9. Dezember 2015

Die geilsten Verlierer der Welt

Als in den letzten zehn Minuten im Etihad-Stadium das Unheil seinen Lauf nahm, war das zwar ärgerlich, aber nicht so, dass man sich noch groß darüber aufregen mochte. Im Gegenteil. Es überwog der Stolz auf das Erreichte - auf eine Mannschaft, die Europa gezeigt hat, zu welchen Leistungen Borussia Mönchengladbach inzwischen wieder in der Lage ist. Und auf die Fans, die bewiesen haben, dass der VfL ein ganz besonderer Verein ist. Der Auftritt und Support der Fans hat überall tiefen Eindruck hinterlassen, ob durch die herrlichen Choreos oder den Gänsehaut fördernden Support im Borussia Park oder bei den Touren nach Rom, Sevilla, Turin oder Manchester. Wenn es auch sportlich nicht gereicht hat: Borussias Fans haben sich den Gruppensieg mit Abstand gesichert.

Was allerdings zum Abschluss unserer Champions-League-Saison im Tempel der City-Scheichs abging, war einfach nur Wahnsinn - 90 Minuten Heimspielatmosphäre im Mutterland des Fußballs, dem an diesem Abend noch einmal deutlich (und beschämend) aufgezeigt wurde, dass der englische Fußball seine Fan-Seele längst verloren und verkauft hat.
Danke deshalb an erster Stelle an alle Fans, vor allem an Sottocultura und alle anderen Gruppierungen, an die Allesfahrer und Gelegenheitsfans, die sich dermaßen reingehängt haben und die für diese tolle Visitenkarte verantwortlich sind - und das alles ohne Skandale, Randale und auch ohne Pyrotechnik und überflüssige Strafen. Wie die Mannschaft ist auch die Fanszene des VfL an den Herausforderungen gewachsen. Dass auch die Normalo-Fans wie ich voll hinter denen stehen, die die Arbeit machen, zeigt unter anderem die enorme Spendensumme, mit denen die Borussia-Familie den Choreo-Macher Dank und Vertrauen ausgesprochen hat. Es sind für jeden einzelnen nur ein paar Euros, aber man sollte die motivierende Wirkung dahinter nicht unterschätzen. Also: Weiter so!

Und das Sportliche? Es kam so, wie es nach der Auslosung als realistisch eingeschätzt werden musste. Vorrunden-Aus in der Hammer-Gruppe, auch ohne das erhoffte und mögliche Bonbon Euro-League-Achtelfinale. Doch dass Gladbach zu schlecht gewesen wäre, um Deutschland angemessen in der Königsklasse zu repräsentieren, wie es so mancher selbstherrliche Fan einer anderen dominierenden, wenngleich nicht unschlagbaren deutschen Mannschaft (oder welche der am letzten Saisonende hinter Gladbach platzierten Teams) schon vorher prophezeite - davon konnte keine Rede sein.
Ja, Borussia ist nach der Winterpause nicht mehr auf europäischem Parkett unterwegs und hat mit 5 Punkten letztlich einfach zu wenige Punkte auf der Habenseite verbuchen können. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Der VfL hatte es bis zur 80. Minute des letzten Gruppenspiels in der eigenen Hand, weiterzukommen. Es hat mehrfach nur ein einziges Tor gefehlt, um die Gruppen-Rangliste zugunsten der Borussen zu verändern: Man denke nur an die knappen Spiele gegen Juve, der Last-Minute-Elfmeter von Manchester im Hinspiel oder auch das eine Tor zum 1:1, mit dem Juve gegen Sevilla am Ende auch die Borussen frohgemacht hätte.
Manchmal fehlen nur ein paar Zentimeter, um das Pendel für oder gegen Gladbach ausschlagen zu lassen. Leider haben wir uns an letzteres schon gewöhnt. Das alles können wir nicht mehr ändern. Umso wichtiger ist, das herauszustreichen, was die Mannschaft auch in Manchester wieder geleistet hat.

Die erste Halbzeit am Dienstag im Etihad Stadium - nun ja, das war wohl nicht weniger als das Reifste und Beste, was Xhaka und Co. in dieser Saison abgeliefert haben. In jedem Fall gilt das für die Champions League. 63 Prozent Ballbesitz im fremden Stadion, klasse Passquote, souveräner, sicherer Auftritt, dazu noch das eher zufällige 0:1 unbeeindruckt weggesteckt, die wenigen Chancen eiskalt genutzt und das Spiel gedreht (zudem noch mit einem Tor von Julian Korb!)  - das war die von Favre aufgebaute und von Schubert stark gemachte Borussia, die nur drei Tage zuvor dem FC Bayern die Grenzen aufgezeigt hatte. In der zweiten Halbzeit fehlte "nur" noch der Todesstoß zum 3:1, vielleicht durch einen Konter. Dann wäre in diesem, von einem übrigens erstklassigen Schiedsrichter Makkeli, geleiteten Spiel mit Sicherheit nichts mehr angebrannt und in Manchester wäre es eine lange Borussennacht geworden.

Hätte, wäre wenn... Stattdessen passierte eine zweite Halbzeit, wie sie schlechter nicht hätte sein können. Es war, als hätte man den Jungs um den hervorragenden Yann Sommer in der Halbzeit Blei an die Füße geschnallt oder irgendetwas Lähmendes in den Pausentee getröpfelt. Da spielte nicht mehr die gleiche Mannschaft wie in den 45 Minuten zuvor. Für so etwas gibt es keine einfache Erklärung, außer der, dass der Gegner plötzlich stärker war und der VfL schlechter. Der naheliegendste Grund dafür ist der Kräfteverschleiß nach den vergangenen Wochen mit vielen Verletzten und entsprechend wenig Regenerationsphasen. Zuletzt die Energieleistungen gegen Hannover und Hoffenheim, die aufwändigen Fußballfeste gegen Sevilla und Bayern, die ihren Tribut ausgerechnet im entscheidenden Spiel, und einfach eine Halbzeit zu früh forderten.

Dass zum Spielende drei Tore in fünf Minuten die Schubert-Elf auseinanderbrechen ließen, war besonders bitter, weil sich die Mannschaft trotz fehlerhaftem Aufbauspiel so lange mit Erfolg gegen die anrennenden Gastgeber behaupten konnte und mit viel Einsatz den Ausgleich verhinderte. Dass die Tore so spät fielen, mag auch damit zusammenhängen, dass da die wichtigen Löcherstopfer Fabian Johnson und Mo Dahoud den Platz verlassen hatten und in der Defensive nicht adäquat ersetzt werden konnten. Aber verdient war da die Führung schon nicht mehr. Da keinerlei Entlastung nach vorne gelang, war es nur eine Frage der Zeit, bis die Gladbacher Abwehrmauer fiel.

Es ist nicht zum ersten Mal so: Der VfL kratzt an der Sensation, er begeistert und am Ende bleibt doch die Enttäuschung, weil es noch nicht ganz reicht. Das haben wir in der Europa League durchlebt und  - zum ersten Mal  - jetzt eine Stufe höher auf Königsklassen-Niveau. Die Entwicklung der vergangenen Jahre spricht also für sich. Wer Borussia an seinen Möglichkeiten misst, weiß aber auch um die Grenzen. Deshalb wird auch das zu Beginn zu erwartende und am Ende so bittere Ausscheiden den guten Eindruck unserer ersten CL-Saison ganz sicher nicht trüben können. Ein Titel ist uns ohnehin sicher - den des geilsten (Verlierer-)Clubs der Welt.

Champions League, Gruppenphase, 6. Spieltag: Manchester City - Borussia Mönchengladbach 4:2 (8.12.2015)
(Tore für Borussia: 1:1 Korb, 1:2 Raffael) 

Endstand
1. Manchester City (12:8 Tore, 12 Punkte)
2. Juventus Turin (6:3 Tore, 11 Punkte)
3. FC Sevilla (8:11 Tore, 6 Punkte)
4. Borussia (8:12 Tore, 5 Punkte)
 

Montag, 7. Dezember 2015

King for one day


"Wenn man mit dieser Einstellung, mit dem Vertrauen in die eigenen Stärke und dem Wissen um die vorhandenen Schwächen, das nächste Spiel angeht, mit einem ausverkauften Borussia-Park im Rücken - warum sollte da nicht auch gegen die Bayern etwas drin sein?"

Das schrieb ich in der vergangenen Woche als Schlusswort nach dem Kraftakt gegen Hoffenheim. Gehofft hatte ich da schon, dass Gladbach die Mannschaft sein könnte, die den Bayern als erste das Bein stellt. Weil Borussia im Spiel nach vorne auch schon gegen Juve, Sevilla und Man City grandiose Angriffe gezeigt und dabei einige Weltstars ins Schwitzen gebracht hatte. Und dass die Bayern in ihrer auf Angriff gebürsteten Abwehrreihe ihre Achillesferse haben, konnte man auch als gelegentlicher Beobachter wissen - auch wenn die wenigsten Mannschaften es in dieser Saison geschafft haben, diese Schwäche offenzulegen, weil sie vorwiegend mit verzweifeltem Verteidigen beschäftigt waren.

Wirklich geglaubt habe ich an einen Erfolg allerdings nicht, da bin ich ehrlich. Zu viele Großchancen hatte der VfL in den jüngsten Spielen gegen Teams aus den unteren Tabellenrängen zugelassen. Dass das gegen Müller, Coman und Lewandowski gutgehen würde, war nicht unbedingt zu erwarten, auch wenn die Gäste (vor allem ohne Costa, Robben und Alaba) natürlich deutlich geschwächt anreisten.
Und doch stand am Ende auf der Anzeigetafel dieses unglaubliche Ergebnis: 3:1, drei Tore gegen die Bayern in 14 Minuten. Eine rauschhafte zweite Halbzeit, die für die Gäste auch durchaus noch bitterer hätte enden können, wenn man die Chancen durchzählt.
Auf der anderen Seite stand nur ein letztlich wertloser Treffer von Ribery und die Erkenntnis, dass die über Jahre von Lucien Favre im engen taktischen Korsett perfektionierte Mannschaft plötzlich auch fast fliegende Wechsel in der Taktik hervorragend umzusetzen weiß. Mit seiner Dreierketten-Taktik und dem brutal-lauffreudigen Mittelfeld, verstärkt um die eigentlichen Außenverteidiger Korb und Wendt, hat André Schubert nicht nur mich überrascht, was kein so großes Wunder ist, sondern auch den Übertrainer Pep Guardiola. Und er hat zumindest für diesmal den richtigen Schlüssel gefunden, um die Münchner Überflieger auszubremsen.

