Montag, 28. September 2015

Sehr einverstanden

Ich bin einverstanden. Einverstanden mit dem Spiel in Stuttgart, auch wenn es doch gerade in der zweiten Halbzeit viele Nerven gekostet und ordentlich Glückes bedurft hat, die wichtigen drei Punkte mitzunehmen. Wenn es nur einer geworden wäre, wäre ich daher auch noch einverstanden gewesen.

Sehr einverstanden bin ich mit der Art, Fußball zu spielen. Es ist nicht so weit von Favres Fußball entfernt, nur direkter, nicht so abwartend und langwierig, bis die entscheidende Szene kommt, sich in der Abwehr des Gegners das Loch für den "tödlichen Pass" öffnet. Sehr sehr sehr einverstanden bin ich mit dem phasenweise sehr intensiven frühen Pressing, das die Gegner von Borussia überhaupt nicht mehr gewohnt sind. Und da in vielen Mannschaften (auch in unserer) die Abwehrreihen verwundbar sind, wenn man sie gut anläuft, ist das ein erfolgversprechendes Stilmittel, das mir beim VfL unter Favre deutlich zu kurz kam.

Überhaupt nicht einverstanden bin ich mit den Elfmeterentscheidungen, die sich in Spielen des VfL schon langsam zum running gag entwickeln. Ich weiß, das muss man nicht so sehen wie ich, aber ich finde es fatal, was diese Saison schon alles an (Nicht-)Elfmetern (nicht nur gegen Borussia) gepfiffen worden ist. Ein Strafstoß ist wohl neben dem Platzverweis die schärfste Bestrafung im Fußball und sie hat aus meinem Verständnis den Sinn, entsprechend hart zu ahnden, dass zuvor eine klare Torchance verhindert wird. Inzwischen werden viel zu viele Elfmeter verhängt. Und zu oft wird wegen leichtem, teils sogar vom Stürmer gewollten Körperkontakt gepfiffen (siehe die Auflauf-Elfmeter von Bayerns Costa gegen Augsburg, Augsburgs Koo gegen uns oder der Fallsüchtige aus Sevilla, der sich bei Yann Sommer eingehakt hatte) oder für "angeschossene Handspiele", die aus kurzer Entfernung kein Verteidiger verhindern kann. Damit kann ich mich nicht anfreunden, genausowenig wie mit der Elfmeterszene in Stuttgart: Wenn Daniel Didavi uneingeschränkt zum Torschuss kommt, also dabei nicht behindert wird und erst nach dem Schuss vom Gegner, der eindeutig Richtung Ball ging, getroffen wird, muss man aus meiner Sicht keinen Elfmeter geben.

Aber egal wie ich das finde, die Entscheidungen fallen momentan so gegen uns. Das Ärgerliche daran ist, dass durch diese Einflussnahme der Schiedsrichter jetzt zweimal hintereinander gegnerische Mannschaften wiederbelebt wurden, die bis dahin mausetot schienen - vom Verlauf des Sevilla-Spiels mal ganz abgesehen.

Bei aller Freude: Die sechs Punkte aus den vergangenen beiden Spielen, von denen wir zu Beginn der vergangenen Woche ja kaum zu träumen wagten, dürfen niemanden darüber hinwegtäuschen, dass auch die so frei aufspielende Mannschaft jede Menge Fehler gemacht hat - naturgemäß auch in und vor den Elfmeterszenen. Zum Glück blieben sie sowohl von Augsburg als auch vom VfB ungenutzt, das muss gegen andere Gegner nicht so bleiben.  Darf es aber natürlich gern.

Bundesliga 2015/16, 7. Spieltag: VfB Stuttgart - Borussia Mönchengladbach 1:3 (26.9.15)
(Tore für Borussia: 0:1 Xhaka, 0:2 Eigentor Gentner (Kopfball Herrmann), 1:3 Raffael)


Donnerstag, 24. September 2015

Mit den Puppen gespielt

Endlich die ersten Punkte der Bundesligasaison. Und das mit einer Leistungsexplosion, die uns das Leid der vergangenen Wochen wie ein Tornado von der Seele gefegt hat. Die erste halbe Stunde war wie das energische Abschütteln eines schweren Ballasts. Fabian Johnsons Schuss zum 1:0 habe ich vor dem Fernseher sowas von ins Tor geschrien - so laut, dass es noch im Nachbarort zu hören gewesen sein muss.

