Donnerstag, 22. Dezember 2016

Heckings Puzzle

Nun also Dieter Hecking. Euphorisch macht mich die Nachricht nicht, zumal der Name ja schon länger durch den Borussia Park geisterte.
Aber dass ich nicht euphorisch werde, hat nicht viel zu sagen. Auch bei Lucien Favres Vorstellung fragte ich mich, und ich war sicher nicht der einzige, was sich der Club und Max Eberl davon versprachen, den bei Hertha nach gutem Beginn gescheiterten Schweizer in dieser Situation zu verpflichten. Wie es weiterging, brauche ich niemandem zu erzählen. Mit André Schubert bewies Eberl ebenfalls ein gutes Händchen, auch wenn dessen Leistungen für Gladbach in den vergangenen Wochen unverdient etwas untergingen.

Also wird sich der Manager auch etwas dabei gedacht haben, jetzt den Ex-Wolfsburger ins Rennen zu schicken. Seine Gladbacher Vergangenheit wird sicher nicht den Ausschlag gegeben haben, dafür war Heckings Auftritt in den 80er Jahren zu wenig prägend.

Heckings Karriere zeigt, dass er Mannschaften, auch Außenseiter, durchaus erfolgreich machen kann. Doch wo ihm das gelang, in Lübeck, Aachen, Nürnberg, blieb er nicht so lange, dass man sein Verhalten bei Rückschlägen hätte beobachten können. Er stieg jeweils vorzeitig, während der Saison aus und auf - zu einem Verein, der ihm noch mehr bieten konnte. Dieses "Söldnerimage" wird ihm weiter nachhängen, genauso wie der Makel, aus den fast unbegrenzten Möglichkeiten in Wolfsburg nicht noch mehr gemacht zu haben. Doch das ist Schnee von gestern.

Wichtig ist, was Hecking aus unserer Mannschaft machen wird. Bislang war er stets ein Freund klarer Abwehr-Strukturen, sprich der Viererkette mit zwei offensiv wie defensiv starken Außenverteidigern. Das Personal dafür kann ihm Gladbach auch bieten. Mit Oscar Wendt und Nico Schulz links; Julian Korb über rechts sowie den rechts wie links einsetzbaren Fabian Johnson und Nico Elvedi stünden ihm Spieler zur Verfügung, die in diese Position reinrücken könnten. Ob sie die defensive Stabilität dazu haben, müsste sich zeigen. Das wird aber der entscheidende Faktor für den weiteren Verlauf dieser Saison sein. Hecking muss den VfL hinten dicht machen.

Vorne spielte Hecking bei den Gölfen gern mit einem Stoßstürmer, einem zentralen Mittelfeldspieler auf der 10 und zwei Flügelspielern. Gäbe es die diversen Verletzungen nicht, könnte ein solches Quartett vor der Doppelsechs (Kandidaten: Dahoud, Kramer, Strobl) so aussehen:

Hahn (Stindl, Drmic)
 
Johnson (Herrmann)                                                                Traoré (Herrmann)

Raffael (Hazard)



Das könnte vielversprechend sein. Borussias Spieler sind so flexibel, dass auch noch viel mehr Kombinationen denkbar sind. Reine Flügelspieler sind allerdings nur Traoré, Herrmann und Johnson. Alles anderen verlieren einen Teil ihrer Stärke, wenn sie an die Außenlinie gepresst werden. Ganz im Gegenteil übrigens zu Nico Elvedi, der außen in der Viererkette sehr starke Spiele abgeliefert hat. Wenn Hecking aber verstärkt auf Flügelspiel setzen sollte und weniger auf das zentrale Dreieck Raffael, Stindl, Hazard, dann bedeutet das, das viel mehr Flanken und Zuspiele von außen kommen würden, die entsprechend versierte Abnehmer suchen. Eine Chance für Josip Drmic?

Überhaupt darf man gespannt sein, wie sich der Trainerwechsel auf die einzelnen Spieler auswirkt, ob sich zum Beispiel bislang kaum berücksichtigte Akteure wie Schulz und Hofmann empfehlen können oder gar einer der Jungen (Sow, Benes, Ndenge, Simakala) eine Chance erhält. Wird Tony Jantschke wieder eine feste Größe und was passiert mit Josip Drmic - findet Hecking für ihn eine funktionierende Einbindung ins Spiel? Wenn ein Trainer mit anderen Vorstellungen kommt, bietet das ja auch Chancen für andere Spielertypen, die unter Favre oder Schubert nicht hundertprozentig ins Schema passten. Das ist spannend zu sehen, ebenso, auf welchen Positionen der Verein wie versprochen personell nachlegen will. Und wo er auch Spieler spätestens zum Sommer abgeben will.

Nicht zuetzt wird es darum gehen, ob Hecking die gewachsene Mannschaftshierarchie erstmal aufbrechen will und wie ein Hans Meyer gleich mal ein, zwei Spieler nach Gladbach holt, die ihm vertrauen und den einen oder anderen rasiert bzw, degradiert. Oder ob er wie Favre das Personal so nimmt, wie es ist und davon ausgehend seine Spielidee entwickelt. Welcher Typ Hecking ist, weiß ich nicht. Aber wir werden sicher in Kürze erfahren, wie er die Puzzleteilchen zusammenfügen will. Und auch, ob und was sich im Trainerteam tun wird. Bisher hat er ja offenbar immer seinen "Co" Dirk Bremser mitgebracht. Ich bin gespannt, wieviel Kontinuität Borussia unter dem neuen Trainer beibehalten kann und will. Und natürlich ob sich das auch auszahlt.

Mittwoch, 21. Dezember 2016

Ratlos - Mutlos - Trostlos - Würdelos

Dass ab morgen, spätestens aber zum Trainingsauftakt im neuen Jahr ein anderer Trainer als André Schubert die Geschicke bei Borussia leiten wird, gilt nach dem heutigen Offenbarungseid gegen Wolfsburg als sicher. Und ich bin auch müde zu widersprechen, weil die Mannschaft in den letzten fünf Spielen (Dortmund, Barcelona, Mainz, Augsburg und Wolfsburg) zu viel schuldig geblieben ist, als dass man noch das Gefühl hat, sie könne sich selbst noch aus dem Sumpf befreien, in den sie sich da hineingeritten hat.
Ob ein Trainerwechsel den erhofften Erfolg bringt, weiß man natürlich erst hinterher.

Ich bin dennoch nicht der Meinung, dass es an dieser Personalie allein gekrankt hat. Aber der Profifußball hat keine Zeit und keine Geduld für risikoreiche Experimente, ob ein Übungsleiter doch noch die Wende schaffen kann. Na klar, wer es sich einfach machen wollte, sah die Schuld seit Wochen beim Trainer. Dass sich das plumpe Schubert-raus-Geblöke aus dem Internet schließlich bis in die Fankurve hineinverfestigt hat, war dann wohl ausschlaggebend dafür, dass auch der Verein Schubert nicht mehr weiter stützen will und kann, obwohl er dies bis zum Augsburg-Spiel für mich in vorbildlicher Weise getan hatte. Die Vereinsführung ist deshalb für mich auch der einzige Akteur in diesem Spiel, dem man in dieser Hinsicht nichts vorwerfen kann.

Viele Faktoren haben zum unbefriedigenden Abschneiden in der Bundesliga geführt. Da steht ganz vorn die Verletzungsmisere, die einen erfolgreicheren Spielbetrieb einfach zu einem guten Prozentsatz torpediert hat. Ich maße mir nicht an, darüber zu urteilen, ob die Anfälligkeit mit der Trainingsarbeit von Schuberts Trainerteam oder dem Wechsel bei den Athletiktrainern zu tun hat oder ob es einfach Zufälle sind. Auffällig ist die Häufung allemal. Und das macht auch einen sportlichen Vergleich mit der Ära Favre unseriös, weil dort einfach viel weniger Ausfallzeiten zu beklagen waren. Ich habe mir mal die Mühe gemacht, die Verletzungen während der 16 Bundesliga-Hinrundenspiele in einer (in diesem Blogformat leider schlecht lesbaren) Tabelle sichtbar zu machen. Es fehlten durchweg mehrere Startelfkandidaten verletzungsbedingt, das hat natürlich auch Auswirkungen auf die Belastung der übrigen Spieler gehabt, die in allen drei Wettbewerben immerhin 26 Pflichtspiele in etwas mehr als vier Monaten zu absolvieren hatten. Zählt man die drei Länderspielpausen dazu, kommen Borussias Nationalspieler noch auf bis zu 6 Spiele mehr.

Legende: Rot steht für verletzt, grün für Einsatz und weiß für nicht eingesetzt. Grau sind die vier Spieler, die in der Bundesliga gar nicht zum Einsatz kamen (Sippel, Heimeroth, Sow und Benes)



Für mich steht vor allem in den vergangenen drei Wochen in allererster Linie die Mannschaft in der Kritik. Wenn ich sehe, wie sich das Team heute (und teilweise auch schon gegen Augsburg und Mainz) präsentiert hat, dann fehlen mir, der während der "Scheiße-am-Schuh-Phase" bis zum Hoffenheim-Spiel mit Vorwürfen sehr zurückhaltend war, schon ein bisschen die Worte.
Das Verteidigungsverhalten bei den Gegentoren heute war unterirdisch, schon peinlich. Dazu wurde den doch ähnlich schwachen Wolfsburgern nicht nur der Sieg geschenkt, nein, es wurden auch mit unerklärlichen Slapstickeinlagen noch mehrere 100-prozentige Torchancen auf dem Silbertablett serviert. Ich habe Verständnis für Druck und Unsicherheit in dieser Phase, aber hier spielen Profifußballer, es sind durch die Bank gute Techniker, denen einfachste Ballbehauptungen und Pässe nicht mehr gelingen wollen? Die keine Flanke zum eigenen Mann bringen, die Torchancen leichtfertig verdaddeln. Ich habe viel Verständnis für Fehler, aber das heute war zu viel des Schlechten. Das war zum wiederholten Mal nicht bundesligareif. Und es war auch von der Körpersprache, von der Zweikampfführung und der Willenskraft, sich der Negativserie entgegenzustemmen, zu wenig. Ich halte nichts von der These, dass Mannschaften aktiv gegen einen Trainer spielen. Aber ein wenig hatte dieses Spiel heute davon.