Nach einer starken Anfangsphase des VfL, in der sich der Gegner offenbar erst orientieren musste, schien es allerdings für 20 Minuten so, als sei alles vergebens gegen ein solch sicheres Pass-und Kombinationsmonster wie den FC Bayern. Immer enger zog sich die Schlinge um den Strafraum der Borussen, immer klarer wurden die Möglichkeiten für die Bayern, in Führung zu gehen. Startelf-Debütant Nico Elvedi hatte merklich Schwierigkeiten, im Sprint nicht nur die Sohlen von Kingsley Coman zu sehen. Doch der Schweizer rechtfertigte das Vertrauen seines Trainers, indem er schon in der ersten Halbzeit ganz stark verteidigte, wo immer er den blitzschnellen Franzosen stellen konnte. In den zweiten 45 Minuten wirkten die drei Innenverteidiger Elvedi, Christensen und Nordtveit immer sicherer, fingen auch viele Pässe in die Spitze frühzeitig ab und leiteten Gegenangriffe ein. Die teilweise in Manndeckung bearbeiteten Müller und Lewandowski verloren schnell den Spaß an dem Spiel, das merkte man ihnen auch deutlich an.
Dennoch: Man muss kein Prophet sein, um zu wissen: Wäre der amtierende Meister in der ersten Hälfte im Borussia Park in Führung gegangen, hätte man am Wochenende sicher nicht so viele Lobeshymnen auf Schubert und seine Elf zu hören bekommen. Doch seine Taktik passte, Yann Sommer stand da, wo er stehen musste, Bayerns Angreifer waren nicht so effizient wie sonst und einmal rettete auch der Pfosten.
Somit ist für alle Anhänger des selbsternannten Sterns des Südens zumindest eine tröstliche Erklärung für die doch schmerzhafte Klatsche gegen den Angstgegner gefunden: Neben den fehlenden Spielern hatte Gladbach in der ersten Hälfte ziemlich Glück. Das stimmt.
Es ändert aber nichts daran, dass Borussia über die gesamte Spielzeit gesehen die bessere Mannschaft war. Nicht nur, weil sie ihre Torchancen besser genutzt hat, sondern auch, weil sie den Gegner so intelligent bearbeitet und angelaufen hat, dass der nicht wie gewohnt zur Geltung kam. Und mit zunehmender Spielzeit bespielten Xhaka und Co. gerade die Räume, in denen die Bayern verwundbar sind - die hinter den aufgerückten Verteidigern und die im Strafraum, den andere Gegner in dieser Saison in der Regel nur selten aufgesucht haben.

Es gibt also nichts, weswegen man sich für diesen Sieg entschuldigen müsste. Bis auf den Ballbesitz (40:60 Prozent), die Passgenauigkeit und Torschusshäufigkeit war der VfL an diesem Nachmittag über die gesamte Spielzeit gesehen besser. Die Schubert-Schützlinge (mit drei 19-Jährigen in der Startelf, die zusammen eine lächerliche Bundesligaerfahrung von 28 Spielen in das Spiel einbrachten) lief erheblich mehr als der Gegner (laut Kicker 122,08 zu 115,92 Kilometer). Lars Stindl (12,56 km) und Mo Dahoud (12,27 in 85 Minuten) lagen weit vor dem besten Münchner Vidal. Der lief 11,67 Kilometer und hätte damit im Gladbacher Team noch Xhaka (11,97), Johnson (11,79) vor sich und Korb und Wendt (11,64 und 11,63) neben sich gehabt. Na klar, Laufleistung allein gewinnt keine Spiele. Aber sie zeigt, mit welcher Intensität die Borussen den Gegner bearbeitet haben. Die Münchner mussten nämlich auch in diesem Spiel zusammen ganze fünf Kilometer mehr laufen als im Durchschnitt dieser Saison (110,99) und verzeichneten sowohl eine unterdurchschnittliche Ballbesitzquote von 60 Prozent (Schnitt der 15 Spiele: 71) als auch eine schwächere Passquote (82 statt 89 Prozent). Dass der Torschnitt pro Spiel (2,87) diesmal deutlich verfehlt wurde, war für jeden an der Anzeigetafel leicht ersichtlich. Das alles war zum großen Teil Verdienst unserer Borussen, die man dafür kaum genug loben kann. Nicht zuletzt, weil ja auch der VfL personell aus dem letzten Loch pfeift und doch Woche für Woche staunenswerte Leistungen abliefert.


3:1 gegen die Über-Bayern, das gab's doch vor zwei Jahren schon mal. Ja, aber damals hielt der Vorsprung nicht sehr lange.
Beim letzten Spiel von Jupp Heynckes als Bayern-Trainer endete die Partie gegen den schon feststehenden Meister 3:4.


Da wir Borussen-Fans aber auch nicht zu Größenwahn neigen, können wir diese Momentaufnahme auch richtig einordnen. Es ist immer möglich, so einen Gegner an einem Tag zu schlagen. Das hat der VfL nun schon über einige Jahre immer mal wieder bewiesen. Das heißt nicht, dass man schon auf Augenhöhe mit ihm ist oder ihm den Kampf ansagen könnte. Beim FC Bayern München stehen schon noch andere Kaliber auf dem Platz als bei Borussia, das wird sich auch in der Endabrechnung entsprechend deutlich bemerkbar machen. Allerdings ist die Entwicklung der vergangenen drei, vier Jahre schon sehr gut zu sehen. Gegen Bayern waren die beiden Spiele in der vergangenen Saison zwar auch überdurchschnittlich erfolgreich - allerdings auch da mit deutlich mehr Glückmomenten in der Defensive durchzogen als am Samstag.
Auch international sieht man die Reife der Mannschaft: Wo wir in der ersten Euro-League-Saison doch sehr schnell Lehrgeld zahlen mussten, war der VfL schon vergangene Saison ganz nah an der Überraschung gegen den Champion Sevilla. In dieser Saison wurde der gleiche Gegner im Rückspiel zeitweise ähnlich auseinandergenommen wie die Bayern gestern. Und es ist nicht utopisch, dass Sevilla letztlich in der CL-Gruppenphase an der Borussia scheitert. Dazu die erstklassigen Partien gegen Manchester und Juve.

Aus Borussia ist also eine deutsche Spitzenmannschaft geworden (gegen die ersten sieben Teams in der Tabelle gab es fünf Siege und nur die Niederlage gegen Dortmund). Und Borussia kann auf europäischem Parkett gut mitspielen, wenngleich die Spitze noch weit entfernt scheint. Den nächsten Schritt dazu kann das Team von André Schubert schon am Dienstag machen. Die Chancen stehen auf der derzeitigen Euphoriewelle nicht schlecht.
Allerdings muss auch jedem klar sein, dass das Pendel auch mal wieder gegen die Elf vom Niederrhein ausschlagen kann. Dass Spiele wie Dahoud oder Christensen in ein Leistungsloch fallen können und es mal ein paar Spiele nichts zu feiern gibt. Dann kommt es auf den Zusammenhalt in der Mannschaft und natürlich auf die Geduld der Fans an. Auch wenn die derzeitigen Ergebnisse uns insgeheim schon wieder von einer weiteren Champions-League-Saison träumen lassen - bis dahin ist es noch ein weiter Weg, der nicht ohne Rückschläge bleiben wird. Dann ist es wichtig, sich daran zu erinnern, womit wir nach dem Katastrophen-Auftakt noch Ende September zufrieden gewesen wären: "Hauptsache die Saison ordentlich zu Ende bringen und nicht wieder im Abstiegssumpf verschwinden". Auch das gehört an einem Feiertag wie diesem, an dem man sich wie der König der Bundesliga fühlt, zur Wahrheit dazu. Es gibt auch jetzt keinen Grund, übermütig zu werden.

Bundesliga 2015/16, 15. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - FC Bayern München 3:1 (5.12.15)
(Tore für Borussia: 1:0 Wendt, 2:0 Stindl, 3:0 Johnson)

Sonntag, 29. November 2015

Ein Remis für die Moral

Unentschieden in Hoffenheim. Jahrelang wäre das für Borussia eine gute Nachricht gewesen, schließlich ist gegen kaum eine andere Mannschaft die Bilanz so mau wie gegen den Hoppschen Retortenklub. In der vergangenen Saison gelang überhaupt erst der erste Sieg in Sinsheim, und gegen den derzeitigen Tabellenletzten konnte man dann doch auch diesmal die drei Punkte einplanen, oder?
Am Ende stand ein verdientes, aber nicht selbstverständliches Unentschieden in einem von beiden Seiten rassig geführten, tollen Fußballspiel. Und das war für mich sehr zufriedenstellend - weil zum Fußball einfach mehr gehört als Tabellenplätze gegeneinander zu stellen und zur Beurteilung einer Leistung mehr als der Blick auf das nackte Endergebnis.

Hoffenheim, das muss man einfach neidlos anerkennen, verstand es in diesem Spiel, die Lücken zu nutzen, die die Hintermannschaft des VfL schon gegen Hannover und Sevilla offenbarte. In allen drei Spielen ließen die Borussen viel zu viele Top-Chancen des Gegners zu. Das ging zweimal gut, diesmal nicht - weil die TSG die Chancen effizient zu nutzen verstand. Beim ersten Gegentor stimmte die Aufteilung beim Eckball nicht und auch Torwart Yann Sommer verschätzte sich - ein zu leichtes Gegentor. Beim zweiten war Glück mit im Spiel, weil Polanskis eher harmloser Schuss unhaltbar abgefälscht wurde. Dennoch war der Treffer gut herausgespielt. Das dritte Gegentor war ein halbes Eigentor, da Stindls unfassbarer Fehlpass in den eigenen Strafraum natürlich eine Einladung für jeden Gegner ist.
Dennoch: Gladbach hat auch dieses Spiel nicht verloren, trotz der genannten Unzulänglichkeiten in der Defensive. Trotz schwerer Beine nach dem Fight gegen Sevilla, die sicher nicht leichter wurden, als Hoffenheim die frühe Führung umdrehte und es sofort nach dem Wiederanpfiff plötzlich 1:3 stand. Borussia verlor nicht den Faden, spielte ruhig und abgeklärt weiter, mit mehr Risiko und eindrucksvoller Passqualität und Spielfreude. Und das ist, was zählt.
Es gibt also keinen Grund, die Mannschaft zu kritisieren: Sie hat ein erstklassiges Spiel abgeliefert (wieder unter erschwertten Bedingungen), sich am Ende mit dem verdienten Ausgleich belohnt und nebenbei auch den Unbesiegbarkeitsnimbus unter André Schubert gewahrt. Den wird uns aller Voraussicht nach in der kommenden Woche die Übermannschaft FC Bayern rauben, aber eben nicht die Stevens-Truppe und auch nicht der wieder mal negativ auffällige Schiedsrichter Weiner, der dem VfL zwei klare Elfmeter versagte (nachdem er Borussia schon bei seinem letzten Auftritt im Heimspiel gegen Augsburg richtiggehend verpfiffen hatte).

Mann des Tages war unzweifelhaft Fabian Johnson, und er hat es verdient, sich durch die beiden schönen Tore auch mal für alle sichtbar in den Vordergrund gespielt zu haben. Denn was der Kerl für die Mannschaft läuft, an Löchern in der Defensive stopft und darüber hinaus auch noch an vielen gefährlichen Szenen vor dem gegnerischen Tor beteiligt ist, das ist schon außerordentlich. Es fällt aber nicht jedem Zuschauer auf, weil er nicht der Mann der spektakulären Szenen, sondern der der kleinen Balleroberung und der "Angriffszerstörung" ist. Bislang hatte sich der frühere Hoffenheimer vor dem Tor trotz häufiger guter Chancen nicht unbedingt als abschlussstark erwiesen, doch zuletzt bewies er mit Toren gegen Turin, Sevilla und eben an diesem Samstag den Killerinstinkt eines Vollblutstürmers. Also richtet sich das Rampenlicht nun völlig zurecht auch mal auf ihn.