War dann also doch alles gar nicht so schlecht und so falsch, was sich in dieser Woche rund um den Borussia-Park abgespielt hat?

Na ja, nüchtern betrachtet hat der VfL das Spiel schon in den ersten 20 Minuten gewonnen, weil André Schuberts wohldurchdachte Taktik den Gegner vollkommen überrumpelt hat. Das frühe aggressive Pressing, das ich mir so oft unter Favre als eine taktische Möglichkeit gewünscht habe, Entschlossenheit und ein bisschen Glück im Abschluss - damit war Augsburg früh geknackt.
Dass so ein kraftraubendes, dominierendes Spiel nicht über die ganze Spielzeit durchgehalten werden kann, erklärt den Durchhänger in der Mitte des Spiels. Dort spielten sicher auch die frühen Wechsel eine Rolle, mit denen Schubert unnötiges Risiko bei den gerade genesenen Johnson und Herrmann und dem rotgefährdeten Granit Xhaka vermeiden wollte. Letztlich war es aber ein sicherer Sieg gegen biedere Gäste aus der Augsburger Puppenkiste, die Borussia heute wenig entgegenzusetzen hatten.

Die beiden lächerlichen Elfmeter, mit denen der Schiedsrichter die Augsburger wieder ins Spiel bringen wollte, haben mich dennoch fürchterlich aufgeregt. Auch weil diese Saison einfach schon zu viele Fehlentscheidungen gegen unsere Mannschaft gefallen sind.
Aber dieser ergebnistechnische Dämpfer hat auch sein Gutes, denn bei einem glatten 4:0 oder gar 6:0 wäre die Gefahr deutlich größer, dass Spieler und Fans das nächste Spiel wieder zu leicht nehmen, nach dem Motto: Geht doch! Diesen Fehler sollte keiner machen, denn Stuttgart wird besser vorbereitet sein als die Fuggerstädter.

Natürlich ist es nach einem Spiel zu früh, den Effekt des kuriosen Trainerwechsels zu bewerten. Aber André Schuberts positive Art, die Dinge anzugehen, war für die Mannschaft offenbar befreiend. Selten hat man einen Julian Korb so mutig (und erfolgreich) ins offensive Eins-gegen-Eins gehen sehen. Lars Stindl, im Spiel gegen den HSV noch ein Schatten seiner selbst, zeigte sich selbstbewusst. Wohl auch, weil er - von Favres engen Vorgaben befreit - spielen durfte, was er am besten kann. Xhaka, Raffael und besonders Mo Dahoud lenkten das Spiel exzellent, das kompromisslos-kämpferische Zweikampfverhalten ließ den Funken sofort aufs Publikum überspringen. Ein guter Alvaro Dominguez, der ohne Spielpraxis einen famosen Auftritt hinlegte, daneben ein abgeklärter Andreas Christensen, der natürlich heute auch nicht annähernd so gefordert war wie gegen Modeste letzen Samstag, und ein deutlich verbesserter Oscar Wendt - das war insgesamt eine richtig gute, laufstarke Mannschaftsleistung.

Jeder weiß, dass ein Trainerwechsel Kräfte freisetzen kann. Insofern war Lucien Favres Flucht vielleicht der Anstoß, den die Mannschaft gebraucht hat, um den Knoten zu lösen. Wissen werden wir das frühestens in einigen Wochen. Was wir aber jetzt schon wissen, ist, dass da immer noch zu 95 Prozent Favres Team auf dem Platz stand und gewann. Ich bin sicher, dass der Schweizer das Spiel heute am Fernseher verfolgt hat und sich über die gute Leistung und über den Dank der Fans gefreut hat.