Und dann gelingt mit viel Mühe der Ausgleich - zwischen all dem Gerumpel auch noch schön herausgespielt -, und der Torschütze Thorgan Hazard hat im Anschluss nichts besseres zu tun, als sich mit dem Statuen-Torjubel seines Kumpels Ibo Traoré selbst zu feiern, als hätter er den VfL gerade ins Pokalfinale geschossen - anstatt kurz die Faust zu ballen, vielleicht das Publikum nochmal zum mitmachen zu animieren und sich hochkonzentriert dem nächsten Spielzug zu widmen. Dass kurz darauf das 1:2 fällt, bei dem die Borussen ähnlich schwach verteidigten wie beim 0:1, passt genau zu dieser Torjubelszene. Die Jungs, so scheint es, haben den Ernst der Lage noch nicht verinnerlicht.
Diese Szenen waren typisch für das Auftreten einer Mannschaft, die auch heute wieder alles mit Hacke, Spitze, eins, zwei, drei lösen wollte, anstatt den Abstiegskampf anzunehmen und aus einer sicheren Deckung heraus mit schnellen knackigen Spielzügen nach vorne zu kommen und konsequent und ohne Schleifchen auf dem Ball abzuschließen.
Ist daran André Schubert Schuld? Vielleicht auch, weil er die Mannschaft in ihrem System gewähren ließ, auch als die Balance schon verloren gegangen war. Weil auch das eine oder andere Mal ein Wechsel oder eine taktische Änderung nach hinten losging, obwohl sie in der Sache richtig war (wie gegen Schalke). Aber die Tore kann er trotzdem nicht selbst schießen. Und auch heute gab es wieder genug gute Gelegenheiten, um die Torarmut zu beenden.

Die Hauptverantwortung haben also die auf dem Platz. Die, die sich festdribbeln, Fehlpässe spielen, Bälle verlieren oder nicht festhalten oder die aus besten Chancen keine Tore machen, wo es ihnen in der vergangenen Saison unter dem gleichen Trainer keine Probleme bereitete, in abgezockter Art und Weise zuzuschlagen.

Natürlich fehlt auch die Erfahrung von Stranzl, Brouwers, Nordtveit und der Antreiber Xhaka. Ihre Rollen, das zeigt sich auch immer erst im Misserfolg, hat noch keiner richtig angenommen. Das dem Management anzulasten wäre unfair, da im vergangenen Sommer der Transfermarkt zu heiß war, als dass Borussia um richtige Verstärkungen hätte mitbieten können. Dass die Baustelle für den Winter erkannt wurde, ehrt die Vereinsführung, doch es nützt André Schubert genausowenig wie damals Michael Frontzeck in seiner Restlaufzeit nicht mehr von den Wintereinkäufen Nordtveit, Stranzl und Hanke und der Rückkehr mehrerer lange verletzter Spieler profitieren konnte, sondern sein Nachfolger Lucien Favre.

Vielleicht kehrt mit dem erwarteten neuen Mann am Spielfeldrand bald der Erfolg und das Glück zurück, was Schubert und dem VfL jetzt seit September abging. Aber: Diese Hinrunde hat auch deutlich gemacht, dass Borussia zu vielem nur fähig ist, wenn alle zusammenhalten. Genauso gilt, dass der von den Fans so gern strapazierte Satz vom "geilsten Club der Welt" nur gilt, solange die Mannschaft erfolgreich spielt. In schlechten Tagen ist ein großer Teil von Gladbachs Anhang eben auch nicht besser als der von beliebigen anderen Clubs. Das hat sich in den Onlinekommentaren gezeigt und es hat sich zuletzt im Stadion fortgesetzt.
Was sich heute im Borussia Park auf den Rängen abgespielt bzw. eben nicht abgespielt hat, passte sich der armseligen Leistung auf dem Platz traurigerweise hervorragend an. "Ein einig Volk von Brüdern" ist aber vor allem dann bitter nötig, wenn es eng wird. Eine Verweigerungshaltung, wie sie heute von weiten Teilen der Stadionbesucher an den Tag gelegt wurde, führt sicher nicht dazu, dass die Mannschaft sicherer wird. Und auch nicht, dass sich Spieler, die vor kurzem noch von den Fans so umworben wurden, sich im Zweifel für Borussia entscheiden wollen, weil der VfL ein so besonderer Club ist.

Und so haben heute alle verloren - nicht nur André Schubert, der ohne Zweifel viel für Borussia geleistet hat und sich seit seiner Amtsübernahme aus meiner Sicht stets tadellos verhalten hat. Und der doch von so vielen Seiten dermaßen verletzend angegiftet wurde, dass man sich als Borussia-Fan durchaus auch für manche Anhänger schämen muss.
Und deshalb bin ich traurig, dass das Fußballjahr 2016 uns alle nicht nur ratlos über die zuletzt mutlosen und trostlosen Auftritte zurücklässt, sondern auch noch auf eine sehr spezielle Weise würdelos endet. Hoffen wir, dass 2017 uns diese bittere Zeit schnell vergessen lässt und neue Erfolge schnell die entstandenen Wunden im Verein schließen können.

Bundesliga 2016/17, 16. Spieltag (20.12.16): Borussia Mönchengladbach - VfL Wolfsburg 1:2 (Tor für Borussia: 1:1 Hazard)

Samstag, 17. Dezember 2016

Dejavu in der Puppenkiste

Das war endlich wieder die Mannschaft, wie man sie kennt. Leider gilt dieser Satz heute nicht für Borussia, sondern für den Gegner FC Augsburg. Kratzen, beißen und vor allem treten, fußballerisch unterlegen sein und doch am Ende irgendwie siegreich gegen den VfL - das prägt die Geschichte dieser beiden Teams in der Bundesliga eigentlich seit Jahren.

Und es kotzt mich langsam an. Weil beide Teams fußballerisch deutliches Besseres drauf haben als sie heute in der prekären Tabellensituation boten. Und weil - wie um uns Gladbach-Fans noch zu verhöhnen - ausgerechnet dem Ex-Gladbacher Hinteregger das glückliche Siegtor gelingt. Immerhin, diesmal nach einem klaren Abwehrfehler und nicht wie vor einigen Jahren durch einen abgefälschten Freistoß. Damals hieß der Schütze Callsen-Bracker. Und ja, auch der einst zukünftige Neuzugang André Hahn hat der Borussia schon Tore eingeschenkt. Umgekehrt bekommt er das leider nicht hin, so wie ihm derzeit überhaupt wenig gelingen will.

Die Lage bleibt also weiterhin ernst. Die Auswärtsschwäche auf Prä-2010-Niveau, das Tabellenende in Sicht, eine Niederlage gegen eien unmittelbaren Konkurrenten, erneut kein Tor und kaum nenenswerte Torchancen: Borussia, das ist zu wenig!

Die solide Defensivleistung verdient dennoch ein Lob, das Zweikampfverhalten war in Ordnung, das Gegentor der einzige gravierende Fehler in der Defensive. Borussia war über 90 Minuten die bestimmende Mannschaft und die Spieler wirkte bei weitem nicht so verunsichert wie gegen Mainz - das zugegebenermaßen auch viel aggressiveres Forechecking betrieben hat als Augsburg.

Aber dafür war der Sturm erneut ein laues Lüftchen, die erspielten "Chancen" und auch die Ausführung der Standardsituationen einfach nicht bundesligareif. Die defensive Sicherheit wird, wie übrigens phasenweise auch unter Favre, mit Harmlosigkeit vorne erkauft. Und da überdies Verletzungen und Krankheiten ein großes Loch in den Kader gerissen haben (und zum Beispiel kein echter Flügelspieler mehr übrig ist), spielt auch das eine Rolle. Hazard und Hahn haben die Außenpositionen zwar auch früher schon gespielt, richtig effektiv waren sie aber nur, wenn sie durch die Mitte kamen oder im Wechselspiel mit Raffael und Stindl viele Freiräume auf dem Platz hatten. Das hat in der Hinrunde nur selten geklappt, angesichts der Ergebniskrise hat Schubert offensichtlich auf ein starreres Korsett umgestellt, um die Ballance nach hinten besser hinzubekommen.
Dasfunktioniert, seitdem stockt es dafür im kreativen Spiel nach vorne, die Überraschungsmomente bleiben aus. Die Folge: der Ball zirkuliert eher seitwärts oder rückwärts, der steile Pass nach vorn kommt nicht, oder es wird zu langsam gespielt, um die gegnerischen Abwehrketten zu durchdringen.

Ein Wort muss ich leider auch heute wieder über den Schiedsrichter verlieren. Wenn ich sehe, wie rücksichtslos Christoph Kramer an der Außenlinie mit Anlauf aus dem Spiel gegrätscht wird, und der Übeltäter Usami bekommt nicht einmal eine gelbe Karte, dann verstehe ich das einfach nicht mehr. Auch Raffael hat heute mehrfach ganz üble Tritte einstecken müssen, teilweise ohne dass Tobias Stieler das überhaupt als foulwürdig ansah. Ich finde es ok, wenn ein Schiri möglichst ohne Verwarnungen auskommen will.  Doch das gelingt nur in seltenen Fällen.
Das Spiel heute war auch nicht besonders giftig, aber es wurde viel gefoult und das muss wenigstens konsequent geahndet werden.
Kramer wird uns nach dieser Aktion voraussichtlich eine ganze Weile fehlen, auch bei Raffael bin ich noch nicht sicher, ob er am Dienstag wieder fit sein wird, nachdem er heute gegen seine Gewohnheit mehrfach auf dem Platz liegenblieb.

Na klar, Gladbach hat sich selbst in den Tabellen-Schlamassel reinmanövriert. Aber vom Unparteiischen muss man erwarten, dass er wenigstens die Akteure vor solch rohem Spiel schützt. Dass die Augsburger in dieser Hinsicht immer forscher zu Werke gingen, als sie merkten, dass Stieler nicht einschritt und sie selbst bis dahin nur wenig Zugriff auf ihre Gegner bekamen, das war schon in der ersten Halbzeit zu sehen. Dass es dann in einer solchen Verletzung gipfelt, ist umso bitterer.  