Ebenfalls erwähnenswert: die mit den Wettkampfminuten ansteigende Leistungskurve von Josip Drmic, der mit seiner neuen Rolle auf dem Flügel Selbstvertrauen tankte. Gegen Hoffenheim spielte er nicht nur wieder sehr konzentriert und fügte sich gut in den Kombinationsfußball der Borussia ein. Es gelang ihm nach der Umstellung in der zweiten Halbzeit als "richtiger Stürmer" auch endlich das ersehnte erste Tor. Darauf kann man aufbauen (ich glaube, ich schrieb ähnliches schon vor dem Hannover-Spiel). Großen Anteil daran hat aber unzweifelhaft André Schubert, der die Mannschaft nicht nur geschickt einstellt, sondern auch im Spiel durch gelungene Auswechslungen seinen Anteil an den guten Ergebnissen hat. Die Hereinnahme von Thorgan Hazard brachte in Sinsheim viel Schwung in  Borussias Angriff, und Drmic in der Spitze sorgte für deutlich mehr Durchschlagskraft vor dem Tor. Ähnlich gut wirkten sich Schuberts Wechsel auch gegen Hannover und Sevilla aus.
  
Dieses 3:3 gehört definitiv zu den Spielen, die eine Mannschaft reifen lassen, mehr als ein überlegener Sieg oder eine unglückliche Niederlage. Wenn man wie gestern eine richtig gute Partie abliefert, Nackenschläge wegsteckt und nach einem 1:3 gegen einen konterstarken Gegner noch den Ausgleich schafft, dazu noch mit blitzsauber herausgespielten Treffern: Da kann nur sagen: Hut ab vor dieser Willensleistung. Diese Mannschaft, so sieht es aus, ist intakt und gefestigt, jeder kämpft für den anderen und bügelt Fehler wieder aus. Zu sehen war das sehr gut nach dem Stindl-Fehlpass zum 1:3. Kein Vorwurf, sondern Aufmunterung und das klare Zeichen - es geht weiter, Jungs!

Wenn man mit dieser Einstellung, mit dem Vertrauen in die eigenen Stärke und dem Wissen um die vorhandenen Schwächen, das nächste Spiel angeht, mit einem ausverkauften Borussia-Park im Rücken - warum sollte da nicht auch gegen die Bayern etwas drin sein? Verlieren kann man ja eigentlich nichts: Alles andere als eine Niederlage wäre gegen die ungeschlagene Tormaschine aus München schon ein Riesenerfolg.


Bundesliga 2015/16, 14. Spieltag: TSG Hoffenheim - Borussia Mönchengladbach 3:3 (28.11.15)
(Tore für Borussia: 0:1 Johnson, 3:2 Drmic, 3:3 Johnson)

Donnerstag, 26. November 2015

Überfällig, auffällig und gefällig

Es ist geschafft. Nach fünf Anläufen in der ersten Champions-League-Gruppenphase in der Vereinsgeschichte hat der VfL den ersten Sieg eingefahren - und was für einen! Dreimal war man in diesem Jahr schon an den abgezockten, eklig bis unfairen Spaniern vom FC Sevilla gescheitert, im vierten Anlauf gelang nun endlich die Revanche, und die war hochverdient. Es war eine Fußball-Gala, wie man früher zu sagen pflegte. Auf jeden Fall ein richtig tolles Spiel mit Chancen auf beiden Seiten und endlich mal dem besseren Ende für Borussia.

Noch besser ist, dass die Schubert-Schützlinge es damit am letzten Spieltag auch noch immer selbst in der Hand haben, sich für die Euro League zu qualifizieren. Genau das war es doch, was wir uns als Fans nach der Auslosung dieser Hammergruppe gewünscht beziehungsweise als realistisches Ziel gesetzt hatten. Und nun ist es nur noch einen Schritt entfernt, trotz der Verletzungsseuche, die sich durch die Saison zieht, trotz des Fehlstarts und trotz aller anderen Widrigkeiten - etwa einem Schiedsrichter, der am Mittwoch in der zweiten Halbzeit plötzlich eine seltsame Einseitigkeit pro Sevilla an den Tag legte.
Natürlich muss man zugestehen, dass auch dieses Spiel wohl verloren gegangen wäre, hätte Sevilla seine vielen großen Chancen so genutzt wie in den anderen drei Duellen mit Borussia. Umgekehrt wäre mit dem gleichen Argument zumindest in den Euro-League-Partien zu Jahresbeginn auch ein Gladbacher Sieg drin gewesen.
Egal, diesmal hat es geklappt, und neben Lars Stindl, einem sehr fokussierten Granit Xhaka, den für ihr Alter unheimlich abgezockten Mo Dahoud und Andreas Christensen und dem stets sicheren Rückhalt Yann Sommer hatte in diesem Spiel auch endlich Josip Drmic mal was zu lachen. Gegen Hannover schon mit ein paar sehr gelungenen Aktionen, lief es nach seiner frühen Einwechslung auf der für uns ungewohnten Position auf dem Flügel erstaunlich gut für ihn. Zwar kam er selbst nicht zum Abschluss, aber vor dem 1:0 war er wichtiger Flankengeber beziehungsweise Balleroberer, auch vor Johnsons Tor war er an dem Angriff beteiligt. Über die gesamte Zeit zeigte er eine engagierte, konzentrierte und gute Partie. Das Gladbacher Publikum hatte ein feines Gespür dafür und unterstützte ihn vorbildlich - das war schon bemerkenswert und sollte ihm weiter Auftrieb geben. Da Traoré gegen Hoffenheim wohl ausfällt, spricht nichts dagegen, dass er in "Hoppenheim" in der Startelf steht. Und die Chance hat er sich verdient.

Was Borussia angeht, fällt die Champions-League-Bilanz aus meiner Sicht sehr positiv aus. Zwei Niederlagen zu Beginn, davon eine sehr unglücklich und die andere angesichts der seltsamen Spielverlaufs "außer Konkurrenz. Dann zwei mehr als verdiente Unentschieden gegen eine der besten Mannschaften Europas, nun der grandios herausgespielte Sieg gegen Sevilla. Mehr kann man von einem Debütanten kaum erwarten. Und das nimmt uns auch keiner mehr.


Champions League, Gruppenphase, 5. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - FC Sevilla 4:2 (25.11.2015)
(Tore für Borussia: 1:0 Stindl, 2:0 Johnson, 3:0 Raffael, 4:1 Stindl)
 


Samstag, 21. November 2015

Glänzender Arbeitssieg

Puh, durchatmen. Das 2:1 gegen Hannover 96 war ein knapper, aber letztlich verdienter Sieg. Und vielleicht einer der wertvollsten der vergangenen Wochen, weil sich das geduldig durchgehaltene Spiel bis kurz vor Schluss am Ende dann auch ausgezahlt hat. Ein bisschen glücklich war es sicherlich, weil Hannover doch zu viele ziemlich gute Torchancen hatte, bei denen Yann Sommer aber auch seine Extraklasse mal wieder unter Beweis stellen konnte und musste.
So war es nach den vielen Glanzleistungen der vergangenen Monate fast schon so etwas wie erwartete Normalität, dass man den doch spielerisch deutlich unterlegenen Gegner niedergerungen hat. Unter dem Strich steht für mich aber ein sehr ordentliches Spiel gegen einen eng verteidigenden Gegner, der es - wie Ingolstadt - versuchte, über harte Zweikampfführung und einen unangenehmen Abwehrriegel den Gladbachern den Spaß am Kombinieren zu nehmen. Das gelang in der ersten Halbzeit noch ganz gut, in der zweiten Hälfte spielten sich Raffael und Co zunehmend frei und kamen auch zum Abschluss.
Nach der Siegesserie mit wahren Fußballfesten und der medialen Hysterie um die Einstufung von Interims-Dauer-Übungsleiter André Schubert muss man aber auch mal innehalten, die richtigen Schlüsse ziehen - und mit einem knappen, hart erkämpften Ergebnis zufrieden sein, das man als glänzenden Arbeitssieg bezeichnen kann.

Man darf schließlich eins nicht vergessen: Mit einer unglaublichen Energieleistung hat sich die Mannschaft nach dem Katastrophenstart wieder auf die vorderen Plätze gekämpft. Und das unter erschwerten Bedingungen: Im gesamten Saisonverlauf fielen immer wieder mehrere Stammkräfte gleichzeitig aus, musste das Team immer wieder neu zusammengestellt werden. Heute fehlten Dominguez, Stranzl, Hahn, Herrmann und der gesperrte Granit Xhaka - das ist die halbe Stammformation aus der vergangenen Saison. Und doch greift beim VfL derzeit ein Rädchen ins andere, ist es egal, wo ein Spieler aufgeboten wird - er bringt seine Leistung. Paradebeispiel ist Havard Nordtveit, der als Innenverteidiger, Sechser und auf der rechten Außenbahn souveräne Auftritte zeigte. Am Anfang der Saison unterliefen ihm noch haarsträubende Fehler im Aufbauspiel, er schien unsicher und nervös. Jetzt zeigt er wieder sein wahres Gesicht, sein Kämpferherz und ist bisweilen sogar torgefährlich.
Spieler des Spiels (neben Yann Sommer) war aber natürlich Ibo Traoré, der die Hannoveraner mit seinen unberechenbaren Dribblings heute ein ums andere Mal vorführte. Mit dem frechen Beinschuss gegen Nationaltorwart Zieler zum 1:0 krönte er seine tolle Leistung. Doch was wären diese Kabinettstückchen und grandiosen Läufe ohne Arbeitsbienen wie Fabian Johnson, Nordtveit, Wendt oder Korb, was wären sie ohne den Taktgeber Mo Dahoud, ohne den rackernden Lars Stindl, die kompromisslosen Jantschke und Christensen und den unvergleichlichen Raffael, der wieder einmal zur richtigen Zeit am richtigen Ort stand? Borussia 2015, das ist eine Mannschaft, die so schnell nichts mehr umwirft. Und das gibt ein gutes Gefühl, für das erste "Euro-League"-Endspiel gegen Sevilla und die nächsten Aufgaben.

Bundesliga 2015/16, 13. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - Hannover 96 2:1 (21.11.15)
 (Tore für Borussia: 1:0 Traoré, 2:1 Raffael)

Samstag, 7. November 2015

Steckengeblieben

Was fängt man mit einem solchen 0:0 an? Sind es zwei verlorene Punkte, weil ein Sieg uns an diesem Spieltag auf Platz drei hätten vorrauschen lassen? Ein Dämpfer zur richtigen Zeit, der wieder einmal zeigt, dass man im Kopf niemals nie auch nur eine Winzigkeit abschalten darf, auch wenn es gegen die vermeintlich leichteren Gegner in der Bundesliga geht?
Ich entscheide mich dafür, den Punkt als gewonnen zu verbuchen. Sicher wäre ein Sieg gegen den Bundesliga-Neuling FC Ingolstadt nach der Leistungssteigerung in der zweiten Halbzeit und angesichts einiger erstklassiger Torgelegenheiten verdient gewesen. Aber dass nach sechs Siegen am Stück gegen einen unangenehmen Gegner der Angriffswirbel auch mal steckenbleibt - das muss man manchmal einfach hinnehmen. Doch passiert ist nichts Schlimmes. Noch immer ist der VfL unter Schubert in der Bundesliga unbesiegt, wir sind in der Tabellenregion, wo wir hin wollten und dieses nervende Gequatsche von Interimstrainer-Rekorden hat auch endlich ein Ende.