Bundesliga 2015/16, 6. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - FC Augsburg 4:2 (23.9.15)
(Tore für Borussia: 1:0 Johnson, 2:0 Xhaka, 3:0 Stindl, 4:0 Dahoud)

Dienstag, 22. September 2015

Mann über Bord

Lucien Favres Amtszeit endet in einem Rätsel. Ich habe einen ganzen Tag gebraucht, um mich zumindest ansatzweise von der Rücktrittsnachricht zu erholen. Glauben und verstehen kann ich es immer noch nicht. Der Trainer, der uns aus dem ewigen Abstiegssumpf gezogen hat, springt über Bord und stößt die von überall zugeworfenen Rettungsringe zur Seite, statt zuzugreifen. Aber ich, und wir alle, müssen das akzeptieren und dürfen uns die Erinnerung an die tolle Zeit mit ihm nicht durch Bitterkeit über diesen Abgang vergiften lassen.

Also muss es zuallererst heißen: Danke Lucien, für die unvergleichlichen Jahre, die du uns mit deiner Fußballphilosophie erfreut und einem gebeutelten Verein und seinen Fans den Stolz und den Glauben an die eigene Stärke zurückgegeben hast!

Ja, der Paukenschlag zum Schluss - auch das ist Lucien Favre. Ein Mensch, dem der Jubel über die eigene Person merklich Unbehagen bereitet. Der an sich zweifelt, wenn es nicht läuft. Der ohne Rücksicht auf Verluste konsequent sein kann. Das hat er am Sonntag bewiesen, als er allen Treueschwüren und Umarmungen zum Trotz für sich die Reißleine zog und dabei offenbar keinen Blick mehr für sein Umfeld hatte. Vielleicht gibt es aber auch noch andere Gründe dafür, die ihn zu diesem Schritt getrieben haben - vielleicht war die Borussia-Welt ja intern nicht so heil, wie sie nach außen schien. Bisher haben wir dazu ja nur die Sicht des Vereins gehört. Ich weiß es nicht, ich kann nichts ausschließen und deshalb werde ich Lucien Favre für seinen seltsamen Rückzug auch nicht verurteilen. Ich bin nur traurig und ernüchtert.

Dass es Rückschläge geben würde und nicht immer so steil nach oben weitergehen würde, wie es die eindimensionalen Berichte mancher Sportreporter vorgaukeln, war jedem vernünftigen Fan klar. Ein Apfelbaum, der sich in einem Jahr unter der Last der Früchte biegt, muss manchmal schon im nächsten Erntejahr eine Erholungspause einlegen und hat dann nur ein paar mickrige Äpfelchen zu bieten. Genauso kann es in der Bundesliga jedem Verein ergehen, es sei denn, er heißt Bayern München. Also ist es auch für Gladbach keine Schande, wenn diese Saison neben der süßen Champions-League-Teilnahme vor allem Magerkost bieten würde. Da haben wir doch schon weit Schlimmeres erlebt, das kann einen Borussen nicht umwerfen. Dass wir das so sehen, das hat Lucien Favre in den viereinhalb Jahren mit uns aber nicht ausreichend verstanden oder nicht ernst genug genommen.

Was bleibt, ist ein schaler Beigeschmack, ein Kater nach einer rauschenden Feier. Dass er grußlos in die Nacht verschwindet und von uns nicht mal anständig verabschiedet werden kann, hat sich Lucien Favre selbst eingebrockt. Aber er hat es nicht verdient, genausowenig wie der Verein und wir Fans. Nun ist es aber eben so. Es hat keinen Sinn, sich an Vergangenes zu klammern. Und die Zukunft hat bereits begonnen. Der souveräne Auftritt von Max Eberl heute in der Pressekonferenz zeigt mir, dass Borussia eine neue Lösung finden wird, die der schwierigen Situation gerecht wird. Halten wir Kurs! Damit Lucien Favres Opfer am Ende nicht umsonst gewesen ist.