Das alles lässt wenig positiv nach vorne blicken und macht einen Sieg gegen Wolfsburg am Dienstag schon zum Muss. Doch mit welchem Personal? Dass die Ersatzbank keine richtigen Alternativen bietet, ist nun schon seit einigen Wochen zu beobachten. Ich persönlich hätte heute gern mal Djibril Sow statt Hofmann gesehen. Ein schneller, im Zweikampf durchaus geschickter Mittelfeldspieler, der mir in Vorbereitungsspielen immer sehr gut gefallen hat. Er müsste jetzt knapp zwei Jahre bei Borussia sein. Wäre vielleicht mal einen Versuch wert, einen jungen unbekümmerten Spieler ins kalte Wasser zu werfen.
Und irgendein Reiz muss ja mal gesetzt werden - vor allem für die Spieler, die für die Startelf bisher keine Rolle spielen.

Bundesliga 2016/17, 15. Spieltag (17.12.16): FC Augsburg - Borussia Mönchengladbach 1:0

Sonntag, 11. Dezember 2016

Gewonnen

Ich habe ein paar Minuten gebraucht, um mich von diesem Sieg zu erholen. Der erste Bundesliga-Dreier seit September! Durchatmen, kurz Luft holen: Gewonnen!
Nicht schön, aber ein schon irgendwie verdientes 1:0. Ein Sieg in einem Spiel, das zum schnellen Vergessen einlädt. Und so kam zurück, was über den Versuch, immer mit gepflegtem Fußball spielerisch zum Ziel kommen zu wollen, in Gladbach lange nur noch ein seltener Gast war: der "dreckige Sieg", die optimale Ausbeute aus einer der schlechtesten Gladbacher Saisonleistungen. Und der war dringend nötig.

Fakt ist, der Sieg hätte eigentlich ein Unentschieden hätte sein müssen, weil der Schiedsrichter de Blasis' Tor kurz vor Schluss nicht anerkannte. Das war nachvollziehbar - aus seiner Perspektive war er sich offenbar sicher und zögerte nicht mit dem Pfiff - aber letztlich war die Entscheidung falsch, weil Yann Sommer die Hand noch nicht auf dem Ball hatte, als der Stürmer einschoss. So fair muss man sein. Nach vielen mit Borussia erlittenen Fehlentscheidungen und nach zuletzt auch einigen unverdient verlorenen Spielen, nehme ich diese unbeabsichtigte freundliche Unterstützung des Unparteiischen aber auch ohne schlechtes Gewissen an.
Vor allem in der Situation, in der der Verein derzeit steckt. Denn es lief auch am dritten Advent wieder viel auf einen späten Nackenschlag für Borussia hinaus.
Die Spieler im Aufbau oft fahrig, unpräzise, oft zu bedacht darauf, sich bloß keine Blöße zu geben. Und wenn es erfolgversprechend nach vorne ging, gänzlich ohne Esprit unterwegs.
Eben so unsicher, wie man angesichts der jüngsten Misserfolge und des Theaters im Umfeld, in den Medien und Teilen der Anhängerschaft auch sein kann. Bisweilen wirkten die Spieler des VfL diesmal wirklich angeknockt. Das war anders als noch vor ein, zwei Wochen, als alle Rautenträger noch sichtbar an ihre Fähigkeiten glaubten. Das heute war eine Mannschaft, die ins Grübeln gekommen ist und das nicht so einfach aus den Füßen schütteln konnte.
Ausgerechnet der spätere Held Andreas Christensen machte in der ersten Hälfte mehrere gravierende Fehler, die er nur mit Mühe selbst wieder ausbügeln konnte. Raffael und Stindl waren erneut wenig effektiv, insgesamt gingen viele Pässe ins Nichts und Torchancen waren Mangelware, weil jeder gute Angriffsversuch irgendwie vorher versandete. Und so schwangen sich heute der von mir schon oft kritisierte Oscar Wendt, Jannik Vestergaard, Nico Elvedi und mit Abstrichen Tobias Strobl und Tony Jantschke - allesamt Defensivkräfte - zu "besten Spielern" auf. Vielleicht hat der Ruf nach Führungspersönlichkeiten in dieser Woche ja auch den einen oder anderen Anwärter aufgeweckt, wenn andere die ihnen zugedachte Funktion im Moment einfach nicht ausfüllen können.

Dafür, dass nach vorne wenig Sinnvolles zusammenlief und auch das goldene Tor eher dem Zufall geschuldet war, ließen Sommer und Co. in der Defensive mit konsequentem Spiel vergleichsweise wenig zu. Gut, Mainz ist nicht Dortmund und nicht Barca, doch auch gegen Malli und Onisiwo muss man auf der Hut sein. Nun ging Mainz nie voll ins Risiko, spielte ebenfalls äußerst unterdurchschnittlich und schien von Beginn an mit einem Remis zu liebäugeln. Aber die Null stand, die Hintermannschaft auch, und das ist die Grundvoraussetzung, um sich aus dem Tabellenkeller wieder heraus - zu  - arbeiten. Dieses Arbeiten, das war heute vorbildlich zu sehen und es war ein Schlüssel zum Erfolg.

Darauf darf und wird man sich nichts einbilden, aus dem Schneider ist man mit diesem einen Erfolgserlebnis noch lange nicht. Aber es ist vielleicht der erhoffte Drucklöser für die verfahrene Situation. Die Schubert-Schützlinge betätigten sich heute mit Glück und Geschick als Schubert-Schützer. Und das finde ich gut so. Ob die Diskussionen um den Trainer wieder durch Erfolge und gute Leistungen zu ersticken sind, lässt sich heute noch nicht abschätzen. Bewerten muss man heute auf jeden Fall zu 99 Prozent das Ergebnis, und weniger die Art und Weise, wie es zustande kam. Würdigen sollte man den Einsatz der Mannschaft, um diesen Erfolg zu erzwingen und festzuhalten. Alles weitere ist tägliche harte Arbeit, die das Team ganz offensichtlich mit dem derzeitigen Trainerstab zusammen weiter machen will. Und wohl auch die Mehrzahl der Fans, wie das heute überwiegend sehr fein reagierende Publikum nahelegte, das auch in kritischen Situationen die Spieler gut unterstützte.

Bundesliga 2016/17, 14. Spieltag (11.12.16): Borussia Mönchengladbach - FSV Mainz 05 1:0 (Tor für Borussia: 1:0 Christensen)

Mittwoch, 7. Dezember 2016

Stets bemüht

Die Champions-League-Gruppenphase endet für Borussia so ernüchternd, wie sie begann: Ein 0:4 gegen einen in allen Belangen besseren Gegner und die bittere Erkenntnis, dass der VfL auf diesem Niveau nicht mithalten kann. "Sie waren stets bemüht", diese Formel trifft die Leistung ganz gut. Und wohl jeder weiß, dass diese Wertung in der Zeugnissprache keine gute Bewertung ist. Man war vielleicht fleißig, hat etwas versucht, aber es kam nichts dabei raus. Dass auch die Spieler das wussten, sah man förmlich am Frustlevel schon auf dem Feld.
Wenn man 90 Minuten hinterherläuft, im Mittelfeld kaum in Zweikämpfe kommt, dementsprechend dem Gegner auch nicht wirklich (im wahrsten Sinn des Wortes) wehtun oder ihn am sicheren Spielaufbau hindern kann, dann hat man viel falsch gemacht. Dass es besser geht, haben die Borussen schon gegen den gleichen Gegner bewiesen. Mildernde Umstände gibt es, weil sich Messi und Co. auch besseren Gegnern immer wieder auf diese unnachahmliche Art und Weise entziehen können und des öfteren so selbstverständlich herausgespielte Tore erzielen wie heute Abend. Das hilft uns gegen den nächsten Gegner in der Bundesliga allerdings - nichts. Und gegen die Verunsicherung wohl noch weniger.

Was kann man also an Mutmachendem aus dem Nou Camp mitnehmen? Dass Christensen und Co. trotz aller Unterlegenheit doch auch sehr viele Torchancen und "tödliche" Pässe entschärfen konnten. Dass Yann Sommer sich mal wieder auszeichnen konnte. Dass ein paar ganz brauchbare Konter angesetzt wurden, die zu etwas hätten führen können - wenn sie nicht durch fehlende Passgenauigkeit steckengeblieben, von dem völlig neben sich stehenden Hazard oder dem eingewechselten Johnson verbaselt oder durch auch mal durch grenzwertigen Körpereinsatz der Gegner (gegen Hahn) verhindert worden wären. Und so wurde es dann doch mehr als das Bonusspiel, mit dem man sich von dem Bundesligafrust ein wenig ablenken wollte. Im negativen Sinne.

Doch das war es ja noch nicht mit den schlechten Nachrichten an diesem Abend. Viel mehr als der Ausgang dieses eigentlich von uns allen herbeigesehnten, aber letzlich wertlosen Ausnahmespiels bewegt mich, dass Alvaro Dominguez verletzungsbedingt seine Karriere beenden muss. Es muss ein Loch in das Herz eines jeden Borussen reißen - nicht nur, weil er ein netter Kerl und ein wichtiger Teil des Aufschwungs auf dem Rasen und ein Hoffnungsträger für die Abwehr war - sondern auch, weil er sich mit dem Verein und den Fans zu 100 Prozent identifiziert hat. Wieviele ausländische Profis haben so schnell und so gut deutsch gelernt wie er? Welcher Profi sonst hätte "Die Elf vom Niederrhein" so nett vor der Webcam seines Computers eingesungen, wie er es tat? Sein verzweifeltes, aber vergebliches Bemühen um ein Comeback steht auch ein bisschen für die Entwicklung der Borussia in diesem Jahr. Für Alvaro gibt es offenbar kein Happyend auf dem Rasen. Hoffen wir, dass sich nun wenigstens die Mannschaft schüttelt, den Frust abwirft, die Ärmel aufkrempelt und bedingungslos um die Wende zum Positiven kämpft.

