Sonntag, 29. November 2015

Ein Remis für die Moral

Unentschieden in Hoffenheim. Jahrelang wäre das für Borussia eine gute Nachricht gewesen, schließlich ist gegen kaum eine andere Mannschaft die Bilanz so mau wie gegen den Hoppschen Retortenklub. In der vergangenen Saison gelang überhaupt erst der erste Sieg in Sinsheim, und gegen den derzeitigen Tabellenletzten konnte man dann doch auch diesmal die drei Punkte einplanen, oder?
Am Ende stand ein verdientes, aber nicht selbstverständliches Unentschieden in einem von beiden Seiten rassig geführten, tollen Fußballspiel. Und das war für mich sehr zufriedenstellend - weil zum Fußball einfach mehr gehört als Tabellenplätze gegeneinander zu stellen und zur Beurteilung einer Leistung mehr als der Blick auf das nackte Endergebnis.

Hoffenheim, das muss man einfach neidlos anerkennen, verstand es in diesem Spiel, die Lücken zu nutzen, die die Hintermannschaft des VfL schon gegen Hannover und Sevilla offenbarte. In allen drei Spielen ließen die Borussen viel zu viele Top-Chancen des Gegners zu. Das ging zweimal gut, diesmal nicht - weil die TSG die Chancen effizient zu nutzen verstand. Beim ersten Gegentor stimmte die Aufteilung beim Eckball nicht und auch Torwart Yann Sommer verschätzte sich - ein zu leichtes Gegentor. Beim zweiten war Glück mit im Spiel, weil Polanskis eher harmloser Schuss unhaltbar abgefälscht wurde. Dennoch war der Treffer gut herausgespielt. Das dritte Gegentor war ein halbes Eigentor, da Stindls unfassbarer Fehlpass in den eigenen Strafraum natürlich eine Einladung für jeden Gegner ist.
Dennoch: Gladbach hat auch dieses Spiel nicht verloren, trotz der genannten Unzulänglichkeiten in der Defensive. Trotz schwerer Beine nach dem Fight gegen Sevilla, die sicher nicht leichter wurden, als Hoffenheim die frühe Führung umdrehte und es sofort nach dem Wiederanpfiff plötzlich 1:3 stand. Borussia verlor nicht den Faden, spielte ruhig und abgeklärt weiter, mit mehr Risiko und eindrucksvoller Passqualität und Spielfreude. Und das ist, was zählt.
Es gibt also keinen Grund, die Mannschaft zu kritisieren: Sie hat ein erstklassiges Spiel abgeliefert (wieder unter erschwertten Bedingungen), sich am Ende mit dem verdienten Ausgleich belohnt und nebenbei auch den Unbesiegbarkeitsnimbus unter André Schubert gewahrt. Den wird uns aller Voraussicht nach in der kommenden Woche die Übermannschaft FC Bayern rauben, aber eben nicht die Stevens-Truppe und auch nicht der wieder mal negativ auffällige Schiedsrichter Weiner, der dem VfL zwei klare Elfmeter versagte (nachdem er Borussia schon bei seinem letzten Auftritt im Heimspiel gegen Augsburg richtiggehend verpfiffen hatte).

Mann des Tages war unzweifelhaft Fabian Johnson, und er hat es verdient, sich durch die beiden schönen Tore auch mal für alle sichtbar in den Vordergrund gespielt zu haben. Denn was der Kerl für die Mannschaft läuft, an Löchern in der Defensive stopft und darüber hinaus auch noch an vielen gefährlichen Szenen vor dem gegnerischen Tor beteiligt ist, das ist schon außerordentlich. Es fällt aber nicht jedem Zuschauer auf, weil er nicht der Mann der spektakulären Szenen, sondern der der kleinen Balleroberung und der "Angriffszerstörung" ist. Bislang hatte sich der frühere Hoffenheimer vor dem Tor trotz häufiger guter Chancen nicht unbedingt als abschlussstark erwiesen, doch zuletzt bewies er mit Toren gegen Turin, Sevilla und eben an diesem Samstag den Killerinstinkt eines Vollblutstürmers. Also richtet sich das Rampenlicht nun völlig zurecht auch mal auf ihn.