Klar, solchen Fußball, wie ihn die Schanzer heute vorgeführt haben, braucht in der Bundesliga kein Mensch. Aber werden wir uns deshalb auf das Niveau des FC Bayern herunter begeben, die sich eine Überübermannschaft zusammenbasteln und sich dann darüber beklagen, dass die Gegner angesichts dieser Spielklasse sich lieber gleich am eigenen Strafraum eingraben? Nein, das sollten wir nicht tun.
Was die Ingolstädter heute im Borussia Park gezeigt haben, war in den Zweikämpfen oft eklig, in der provozierenden Art sehr ärgerlich, nerv- und zeitraubend - und schöner Fußball war es schon gar nicht. Aber es ist auch nicht verboten, seine Punkte für den Klassenerhalt auf diese Weise zu sammeln. Und auch wenn die Liga wieder einmal einen Schiedsrichter geschickt hatte, der mit einem solchen Spiel sichtbar nicht umgehen konnte: Raffael, Johnson und Hazard hatten es mit ihren Top-Chancen in der Hand, diesen Auftritt der Gäste aus eigener Kraft zu "bestrafen".

Dass Granit Xhaka das Spiel nicht regulär beenden würde, wurde schon in der Anfangsphase klar, als er sich in verbale Scharmützel mit dem Ingolstädter Morales einließ. In solchen Spielen wäre es schön, wenn ein Schiedsrichter unseren Kapitän auch mal gegen die durchaus auch von außen erkennbaren Provokationen der Gegner schützen würde. Doch der in den vergangenen Jahren erworbene Ruf eilt dem Schweizer zu seinem großen Nachteil voraus. Allerdings muss man auch kritisch anmerken, dass die Gelb-Rote Karte insgesamt in Ordnung ging. Sowohl beim Reklamieren in der ersten Hälfte als auch im Zweikampf, der zum Platzverweis führte, hätte er sich geschickter anstellen müssen. Schade ist das, weil er sich in dieser Beziehung zuletzt deutlich reifer gezeigt hatte. Seit er die Kapitänsbinde trägt, bekam er in sechs Spielen nur zwei Verwarnungen (das heutige Spiel nicht mitgerechnet). Nun muss er schon das zweite Mal in dieser Saison gesperrt aussetzen.

Zwei weitere Lichtblicke hatte das Spiel für mich neben Schuberts aufrechterhaltenem Unbesiegt-Nimbus aber auch noch. Zum einen Nico Elvedis Bundesliga-Debüt, zum anderen der Auftritt seines Schweizer Landsmanns Josip Drmic. Ich weiß, es klingt ein wenig wie gesundbeten, aber auch wenn auch diesmal vieles Stückwerk blieb, zeigte er wieder ein bisschen mehr Präsenz im Sturm und bereitete Johnsons Chance mit einer feinen Einzelleistung vor. An dieser Szene sieht man, das ist kein hölzerner Stoßstürmer, der nur den Ball über die Linie stolpern kann, sondern ein technisch beschlagener Angreifer, der sich auf engstem Raum behaupten kann. Ich sage Euch: Das wird noch was.

Bundesliga 2015/16, 12. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - FC Ingolstadt 0:0 (7.11.15)

Mittwoch, 4. November 2015

Auf Zehenspitzen

Auf Zehenspitzen ist Borussia genauso groß wie die Riesen der Champions League - das reicht aber in diesem Jahr nicht, um die Vorrunde in der Königsklasse gegen Teams wie Juventus Turin oder Manchester City zu überstehen. Gewusst haben wir das alle eigentlich schon bei der Auslosung im Spätsommer, sicher ist es seit gestern. Warum mischt sich also nun auch eine gehörige Portion Enttäuschung in die Bewertung der tollen Leistung gegen die Alte Dame aus Turin? Natürlich, weil der VfL es in der Hand hatte, die (Todes-)Gruppe bis zum letzten Spieltag offen zu gestalten und zu überstehen. Drei richtig erwachsene Auftritte gegen Man City und Juve, Siegchancen in zweien dieser drei Spiele, aber letztlich drei Punkte weniger auf der Habenseite, als aus diesen Partien verdient gewesen wären. Das ist das, was man letztlich unter der Rubrik Lehrgeld abheften muss.

Da das erste Aufeinandertreffen gegen Sevilla völlig in die Hose ging, ist auch das insgeheim erhoffte Ziel, in der Europa League weiterspielen zu dürfen, nun von zwei Siegen abhängig. Den gegen den direkten Konkurrenten vorausgesetzt, wird nach normalem Gang der Dinge ein Punkt im letzten Spiel gegen die Engländer wohl nicht reichen. Denn bei Punktgleichheit (und einen Sieg der Spanier gegen die schon qualifizierten Turiner vorausgesetzt) müsste Borussia den FC Sevilla schon mit vier Toren Unterschied aus dem Borussia Park schießen, um im direkten Vergleich am Ende vorne zu liegen. Das aber sind Zahlenspiele, Zukunftsmusik. Borussia hat es zumindest in der Hand, den dritten Platz in der Gruppe aus eigener Kraft zu sichern.
Was man aus der Premierensaison in der Königsklasse auf jeden Fall mitnehmen kann, ist, dass der VfL auf Augenhöhe mit den besten Teams Europas ist - auch wenn man dafür zeitweise die am Anfang erwähnten Zehenspitzen braucht, um ins obere Regal zu greifen. Xhaka und Co. können Gegner wie Juve und City phasenweise an die Wand spielen, sie können sich auch deren geballter Offensivkraft erfolgreich erwehren. Sie haben aber noch nicht ganz die unerschütterliche Selbstverständlichkeit, mit der die arrivierten Spitzenteams zu Werke gehen und mit der sie sich letztlich auch in den entscheidenden Szenen durchsetzen.

Auch gestern war, trotz Überzahl in der zweiten Hälfte, in Borussias Spiel immer ein wenig Angst - oder Vorsicht - zu spüren, sich bloß nicht durch einen Fehlpass einen Konter einzufangen und das Spiel zu verlieren. Das sorgte dafür, dass gegen den rosa Betonblock doch immer wieder sicher herumgespielt wurde und das letzte Risiko ausblieb. Erst mit Hazards (zu später) Einwechslung kam nochmals Bewegung in den zunehmend statischen Spielaufbau. Um nicht missverstanden zu werden: Daran ist nichts falsch. Die Leistung der Mannschaft, defensiv wie offensiv, war hervorragend. Und ein Punkt ist, vor allem mit Blick auf das Duell mit Sevilla, besser als keiner. Doch CL-Dauergäste wie Juve (oder in Deutschland der FC Bayern) gehen, vielleicht auch dank ihrer weitaus erfahreneren Spieler, offensichtlich mit einem anderen Selbstbewusstsein zu Werke. Und das macht am Ende oft den Unterschied. Als bestes Beispiel ist hier das Gegentor zu nennen. Über 180 Minuten gelang es Gladbach eindrucksvoll, Juves Dreh- und Angelpunkt Paul Pogba zu bändigen. Doch mit einem genialen Pass auf Lichtsteiner sorgte er letztlich für das vorzeitige Aus der Borussia.

Ungeachtet dessen hatte die Schubert-Elf auch gestern ausreichend Chancen, das Spiel für sich zu entscheiden. Zwei Lattentreffer, der von Buffon geklärte Stindl-Kopfball aus vier Metern und in der ersten Halbzeit eine Handvoll einfach schlecht ausgespielter Konterchancen, die mit Fehlpässen endeten, sprechen eine deutliche Sprache, wer gestern Herr im Haus war. Dass Juve bei seinen ebenfalls vorhandenen guten Chancen glücklicherweise auch immer wieder knapp daneben zielte, sprach eigentlich dafür, dass der erste Sieg in der Champions-League-Geschichte fällig war. Viel fehlte also nicht.
Aber wie sagt das Phrasenschwein: So ist Fußball. Anstatt enttäuscht zu sein und die heutigen Schlagzeilen vom "vorzeitigen Aus" zu ernst zu nehmen, genießen wir lieber die verbleibenden internationalen Abende. Wir freuen uns über die bisherigen Europa-Auftritte auf und neben dem Platz, die wie die erneut sehr beeindruckende Choreo eine tolle Werbung für unseren Club waren und sind stolz darauf, dass uns im nächsten Jahr (falls wir wieder auf Europa-Tour gehen sollten) von den Gegnern noch mehr Respekt und Achtung entgegengebracht wird. Denn Borussia ist wieder wer - ob nun auf Zehenspitzen oder nicht.

Champions League, Gruppenphase, 4. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - Juventus Turin 1:1 (3.11.2015)
(Tor für Borussia: 1:0 Johnson)

Samstag, 31. Oktober 2015

Da sind wir wieder!

Sechstes Spiel in Folge gewonnen - es ist unfassbar! Und Borussia ist nur ein paar Wochen nach dem Tiefpunkt in Köln wieder da, wo man sie vor der Saison erwarten konnte: auf Platz 5.

Und nein, ich werde heute keine lange Analyse schreiben, denn das Spiel wurde zu souverän gewonnen, zu klar dominiert, als dass man viele Worte darüber verlieren muss. Natürlich ist uns das Glück derzeit hold, wie beim erneut sehr wohlwollenden Elfmeterpfiff für Traoré oder bei Raffaels Tor, wo ihm der eigentlich schon verlorene Ball wieder vor die Füße fiel und der Schuss dann auch noch unhaltbar abgefälscht wurde. Hertha war auch nicht der Gegner, der dem selbstbewussten VfL heute gefährlich werden konnte. Das lag nicht nur an der sehrt passiven Spielweise, sondern sicher auch am Ausfall des einzig verbliebenen gefährlichen Stürmers Kalou. Davor musste Yann Sommer noch einige Male seine gute Form unter Beweis stellen. Danach ging nach bei Hertha bis auf das Elfmetergeschenk durch Thorgan Hazard vorn nichts mehr.
Uns kann es recht sein, denn durch den erneuten Sieg ist die Mannschaft wieder in sicherem Fahrwasser und hat ein ganz gutes Polster auf die Abstiegsplätze herausgearbeitet. Denn das sollte man bei allem Jubel über die vergangenen Wochen nicht vergessen - da kommen wir gerade her und es ist die erste Aufgabe, nicht wieder dorthin zurückzurutschen.
Auch wenn der Blick nach oben inzwischen wieder verlockend ist und man laut ausrufen möchte: "Hallo BVB, Wolfsburg, Schalke, Leverkusen - guckt mal, da sind wir wieder!" Erstmal gilt es für Borussia jetzt, den erreichten Rang - unter den ersten Zehn - zu festigen und wenn es geht, den Abstand nach vorne nicht größer werden zu lassen. Ja, die nächsten Spiele gegen die eher als mittlere bis untere Bundesligaklasse einzustufenden Teams aus Ingolstadt, Hannover und Hoffenheim bieten eine gute Möglichkeit, sich weiter oben festzusetzen. Aber nur, wenn man diese Spiele genauso ernstnimmt wie eine Partie gegen Juve oder Man City.

Bundesliga 2015/16, 11. Spieltag: Hertha BSC - Borussia Mönchengladbach 1:4 (31.10.15)
(Tore für Borussia: 0:1 Wendt, 0:2 Raffael, 0:3 Xhaka (FEM), 1:4 Nordtveit)

Donnerstag, 29. Oktober 2015

Mit Glück zur guten Leistung

Puh. Wie sagt man so schön? Nur Spitzenmannschaften gewinnen solche Spiele. Ist Borussia demnach - dem Fehlstart zum Trotz - (wieder) eine Spitzenmannschaft? Ja. Vielleicht. Mal sehen.