Sonntag, 20. September 2015

Fast zu null

Prolog: Als ich am Samstagabend damit begann, meinen Text zur Derbyniederlage zu schreiben, ahnte ich, wie wohl alle Borussiafans, nichts davon, was einen Tag später passieren würde. Heute Abend nach der Arbeit wollte ich meinen Text fertigstellen, der aufzeigen sollte, wo sich die Mannschaft in den vergangenen Spielen verbessert hatte, damit deutlich wird, dass es nicht mit einem Fingerschnipps alles gut wird, aber auch kein Grund besteht, Panik zu bekommen. Seit Sonntag 19.21 Uhr ist das überholt, denn jetzt ist alles anders, es gibt eine ganz neue Situation. 

Es ist nicht meine Sache, von hier aus über die Gründe zu spekulieren, die Lucien Favre zu seinem Rücktritt (offenbar gegen den Willen des Vereins) getrieben haben. Ich möchte es jetzt auch nicht bewerten, weil ich die Hintergünde nicht kenne. Ich bin Lucien Favre so dankbar für die vergangenen Jahre, die mich nach Jahrzehnten des beständigen Misserfolgs endlich mal wieder mit erfolgreichem Fußball verwöhnt haben. Aber gerade deshalb bin ich jetzt leer und enttäuscht und frage mich nur: Warum?   

Hier ist also mein (nicht mehr bis ins Letzte ausgefeilte) Text vom Samstagabend, nur noch leicht ergänzt:

Ich halte mich nicht damit auf, dass das heute eigentlich "nominell" ein Derby war, mitunter eins der beiden wichtigsten Spiele im Saisonverlauf eines Borussen. Derbystimmung kam weder auf noch neben dem Platz auf, dafür gab es viele vertretbare und nachvollziehbare Gründe. "Nominell" steht ja beim VfL auch noch fast die gleiche Mannschaft auf dem Platz wie in der Rückrunde der vergangenen Runde - zu merken ist davon aber bekanntlich nicht allzuviel.

Also belassen wir es dabei, dass heute einfach wieder drei Bundesliga-Punkte abgegeben wurden, nicht mehr und nicht weniger. Und weil so viele eigene Fans in den sozialen Medien ihren Frust an Favre, Eberl und der Mannschaft abarbeiten, will ich mich darauf konzentrieren, das herauszustreichen, was sich im Vergleich zu den Spielen vorher verbessert hat.

Natürlich steht im Mitelpunkt der Kritik die Offensivleistung, bei der unter dem Strich erneut keine einzige wirklich hochkarätige Torgelegenheit zu notieren war. Das reicht nicht für einen Sieg, "das ist klar", würde Favre sagen. Aber für einen Punkt hätte es reichen müssen.
Positiv war, dass der von vielen schon als Fehleinkauf abgestempelte Josip Drmic mal 90 Minuten auf dem Feld stehen durfte. Nur dann ist es nämlich auch fair, seine Leistung zu bewerten. Und die war zwar unauffällig, aber keineswegs schlecht. In zwei, drei Situationen zeigte der Schweizer, dass er sich im eins gegen eins durchaus durchzusetzen versteht und den Mut und das Können hat, bei einem schnellen (!) Konter eine Abwehr auch mal zu überlaufen. Das Problem ist: Das hat die Mannschaft noch nicht verstanden, sie geben ihm diese steilen Bälle nicht.
Das Gladbacher Spiel nach vorne ist noch immer zu kompliziert, zu langsam und fehlerhaft - aber nicht mehr so fehlpassanfällig wie in den Spielen zuvor. Auch Raffael, noch immer nicht gut, hat sich stabilisiert, wenn auch auf bescheidenem Niveau.
Aber solange die Bälle auf den Flügeln zu langsam verschoben werden, gibt es keinen Raum für gute Flanken und auch nicht für gelungene Kombinationen. Nach der Halbzeit bis zum Gegentor schien es so, als könnten die Borussen das Spiel in dieser Beziehung besser in den Griff bekommen, doch das war nicht von langer Dauer.