Ebenfalls erwähnenswert: die mit den Wettkampfminuten ansteigende Leistungskurve von Josip Drmic, der mit seiner neuen Rolle auf dem Flügel Selbstvertrauen tankte. Gegen Hoffenheim spielte er nicht nur wieder sehr konzentriert und fügte sich gut in den Kombinationsfußball der Borussia ein. Es gelang ihm nach der Umstellung in der zweiten Halbzeit als "richtiger Stürmer" auch endlich das ersehnte erste Tor. Darauf kann man aufbauen (ich glaube, ich schrieb ähnliches schon vor dem Hannover-Spiel). Großen Anteil daran hat aber unzweifelhaft André Schubert, der die Mannschaft nicht nur geschickt einstellt, sondern auch im Spiel durch gelungene Auswechslungen seinen Anteil an den guten Ergebnissen hat. Die Hereinnahme von Thorgan Hazard brachte in Sinsheim viel Schwung in  Borussias Angriff, und Drmic in der Spitze sorgte für deutlich mehr Durchschlagskraft vor dem Tor. Ähnlich gut wirkten sich Schuberts Wechsel auch gegen Hannover und Sevilla aus.
  
Dieses 3:3 gehört definitiv zu den Spielen, die eine Mannschaft reifen lassen, mehr als ein überlegener Sieg oder eine unglückliche Niederlage. Wenn man wie gestern eine richtig gute Partie abliefert, Nackenschläge wegsteckt und nach einem 1:3 gegen einen konterstarken Gegner noch den Ausgleich schafft, dazu noch mit blitzsauber herausgespielten Treffern: Da kann nur sagen: Hut ab vor dieser Willensleistung. Diese Mannschaft, so sieht es aus, ist intakt und gefestigt, jeder kämpft für den anderen und bügelt Fehler wieder aus. Zu sehen war das sehr gut nach dem Stindl-Fehlpass zum 1:3. Kein Vorwurf, sondern Aufmunterung und das klare Zeichen - es geht weiter, Jungs!

Wenn man mit dieser Einstellung, mit dem Vertrauen in die eigenen Stärke und dem Wissen um die vorhandenen Schwächen, das nächste Spiel angeht, mit einem ausverkauften Borussia-Park im Rücken - warum sollte da nicht auch gegen die Bayern etwas drin sein? Verlieren kann man ja eigentlich nichts: Alles andere als eine Niederlage wäre gegen die ungeschlagene Tormaschine aus München schon ein Riesenerfolg.


Bundesliga 2015/16, 14. Spieltag: TSG Hoffenheim - Borussia Mönchengladbach 3:3 (28.11.15)
(Tore für Borussia: 0:1 Johnson, 3:2 Drmic, 3:3 Johnson)

Donnerstag, 26. November 2015

Überfällig, auffällig und gefällig

Es ist geschafft. Nach fünf Anläufen in der ersten Champions-League-Gruppenphase in der Vereinsgeschichte hat der VfL den ersten Sieg eingefahren - und was für einen! Dreimal war man in diesem Jahr schon an den abgezockten, eklig bis unfairen Spaniern vom FC Sevilla gescheitert, im vierten Anlauf gelang nun endlich die Revanche, und die war hochverdient. Es war eine Fußball-Gala, wie man früher zu sagen pflegte. Auf jeden Fall ein richtig tolles Spiel mit Chancen auf beiden Seiten und endlich mal dem besseren Ende für Borussia.