So wie der VfL unter Schubert erfolgreich durch die letzten Spiele gegangen ist, auch mit Rückschlägen im Spiel und durch Verletzungen fertig wurde, das zeigt eine Qualität, die außer dem VfL derzeit wohl nur Bayern, Dortmund, Leverkusen und Wolfsburg haben. Dass Schalke da - wie in der vergangenen Saison - einen Schritt zurück ist, hat sich gerade an diesem "Doppelspieltag" gegen Gladbach gezeigt.
Allerdings, und das muss man einwenden, gehörte zu diesem Siegeslauf bisweilen schon eine gehörige Portion Glück (wie am Mittwoch) und die Tatsache, dass die Verletzungen bisher gleichwertig durch nachrückende Spieler aufgefangen werden konnten.

Doch wie es aussieht, hört diese Seuche noch immer nicht auf. Jetzt hat es Tony Jantschke erwischt. Grund zu Jammern haben wir deshalb nicht, schließlich blieben wir über Jahre weitgehend verschont von schweren Verletzungen. Entsprechend muss man auch hinnehmen, wenn es jetzt so gegen uns läuft. Dessen ungeachtet stellt sich allerdings die Frage, wie lange der dezimierte Kader unter der Belastung von drei Spielen in der Woche auf diesem Niveau durchhalten kann. Gestern war es schon schwierig, die Ersatzbank ausgewogen für alle Positionen zu bestücken. Wenn in der Abwehr Jantschke und Stranzl fehlen, gibt es keinen Backup für die rechte Abwehrseite mehr und nur zwei Youngster (Marvin Schulz und Elvedi) und gegebenfalls Nordtveit für innen. Auf den offensiven Außenpositionen liegt die Last  allein auf Traoré und Johnson. Hazard, Drmic und Hrgota sind auf außen keine gleichwertigen Nachrücker, die letzten beiden im Moment wohl auch kein 1:1-Ersatz für Stindl oder Raffael. In der defensiven Zentrale spielen ein noch immer verletzter oder zumindest angeschlagener Granit Xhaka und ein Mo Dahoud, der als junger Spieler auch ab und zu eine kleine Pause brauchen wird. Am Mittwoch wirkte er nach seiner Einwechslung jedenfalls deutlich frischer als im Spiel am Sonntag. Auch hier wird also Nordtveit immer wieder gebraucht werden. Nur gut, dass Keeper Yann Sommer auch mit Gesichtsmaske in Topform ist.

Zwei der langfristigen Ausfälle von Borussia hat Schalke 04 zu verantworten, und da muss ich dann doch auch mal ein Wort zur Härte der Königsblauen in diesen beiden Spielen sagen. Dass ein Foul wie das von Geis mal passieren kann - geschenkt. Doch allen voran Caicara (in beiden Spielen), aber auch Kolasinac und später Höjbjerg gingen dermaßen rücksichtslos in die Zweikämpfe, dass ein kritisches Wort erlaubt sein muss. Caicara kassierte für rüde Fouls jeweils eine Gelbe Karte, am Sonntag leistete er sich aber darüber hinaus vier weitere verwarnungswürdige Fouls. In die gleiche Kategorie fällt das Frustfoul von Höjbjerg, das Jantschke nun wohl länger aus dem Spiel nimmt. Kolasinac ging aus unerklärlichen Gründen ganz ohne Gelbe Karte vom Platz. Wenn man sich seine Blutgrätsche vor dem 1:0 von Stindl anschaut, wo er den Torschützen zum Glück minimal verfehlt, muss man sich schon fragen, warum ein Schiedsrichter da nicht (wie beim ähnlichen Einsatz von Caicara) noch nachträglich in die Hemdtasche greift. Dagegen, und das ärgert mich, waren die beiden Verwarnungen für Oscar Wendt am Sonntag und gestern, die der Schwede jeweils für sein erstes (Allerwelts-)foul kassierte, völlig unangemessen. Da wünsche ich mir von einem Schiedsrichter dann doch ein wenig mehr Ausgewogenheit in den Entscheidungen.

Bleibt noch der Blick auf den eher unglücklichen 45-Minuten-Auftritt von Josip Drmic. Ich weiß, dass viele das als weiteren Beleg nehmen werden, der Ex-Leverkusener sei ein Fehleinkauf. Allerdings ist das ungerecht. In der ersten Halbzeit war Gladbach nach vorne so wenig im Spiel wie gegen Juve. Es gab also (wie für Raffael und Stindl in Turin) kaum eine Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen. Er lief aus meiner Sicht viel, fremdelt natürlich mit dieser Rolle noch etwas. Aber besonders in den Ein-gegen-Eins-Situationen zeigte er auch, wie gut er den Ball und sich behaupten kann. Dass er ohne Spielpraxis nicht sofort wie eine Rakete zündet, sollte jedem klar sein. Ich wünsche ihm jedenfalls einfach mal ein bisschen Glück. Ich bin mir sicher: Wäre er statt Stindl bei Matips Fehler zur Stelle gewesen, hätte er das 1:0 gemacht. Und vielleicht ist es nur eine solche Szene, die er braucht, um bei Borussia endgültig anzukommen.

DFB-Pokal, 2. Runde: FC Schalke 04 - Borussia Mönchengladbach 0:2 (28.10.2105)
(Tore für Borussia: 0:1 Stindl, 0:2 Hazard (FEM))

Montag, 26. Oktober 2015

"Juli"-Wochen im Herbst

"Schalke, die erste" ist im Kasten, der "Ausgleich" nach dem Null-Punkte-Fehlstart geschafft. Mit einem guten und einem üblen Gefühl lässt sich das erste Zusammentreffen mit den Königsblauen in vier Tagen abhaken.
Ein gutes Gefühl, weil auch dieser Sieg trotz einer Schwächephase nach der Halbzeit hochverdient war. Ein übles Gefühl, weil in André Hahn nach dem Horrortritt von Johannes Geis ein weiterer wichtiger Flügelspieler sehr lange ausfallen wird. Ich will mich an dem Foul gar nicht abarbeiten. Ich denke, so etwas kann im Fußball passieren. Geis ist mir bisher nicht als Treter aufgefallen, der andere Spieler verletzen will. Natürlich hat er sich in der Szene verschätzt, vielleicht war er auch schon müde und nicht mehr voll konzentriert, vielleicht war auch etwas Frust im Spiel. Aber aus meiner Sicht ging er wie Hahn in Richtung Ball. Und wer selbst mal Fußball gespielt hat, weiß, dass man bei diesem Tempo einen derartigen Zweikampf nicht mehr beliebig abbrechen kann, zumal wenn zwei Spieler aufeinander zu laufen. Bewerten kann man eine solche Szene immer nur in Echtzeit, das Sezieren von Zeitlupenbildern ist völliger Schwachsinn. Geis hat seine Strafe bekommen, er fehlt gegen uns auch im Pokal, was ich für eine gute Entscheidung des Sportgerichts halte, und hoffentlich wird er daraus lernen. Unter aller Sau waren dagegen die Schalke-Fans im Gästeblock, die Hahn auf der Trage noch höhnische Gesänge hinterherschickten. Wenn ein Fußball-Verband schon immer das Respekt- und Fairness-Banner vor sich herträgt, müsste es eigentlich auch hier Konsequenzen geben, welcher Art auch immer. 

Was das Spiel angeht, fand ich es nicht so überragend, wie es von vielen gemacht wurde. Es war ein verdienter Erfolg, keine Frage, aber die Schnelligkeit im Spiel nach vorn fehlte mir, wie schon gegen Juve, gerade in der ersten Hälfte schon ein wenig. Für schwache Schalker reichte das in Halbzeit eins dennoch, wenngleich der unnötige Ausgleich ärgerlich war. Zu Beginn der zweiten Hälfte hatte der VfL gegen viel bessere Knappen aus meiner Sicht gehörig Glück (und Yann Sommer), sonst wäre das Spiel gekippt. Dass Raffael ausgerechnet in dieser schwierigen Phase dann mal so einen Arango-Freistoß auspacken würde und die Gäste damit sichtbar demoralisierte, war auch nicht unbedingt zu erwarten.

Natürlich stand uns auch Schiedsrichter Stark diesmal nicht gerade im Wege. Und vor allem von Schalker Seite war in ihm ein Buhmann schnell gefunden. Für mich waren aber sowohl der Elfmeter als auch der Freistoß vor Raffaels feinem Tor zum 2:1 in Ordnung. Natürlich kann man grundsätzlich darüber streiten, ob auch vermeintlich leichte Angriffe auf den Ballführenden unbedingt geahndet werden müssen. Die Realität ist, dass auch leichte Berührungen einen Spieler in der Bewegung entscheidend beeinträchtigen können und, dass ständig solche Freistöße - auch am Strafraumrand - gepfiffen werden. Also warum sollte man es nicht auch in dieser Szene tun? Beim Elfmeter kann ich die Diskussionen ehrlich gesagt gar nicht verstehen. Für mich war es ein klares Foul von Aogo, der das Bein eindeutig reinstellt, ohne den Ball zu spielen. Es war natürlich selten dämlich, weil Korb in der Szene eigentlich kopflos allein in fünf Gegner reinrannte. Eine Torgefahr hätte es also nie und nimmer gegeben, selbst wenn Aogo Korb einfach hätte passieren lassen.

Man kann trefflich spekulieren, ob diese in der Entstehung durchaus etwas glücklich zustande gekommenen Tore von Stindl und Raffael nun durch Gladbachs engagiertes Spiel erzwungen wurden oder ob man einfach im Moment in den engen Szenen das Glück auf seiner Seite hat (anders als zu Beginn der Saison). Ganz klar ist jedoch, dass Borussia in Führung liegend endlich auch in der Lage ist, ein Spiel auch frühzeitig zu entscheiden und den Gegner dann auch nicht mehr ins Spiel zurückkommen lässt. Dass ausgerechnet der unter Schubert von allen taktischen Fesseln befreite Julian Korb das vorentscheidende 3:1 erzielte, nachdem er schon den Elfmeter herausgeholt hatte, zeigt, dass der VfL derzeit unberechenbarer ist als je zuvor. Und aus dem in diesem Herbst aufblühenden "Juli", so scheint es, könnte tatsächlich noch ein kompletter Außenverteidiger werden, der wie Wendt links entscheidende Akzente nach vorne setzen kann. Dass er das kann, hat er in den vergangenen Spielen eindrucksvoll bewiesen. Und das ist auch weiter wichtig, weil in Herrmann und Hahn nun schon zwei Tempomacher auf der rechten Seite fehlen. Auch das hat vielleicht auch ein klein bisschen "Gutes". Denn auch wenn die jetzige Stammelf perfekt harmoniert: Irgendwann wird Schubert dann neben Hazard auch Drmic und Hrgota mal wieder bringen müssen. Die haben eine Chance längst verdient. Das könnte bedeuten, dass Stindl zum Beispiel auf rechts gehen könnte und einer der beiden Stürmer neben Raffael vorne zum Einsatz käme. Bei den vielen Positionswechseln im Spiel des VfL, die derzeit die Gegner reihenweise verwirren, würde das aus meiner Sicht schon passen. Vielleicht ja schon am Mittwoch. Ich bin gespannt.

Bundesliga 2015/16, 10. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - Schalke 04 3:1 (25.10.15)
(Tore für Borussia: 1:0 Stindl, 2:1 Raffael, 3:1 Korb)

Donnerstag, 22. Oktober 2015

Ein 0:0 zum Freuen

Ich gebe zu, ich kann einem Remis selten etwas abgewinnen, noch weniger, wenn es ein torloses Spiel war. Doch das 0:0 am Mittwochabend in Turin war ein Unentschieden, über das ich mich auch heute noch richtig freuen kann.