Champions League, Gruppenphase, 6. Spieltag (6.12.16): FC Barcelona - Borussia Mönchengladbach 4:0

Sonntag, 4. Dezember 2016

Zähne zusammenbeißen

Was soll man nach so einem Spiel noch sagen? Deutlich verloren, phasenweise die Übersicht verloren, sodass es auch noch höher hätte ausgehen können - trotz früher und gleich wieder hergeschenkter Führung. Das befürchtete Ergebnis in einem Spiel, von dem man keine Trendwende erwarten musste?
So blöd es klingt, in diesem Spiel war mehr drin als in vielen anderen Spielen gegen die schwarz-gelbe Namenskusine. Weil die Schubert-Elf trotz der beiden Gegentore in der ersten Halbzeit defensiv viel besser stand als zum Beispiel beim 0:4 vergangene Saison noch unter Favre. Und weil die wahre Borussia zu Beginn der zweiten Hälfte fast 20 Minuten lang genau das Spiel aufzuziehen begann, mit dem man den Dortmundern weh tun kann. Während die Mannschaft in der ersten Halbzeit den Dortmundern viel Ballbesitz überließ und sich in einer massiven Deckung versuchte, spielten Kramer und Co. zu Beginn der zweiten Hälfte konsequenter nach vorn und setzten die Gastgeber früher unter Druck. Das drückte sich in einigen guten Angriffen aus, die auch Schwächen und Unsicherheiten der BVB-Defensive aufzeigten.
Doch das riskantere Spiel führte auch zu gefährlichen Kontern der Tuchel-Elf, sodass das in der Entstehung unglückliche dritte Gegentor über kurz oder lang zu befürchten war. Es sei denn, der VfL hätte mal ein wenig von dem Matchglück gehabt wie es so viele seiner Gegner in dieser Saison schon hatten. Zu nennen wären da beim Stand von 1:2 Raffaels feine Hereingabe, die Sokratis fast zu einem hübschen Eigentor verwandelt hätte. Oder Christensens Kopfball nach einer Ecke (!) und natürlich die Fehlentscheidung des Tages durch den einmal mehr im Spiel häufig mit zweierlei Maß messenden Schiedsrichter Marco Fritz. Der ignorierte komplett, dass Sokratis Thorgan Hazard an der Strafraumgrenze umriss, als Raffael diesem gerade einen tollen Pass in den freien Raum servierte. Man kann darüber streiten, ob das nun Elfmeter oder Freistoß gewesen wäre (Gelb wäre es in jedem Fall gewesen) - aber weiterspielen zu lassen war einfach ein krasser Fehler. Und dass im Gegenzug fast ein Tor gefallen wäre, passt dazu.

Doch hätte, wenn und aber: Gladbach hat heute nicht wegen des fehlenden Glücks verloren, sondern weil sie gute Leistungen nicht über 90 Minuten abrufen können und - einmal mehr - die entscheidenden Szenen nicht gut genug verteidigt wurden. Und da zeigt sich eine bedenkliche Entwicklung. Dass mal eine Ballannahme missglücken kann wie  Elvedi beim 1:3 - geschenkt. Aber dass das nach einem harmlosen Befrieiungsschlag aus der BVB-Abwehr geschieht und dann sowohl Elvedis grätschender Rettungsversuch ins Leere geht als auch drei andere Gladbacher Verteidiger nicht in der Lage sind, Dembelé am Schuss zu hindern, das sind die entscheidenden Dinge. Oder das: Kurz vor Schluss läuft Dortmunds Pulisic über das halbe Feld vier oder fünf Gladbachern weg. Alle stören ihn ein bisschen, aber keiner stoppt ihn. Erst Yann Sommer pariert den Schuss.
Diese heiklen Szenen sehen wir in unserer Hälfte derzeit zu oft, genauso wie die gerade noch haarscharf geklärten Bälle wie heute gegen die durchgebrochenen Aubameyang, Reus oder Schmelzer. Souverän ist anders. Das gleiche Manko zeigt sich beim 1:4, wo Dahoud einen von Stindl erlaufenen Ball mit einem schlampigen Fehlpass in der eigenen Hälfte wieder abgibt und danach die Szene abhakt und nicht mehr aktiv am Spiel teilnimmt, sondern gehend zuschaut, wie das Unheil seinen Lauf nimmt. Dass bei der feinen Kombination zwischen Reus und Aubameyang dann Christensen noch ausrutscht, ist bezeichnend für die momentane Situation.

Aber aus der kommt man nur raus, wenn man um jeden Ball kämpft, wie es die knackig in die Zweikämpfen gehenden Dortmunder heute gemacht haben. Ja, Dortmund hatte heute die Bissigkeit und die Schnelligkeit in den Zweikämpfen, die letztlich den Unterschied machten. Beide Teams hatten vor dem Spiel Druck, aber beim BVB hat man heute gesehen, dass sie mit aller Macht das Spiel in ihre Richtung biegen wollten.
Das letzte Mal, dass ich unsere Mannschaft so kompromisslos in den Zweikämpfen gesehen habe, war gegen Ingolstadt - und das war der letzte Sieg in der Bundesliga. Es war kein schöner Sieg, aber es war einer.
Es ist jetzt an der Zeit, die Situation so anzunehmen, wie sie ist: Es ist bis auf Weiteres Abstiegskampf. Bislang haben Raffael und Co immer den spielerischen Weg gesucht, um aus der Krise zu kommen. Doch die nötige Leichtigkeit dafür ist abhanden gekommen. Jetzt muss dementsprechend der Erfolg über die Konzentration auf die einfachen Dinge zurückerkämpft werden. Standardsituationen als Torchance begreifen (und üben). Kompromisslos verteidigen, klar, einfach und ohne Schnörkel nach vorne spielen. Nicht in Schönheit sterben, sondern klar machen, wer auf dem Platz das Sagen hat. Und vielleicht einfach mal draufhalten, statt im Strafraum noch zwei Doppelpässe ansetzen zu wollen. Dass die Fans diesen steinigen Pfad mitgehen, haben sie heute eindrucksvoll bewiesen. Tolle Anfeuerung während des Spiels und Trost und Anerkennung nach der Partie. Das ist wieder das Gladbacher Publikum, das ich liebe. Danke dafür!

Ein schwacher Trost ist bei all den Nackenschlägen, dass wenigstens die größte Narrenkappe heute nicht ein Gladbacher war, sondern der Sky-Schwätzer Tom Bayer. Drei Minuten lang feierte er ein Tor von Marco Reus, das wegen Abseitsstellung zurückgepfiffen worden war. Es ließ ihn weder stutzen, dass das Spiel mit Freistoß für Gladbach fortgesetzt wurde, noch, dass weder Stadiontafel noch sein eigener Sender das vermeintliche 3:1 anzeigten. Da er auch ansonsten fast ausschließlich dummes Gesülze absonderte, hat er sich für die Nachfolge von Fritz von Dumm und Dämlich, der ja am Ende der Saison aufhört, schon mal eindrucksvoll in Stellung gebracht. Bringt uns natürlich trotzdem nicht weiter.



Bundesliga 2016/17, 13. Spieltag (3.12.16): Borussia Dortmund - Borussia Mönchengladbach 4:1 (Tor für Borussia: 0:1 Raffael)

Sonntag, 27. November 2016

Bester in der falschen Tabelle

In der Rangliste der "Spiele, die du nicht verlieren darfst", ist der VfL in dieser Saison sicher mit Abstand Tabellenführer. Gleiches gilt in der Statistik "Spiele, die du gewinnen musst". Und am deutlichsten führt die Mannschaft natürlich in der Kategorie "Chancen, die du nicht versemmeln darfst".Eine bittere Erkenntnis, denn das verträgt sich leider nicht so gut mit der in der Fußball-Bundesliga geltenden Tabellenrechnung, in der es vor allem um gewonnene Spiele und die meisten Punkte in einer Saison geht.
Ja, es bleibt im Moment eigentlich nur noch Galgenhumor. Und immerhin wurden heute mal nicht Pfosten oder Latte des Gegners getestet. Und selbst unserem Lieblingsschiedsrichter Deniz Aytekin kann man heute eine rundum gute Leistung bescheinigen. Es hängt also alles an der Effektivität der Borussia beziehungsweise an deren Fehlen.

Egal wie man es dreht und wendet: Jedem, der auch heute wieder eine gute, in der ersten Halbzeit sogar hervorragende Gesamtleistung der Borussia gesehen hat, fehlen langsam die Argumente, warum unser Verein nicht dort steht, wo er nach den erarbeiteten Torchancen stehen könnte und sollte. Und so empfinde (wohl nicht nur) ich den einen Punkt gegen eine (ziemlich gute und abgeklärt auftretende) Hoffenheimer Mannschaft am Ende eher als Niederlage denn als Fingerzeig für den Aufwärtstrend - was es vom Spielverlauf her aber zweifellos war.

In fast allen Dingen zeigt die Tendenz nach oben. Zuletzt formschwächere Spieler wie Wendt, Dahoud, Christensen und Sommer zeigen sich stabiler, das Spiel nach vorne funktioniert gut, die Torchancen sind da. Die Defensive steht in den allermeisten Fällen sehr sicher und zeigt sich vor allem besser gewappnet gegen aggressives Pressing - das zeigten die beiden Spiele gegen Manchester und Hoffenheim deutlich. Nico Elvedi entwickelt sich immer mehr zum Antreiber auch nach vorne, und er raubt dazu noch mit geschicktem Zweikampfverhalten den gegnerischen Angreifern den Nerv. Heute hatte der junge Schweizer wieder einen richtig guten Tag erwischt. Auch Jannik Vestergaard wächst immer besser in das Mannschaftgefüge hinein. Es wird sichtbar besser, ob nun im 4-3-3, mit dem Schubert sein Team aufs Feld schickte oder mit der Dreierkette, die am Ende des Spiels die Geschicke in der Defensive leitete.

Dass es nichts wurde mit dem ersten Bundesligasieg seit dem Ingolstadt-Spiel, das lag an zwei Dingen: Eine grobe Fehlleistung der gesamten Defensive beim Gegentor, als Amiri vor dem Tor völlig aus den Augen verloren wurde. Und das leidlich bekannte Problem, den Ball erfolgreich über die Torlinie des Gegners zu bugsieren. Hazard, Stindl, Johnson ließen heute die besten Chancen aus, und man kann sich nicht erklären, wieso. Vor einigen Wochen waren es doch genau diese Spieler, die genauso eiskalt vollstrecken konnten wie sie jetzt vor dem Tor die jeweils falsche Entscheidung treffen.