Für mich war Drmic heute nach vorne ein Lichtblick, sagen wir lieber Hoffnungsschimmer, auch wenn er nicht zum Erfolg oder wenigstens zum erfolgversprechenden Abschluss kam.
Die deutlichsten Fortschritte waren aber in der Abwehr zu sehen, wo diesmal zwar wieder ein individueller Fehler zum entscheidenden Gegentor führte, dem Gegner darüber hinaus aber fast keine andere Torgelegenheit geboten wurde. Obwohl er etwas überraschend in der Startelf stand, und beim 0:1 zu spät kam, fand ich Andreas Christensen über die gesamte Spielzeit sehr präsent und gut. 
Mit Xhaka und Dahoud war die Zentrale erstmals auch spielerisch angemessen besetzt, wobei der junge Deutsch-Syrer mir sogar noch besser gefiel, weil er den Ball mehr forderte, sich mehr anbot und auch mehr schnelle Bewegung mitbringt als Xhaka, dem man die Vorsicht, ausgelöst durch die Misserfolge der vergangenen Wochen, noch ziemlich anmerkte. Doch auch bei ihm kommen die Pässe langsam wieder besser und präziser.


Bundesliga 2015/16, 5. Spieltag: 1. FC K*** - Borussia Mönchengladbach 1:0 (19.9.15)
 

Mittwoch, 16. September 2015

Hoffnung im Sturzflug

Was für eine Enttäuschung zum Comeback in der europäischen Königsklasse. Borussia hat natürlich verdient verloren, da gibt es keine zwei Meinungen. Aber wenn im dritten Aufeinandertreffen mit einem Verein innerhalb eines Jahres zum dritten Mal der Schiedsrichter die Weichen für den Sieg des FC Sevilla stellt, dann ist das einfach nur frustrierend und macht wütend. Auch wenn Gladbach mit Glück und viel Einsatz das 0:0 in die Halbzeit rettete und Sevilla da schon hätte führen müssen - erst der lächerliche Elfmeterpfiff gegen Yann Sommer brachte die keineswegs so sicheren Gastgeber auf die Siegerstraße.

Wieder ging gegen die Borussia die schäbige Taktik der Spanier auf. Der "gefoulte" Vitolo war schon in der ersten Halbzeit durch eine dreiste Schwalbe aufgefallen, für die er vehement einen Elfer gefordert hatte. So wie eigentlich bei jedem Kontakt im Strafraum des VfL entweder Handspiel oder Foulspiel eines Gladbachers reklamiert wurde - ohne Grundlage. Offenbar aber mit der richtigen Langzeitwirkung auf den Schiedsrichter, der in der zweiten Halbzeit dankbar auf die erstbeste Flugeinlage reinfiel. Nicht sein einziger Fehler in diesem Spiel, aber der gravierendste.

Mit dem 0:1 brach das ohnehin fragile Mannschaftsgebilde in sich zusammen. Völlig unverständlich, wie leicht Borussia sich immer wieder ausspielen ließ, wie ungeschickt ein so erfahrener Verteidiger wie Roel Brouwers in den Zweikampf beim zweiten Elfmeter ging. Bezeichnend, wie der eher unglückliche dritte Elfer zustande kam, bei dem Jantschke zu spät kam. Und unfassbar, wie sich Yann Sommer Sekunden nach einer Weltklasseparade das Slapsticktor zum 0:3 einfing.

Wäre das alles, könnte man ja dennoch mit etwas Hoffnung ins Derby gegen Köln gehen. Doch was die Mannschaft über die 90 Minuten in Sevilla für ein Bild abgab, lässt Schlimmstes befürchten.

Ja, es gab Ansätze, es gab in der ersten Halbzeit trotz vieler Löcher in der Abwehr kein Gegentor. Doch bedenklich ist, dass die im vergangenen Jahr so ballbesitzbesessene und dominante Mannschaft sich ungeschickt, träge, ängstlich und fehlerhaft im Passpiel präsentiert. Es ist ernüchternd, wie sie nicht einmal ansatzweise in der Lage ist, einen Gegner zu beschäftigen oder ihn so unter Druck zu setzen, dass man die zweiten Bälle erobern kann. Wie sie Bälle blind aus der Abwehr herausdrischt und nicht in der Lage ist, eigene Konter zu setzen. Auch wenn immer mal wieder das individuelle Können aufblitzt -  im Moment erinnert mich Borussia an die Katastrophensaison, in der Lucien Favre schließlich zur Rettung kam.