Nicht nur, dass es den historischen ersten Punkt in der Gladbacher Champions-League-Geschichte markierte, der angesichts der bärenstarken Defensivleistung auch noch verdient war. Mangels eigener Chancen vor Buffons Tor war es an diesem Abend ja auch das Maximum, was für den VfL drin war. Wer lange genug Borussia-Fan ist, weiß, wie ein solches Spiel sonst normalerweise verläuft - mit einem unglücklichen, am besten noch abgefälschten Gegentor in den letzten Minuten oder, neuerdings ja in Mode, durch einen Elfmeter. Nichts von dem passierte, und so war es trotz fehlender Torszenen auf beiden Seiten doch ein packendes Spiel, bei dem sich zudem die 4000 Gladbacher Fans stimmlich hervorragend behaupten konnten - diesmal auch ohne Pyrotechnik. Ein rundherum gelungener und sympathischer Auftritt für unsere Borussia also. 

Dass es auf dem Feld für den VfL so gut lief, lag auch an einem wirklich guten Schiedsrichter. Borussia musste ja gerade auf europäischer Bühne schon mit manch schlechtem Referee zurechtkommen. Diesmal nicht. Craig Thomson ließ zwar für meine Begriffe manchmal zu viel laufen, vor allem bei Angriffen von hinten, die dann zu Ballverlusten führten. Das machte er aber auf beiden Seiten, sodass kein Team benachteiligt wurde. In den entscheidenden Szenen war der Schotte jedoch sehr souverän und lag goldrichtig: Zum einen, als er die Fallsucht des schwachen Mario Mandzukic im Strafraum korrekt bewertete. Noch viel wichtiger aber war seine Wahrnehmung (oder die seiner Assistenten) bei der Schrecksekunde in der ersten Halbzeit, als Dominguez seinen unerklärlichen Fehlpass in die Beine von Morata fast mit einem Platzverweis bezahlt hätte.
Es war völlig richtig, hier nur Gelb zu geben, da Morata den Ball zur Seite und nicht steil Richtung Tor spielte. Damit wäre er nicht uneinholbar gewesen, Korb auf der anderen Abwehrseite hätte zum Beispiel noch eine gute Chance gehabt, einzugreifen. Doch was hätte das alles genutzt, wenn ein Schiedsrichter doch die Rote Karte gezogen hätte, zumal bei einem Foul gegen die Heimmannschaft. Der Punktgewinn hat also auch einiges mit den guten Entscheidungen des umsichtigen schottischen Unparteiischen zu tun. Weil ich hier sonst ja oft über Schiri-Leistungen klage, will ich das nochmal betonen.

Zu den stärksten Spielern gehörten in einer Abwehrschlacht wie dieser naturgemäß die Abwehrspieler, allen voran Andreas Christensen, der von Spiel zu Spiel sicherer agiert. Sehr stabil sind gleichwohl die Außenverteidiger Korb und Wendt, wobei sich beide gegen Weltstars wie Cuadrado und Pogba hervorragend aus der Affäre zogen.
Dass Alvaro Dominguez bis auf seinen Aussetzer eine richtig gute Partie ablieferte, soll auch nicht unterschlagen werden. Auffällig ist allerdings, dass ihm in den letzten beiden Spielen unbedrängt grobe Fehler unterlaufen sind, die zum Elfmeter (in Frankfurt) und fast zur Roten Karte geführt hätten. Möglicherweise zollt er jetzt dem Kräfteverschleiß der vergangenen Wochen etwas Tribut, schließlich kam er nach Favres Abgang fast ohne Training in die Startelf und spielte seitdem (auf hohem Niveau) durch. Das soll die Leistung der übrigen Spieler aber nicht schmälern, der VfL zeigte auf allen Positionen eine laufstarke Leistung und enormen kämpferischen Einsatz. Hut ab!

Was der Punkt von Turin am Ende in der Tabelle wert sein könnte, interessiert mich jetzt noch gar nicht. Wichtig war er vor allem für die Moral, als Zeichen, dass die Mannschaft auf diesem Niveau eben nicht nur "mithalten" und am Ende doch mit leeren Händen dastehen kann (wie gegen Kiew, Lazio, Sevilla und Manchester). Die Schubert-Elf ist noch keine europäische Topmannschaft, aber sie kann gegen eine solche mehr als nur Punktelieferant sein. Und das fühlt sich geil an.

Champions League, Gruppenphase, 3. Spieltag: Juventus Turin - Borussia Mönchengladbach 0:0 (21.10.2015)

Sonntag, 18. Oktober 2015

Elegant, schnell, effektiv

Bravo Borussia! Das war das beste Spiel in dieser Saison und das wunderbar herausgespielte 5:1 in Frankfurt war letztlich auch in der Höhe verdient. Natürlich lag das auch am Gegner, der in der Defensive zunehmend mit der Schnelligkeit und Effektivität des eleganten Gladbacher Spiels überfordert war und den VfL in der zweiten Hälfte zum Toreschießen förmlich einlud. Der vorne seine Konterchancen teils schlampig verdaddelte oder in der glänzend eingestellten Abwehr hängenblieb.

Über die teilweise überharte Gangart der Frankfurter (zum Beispiel "Mister Ellenbogen Sehrfairovic" oder "Fußabtreter" Ignjovski), die ständige Reklamierei der Eintrachtler und die wenig konsequente Linie von Schiedsrichter Meyer muss man angesichts des Ergebnisses kein weiteres Wort mehr verlieren, vor allem angesichts der wirklich eklatanten spielentscheidenden Fehlentscheidungen auf anderen Plätzen an diesem Spieltag (Köln, Stuttgart). 
Es fiel auch nicht ins Gewicht, dass allen Beteuerungen zum Trotz Yann Sommers Sicht durch die Schutzmaske doch ab und an beeinträchtigt schien. Denn neben seinem Luftloch beim Elfmeter waren doch einige lange Bälle zu verzeichnen, die gut drei, vier Meter neben den Mitspielern ins Aus flogen. Untypisch für den beidfüßig so starken Keeper.

Wie dem auch sei: Es läuft wieder. Borussia hat die richtige Balance wiedergefunden, die das Team in der vergangenen Saison so stark gemacht hat. Der Unterschied ist, dass die damalige Sicherheit, das Abwarten, herumpassen und im richtigen Moment zuschlagen, heute einem zwingenderen Spiel gewichen ist. Das Pressing, die hohe Laufleistung, die schnellen Angriffe nach vorne, im Moment ist das die Erfolgsformel. Das liegt aber auch daran, dass die Defensive wieder bombenfest steht und auch die Fehler in der Vorwärtsbewegung, die durch das mutigere Spiel zwangsläufig auftreten, bisher nicht zu Konter-Gegentoren geführt haben - wie noch in den ersten Saisonspielen. Großen Anteil daran haben die wieder sehr starken Andreas Christensen und Alvaro Dominguez,  an deren Seite auch Julian Korb und Oscar Wendt von Woche zu Woche bessere Leistungen zeigen.

   
Das heißt jedoch nicht, dass das so bleibt. Auch das Spiel gegen die Eintracht hätte kippen können, das darf man nie aus den Augen verlieren. Nach dem für die Eintracht doch recht glücklich zustandegekommenen Ausgleich (per Elfmeter, was auch sonst) war Borussia kurzzeitig aus dem Tritt, und mit einem einzigen erfolgreichen Angriff der Hessen hätte das Spiel möglicherweise eine andere Wendung genommen.

So aber sah das Spiel wieder viele Gewinner auf Seiten der Raute. André Schubert natürlich, dessen Erfolgsserie ja möglicherweise doch noch zu einem Dauerjob führen wird. Mo Dahoud, der an der Seite von "Kampfschwein" Xhaka groß aufspielte und nach und nach das einzulösen scheint, was wir uns - zumindest ich - seit seinem ersten Auftritt als 17-Jähriger vor zwei Jahren beim Telekom-Cup gegen die Bayern versprochen haben. Lars Stindl und Raffael, die sich offensichtlich gefunden haben und zusammen mit den Außenspielern Johnson und Traoré bestens harmonieren.

Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Das heißt, dass die Erfolgsserie und Schubert auch einige Verlierer kennt, nämlich die, die derzeit ganz außen vor sind. Josip Drmic, Branimir Hrgota, Thorgan Hazard, Roel Brouwers - sie müssen bei Laune gehalten werden, obwohl sie gerade keine Einsatzchance bekommen. Mit einem wieder fitten Tony Jantschke und spätestens mit der Rückkehr von Martin Stranzl droht in der Abwehr ein großes Gedränge, zumal auch Marvin Schulz seine Qualitäten schon angedeutet hat. Wie reagiert Andre Schubert also jetzt, wo eine Menge Spiele in kurzer Zeit anstehen? Wagt er Wechsel oder lässt er das Team durchspielen? Für eine Rotation spricht neben der Belastungssteuerung wohl auch die Tatsache, dass es jetzt jeweils zweimal gegen Juve und Schalke (Liga und Pokal) geht. Da wäre ein personeller Überraschungseffekt sicher nicht das Schlechteste. Ob die Fohlen in einer anderen Zusammensetzung allerdings genauso elegant galoppieren wie auf der Eintracht-Wiese, steht auf einem anderen Blatt.

Bundesliga 2015/16, 9. Spieltag: Eintracht Frankfurt - Borussia Mönchengladbach 1:5 (17.10.15)
(Tore für Borussia: 0:1 Raffael, 1:2 Dahoud, 1:3 Raffael, 1:4 Hahn (FEM), 1:5 Hahn)

Sonntag, 4. Oktober 2015

Die Trainierbaren

Drei Spiele unter André Schubert, drei Siege: Borussia ist wieder da! Wer mir das vor zwei Wochen gesagt hätte, hätte von mir nur ein ungläubiges Kopfschütteln geernet.
Eigentlich ist die Sache nach dieser Zwischenbilanz damit ja klar: Macht den Mann einfach zum Cheftrainer! Die ersten Facebookgruppen mit dieser Forderung gibt es ja bereits, Bild, Express und viele andere Medien werden in den nächsten Wochen über nichts anderes so vehement berichten wie über den märchenhaften  Erwecker unseres Team aus dem Favre-Schlaf und die - für Außenstehende - logische Konsequenz daraus.
Aber ich bin da vorsichtig, ich bin in dieser Hinsicht ein gebranntes Kind. So sehr ich die Arbeit von Lucien Favre über die Jahre schätzen gelernt habe, so wenig war ich im Winter 2011 bei seiner Verpflichtung davon überzeugt, dass er der richtige Mann für den Abstiegskampf sein würde. Ich war überzeugt, Max Eberl hatte die Saison abgehakt und plante schon für die zweite Liga.


Aber es kam anders, und die Konstante im Verein ist eben jener Max Eberl, der in den vergangenen Jahren ziemlich viele richtige Entscheidungen getroffen hat. Diese Entscheidungen, das haben wir gelernt, sind auch meist lange vorher eingefädelt oder vorbereitet worden. Man denke an den schon legendären Besuch Eberls bei Lucien Favre, als sich niemand für den bei Hertha gescheiterten Schweizer interessierte und er noch lange keinen neuen Trainer brauchte. Viele gelungene Spielertransfers der vergangenen Jahre wurden offensichtlich ebenso frühzeitig "angebahnt".