Noch besser ist, dass die Schubert-Schützlinge es damit am letzten Spieltag auch noch immer selbst in der Hand haben, sich für die Euro League zu qualifizieren. Genau das war es doch, was wir uns als Fans nach der Auslosung dieser Hammergruppe gewünscht beziehungsweise als realistisches Ziel gesetzt hatten. Und nun ist es nur noch einen Schritt entfernt, trotz der Verletzungsseuche, die sich durch die Saison zieht, trotz des Fehlstarts und trotz aller anderen Widrigkeiten - etwa einem Schiedsrichter, der am Mittwoch in der zweiten Halbzeit plötzlich eine seltsame Einseitigkeit pro Sevilla an den Tag legte.
Natürlich muss man zugestehen, dass auch dieses Spiel wohl verloren gegangen wäre, hätte Sevilla seine vielen großen Chancen so genutzt wie in den anderen drei Duellen mit Borussia. Umgekehrt wäre mit dem gleichen Argument zumindest in den Euro-League-Partien zu Jahresbeginn auch ein Gladbacher Sieg drin gewesen.
Egal, diesmal hat es geklappt, und neben Lars Stindl, einem sehr fokussierten Granit Xhaka, den für ihr Alter unheimlich abgezockten Mo Dahoud und Andreas Christensen und dem stets sicheren Rückhalt Yann Sommer hatte in diesem Spiel auch endlich Josip Drmic mal was zu lachen. Gegen Hannover schon mit ein paar sehr gelungenen Aktionen, lief es nach seiner frühen Einwechslung auf der für uns ungewohnten Position auf dem Flügel erstaunlich gut für ihn. Zwar kam er selbst nicht zum Abschluss, aber vor dem 1:0 war er wichtiger Flankengeber beziehungsweise Balleroberer, auch vor Johnsons Tor war er an dem Angriff beteiligt. Über die gesamte Zeit zeigte er eine engagierte, konzentrierte und gute Partie. Das Gladbacher Publikum hatte ein feines Gespür dafür und unterstützte ihn vorbildlich - das war schon bemerkenswert und sollte ihm weiter Auftrieb geben. Da Traoré gegen Hoffenheim wohl ausfällt, spricht nichts dagegen, dass er in "Hoppenheim" in der Startelf steht. Und die Chance hat er sich verdient.

Was Borussia angeht, fällt die Champions-League-Bilanz aus meiner Sicht sehr positiv aus. Zwei Niederlagen zu Beginn, davon eine sehr unglücklich und die andere angesichts der seltsamen Spielverlaufs "außer Konkurrenz. Dann zwei mehr als verdiente Unentschieden gegen eine der besten Mannschaften Europas, nun der grandios herausgespielte Sieg gegen Sevilla. Mehr kann man von einem Debütanten kaum erwarten. Und das nimmt uns auch keiner mehr.


Champions League, Gruppenphase, 5. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - FC Sevilla 4:2 (25.11.2015)
(Tore für Borussia: 1:0 Stindl, 2:0 Johnson, 3:0 Raffael, 4:1 Stindl)
 


Samstag, 21. November 2015

Glänzender Arbeitssieg

Puh, durchatmen. Das 2:1 gegen Hannover 96 war ein knapper, aber letztlich verdienter Sieg. Und vielleicht einer der wertvollsten der vergangenen Wochen, weil sich das geduldig durchgehaltene Spiel bis kurz vor Schluss am Ende dann auch ausgezahlt hat. Ein bisschen glücklich war es sicherlich, weil Hannover doch zu viele ziemlich gute Torchancen hatte, bei denen Yann Sommer aber auch seine Extraklasse mal wieder unter Beweis stellen konnte und musste.
So war es nach den vielen Glanzleistungen der vergangenen Monate fast schon so etwas wie erwartete Normalität, dass man den doch spielerisch deutlich unterlegenen Gegner niedergerungen hat. Unter dem Strich steht für mich aber ein sehr ordentliches Spiel gegen einen eng verteidigenden Gegner, der es - wie Ingolstadt - versuchte, über harte Zweikampfführung und einen unangenehmen Abwehrriegel den Gladbachern den Spaß am Kombinieren zu nehmen. Das gelang in der ersten Halbzeit noch ganz gut, in der zweiten Hälfte spielten sich Raffael und Co zunehmend frei und kamen auch zum Abschluss.
Nach der Siegesserie mit wahren Fußballfesten und der medialen Hysterie um die Einstufung von Interims-Dauer-Übungsleiter André Schubert muss man aber auch mal innehalten, die richtigen Schlüsse ziehen - und mit einem knappen, hart erkämpften Ergebnis zufrieden sein, das man als glänzenden Arbeitssieg bezeichnen kann.