Es gibt ohne den zuletzt gesperrten, aber bislang auch wenig überzeugenden Granit Xhaka keinen Spielgestalter (nur wenn Dahoud auf dem Feld ist, sieht man eine gewisse Ordnung im Aufbauspiel). Es gibt keine gefährlichen Szenen durch Stürmer. Das kann man den Angreifern am wenigsten vorwerfen, denn die gelernten Stürmer sitzen meist auf der Bank, bis das Spiel entschieden ist. Die, die Stürmer spielen dürfen, reiben sich auf. Die Außenstürmer (diesmal Traoré und Hahn) können ihre Stärken, die Schnelligkeit nicht ausspielen, weil es keine schnellen Angriffe gibt. Und wenn ein Stürmer, wie Drmic, kurz vor Ende eingewechselt wird, bekommt er noch nicht einmal die Möglichkeit, sich auszuzeichnen. Es gibt keine Schlussoffensive, keine Bälle auf die Stürmer, keine Brechstange. Es gibt gar nichts.

Keinerlei Gefahr nach vorne und eine wackelige Abwehr - spielt Borussia auch in Köln so, kommt der VfL auch dort unter die Räder. Das hätte ich vor einer Woche so noch nicht für möglich gehalten. Im Moment kann man seine Hoffnung also nur darauf setzen, dass der Derbyfunke zündet und Extrakräfte freisetzt. Was bleibt einem auch anderes übrig?

Champions League, Gruppenphase, 1. Spieltag: FC Sevilla - Borussia Mönchengladbach 3:0
 (15.9.2015)

Montag, 14. September 2015

Hausverbot für Partycrasher

Die Bild titelt: "Fliegt Borussia hier zur nächsten Pleite?". Andere Zeitungsberichte sehen "Gladbach am Boden", "Experte" Effenberg prophezeit uns eine schwere Zukunft und die ersten Fans verlieren schon die Nerven. Mancher ist sich noch nicht mal zu blöd, nach vier Spieltagen schon den Rauswurf von Trainer oder Sportdirektor zu fordern und rumzujaulen, weil die Neuzügänge noch keine zehn Tore auf dem Konto haben. Und mancher Fan von den Teams, die letzte Saison (verdient) hinter dem VfL geblieben waren, würden uns liebend gern schon vor dem Anpfiff von der Champions League wieder abgemeldet sehen - natürlich "im Interesse des deutschen Fußballs", der sich ja sonst blamieren könnte.

Sagt mal, geht's eigentlich noch?

Ich habe keine Lust, diese Spielchen mitzumachen. Ich weiß, was die Mannschaft kann und ich weiß, dass sie sich an den Aufgaben steigern kann und wird. Ich lasse mir die Freude auf die Champions-League-Party, das erste Spiel der Borussen in der Königsklasse überhaupt, jedenfalls von keinem kaputtmachen. Lange genug habe ich darauf gewartet - und nicht nur ich.
Ja, der Saisonstart war gruselig, die Leistungen nicht durchweg, aber überwiegend zu schwach für höhere Ansprüche. Aber genauso wie letzte Saison nicht alles gut war, was mit Punkten belohnt wurde, ist jetzt nicht alles schlecht, nur weil nichts Zählbares dabei herausgesprungen ist. Sevilla ist ein Gegner, den wir vor wenigen Monaten schon einmal hart an der Niederlage hatten. Und die Rechnung gegen die Zeitspieler und Treter aus Andalusien ist noch offen, das ist doch schon Motivation genug. Schneller, dominanter, mutiger spielen, dazu die dummen Fehler aus den ersten Spielen vermeiden - das ist machbar, das ist kein Hexenwerk. Einen Scheiß auf das Verletzungspech, einen Scheiß auf den Fehlstart - jetzt gilt es.