Was bleibt uns übrig? Nichts, außer weiter auf den platzenden Knoten zu warten - auf einen Frustlöser wie im vergangenen Jahr der Sieg gegen Augsburg nach Favres Rücktritt. Ob das in Dortmund der Fall sein kann, daran wagt man nicht zu denken. Aber man weiß ja nie. Fürs erste bin ich allerdings ernüchtert, auch wenn ich weiterhin nicht den Trainer und nur in Maßen die Mannschaft verantwortlich mache. Zumindest scheint der Schulterschluss mit dem Publikum heute gelungen, schöne Choreo, gute Unterstützung und eine gute Leistung des VfL, die sich nur leider nicht in den Punkten widerspiegelt.

Bundesliga 2016/17, 12. Spieltag (26.11.16): Borussia Mönchengladbach - TSG Hoffenheim 1:1 (Tor für Borussia: 1:0 Dahoud)

Donnerstag, 24. November 2016

Mission erfüllt

Borussia steht im Sechzehntelfinale der Europa League. Dahinter gehört ein dickes Ausrufezeichen. Denn auch wenn das in dem ganzen Gemaule über die verkorksten letzten Wochen etwas unterzugehen drohte: Das Überwintern im europäischen Geschäft war das Königsziel, spätestens nach der Auslosung der Gruppen. Das ist erreicht, Borussia tanzt also auch nächstes Jahr noch auf drei Hochzeiten.
Hätte, wenn und Aber: Klar, mit etwas mehr Glück oder Kaltschnäuzigkeit hätte der VfL sogar Platz zwei angreifen können. Die Reporter bemühten diese schon vor dem Spiel sehr unwahrscheinliche Option ja zur Genüge. Genommen hätten wir es natürlich, doch verdient wäre es unter dem Strich nicht gewesen.
Das Hinspiel in Manchester war eine heftige Klatsche, das 2:0 in Glasgow eine hervorragende Visitenkarte für die Königsklasse. Gegen Barcelona und im Heimspiel gegen Celtic fehlte das berühmte Quäntchen Glück und/oder Geschick, um mehr Punkte zu sammeln. Und das Spiel gestern war ein ganz spezielles, eine Partie, die unter sehr schwierigen Vorzeichen geführt wurde und am Ende völlig gerecht unentschieden endete. Diesmal erkämpften sich die Borussen den Punkt, den sie schon in der vergangenen Saison an gleicher Stelle gegen den gleichen Gegner unglücklich verpasst, aber verdient gehabt hatten - und der letztlich auch damals schon zum Euro-League-Platz gereicht hätte. Insofern schloss sich gestern Abend ein Kreis - mit einem Spiel und einem Ergebnis, das allen Gladbachern Mut machen sollte, auch wenn selbstverständlich nicht alles Gold war, was glänzte.
  
Denn lange sah es so aus, als ob auch dieses Spiel maßgeblich von Dingen beeinflusst werden würde, die nicht allein in der Macht der Spieler lagen. Da fehlte der quirlige Thorgan Hazard ganz auf dem Spielberichtsbogen, der gerade genesene Ibo Traoré humpelte früh vom Platz, sodass Gladbachs Flügelspiel schon in der guten ersten Hälfte merklich erlahmte. Den Rest zum Widrigkeiten-Cocktail steuerte der sehr unstet pfeifende Schiedsrichter bei, der beim Heimteam zwar die Verwarnungen korrekt zückte, dies bei Manchester allerdings viel zu lange unterließ. Der später vom Platz gestellte Fernandinho hätte schon den Pausenpfiff nicht mehr auf dem Rasen erleben dürfen, die zweite Gelbe war dagegen schon eher als eine Art Konzessionsentscheidung nach der sehr harten zweiten Karte gegen Stindl zu werten. Mo Dahoud und selbst Raffael standen irgendwann auch in der Gefahr, vom Platz zu fliegen, was den Trainer anderer taktischer Auswechslungsoptionen beraubte.
Doch dann war es plötzlich, als hätte zum ersten Mal in dieser Saison der Fußballgott ein Einsehen - als hätte er es über, immer und immer wieder mit dem VfL Schabernack zu treiben. Allen Widrigkeiten zum Trotz hielten Elvedi und Co den Punkt fest und hatten diesmal keinen weiteren bitteren Nackenschlag gegen ein Weltklasseteam zu erleiden - mit dem man sich einmal mehr um den Lohn der Mühen gebracht hätte.

Wird diese nicht spektakuläre, aber hoch einzuschätzende Leistung der gesamten Mannschaft von den Fans gebührend gewürdigt? Es ist zu hoffen. Doch das Verhalten von Teilen der Stadionbesucher lässt Zweifel aufkommen. Die Nordkurve kämpfte um Leben in der Bude, die Süd machte ein bisschen mit, der Rest saß über weite Teile des Spiels eher teilnahmslos dabei. Wieder machten sich hunderte nach der 80. Minute beim Stand von 1:1 vom Acker. Mit dem Aufstehen, zugleich eine Ehrenbezeugung und ein letztes aufpeitschendes Element für die kämpfenden Jungs auf dem Rasen, ließ sich das Stadion Zeit bis drei Minuten vor Schluss, während unten die Schubert-Schützlinge eine ganze Halbzeit lang verzweifelt auf die Zähne bissen und das Remis mit selbigen und Klauen verteidigten.

Da fragt man sich schon: Was erwarten diese Leute eigentlich? In welcher Realtität befinden sie sich? Wofür wird denn das Glasgower Publikum so bewundert und gefeiert? Für den nicht nachlassenden Support auch in ausweglosen Situationen. Die Mannschaft und das letzte Heimspiel in der Königsklasse (vielleicht für längere Zeit) hätten gestern ein enthusiastischeres Publikum wirklich verdient gehabt. Eins, das den Gegner mit schierer Lautstärke beeindrucken und vielleicht auch einschüchtern kann. Phasenweise geht das im Borussia Park, vor allem in den ersten zehn Minuten des Spiels. Dann aber wird es oft wieder erstaunlich still. Und wenn die Mannschaft mal dringend Unterstützung braucht, reagiert das Stadion gern mal phlegmatisch. Nein, Borussia Park, das war nicht Champions-League reif. Und das können wir viel besser.

Zu notieren war in diesem Spiel aber auch, dass die Mannschaft allen Unkenrufen zum Trotz funktioniert, dass kritisierte Spieler (Dahoud, Wendt, auch Jantschke) langsam wieder auf Touren kommen und Yann Sommer ganz stark auf die unglücklichen Gegentore vom Wochenende reagiert hat. Es zeigt sich, dass André Schubert nicht nur einen Plan hat, sondern die Mannschaft ihn auch flexibel umsetzen kann. Die Defensive stand bis auf wenige Ausnahmen gegen diese Weltauswahl äußerst nervenstark und sicher, und nach vorne ging in der ersten Hälfte erstaunlich viel, auch wenn die letzte Präzision auch diesmal zu oft fehlte.

Darauf lässt sich aufbauen, das zählt. Und mit einem Sieg gegen Hoppenheim am Samstag lässt sich hoffentlich auch eine Krisendiskussion wieder abschütteln, die der Borussia einfach unwürdig ist.

Champions League, Gruppenphase, 5. Spieltag (23.11.16): Borussia Mönchengladbach - Manchester City 1:1 (Tor für Borussia: 1:0 Raffael)

Samstag, 19. November 2016

Noch mehr Scheiße am Schuh

Klar, dieses Ergebnis frustriert. Wieder einmal. Zumal es gegen K*ln ist und die wohl auch in ein paar Wochen noch nicht wissen werden, wieso und wie sie die drei Punkte bekommen haben.
Dennoch sollte man auch im Fanlager der Borussia nach einer der ungewohnten Derby-Niederlagen weiter klaren Kopf bewahren und nüchtern analysieren. Wer nach so einem Spiel den Kopf des Trainers fordert, das sage ich in dieser Deutlichkeit, hat meiner Meinung nach keine Ahnung von Fußball.

An dem Spiel unserer Mannschaft habe ich heute im Prinzip nicht viel auszusetzen, was das Ganze ja noch ärgerlicher macht. Die erhoffte Dominanz, das hochklassige Passspiel, die Bewegung nach vorne und nach hinten war gut, bis auf eine Phase nach der Halbzeit, als man Köln zu viel Leine ließ. Nach Torchancen wäre ein 7:1 ohne weiteres realistisch gewesen, wobei bis zur Halbzeit eine 3:0-Führung eigentlich schon Pflicht war. Pustekuchen. Nicht zum ersten Mal. Die Abschlussschwäche ist das, was Gladbach im Moment abgeht und was die Mannschaft und den Trainer unnötigerweise in Erklärungsnöte bringt. Doch die Effektivität vor dem Tor - die zu Beginn der Saison ja durchaus da war - lässt sich auch nicht allein durch Training erarbeiten oder durch Zuruf von der Trainerbank erzwingen. Die Chance ist aber groß, dass sie auch über Nacht wiederkommt.

Die Torwartschelte, die im Netz schon nach dem Schlusspfiff einsetzte, mache ich nicht mit. Yann Sommer hält in diesem Jahr nicht so viele "Unhaltbare", wie man es schon von ihm im VfL-Trikot gesehen hat - das ist wahr. Aber die Schuld für die heutigen Gegentore sollte man nicht ihm geben. Das Siegtor von Risse war für mich unhaltbar, der Ball driftete ja in der Schussbahn fast einen Meter zur Seite. Sommer stand auch nicht falsch, da er mit der Flanke rechnen musste. Das war einfach einer aus der Kategorie unverdient und "dumm gelaufen", genauso wie das erste Gegentor, bei dem Vestergaard Modeste anköpfte und Sommer kaum noch eine Möglichkeit hatte, zu reagieren. Diese Art Gegentore gab es allerdings in dieser Saison schon ein bisschen zu häufig. Auch das etwas, was schwer im Training abzustellen ist. Was es nicht unbedingt besser erträglich macht.