Und das hat durchaus etwas damit zu tun, was nun in Sachen Trainerverpflichtung passiert. Dass Borussia einen solch unaufgeregten, erfahrenen Interimstrainer einfach nur aus einer anderen Abteilung hochziehen muss, spricht für sich. Man sieht, da wird langfristig gearbeitet und nicht nur an der ersten Mannschaft gefeilt. In Borussias Unterbau gibt es mit Schubert und Arie van Lent gleich zwei bundesligaerfahrene Trainer. Das ist, wenn man mich fragt, kein Zufall.
Ob das nun in weiser Voraussicht passiert ist, für den Fall. dass der bisweilen zaudernde Favre irgendwann wirklich zurücktreten würde. Oder ob es einfach der Versuch ist, den stets betonten Weg, eigene Talente zu entwickeln, konsequent und mit dem besten Personal fortzusetzen, weiß ich natürlich nicht.
Das Vertrauen, was Schubert aber von der ersten Minute an vom Verein ausgesprochen wurde, zeigt, dass man dort wusste, was man tut. Es ist ja einfach, jetzt Schubert auch als Cheftrainer zu fordern. Ob er aber auf Dauer funktionieren würde, ist unklar. Das gilt auch für die Frage, ob er sich selbst den Stress der Bundesliga wirklich dauerhaft antun will.  Möglicherweise ist er ja gerade aus diesem Grund vor der Saison als U23-Trainer ins zweite Glied gerückt. Anders als vor einigen Jahren bei Jupp Heynckes. Da wurde im Winter der aufstrebende Zweitligattrainer Jos Luhukay als Co-Trainer installiert. Spätestens da konnte sich jeder ausrechnen, wie das enden würde.
Die derzeitige Situation eröffnet Max Eberl alle Optionen: Er kann in Ruhe einen neuen Trainer suchen, ohne dass er auf die derzeit verfügbaren "Feuerwehrmänner" festgelegt ist. Der Interimstrainer kann seinerseits frei von allem Erfolgsdruck arbeiten. Und am Ende bleibt Eberl auch noch die dritte Option, zu sagen: André Schubert hat uns überzeugt, er soll bleiben. Bis jetzt gibt es jedenfalls keinen Grund zur Eile bei der Trainerentscheidung.  

Ach ja, da war ja auch noch ein Spiel gestern. Dazu muss gar nicht so viel gesagt werden. Es war einfach eine überzeugende Leistung, diesmal über die gesamte Spielzeit. Das war der Favre-Fußball, den wir kennen, nur deutlich mutiger und mit grandiosem Einsatz. Das scheint genau das Puzzleteil zu sein, was der Mannschaft zuvor gefehlt hat. Denn die Gegner hatten die Passverschiebemaschine des VfL inzwischen gut im Griff, vor allem wenn sie so mühevoll und langsam daher kam wie in den letzten Spielen unter Lucien Favre.
Auffällig war zu sehen, wie Lars Stindl sich auf der offensiveren Position aus der Krise gespielt hat, dass neben ihm auch Raffael wieder zu alter Form findet und wie abgezockt Mo Dahoud seine ersten Spiele absolviert hat (auch wenn er gestern etwas müde wirkte).
Natürlich war uns gestern auch das Glück hold. Bei Nordtveits mutigem und optimistischen, aber doch etwas verunglückten Schuss zum 1:0. Und in einigen Szenen zuvor auch. Hätte es bei Schürrles Auftritt im Strafraum den fast schon obligatorischen Elfmeter gegen uns gegeben, wäre das Spiel wohl anders verlaufen. Auch Xhaka hatte in der einen oder anderen Szene (auch einmal im Strafraum gegen Schürrle) Glück - dass er immer wieder das Bein stehenließ, wenn er im Zweikampf zu spät kam, hatte diesmal für ihn keine dramatischeren Folgen.

Und um die 60. Minute herum hätte das Spiel durchaus kippen können, als die sichtbar müder werdenden Borussen doch einige Schludrigkeiten im Spiel zeigten. Ein besserer Gegner als Wolfsburg es gestern war, hätte das vermutlich ausgenutzt. Insofern waren auch die Auswechslungen goldrichtig, denn Johnson und Dahoud hatten in den Spielen zuvor doch ein ziemliches Pensum abgespult. Und sie brachten die Borussen wieder zurück in den Modus "aufopferungsvoller Kampf", der schließlich belohnt wurde. In die Karten spielte uns auch, dass Dieter Hecking sein Team in der Offensive sicherlich mit Schürrle und dem unauffälligen Kruse nicht optimal aufgestellt hatte.

Es bleibt das gute Gefühl, dass nicht nur Mannschaften aus der unteren Tabellenregion wie Stuttgart und Augsburg geschlagen wurden, sondern mit Wolfsburg auch ein nominelles Topteam. Und das auch ohne Stammkräfte wie Sommer (Sippel war ein prima Ersatz), Jantschke und Stranzl. Zusammen mit der Leistung gegen Manchester lässt das wieder optimistisch nach vorne blicken, wenngleich es zu früh wäre, schon wieder nach oben zu schielen. So schnell lassen sich fünf Niederlagen dann auch nicht reparieren. Dennoch ist es fast schade, dass jetzt schon wieder Länderspielpause ist. Vor der letzten hofften wir, dass sich die Mannschaft über die Trainingseinheiten ein bisschen stabilisiert. Jetzt gilt es, den gewonnenen Schwung nicht zu verlieren.

Bundesliga 2015/16, 8. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - VfL Wolfsburg 2:0 (3.10.15)
(Tore für Borussia: 1:0 Nordtveit, 2:0 Traoré)

Donnerstag, 1. Oktober 2015

Oh, what a night!

Champions-League-reif: Die Choreo gegen Manchester City von Block 6A (Südkurve) aus gesehen
Eigentlich alles passte beim eindrucksvollen ersten Champions-League-Heimspiel gegen Manchester City - nur das Ergebnis mal wieder nicht. Wie gegen Lazio 2013, wie schon gegen Sevilla in diesem Jahr. Einmal mehr zeigte sich: Borussia kann europäische Spitzenteams ins Wanken bringen, aber (noch) nicht zum Fallen. Dennoch war es für mich und 46215 andere ein unbeschreiblicher Abend im Borussia-Park, einer, an dem man wieder einmal sehr stolz sein konnte auf die Mannschaft, den Verein und vor allem auf die Fans des VfL.

Da bleibt natürlich allen voran die sensationelle stadionumspannende Choreo im Gedächtnis, für deren Planung, Vorbereitung und Umsetzung ich allerhöchste Hochachtung habe (man beachte den doppelten Superlativ ;-)). Was wäre ein solcher Abend ohne Gruppierungen wie Sottocultura und die vielen Helfer, die das auf die Beine stellen? Was bliebe dann von der Faszination Europapokal? Man müsste nur noch so ödes, immer wieder wiederholtes Kommerzgeplärre zwischen "Gazprom" und "No racism" (man beachte den Widerspruch) über Stadionlautsprecher ertragen. Uninspiriertes Geseiere vom Band - das eben, was die Uefa unter Rahmenprogramm versteht. Die Uefa, die in alle Abläufe reindirigiert und die es auch diesmal wieder schaffte, dass der gewohnte Ablauf der Borussia-Fans empfindlich gestört wurde. Vom Zeitplan gehetzt, ratterte Stadionsprecher Knippi das sonst bewusst zelebrierte "Bist du bereit..." an die Kurven noch rasch herunter, der "Elf vom Niederrhein" fehlte nach hinten heraus der Schlusspunkt, und all das nur, damit diese hässliche CL-Jodelhymne auf die Sekunde genau erklingen konnte.

Umso besser, dass das Spiel hielt, was es versprach. Das unfassbar teure Starensemble von der Insel zeigte sich 60 Minuten lang ziemlich beeindruckt von dem, was ihnen André Schuberts Schützlinge auf dem Feld abverlangten. Unglaubliche Laufbereitschaft, geschicktes Verschieben in den Räumen, gutes Zweikampfverhalten mit aufopferungsvollem Einsatz, schnelle, gute Kombinationen nach vorne, die allerdings zu oft mit einem fehlerhaften Zuspiel wieder zunichte gemacht wurden. Dennoch sprang ein gutes halbes Dutzend erstklassiger Torchancen heraus. Hätte nicht Joe Hart so einen guten Tag erwischt, wer weiß, ob City auf einen höheren Rückstand bis zur Pause noch eine Antwort gefunde hätte.
Aber gut, es kam anders. Und wenn man einen Elfmeter nicht nutzt, darf man sich am Ende nicht beschweren, dass das auf der anderen Seite in der Schlussminute dann den Unterschied macht. Wo Raffael patzte, blieb Aguero eiskalt und traf zum insgesamt nicht ganz unverdienten Sieg der Citizens, die ihrerseits eine Reihe von guten Chancen ausgelassen hatten. Ungerecht war es trotzdem, denn der VfL hatte sich erst den Führungstreffer und dann mit der Abwehrschlacht bis zum Schluss zumindest einen Zähler redlich verdient.

Stattdessen gab es eine Fortsetzung der unseligen Strafstoß-Serie gegen uns - es war wohl der neunte Elfmeter im zehnten Spiel, diesmal dann auch unstrittig. Es blieb festzuhalten, dass auch dieser Schiedsrichter Lichtjahre davon entfernt war, Borussia zu bevorteilen und dass es kaum je etwas überflüssigeres gegeben hat als Torschiedsrichter. Schon in der vergangenen Saison hat einer dieser Clowns zum Nachteil von Borussia Schicksal gespielt, auch diesmal kann man die Leistung des Herrn vor der Südkurve nur mit Kopfschütteln quittieren. Einem Eher-nicht-Elfmeter zugestimmt, einen viel klareren direkt vor sich keine Regung gezeigt, und bei der einzigen Szene, für die er eigentlich da war, lag er auch daneben, weil Julian Korbs Rettungsversuch vor dem 1:1 wohl schon hinter der Linie stattfand. Daran aber, das muss man betonen, kann man die zweite Niederlage im zweiten Gruppenspiel nicht festmachen. Obwohl viele Spieler (Sommer, Christensen, Dominguez, Korb, Wendt, Dahoud, Xhaka, Johnson, auch der im Abschluss unglückliche Raffael) wirklich gute Leistungen gezeigt haben, waren die Stars von der Insel am Ende etwas zwingender und ließen einen Angriff nach dem anderen gegen das müder werdende Gladbacher Abwehrbollwerk rollen - so lange, bis ein verlorener Zweikampf im Strafraum die Partie entschied.

Das alles muss nun schnell abgehakt werden - denn jetzt heißt es wieder "Auf, auf, auf in die Bundes League". Hoffen wir, dass der zum Schluss so unglücklich verletzte Yann Sommer schnell wieder fit wird. Mit einer Leistung wie am Mittwoch muss man sich jedenfalls auch gegen Golfsburg nicht verstecken. Die Frage ist nur, ob die Kraft-Akkus dafür schnell genug wieder geladen sind. 


Champions League, Gruppenphase, 2. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - Manchester City 1:2 (30.9.2015)

(Tor für Borussia: 1:0 Stindl)




Farbrausch rund um den Borussia-Park


Montag, 28. September 2015

Sehr einverstanden

Ich bin einverstanden. Einverstanden mit dem Spiel in Stuttgart, auch wenn es doch gerade in der zweiten Halbzeit viele Nerven gekostet und ordentlich Glückes bedurft hat, die wichtigen drei Punkte mitzunehmen. Wenn es nur einer geworden wäre, wäre ich daher auch noch einverstanden gewesen.