Und bis das Spiel mich nicht eines Besseren (oder schlechteren) belehrt hat, glaube ich an einen tollen Champions-League-Abend. Und das lasse ich mir nicht madig machen, weil ich Vertrauen in die Mannschaft habe. Ich glaube an die "Alten", die in der Vorsaison gezeigt haben, wozu sie als Team fähig sind. Ich glaube an die, die in der entscheidenden Phase nur Zuschauer waren, weil es kein Reinkommen mehr gab in die erfolgreiche Startelf. Und ich glaube an die Neuen, die ihre Visitenkarten aus den alten Vereinen vorzeigen können. Dass Lucien Favre oder Max Eberl panisch oder ratlos sind, konnte ich auch nirgends erkennen.

Also mache ich das, was ich als Borussen-Fan seit meinem 6. Lebensjahr mache. Ich glaube, dass die es packen, egal wie es von außen aussieht. Und so sollte es jeder halten, der die Raute im Herzen trägt. Das dumme Geschwätz überlassen wir anderen - wir glauben an unsere Mannschaft, an den Trainer und an alle, die sich für Borussia den Arsch aufreißen! Die Seele brennt...

Samstag, 12. September 2015

Geschenkemeister

Dass sich der HSV nach dem 3:0-Coup im Borussia-Park feiern lässt, ist ihm nach den vielen Nackenschlägen und der über ihm ausgegossenen Häme in der Vergangenheit nicht übel zu nehmen. Doch so gut, wie er sich selbst sah und wie ihn der Schwätzer Wolf-Christoph Fuß bei Sky machte, war er längst nicht. Gut waren die Hamburger darin, die Geschenke von Jantschke und Co in drei Tore zu verwandeln, ganz gut standen sie ansonsten in der eigenen Hälfte gegen eine überwiegend behäbig vorgehende Borussen-Offensive. Der HSV, der sich in den vergangenen zwei Jahren in den Spielen gegen Gladbach vorgestellt hatte, war aus meiner Sicht spielerisch deutlich besser als die Mannschaft, die uns heute endgültig in die Herbst-Depression schoss.

Das macht allerdings für uns nichts besser, im Gegenteil. Wenn selbst gegen so einfallslose und mittelmäßig-biedere Teams wie Bremen und den HSV am Ende nichts herausspringt, muss man sich wirklich Sorgen machen.

Sorgen macht auf jeden Fall die löchrige Abwehr, der Martin Stranzl bis zu seiner bitteren Verletzung zwar sichtbar Orientierung gab. Doch auch er konnte die Gegentore nicht verhindern. Das Problem liegt aber woanders, gerade nicht bei dem jungen Marvin Schulz, der diesmal auf der Bank blieb, sondern bei gestandenen Spielern wie etwa Roel Brouwers, Tony Jantschke und Oscar Wendt, die sich veritable Formkrisen gönnen. Letzterer steigerte sich zwar im Spiel nach vorne, in der Rückwärtsbewegung lässt er aber einfach zu viel zu - wie vor dem Eckball zum 0:2, als er den Flankengeber wieder nur auf seinem Weg an der Linie begleitete und die Flanke zuließ, die Stranzl dann ins Aus klären musste. Jantschke steht bei allem Einsatz in entscheidenden Szenen ziemlich neben sich, Brouwers lässt seine gewohnte Routine in vielen Szenen vermissen. Und dass Harvard "Nordfights" Ellenbogen den gerade genesenen Kapitän Stranzl unfreiwillig gleich wieder ins Krankenhaus beförderte, passt ins gruselige Bild eines verkorksten Saisonbeginns.