Man darf schließlich eins nicht vergessen: Mit einer unglaublichen Energieleistung hat sich die Mannschaft nach dem Katastrophenstart wieder auf die vorderen Plätze gekämpft. Und das unter erschwerten Bedingungen: Im gesamten Saisonverlauf fielen immer wieder mehrere Stammkräfte gleichzeitig aus, musste das Team immer wieder neu zusammengestellt werden. Heute fehlten Dominguez, Stranzl, Hahn, Herrmann und der gesperrte Granit Xhaka - das ist die halbe Stammformation aus der vergangenen Saison. Und doch greift beim VfL derzeit ein Rädchen ins andere, ist es egal, wo ein Spieler aufgeboten wird - er bringt seine Leistung. Paradebeispiel ist Havard Nordtveit, der als Innenverteidiger, Sechser und auf der rechten Außenbahn souveräne Auftritte zeigte. Am Anfang der Saison unterliefen ihm noch haarsträubende Fehler im Aufbauspiel, er schien unsicher und nervös. Jetzt zeigt er wieder sein wahres Gesicht, sein Kämpferherz und ist bisweilen sogar torgefährlich.
Spieler des Spiels (neben Yann Sommer) war aber natürlich Ibo Traoré, der die Hannoveraner mit seinen unberechenbaren Dribblings heute ein ums andere Mal vorführte. Mit dem frechen Beinschuss gegen Nationaltorwart Zieler zum 1:0 krönte er seine tolle Leistung. Doch was wären diese Kabinettstückchen und grandiosen Läufe ohne Arbeitsbienen wie Fabian Johnson, Nordtveit, Wendt oder Korb, was wären sie ohne den Taktgeber Mo Dahoud, ohne den rackernden Lars Stindl, die kompromisslosen Jantschke und Christensen und den unvergleichlichen Raffael, der wieder einmal zur richtigen Zeit am richtigen Ort stand? Borussia 2015, das ist eine Mannschaft, die so schnell nichts mehr umwirft. Und das gibt ein gutes Gefühl, für das erste "Euro-League"-Endspiel gegen Sevilla und die nächsten Aufgaben.

Bundesliga 2015/16, 13. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - Hannover 96 2:1 (21.11.15)
 (Tore für Borussia: 1:0 Traoré, 2:1 Raffael)

Samstag, 7. November 2015

Steckengeblieben

Was fängt man mit einem solchen 0:0 an? Sind es zwei verlorene Punkte, weil ein Sieg uns an diesem Spieltag auf Platz drei hätten vorrauschen lassen? Ein Dämpfer zur richtigen Zeit, der wieder einmal zeigt, dass man im Kopf niemals nie auch nur eine Winzigkeit abschalten darf, auch wenn es gegen die vermeintlich leichteren Gegner in der Bundesliga geht?
Ich entscheide mich dafür, den Punkt als gewonnen zu verbuchen. Sicher wäre ein Sieg gegen den Bundesliga-Neuling FC Ingolstadt nach der Leistungssteigerung in der zweiten Halbzeit und angesichts einiger erstklassiger Torgelegenheiten verdient gewesen. Aber dass nach sechs Siegen am Stück gegen einen unangenehmen Gegner der Angriffswirbel auch mal steckenbleibt - das muss man manchmal einfach hinnehmen. Doch passiert ist nichts Schlimmes. Noch immer ist der VfL unter Schubert in der Bundesliga unbesiegt, wir sind in der Tabellenregion, wo wir hin wollten und dieses nervende Gequatsche von Interimstrainer-Rekorden hat auch endlich ein Ende.

Klar, solchen Fußball, wie ihn die Schanzer heute vorgeführt haben, braucht in der Bundesliga kein Mensch. Aber werden wir uns deshalb auf das Niveau des FC Bayern herunter begeben, die sich eine Überübermannschaft zusammenbasteln und sich dann darüber beklagen, dass die Gegner angesichts dieser Spielklasse sich lieber gleich am eigenen Strafraum eingraben? Nein, das sollten wir nicht tun.
Was die Ingolstädter heute im Borussia Park gezeigt haben, war in den Zweikämpfen oft eklig, in der provozierenden Art sehr ärgerlich, nerv- und zeitraubend - und schöner Fußball war es schon gar nicht. Aber es ist auch nicht verboten, seine Punkte für den Klassenerhalt auf diese Weise zu sammeln. Und auch wenn die Liga wieder einmal einen Schiedsrichter geschickt hatte, der mit einem solchen Spiel sichtbar nicht umgehen konnte: Raffael, Johnson und Hazard hatten es mit ihren Top-Chancen in der Hand, diesen Auftritt der Gäste aus eigener Kraft zu "bestrafen".