Sehr einverstanden bin ich mit der Art, Fußball zu spielen. Es ist nicht so weit von Favres Fußball entfernt, nur direkter, nicht so abwartend und langwierig, bis die entscheidende Szene kommt, sich in der Abwehr des Gegners das Loch für den "tödlichen Pass" öffnet. Sehr sehr sehr einverstanden bin ich mit dem phasenweise sehr intensiven frühen Pressing, das die Gegner von Borussia überhaupt nicht mehr gewohnt sind. Und da in vielen Mannschaften (auch in unserer) die Abwehrreihen verwundbar sind, wenn man sie gut anläuft, ist das ein erfolgversprechendes Stilmittel, das mir beim VfL unter Favre deutlich zu kurz kam.

Überhaupt nicht einverstanden bin ich mit den Elfmeterentscheidungen, die sich in Spielen des VfL schon langsam zum running gag entwickeln. Ich weiß, das muss man nicht so sehen wie ich, aber ich finde es fatal, was diese Saison schon alles an (Nicht-)Elfmetern (nicht nur gegen Borussia) gepfiffen worden ist. Ein Strafstoß ist wohl neben dem Platzverweis die schärfste Bestrafung im Fußball und sie hat aus meinem Verständnis den Sinn, entsprechend hart zu ahnden, dass zuvor eine klare Torchance verhindert wird. Inzwischen werden viel zu viele Elfmeter verhängt. Und zu oft wird wegen leichtem, teils sogar vom Stürmer gewollten Körperkontakt gepfiffen (siehe die Auflauf-Elfmeter von Bayerns Costa gegen Augsburg, Augsburgs Koo gegen uns oder der Fallsüchtige aus Sevilla, der sich bei Yann Sommer eingehakt hatte) oder für "angeschossene Handspiele", die aus kurzer Entfernung kein Verteidiger verhindern kann. Damit kann ich mich nicht anfreunden, genausowenig wie mit der Elfmeterszene in Stuttgart: Wenn Daniel Didavi uneingeschränkt zum Torschuss kommt, also dabei nicht behindert wird und erst nach dem Schuss vom Gegner, der eindeutig Richtung Ball ging, getroffen wird, muss man aus meiner Sicht keinen Elfmeter geben.

Aber egal wie ich das finde, die Entscheidungen fallen momentan so gegen uns. Das Ärgerliche daran ist, dass durch diese Einflussnahme der Schiedsrichter jetzt zweimal hintereinander gegnerische Mannschaften wiederbelebt wurden, die bis dahin mausetot schienen - vom Verlauf des Sevilla-Spiels mal ganz abgesehen.

Bei aller Freude: Die sechs Punkte aus den vergangenen beiden Spielen, von denen wir zu Beginn der vergangenen Woche ja kaum zu träumen wagten, dürfen niemanden darüber hinwegtäuschen, dass auch die so frei aufspielende Mannschaft jede Menge Fehler gemacht hat - naturgemäß auch in und vor den Elfmeterszenen. Zum Glück blieben sie sowohl von Augsburg als auch vom VfB ungenutzt, das muss gegen andere Gegner nicht so bleiben.  Darf es aber natürlich gern.

Bundesliga 2015/16, 7. Spieltag: VfB Stuttgart - Borussia Mönchengladbach 1:3 (26.9.15)
(Tore für Borussia: 0:1 Xhaka, 0:2 Eigentor Gentner (Kopfball Herrmann), 1:3 Raffael)


Donnerstag, 24. September 2015

Mit den Puppen gespielt

Endlich die ersten Punkte der Bundesligasaison. Und das mit einer Leistungsexplosion, die uns das Leid der vergangenen Wochen wie ein Tornado von der Seele gefegt hat. Die erste halbe Stunde war wie das energische Abschütteln eines schweren Ballasts. Fabian Johnsons Schuss zum 1:0 habe ich vor dem Fernseher sowas von ins Tor geschrien - so laut, dass es noch im Nachbarort zu hören gewesen sein muss.

War dann also doch alles gar nicht so schlecht und so falsch, was sich in dieser Woche rund um den Borussia-Park abgespielt hat?

Na ja, nüchtern betrachtet hat der VfL das Spiel schon in den ersten 20 Minuten gewonnen, weil André Schuberts wohldurchdachte Taktik den Gegner vollkommen überrumpelt hat. Das frühe aggressive Pressing, das ich mir so oft unter Favre als eine taktische Möglichkeit gewünscht habe, Entschlossenheit und ein bisschen Glück im Abschluss - damit war Augsburg früh geknackt.
Dass so ein kraftraubendes, dominierendes Spiel nicht über die ganze Spielzeit durchgehalten werden kann, erklärt den Durchhänger in der Mitte des Spiels. Dort spielten sicher auch die frühen Wechsel eine Rolle, mit denen Schubert unnötiges Risiko bei den gerade genesenen Johnson und Herrmann und dem rotgefährdeten Granit Xhaka vermeiden wollte. Letztlich war es aber ein sicherer Sieg gegen biedere Gäste aus der Augsburger Puppenkiste, die Borussia heute wenig entgegenzusetzen hatten.

Die beiden lächerlichen Elfmeter, mit denen der Schiedsrichter die Augsburger wieder ins Spiel bringen wollte, haben mich dennoch fürchterlich aufgeregt. Auch weil diese Saison einfach schon zu viele Fehlentscheidungen gegen unsere Mannschaft gefallen sind.
Aber dieser ergebnistechnische Dämpfer hat auch sein Gutes, denn bei einem glatten 4:0 oder gar 6:0 wäre die Gefahr deutlich größer, dass Spieler und Fans das nächste Spiel wieder zu leicht nehmen, nach dem Motto: Geht doch! Diesen Fehler sollte keiner machen, denn Stuttgart wird besser vorbereitet sein als die Fuggerstädter.

Natürlich ist es nach einem Spiel zu früh, den Effekt des kuriosen Trainerwechsels zu bewerten. Aber André Schuberts positive Art, die Dinge anzugehen, war für die Mannschaft offenbar befreiend. Selten hat man einen Julian Korb so mutig (und erfolgreich) ins offensive Eins-gegen-Eins gehen sehen. Lars Stindl, im Spiel gegen den HSV noch ein Schatten seiner selbst, zeigte sich selbstbewusst. Wohl auch, weil er - von Favres engen Vorgaben befreit - spielen durfte, was er am besten kann. Xhaka, Raffael und besonders Mo Dahoud lenkten das Spiel exzellent, das kompromisslos-kämpferische Zweikampfverhalten ließ den Funken sofort aufs Publikum überspringen. Ein guter Alvaro Dominguez, der ohne Spielpraxis einen famosen Auftritt hinlegte, daneben ein abgeklärter Andreas Christensen, der natürlich heute auch nicht annähernd so gefordert war wie gegen Modeste letzen Samstag, und ein deutlich verbesserter Oscar Wendt - das war insgesamt eine richtig gute, laufstarke Mannschaftsleistung.

Jeder weiß, dass ein Trainerwechsel Kräfte freisetzen kann. Insofern war Lucien Favres Flucht vielleicht der Anstoß, den die Mannschaft gebraucht hat, um den Knoten zu lösen. Wissen werden wir das frühestens in einigen Wochen. Was wir aber jetzt schon wissen, ist, dass da immer noch zu 95 Prozent Favres Team auf dem Platz stand und gewann. Ich bin sicher, dass der Schweizer das Spiel heute am Fernseher verfolgt hat und sich über die gute Leistung und über den Dank der Fans gefreut hat.


Bundesliga 2015/16, 6. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - FC Augsburg 4:2 (23.9.15)
(Tore für Borussia: 1:0 Johnson, 2:0 Xhaka, 3:0 Stindl, 4:0 Dahoud)

Dienstag, 22. September 2015

Mann über Bord

Lucien Favres Amtszeit endet in einem Rätsel. Ich habe einen ganzen Tag gebraucht, um mich zumindest ansatzweise von der Rücktrittsnachricht zu erholen. Glauben und verstehen kann ich es immer noch nicht. Der Trainer, der uns aus dem ewigen Abstiegssumpf gezogen hat, springt über Bord und stößt die von überall zugeworfenen Rettungsringe zur Seite, statt zuzugreifen. Aber ich, und wir alle, müssen das akzeptieren und dürfen uns die Erinnerung an die tolle Zeit mit ihm nicht durch Bitterkeit über diesen Abgang vergiften lassen.

Also muss es zuallererst heißen: Danke Lucien, für die unvergleichlichen Jahre, die du uns mit deiner Fußballphilosophie erfreut und einem gebeutelten Verein und seinen Fans den Stolz und den Glauben an die eigene Stärke zurückgegeben hast!

Ja, der Paukenschlag zum Schluss - auch das ist Lucien Favre. Ein Mensch, dem der Jubel über die eigene Person merklich Unbehagen bereitet. Der an sich zweifelt, wenn es nicht läuft. Der ohne Rücksicht auf Verluste konsequent sein kann. Das hat er am Sonntag bewiesen, als er allen Treueschwüren und Umarmungen zum Trotz für sich die Reißleine zog und dabei offenbar keinen Blick mehr für sein Umfeld hatte. Vielleicht gibt es aber auch noch andere Gründe dafür, die ihn zu diesem Schritt getrieben haben - vielleicht war die Borussia-Welt ja intern nicht so heil, wie sie nach außen schien. Bisher haben wir dazu ja nur die Sicht des Vereins gehört. Ich weiß es nicht, ich kann nichts ausschließen und deshalb werde ich Lucien Favre für seinen seltsamen Rückzug auch nicht verurteilen. Ich bin nur traurig und ernüchtert.

Dass es Rückschläge geben würde und nicht immer so steil nach oben weitergehen würde, wie es die eindimensionalen Berichte mancher Sportreporter vorgaukeln, war jedem vernünftigen Fan klar. Ein Apfelbaum, der sich in einem Jahr unter der Last der Früchte biegt, muss manchmal schon im nächsten Erntejahr eine Erholungspause einlegen und hat dann nur ein paar mickrige Äpfelchen zu bieten. Genauso kann es in der Bundesliga jedem Verein ergehen, es sei denn, er heißt Bayern München. Also ist es auch für Gladbach keine Schande, wenn diese Saison neben der süßen Champions-League-Teilnahme vor allem Magerkost bieten würde. Da haben wir doch schon weit Schlimmeres erlebt, das kann einen Borussen nicht umwerfen. Dass wir das so sehen, das hat Lucien Favre in den viereinhalb Jahren mit uns aber nicht ausreichend verstanden oder nicht ernst genug genommen.

Was bleibt, ist ein schaler Beigeschmack, ein Kater nach einer rauschenden Feier. Dass er grußlos in die Nacht verschwindet und von uns nicht mal anständig verabschiedet werden kann, hat sich Lucien Favre selbst eingebrockt. Aber er hat es nicht verdient, genausowenig wie der Verein und wir Fans. Nun ist es aber eben so. Es hat keinen Sinn, sich an Vergangenes zu klammern. Und die Zukunft hat bereits begonnen. Der souveräne Auftritt von Max Eberl heute in der Pressekonferenz zeigt mir, dass Borussia eine neue Lösung finden wird, die der schwierigen Situation gerecht wird. Halten wir Kurs! Damit Lucien Favres Opfer am Ende nicht umsonst gewesen ist.