Wenn man die Schuld für die Gegentore suchen will, muss man beim 1:2 den Freistoß verhindern (was vielleicht gegangen wäre). Beim ersten war das Übel, dass der Gegner wieder einmal ungehindert flanken konnte und in der Mitte ein Innenverteidiger gegen zwei Stürmer stand. Das kann man besser lösen, aber auch ein solcher Fehler muss mal passieren dürfen, ohne das man gleich das ganze Spiel verliert. Und mehr als die beiden Tore brachte K*ln offensiv ja auch nicht auf die Reihe. Dass die Gäste mehr auf Flanken setzen wollten, weil sie im Spiel selbst wenig Zugriff hatten, deutete sich aber schon früh nach der Halbzeit an. Köln bekam durch den Wechsel Lehmann zu Rudnevs vorne plötzlich mehr Räume und versuchte so verstärkt Modeste ins Spiel zu bringen. Bis auf das Tor, für das er nicht viel konnte, hatte er heute ansonsten wenig Spaß am Spiel, weil Elvedi und Vestergaard (beide heute wieder sehr souverän) und Christensen (mit ein paar Unsicherheiten, aber solide) konsequent in die Zweikämpfe gingen.

Ich könnte noch eine Weile philosophieren, wer heute gut oder schwächer war, und ob es nötig war, Traoré und Dahoud gegen den Chancentod Johnson (der ohnehin derzeit keine glückliche Phase hat) und unseren treuen Tony Jantschke auszuwechseln. Unerklärlich oder falsch fand ich es nicht, auch nicht den Wechsel von Hazard zu Hahn.

Was mir aber viel mehr Sorgen macht, ist die Reaktion der Fans heute in dieser Szene und während des Spiels im Stadion (und auch schon in Spielen vorher, bei denen ich vor Ort war). Ich war heute nicht in Mönchengladbach, habe somit keinen direkten Eindruck vom Geschehen auf den Rängen. Unüberhörbar waren allerdings auch im TV-Stadionton die Pfiffe bei der Auswechslung von Dahoud, spürbar auch der mäßige Support vor allem in der Schlussphase, als es doch um alles ging - im angeblich "wichtigsten Spiel des Jahres".

Da wird der junge Dahoud nach einem ordentlichen Spiel und großer Laufleistung mit Pfiffen nach draußen begleitet und "Fußballgott" Jantschke mit solchen empfangen, nur weil manchem Schuberts Wechsel nicht passte. Geht's eigentlich noch? Und warum steht das Stadion kurz vor Schluss nicht auf und feuert die Mannschaft nochmal ohne Rücksicht auf Verluste an, wenn das Spiel auf des Messers Schneide steht? Was soll ich von "Fans" halten, die in der 85. Minute im Derby das Stadion verlassen? Was wollen wir denn? Wollen wir der geilste Club der Welt sein oder eine Ansammlung von Schönwetter-Fans, die Daumen hoch oder runter machen, wie es ihnen gerade passt? Dazu kommt das gefährliche Gegrummel in den sozialen Netzwerken, das zu einer sehr giftigen Mischung werden kann, vor allem wenn der Status "Scheiße am Schuh" den Jungs um Lars Stindl noch weiter erhalten bleibt.

Ich weiß, das ist immer noch eine Minderheit, aber es stört empfindlich die Stimmung im Stadion und hemmt die, die der Mannschaft nochmal einen Kick geben wollen. Gegen Barcelona war es ähnlich, da wurde schon nach einer Minute "Steht auf, wenn ihr Borussen seid" gefordert, und als die Gäste das Spiel gedreht hatten, wurde die Unterstützung von den Rängen von Minute zu Minute weniger und war am Ende matter als die Spieler auf dem Rasen. Das kann es doch nicht sein. Dass der Borussia Park eine "Festung" geworden ist, vor der die Gegner Respekt haben, das hat ein gutes Stück mit  Fans zu tun, die ihrer Mannschaft bedingungslos den Rücken stärken und sie nicht mit tausendfachem Murren noch (weiter) verunsichern. Diesen Vorteil sollten wir uns alle und der Mannschaft nicht nehmen lassen.
Und es wird höchste Zeit, diesen Schulterschluss wieder zu schaffen. Gegen Man City kann es (fast) ohne Druck "geübt" werden, gegen Hoffenheim am Samstag wird es wirklich ernst. Wie sich Borussia - Mannschaft wie Fans - da präsentiert, weist die Richtung für den Rest der Saison.  

Ach ja. Da war ja noch etwas: Der Schiedsrichter. Manuel Gräfe hat für meine Begriffe heute ein eigentlich sehr gutes Spiel gemacht. Doch bei zwei Szenen lag er leider - möglicherweise vorentscheidend - daneben. Zum einen hätte Hazard in der Anfangsphase einen Elfmeter bekommen müssen. Heintz brachte ihn zu Fall, der Kölner war nicht ansatzweise am Ball - das ist ein Strafstoß, sonst nichts.
Die zweite Szene war das Einsteigen von Lehmann gegen Dahoud vor der Pause, für das es keine andere Entscheidung geben darf als Rot. Der Spieler hatte keinerlei Chance, den Ball zu spielen, er hatte es nur auf die Gesundheit des Gegners abgesehen. Da gibt es nur eine richtige Entscheidung.
Ob das die Borussen heute auf die Siegerstraße gebracht hätte, ist Spekulation. Und natürlich ist Gräfe deshalb nicht an der Niederlage schuld. Aber es gehört zu einer Reihe von Entscheidungen, die den VfL in dieser Saison schon benachteiligten.
Und das passt wiederum irgendwie in das Bild vom Ritter von der traurigen Gestalt, das Borussia im Moment abgibt. Wenn vorne das Glück fehlt oder Chancen leichtfertig vertan werden; wenn hinten immer wieder der Ball auf seltsame Weise ins eigene Tor fällt; und wenn dann auch noch Schiri-Entscheidungen immer wieder gegen uns fallen: Dann muss man gewarnt sein. Denn eine Kombination davon kann gefährlich werden. Selbst für Mannschaften, die eigentlich zu gut sind, um abzusteigen.

Bundesliga 2016/17, 11. Spieltag (19.11.16): Borussia Mönchengladbach - 1. FC K*ln 1:2 (Tor für Borussia: 1:0 Stindl)

Mittwoch, 16. November 2016

(Nicht) Von allen guten Geistern verlassen

Ich bin sehr stolz auf die Fans von Borussia Mönchengladbach, weil sie treu, sachverständig und in der Regel friedlich und fröhlich sind. Dass sie geduldig sind und dazu bereit, der behutsamen Aufbauarbeit von Präsidium, Management und Trainer, zu vertrauen, auch wenn das Rückschläge mit einschließt - das war jedenfalls ein großer Trumpf und ein Faktor des Erfolgs in den vergangenen Jahren. In Teilen der Anhängerschaft scheint sich dies aber in dieser Saison, besonders seit Oktober, radikal geändert zu haben.

Laut und lauter wird vor allem in den sozialen Netzwerken geschimpft und vornehmlich gegen den Trainer geätzt. Dass verschiedene Medien in der zweiwöchigen Leerlaufphase vor dem Derby sich ebenfalls an der "Mönchengladbacher Krise" abarbeiten, wundert nicht. Denn wer will, findet genug Belege dafür, dass der VfL seinen Zielen und seinem Leistungsvermögen hinterherhinkt. Allerdings sprechen mindestens genausoviele Dinge dafür, die Kirche im Dorf zu lassen und mit nüchternem Verstand an die Beurteilung dieses knappen ersten Saisondrittels heranzugehen. Erstens ist die Lage nicht so schlecht, dass man um die Existenz fürchten müsste. Und zweitens stehen die Zeichen mit zurückkehrenden Stammspielern auf Entspannung - zumindest, wenn man weiter an die Qualität der Mannschaft glaubt, wie sich sich in den vergangenen 13 Monaten immer wieder bewiesen hat. Ich jedenfalls tue das, auch wenn ich natürlich die vergangenen Ergebnisse (nicht unbedingt die Spiele) als Warnzeichen zur Kenntnis nehme.

Ich glaube, dass uns Borussia-Fans die Angst vor einem Rückfall in die sportliche Bedeutungslosigkeit nach Jahrzehnten erlittenem Graue-Maus-Dasein immer begleitet. Das hat jetzt fünf Jahre lang dafür gesorgt, dass im Umfeld keiner nach dem überraschend- dauerhaften Höhenflug der Mannschaft abgehoben ist. Doch die Angst war nie weg. Das ist sie auch bei mir nicht. Der Fehlstart vergangenes Jahr war ein Vorgeschmack darauf, wie schnell es wieder nach unten gehen kann. Damals standen die Fans zwar krtitisch und verzweifelt, aber denoch wie eine Wand hinter Mannschaft und Verein. Jetzt, wo die Situation nicht mal annähernd so dramatisch ist, ist das erschreckend anders.

Ein Grund: Es steht nicht mehr der Fußballlehrer und Heilsbringer Favre am Spielfeldrand, dem man all das zu verdanken hat. Deshalb fällt es offensichtlich leichter, den Frust an einer Person festzumachen - dem Trainer. Und die Gesamtsituation außer Acht zu lassen.

Wenn man in manchen Forum in Kommentarspalten mitliest, glaubt man, ein ganzer Haufen von Gladbachfans ist von allen guten Geistern verlassen. Ich sage es ehrlich und ganz deutlich: Ich hasse es, wenn Borussias Umfeld sich anhört wie das vom FC Nörgel 04. Ich hasse es, wenn man einfache Lösungen für eine hochkomplizierte Welt propagiert. Das funktioniert nicht in der Politik und es funktioniert nicht im Fußball.
Die Gründe, warum Borussia den gestiegenen Erwartungen derzeit nicht gerecht werden kann, lassen sich nicht an einer Hand aufzählen. Es spielen verschiedene Dinge hinein - sogar Pech. Und bevor man an die Aufarbeitung der Gründe geht, muss man auch die Frage stellen, ob die Erwartungshaltung nicht vielleicht zu hoch und das Urteil darüber noch zu früh ist.