Dass Granit Xhaka das Spiel nicht regulär beenden würde, wurde schon in der Anfangsphase klar, als er sich in verbale Scharmützel mit dem Ingolstädter Morales einließ. In solchen Spielen wäre es schön, wenn ein Schiedsrichter unseren Kapitän auch mal gegen die durchaus auch von außen erkennbaren Provokationen der Gegner schützen würde. Doch der in den vergangenen Jahren erworbene Ruf eilt dem Schweizer zu seinem großen Nachteil voraus. Allerdings muss man auch kritisch anmerken, dass die Gelb-Rote Karte insgesamt in Ordnung ging. Sowohl beim Reklamieren in der ersten Hälfte als auch im Zweikampf, der zum Platzverweis führte, hätte er sich geschickter anstellen müssen. Schade ist das, weil er sich in dieser Beziehung zuletzt deutlich reifer gezeigt hatte. Seit er die Kapitänsbinde trägt, bekam er in sechs Spielen nur zwei Verwarnungen (das heutige Spiel nicht mitgerechnet). Nun muss er schon das zweite Mal in dieser Saison gesperrt aussetzen.

Zwei weitere Lichtblicke hatte das Spiel für mich neben Schuberts aufrechterhaltenem Unbesiegt-Nimbus aber auch noch. Zum einen Nico Elvedis Bundesliga-Debüt, zum anderen der Auftritt seines Schweizer Landsmanns Josip Drmic. Ich weiß, es klingt ein wenig wie gesundbeten, aber auch wenn auch diesmal vieles Stückwerk blieb, zeigte er wieder ein bisschen mehr Präsenz im Sturm und bereitete Johnsons Chance mit einer feinen Einzelleistung vor. An dieser Szene sieht man, das ist kein hölzerner Stoßstürmer, der nur den Ball über die Linie stolpern kann, sondern ein technisch beschlagener Angreifer, der sich auf engstem Raum behaupten kann. Ich sage Euch: Das wird noch was.

Bundesliga 2015/16, 12. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - FC Ingolstadt 0:0 (7.11.15)

Mittwoch, 4. November 2015

Auf Zehenspitzen

Auf Zehenspitzen ist Borussia genauso groß wie die Riesen der Champions League - das reicht aber in diesem Jahr nicht, um die Vorrunde in der Königsklasse gegen Teams wie Juventus Turin oder Manchester City zu überstehen. Gewusst haben wir das alle eigentlich schon bei der Auslosung im Spätsommer, sicher ist es seit gestern. Warum mischt sich also nun auch eine gehörige Portion Enttäuschung in die Bewertung der tollen Leistung gegen die Alte Dame aus Turin? Natürlich, weil der VfL es in der Hand hatte, die (Todes-)Gruppe bis zum letzten Spieltag offen zu gestalten und zu überstehen. Drei richtig erwachsene Auftritte gegen Man City und Juve, Siegchancen in zweien dieser drei Spiele, aber letztlich drei Punkte weniger auf der Habenseite, als aus diesen Partien verdient gewesen wären. Das ist das, was man letztlich unter der Rubrik Lehrgeld abheften muss.