Sorgen macht aber auch das Spiel nach vorne. Langsam, ohne Druck wird der Ball hin und her und viel zu oft wieder nach hinten geschoben, keine Mannschaft in der Bundesliga hat Probleme damit, solche Angriffsbemühungen zu kontrollieren und den Gegner vom eigenen Tor wegzuhalten.
Umgekehrt kommt Borussia so fast nie in gute Abschlusssituationen, und wenn man über den Flügel doch mal durchkommt, ist in der Mitte kein Abnehmer.
Während man sich hinten durch das frühe Anlaufen der pressenden Stürmer durchaus beeindrucken lässt, nutzt Borussia selbst dieses Mittel nur unzureichend. Sowohl Bremen als aus der HSV haben Abwehrketten, die unter Druck Fehler über Fehler produzieren. André Hahn hat das in einigen Szenen heute offengelegt, Torwart Drobny zum Beispiel brachte unter Druck keinen Ball zum eigenen Mann. Aber es fehlt die Konsequenz, diese Aggressivität auf die gegnerischen Abwehrspieler hoch zu halten und sie ihrerseits zu Fehlern zu zwingen.  

Nein, hier passt einiges nicht, und es scheint auch nicht hilfreich zu sein, dass Lucien Favre von Woche zu Woche mit einigen Borussen das Spiel "Such die Idealposition" spielt. Stindl war auch über rechts heute keine Waffe, auch Hazard hat mir in der Mitte besser gefallen. Dass Jantschke heute auf der Sechs aushelfen musste, sehe ich noch ein, doch die ersten Minuten zeigten, dass die Zusammenstellung mit Nordtveit anfangs ein völliger Rohrkrepierer war. Keiner von beiden war im Spielaufbau vorhanden, sämtliche Angriffe mussten von Stranzl und noch schlimmer, über Roel Brouwers, eingeleitet werden, weil sich keiner der Mittelfeldstrategen in Xhaka-Manier mal nach hinten fallen ließ und von dort aus den Spielzug eröffnete. Das macht selbst einem mittelmäßigen Gegner das Pressing einfach. Indirekt fiel aus dieser Lethargie heraus auch das 0:1, das den VfL heute sichtlich anknockte. Daran änderte sich nach gut 25 Minuten etwas, vor allem Nordtveit schwang sich etwas mehr zum Spielgestalter auf. Doch erst mit der Einwechslung von Mo Dahoud kam, wie schon in Bremen, auch auf dieser Position so etwas wie gepflegte Spielkultur auf.

Raffaels Platz müsste derzeit auf der Bank sein. Zu oft wählt er im Spiel die falsche Lösung, rennt in drei Gegner rein, anstatt den Pass zu spielen, spielt quer oder hält den Ball, wenn es schnell gehen müsste oder verliert Bälle, die zu gefährlichen Gegenstößen oder gar Gegentoren führen. Der feine Fußballer Raffael geht derzeit durch ein Tief, und er ist von der Körpersprache keiner, der dem Team im Moment auf dem Platz hilft. Aber er belegt einen Startelfplatz, der im Moment möglicherweise besser besetzt werden könnte.

Zu kritisieren, wie Lucien Favre aufstellt oder ob Max Eberl nur Nieten eingekauft hat, ist müßig. Das Verletzungspech ist auch etwas, was man zwar anführen kann, was aber die Mannschaft ebensowenig weiterbringt.
Was Borussia jetzt braucht, ist Teamgeist und der unbändige Wille, das Spielglück wenn nötig zu erzwingen. Die gehörige Portion Wut sollte sich ja inzwischen angestaut haben, um am Dienstag mit unbändigem Einsatz, zähem Verteidigen und schnellem Konterspiel den Grundstein für die Wende in der noch jungen Saison zu legen. Gegen Sevilla haben unsere Jungs vor ein paar Monaten auf Augenhöhe gespielt,  sie waren spielerisch besser und haben doch verloren, weil die Spanier cleverer waren.
Vielleicht führt deshalb jetzt die einfache Taktik aus der Anfangszeit Favres in Gladbach wieder in die Spur: Hinten dicht und dann schnelle Konter setzen. Daraus muss man im Moment wohl seine Hoffnung schöpfen. Alles andere wäre bei der Fehlerquote des Teams im Moment vermessen.

Bundesliga 2015/16, 4. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - Hamburger SV 0:3 (11.9.15)