Es ist durchaus möglich, dass auch der Trainer (und sein Team - übrigens das bis auf den Fitnessbereich das Gleiche, mit dem Lucien Favre arbeitete) seinen Anteil daran hat, dass das Abschneiden in der Bundesliga nicht so ist, wie wir es gern hätten. Ob der VfL besser und erfolgreicher spielen würde, wenn man einen neuen Trainer holen würde, ist aber reine Spekulation. Denn oft genug hat diese Mannschaft in den vergangenen Monaten am Limit gespielt. Das darf man bei allem Lob, das über dem Verein ausgeschüttet wurde, auch nicht vergessen. Gladbach hat (sportlich wie wirtschaftlich) Grenzen, über die es sich nicht dauerhaft hinausquälen kann.

Ich will dafür sensibilisieren, dass man manchen Rückschlag eben auch realistisch einordnet und sich nicht in der Bewertung von Entwicklungen, die noch lange nicht am Ende sein müssen, fehlleiten lässt. Denn eins ist doch auch jedem klar: Macht die Mannschaft im Endspurt des Jahres ihre Aufgaben, ist von Krise keine Rede mehr. Am besten beginnt man das mit einem Sieg gegen die in dieser Saison viel zu harmonisch vor sich hingrasenden Ziegen aus K*ln. Doch dafür braucht es ein "einig Volk von Brüdern", kein ausverkauftes Stadion, das bei ein paar Unsicherheiten oder Rückpässen noch vor der Pause damit beginnt, die eigene Mannschaft auszupfeifen. 

These 1: Borussia unter Schubert ist Stillstand, er profitiert nur von Favres Vorarbeit, jetzt überfordert und verunsichert er die Spieler mit seinen vielen Wechseln und taktischen Ideen.


Abgesehen davon, dass viele Kommentare in den sozialen Medien von Fans kommen, die die Taktik eines Spieles vermutlich gar nicht in Echtzeit nachvollziehen können. Auch der letzte sollte inzwischen verstanden haben, dass es die eine Taktik über 90 Minuten gar nicht mehr gibt. Bei Borussia nicht und nicht bei den anderen Teams. Je nach Spielsituation ändern sich die Abwehr- oder Angriffsformation fließend. Da sind im ruhigen Spielaufbau zum Beispiel mal zwei Innenverteidiger mit einem Sechser auf einer Linie, der den Ball nach vorne bringen soll. Manchmal bieten sich die Außenverteidiger an, die heute halbe Außenstürmer sind, aber in bestimmten Abwehrkonstellationen auch in die Mitte einrücken müssen, um Räume abzusichern oder Passwege von Gegenspielern zumachen zu können. Ohne Ball wird aus der nominellen Dreierkette leicht eine Fünfer- oder gar Sechserkette, bei Standardsituationen gelten vorne wie hinten wieder andere Regeln.
Ob da nun auf dem Papier mit Dreier-, Vierer- oder Fünferkette verteidigt wird, ist unerheblich, solange jeder auf dem Platz seine Aufgabe erfüllt. Klappt das nicht, verliert man wahrscheinlich. Das geht auch Dortmund oder Leverkusen so. Und ganz selten den Bayern. Auch im Spiel nach vorne werden Positionen ständig gewechselt, phasenweise wird aggressiv und hoch gepresst, dann wieder der Gegner kommen gelassen.
Das alles ist eine hochflexible Angelegenheit, die nur die Spieler von heute so perfekt hinbekommen - weil sie frühzeitig so ausgebildet worden sind.
Bestes Beispiel sind da die Bayern mit ihren schier unbegrenzten Möglichkeiten, das Spiel anzupassen. Borussia ist unter Favre taktisch näher an diese Topteams herangerückt. Erreicht hat er sie nicht. André Schubert hat diese Entwicklung in dem guten Jahr, das er hier tätig ist, eindrucksvoll fortgeführt. Erst mit der großen Euphorie des Wechsels, in der Rückrunde mit dem "Vorteil", keine Kraft mehr  in den Pokalwettbewerben lassen zu müssen.
Schon da war zu sehen, dass Trainer und Mannschaft in der Lage waren, aus Fehlern zu lernen, speziell aus dem üblen Einbruch im vergangenen Dezember, als Yann Sommer und einer ausgepowerten Mannschaft die Gegentore nur so um die Ohren flogen.

These 2: Schubert ist arrogant und nicht kritikfähig


Es ist interessant, wie alte Geschichten (von St. Pauli oder Paderborn) bei Schubert sofort herausgeholt werden, wenn er auf dumme Fragen mal etwas unwirsch reagiert. Bei Jürgen Klopp, Freiburgs Streich oder Hans Meyer lachen alle, wenn sie einen Journalisten abkanzeln, bei anderen Trainern (Stevens) werden knurrige Antworten als Charaktereigenschaft oder als das lobenswerte "Vor-die-Mannschaft-stellen" interpretiert.
Schubert wird viel, was er derzeit sagt, negativ ausgelegt. Das mag alles auch eine Frage des Tons oder der gerunzelten Stirn sein. Doch auch Lucien Favre brachte vieles nicht so rüber, wie er es wohl gemeint hatte. Daraus erwuchs auch so manches (mediales) Missverständnis - ohne das er dafür abgestraft wurde. Also sollte man auch André Schubert gegenüber gerecht sein. Bemerkenswert ist allerdings, dass sein Kredit so schmal ist. Bei den Medien, die schnell Zweifel säen, wenn es mal nicht so läuft. Aber auch bei Fans, die gar nicht beurteilen können, wie Schubert im Verein angesehen ist und vor allem, ob und wie gut er im täglichen Geschäft mit der Mannschaft arbeitet. Ich weiß es auch nicht, da ich nicht vor Ort bin. Bislang hat er das Team allerdings auch aus schwierigen Phasen herausgeholt, im erwähnten Dezember-Tief und nach dem Pokal-Aus gegen Bremen.

These 3: Schubert ist nicht erfolgreich

Die bisherige Bilanz des andré Schubert sagt etwas anderes. Was wird dem Trainer eigentlich vorgeworfen? Ein äußerst erfolgreiches Jahr liegt hinter Borussia, mit der Qualifikation für die Königsklasse, nachdem man anfangs auf den Abstiegsplätzen rumkrebste. Und in dieser Saison? In der Champions League ist Borussia auf Kurs Euro-League und hat die Verteidigung des dritten Platzes in der Gruppe in der eigenen Hand. Dass Platz eins oder zwei nicht realistisch sein würden, wussten wir schon bei der Auslosung. Also alles im Lot.

Im DFB-Pokal ist Borussia sicher in die dritte Runde gekommen, gegen eine Zweitliga-Mannschaft, die aber über einen Erstligakader verfügt.Auch hier: Alles im Lot.

In der Bundesliga liegt die Schubert-Elf auf Platz elf unter den eigenen Ansprüchen. Der Zug nach oben ist erstmal abgefahren, der Blick nach hinten in der Tabelle Pflicht. Aber es ist noch nicht einmal ein Drittel der Saison vorbei, Zeit genug also zu korrigieren. Stand ist: Niederlagen gab es bislang gegen Freiburg (ein dauerhafter Angstgegner), Schalke, Bayern (muss man in Kauf nehmen) und Hertha (das erneut in der Spitze mitspielt). Unentschieden gegen die Überraschungsmannschaften aus Leipzig und Frankfurt sowie den HSV. Bei all diesen Spielen ist nicht so sehr der nackte Fakt der Niederlage oder der Punktverluste das Problem, sondern die Art und Weise, wie sie zustande kamen. Chancenlos gegen Bayern, schwach gegen Freiburg. Bei den restlichen Spielen wäre bei besserer Chancenverwertung und weniger Blackouts in der Defensive (Schalke) sicherlich sechs Punkte mehr drin und verdient gewesen.

Erschreckend ist die Bilanz der vergangenen Bundesligaspiele. 0:4, 0:2, 0:3, dazu zweimal 0:0, das macht in fünf Spielen die bittere Bilanz von 0:9 Toren. Egal ob beim Kicker oder in der Bild - diese Serie muss für die "Krise", den Niedergang der Borussia, herhalten. Es wird gefragt, warum die Mannschaft ohne Raffael und Hazard nicht mehr in der Lage ist, Tore zu erzielen. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.
Hätte sich Borussia seitdem keine Torchancen mehr herausgespielt, müsste man das mit Ja beantworten. Doch Gelegenheiten gab es wahrlich genug. Und nur Sportjournalisten können auf die Idee kommen, fünf Bundesligaspiele zusammenzuzählen und dabei die dazwischen stattfindenden CL- und DFB-Pokalspiele zu ignorieren. Das ist blanker Unsinn. Borussia ist nun einmal nicht seit fünf Spielen torlos, denn Spieler schalten nicht vom Bundesliga-Modus in den Champions-League-Modus und zurück. Für sie folgt ein Spiel auf das nächste, egal in welchem Wettbewerb. Folglich liest sich die (nicht wesentlich, aber doch etwas bessere Bilanz seit dem Schalke-Spiel auch korrekt so: N - U - S - N - S - U - U - N. Aus den 0:9 werden mit zweimal Celtic (3:1) und einmal Stuttgart (2:0) folglich 5:10 Tore. Damit wird André Schubert natürlich nicht gleich zum Kandidaten für den Titel "Trainer des Jahres", aber auch nicht zum Abschuss freigegeben. Ganz ehrlich, in einer solchen Situation entlässt eigentlich nur Schalke 04 seine Trainer. Und ich möchte, dass das auch so bleibt.


Der Grund für die Ergebnis-Krise liegt aus meiner Sicht deutlich mehr auf Seiten der (verletzten und außer Form spielenden) Rautenträger auf dem Feld als auf Trainerseite. Es ist ausgelutscht, aber ohne Raffael und teilweise ohne Hazard, Traoré, Johnson und Christensen fehlte dem VfL zuviel, um auch im Drei-Tages-Modus alle Gegner aus den Stadien zu schießen. Es mag sein, dass Schubert bisweilen für die Personalsituation zu viel Wechsel gewagt hat. Doch gerade das Beispiel Schalke-Wechsel in der Pause zeigt ja, dass das, was er macht, Hand und Fuß hat. Der offensive Wechsel hat Borussias Spiel damals enorm belebt, das Tor für uns war nur eine Frage der Zeit. Dass auf der anderen Seite individuelle Fehler den Plan zerstören, sollte man dann nicht dem Trainer anlasten. Aber besser weiß man es ja immer erst nachher.