Da das erste Aufeinandertreffen gegen Sevilla völlig in die Hose ging, ist auch das insgeheim erhoffte Ziel, in der Europa League weiterspielen zu dürfen, nun von zwei Siegen abhängig. Den gegen den direkten Konkurrenten vorausgesetzt, wird nach normalem Gang der Dinge ein Punkt im letzten Spiel gegen die Engländer wohl nicht reichen. Denn bei Punktgleichheit (und einen Sieg der Spanier gegen die schon qualifizierten Turiner vorausgesetzt) müsste Borussia den FC Sevilla schon mit vier Toren Unterschied aus dem Borussia Park schießen, um im direkten Vergleich am Ende vorne zu liegen. Das aber sind Zahlenspiele, Zukunftsmusik. Borussia hat es zumindest in der Hand, den dritten Platz in der Gruppe aus eigener Kraft zu sichern.
Was man aus der Premierensaison in der Königsklasse auf jeden Fall mitnehmen kann, ist, dass der VfL auf Augenhöhe mit den besten Teams Europas ist - auch wenn man dafür zeitweise die am Anfang erwähnten Zehenspitzen braucht, um ins obere Regal zu greifen. Xhaka und Co. können Gegner wie Juve und City phasenweise an die Wand spielen, sie können sich auch deren geballter Offensivkraft erfolgreich erwehren. Sie haben aber noch nicht ganz die unerschütterliche Selbstverständlichkeit, mit der die arrivierten Spitzenteams zu Werke gehen und mit der sie sich letztlich auch in den entscheidenden Szenen durchsetzen.

Auch gestern war, trotz Überzahl in der zweiten Hälfte, in Borussias Spiel immer ein wenig Angst - oder Vorsicht - zu spüren, sich bloß nicht durch einen Fehlpass einen Konter einzufangen und das Spiel zu verlieren. Das sorgte dafür, dass gegen den rosa Betonblock doch immer wieder sicher herumgespielt wurde und das letzte Risiko ausblieb. Erst mit Hazards (zu später) Einwechslung kam nochmals Bewegung in den zunehmend statischen Spielaufbau. Um nicht missverstanden zu werden: Daran ist nichts falsch. Die Leistung der Mannschaft, defensiv wie offensiv, war hervorragend. Und ein Punkt ist, vor allem mit Blick auf das Duell mit Sevilla, besser als keiner. Doch CL-Dauergäste wie Juve (oder in Deutschland der FC Bayern) gehen, vielleicht auch dank ihrer weitaus erfahreneren Spieler, offensichtlich mit einem anderen Selbstbewusstsein zu Werke. Und das macht am Ende oft den Unterschied. Als bestes Beispiel ist hier das Gegentor zu nennen. Über 180 Minuten gelang es Gladbach eindrucksvoll, Juves Dreh- und Angelpunkt Paul Pogba zu bändigen. Doch mit einem genialen Pass auf Lichtsteiner sorgte er letztlich für das vorzeitige Aus der Borussia.

Ungeachtet dessen hatte die Schubert-Elf auch gestern ausreichend Chancen, das Spiel für sich zu entscheiden. Zwei Lattentreffer, der von Buffon geklärte Stindl-Kopfball aus vier Metern und in der ersten Halbzeit eine Handvoll einfach schlecht ausgespielter Konterchancen, die mit Fehlpässen endeten, sprechen eine deutliche Sprache, wer gestern Herr im Haus war. Dass Juve bei seinen ebenfalls vorhandenen guten Chancen glücklicherweise auch immer wieder knapp daneben zielte, sprach eigentlich dafür, dass der erste Sieg in der Champions-League-Geschichte fällig war. Viel fehlte also nicht.
Aber wie sagt das Phrasenschwein: So ist Fußball. Anstatt enttäuscht zu sein und die heutigen Schlagzeilen vom "vorzeitigen Aus" zu ernst zu nehmen, genießen wir lieber die verbleibenden internationalen Abende. Wir freuen uns über die bisherigen Europa-Auftritte auf und neben dem Platz, die wie die erneut sehr beeindruckende Choreo eine tolle Werbung für unseren Club waren und sind stolz darauf, dass uns im nächsten Jahr (falls wir wieder auf Europa-Tour gehen sollten) von den Gegnern noch mehr Respekt und Achtung entgegengebracht wird. Denn Borussia ist wieder wer - ob nun auf Zehenspitzen oder nicht.

Champions League, Gruppenphase, 4. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - Juventus Turin 1:1 (3.11.2015)
(Tor für Borussia: 1:0 Johnson)