Wahr ist aber auch, und damit schließt sich der Kreis dieses Textes: Die jüngsten Widrigkeiten sind weitgehend ausgestanden. Die meisten Verletzten sind wieder da, in den vergangenen Tagen konnte zumindest ein Teil der Mannschaft durchatmen und Kraft sammeln. Ich bin gespannt auf die Reaktion der Mannschaft. Denn wenn die mildernden Umstände wegfallen, muss der Borussen-Express eben auch wieder Fahrt aufnehmen und das gegnerische Tor treffen.
Am Samstag im Derby dürfte wieder die nominell stärkste Elf in den Borussia Park einlaufen können. Und auch wenn sie unter Druck steht - einen Sieg kann man unter diesen Vorzeichen erwarten. Und damit will ich die K*lner Mannschaft nicht geringschätzen, sie zeigt bislang eine bärenstarke Saison und steht völlig zurecht auf dem derzeitigen Tabellenplatz. Ein Grund mehr, sie von dort wieder herunterzuholen und auf Normalmaß zu stutzen. Und darauf freue ich mich, trotz der zuletzt doch eher tristen Wochen auf und vor allem abseits des Rasens. Und ich bin sicher, dass alle VfL-Fans sich das genauso wünschen, alles dafür tun wollen und das auch nicht vergessen, wenn es im Spiel vielleicht gerade mal nicht so läuft. Die Seele brennt...

Samstag, 5. November 2016

Höchstwert auf der Frust-Skala

Ich habe mal angefangen, dieses Blog zu schreiben, weil ich nach einem Spiel genauso frustriert war wie heute. Was für ein bescheidener Abend in Berlin!

Es gibt heute viel zu notieren, ich hoffe, ich bekomme es strukturiert hin, weil zu dem ernüchternden Ablauf dieses Abends eine Reihe sehr verschiedener Dinge beigetragen haben.

Fangen wir mit der Rolle des Schiedsrichters an. Ich gebe Tobias Stieler nicht die Schuld für die Niederlage, dazu haben in erster Linie die Fehler der Spieler geführt. Aber es gibt Spiele, in den der Schiedsrichter einem Spiel ungewollt eine Richtung gibt. Heute war so ein Spiel. Knackpunkt war die frühe Gelbe Karte gegen Christoph Kramer, über die ich mich schon im ersten Moment maßlos aufgeregt habe, weil ich ahnte, welche Folgen es hat, wenn sich ein defensiver Mittelfeldspieler 82 Minuten lang nichts mehr erlauben darf. Angesichts der Tatsache, das Kramer in dieser Saison schon einige Karten gesammelt hatte, ahnte ich da schon nichts Gutes.

Wenn die erste nennenswerte Foul-Aktion nach 8 Minuten mit Gelb bestraft wird, dann sollte es dafür einen triftigen Grund geben. Denn damit legt sich der Unparteiische für das ganze Spiel fest, nämlich, dass er von Anfang an hart durchgreifen muss und will. In der Regel kann er das nicht durchhalten, und in diesem bis dahin absolut fairen Spiel war es zu diesem Zeitpunkt auch nicht notwendig, ein Zeichen zu setzen.
Kramers Griff nach der Schulter des Gegenspielers war zweifellos ein Foul, aber aus meiner Sicht nicht zwingend eine Verwarnung. Denn Kramer bekam den Gegner nicht wirklich zu fassen, er brachte ihn auch nicht dadurch zu Fall, der Berliner war auch nicht in so aussichtsreicher Position, dass der Schiri an der Bewertung "taktisches Foul" nicht vorbei kam. Stieler wollte diese Verwarnung geben, er zögerte keine Sekunde und das war deutlich zu sehen. Wenn es aber so ist, dann möchte ich bitte auch, dass dies konsequent so gehandhabt wird - dann allerdings hätte in den allermeisten Spielen, die ich in den vergangenen Jahren begleitet habe, Borussias Gegner nicht zu elft den Schlusspfiff auf dem Rasen erlebt. Mehr noch: Dann gehört es sich nicht, den Karton stecken zu lassen, wenn dreimal Gladbacher Spieler von hinten brutal umgesenst werden, ohne dass der Abwehrspieler die Möglichkeit gehabt hätte, den Ball zu spielen.

Und ich kann es nicht akzeptieren, dass der Herthaner Mittelstaedt, der in der zweiten Hälfte Fabian Johnson mit einem festen Griff ans Trikot daran hinderte, alleine mit dem Ball aufs Tor zu laufen, mit Gelb die gleiche Strafe erhält wie Kramer für seinen noch halb missglückten Versuch in der 8. Minute. Um nicht falsch verstanden zu werden: Stieler muss dem Herthaner in der Szene Gelb geben, Rot wäre nicht richtig. Aber die Verhältnismäßigkeit ist in diesen Szenen nicht gewahrt - weil der Schiedsrichter nach der frühen Verwarnung keine Abstufung mehr zur Verfügung hat.

So, ich habe etwas etwas länger ausgeholt, um diesen Frust zu erklären. Kommen wir zu den anderen Gründen dafür, dass man diesen Abend schnell aufarbeiten und dann vergessen sollte. 17 Minuten lang hatte der VfL ein hervorragendes Auswärtsspiel gemacht, sich mehrfach in gute Positionen gebracht und auch zwei Abschlüsse zu verzeichnen. Deshalb war es eigentlich ein Hohn, dass die bis dahin völlig ungefährlichen Gastgeber in Führung gingen und Gladbach damit den ersten Tiefschlag versetzten, der aber entscheidend nachwirkte. Mit dem 0:1, dem mehrere unkonzentrierte Aktionen vorausgingen - ein schwacher Befreiungsschlag von Elvedi, der fehlende Druck auf Flankengeber Weiser und ein noch schlechteres Stellungsspiel gegen Kalou, brach das Selbstvertrauen der Schubert-Elf in sich zusammen. Das geschah nicht zum ersten Mal nach einem Rückstand in dieser Saison. In der Folge wirkten die Borussen fahrig im Spielaufbau, verloren Zweikämpfe gegen die deutlich spritzigeren Berliner und holten auch die zweiten Bälle nicht zurück. Ablesen ließ sich das zum Beispiel an den Fouls, die zu den Verwarnungen von Strobl, Wendt und Kramer (die zweite zum Platzverweis) führten - jedesmal kamen die Gladbacher deutlich zu spät.

Mit dem zweiten Gegentor, das nach Herrmanns Verletzung in Unterzahl fiel, die man eventuell bei einer schnelleren Auswechslung hätte vermeiden können, war Borussia angezählt. Mit dem Platzverweis in der 40. Minute war das Team vorzeitig erledigt. Ich habe ernsthaft nachgedacht, ob ich mir die zweite Halbzeit schenke - es wäre das erste Mal in meinem Borussia-Leben gewesen.
Und doch hatten Stindl und Co. am Ende der zweiten Halbzeit noch genug Chancen gehabt, um sogar den Ausgleich zu schaffen. Vestergaards Kopfball und Stindls Chance, die beide von Jarstein entschärft wurden und der Kann-Handelfmeter nach Wendts langem Einwurf - wäre Borussia vor dem Tor nur annähernd so effektiv gewesen wie der Gegner gestern, es hätte eine unerwartete Auferstehung der auf dem Boden liegenden Mannschaft geben können. Allein, die Spieler selbst schienen nicht daran zu glauben. Und wohl auch nicht ihr Trainer, der den durch die frühen Wechsel verbleibenden letzten Trumpf Thorgan Hazard erst zog, als Kalou den Sack mit dem dritten Tor endgültig zugemacht hatte.

Das alles macht wenig Hoffnung für die kommenden Aufgaben, die nach der Länderspielverschnaufpause unter anderem mit dem Derby (ohne den Kämpfer Kramer) gegen Köln und der letzten Champions-League-Chance gegen Manchester warten. Zudem wird Patrick Herrmann wahrscheinlich wieder lange ausfallen, sodass die in Berlin erneut nicht überzeugenden Hofmann, Johnson, Wendt eine Alternative weniger "fürchten"  müssen, die ihnen Dampf machen könnte.
Na klar, dass ein Spiel wie heute aus dem Ruder läuft, kann passieren. Dass ein junger Kerl wie Elvedi mit unglücklichen Aktionen Gegetore verschuldet, auch. Dass ein Yann Sommer mal nicht über sich hinauswächst und seine Farben mit einer Weltklasseparade länger im Spiel hält, ebenso.
Was ich von den gestandenen Spielern aber erwarte, ist, dass sie vorangehen und zumindest sichtbar versuchen, die anderen anzutreiben und mitzureißen. Doch Wendt, Johnson, Stindl, auch Jantschke und Raffael waren dazu heute nicht in der Lage. Erstmals übrigens auch das Trainerteam nicht. Das hat sicher in der Nachbetrachtung in manchen Spielen auch Fehler gemacht. Doch dass heute gar keine Impulse von außen kamen, fand ich bemerkenswert.

Daher ist es auch nicht die mittelmäßige Bundesliga-Bilanz, die mir Sorgen macht, nicht die Auswärtsmisere oder die Tatsache, dass die Mannschaft jetzt xy Stunden lang in der Liga kein Tor geschossen hat. Dafür gibt es gute und weniger gute Erklärungen - und ein Spiel wie heute darf man aus meiner Sicht auch nicht seriös unter normalen (Auswärtsspiel-)Maßstäben bewerten. Was mir am meisten Sorgen macht ist, dass die Mannschaft in verzwickten Situationen nicht voller Überzeugung in ihre Stärken zu sein scheint und dass sie außer Kramer keinen hat, der eine Trotzreaktion einfordert und mit gutem Beispiel vorangeht. Ein ausgeruhter Lars Stindl könnte es sein, im Moment ist er es nicht, aber es springt auch kein anderer in die Bresche.

Es soll keine Ausrede sein, aber das sind die Phasen in der Saison, wo man sich einen Martin Stranzl oder Granit Xhaka zurückwünscht - nur für die moralische Präsenz, um der Mannschaft die nötige Ansprache zu verpassen. In diese Rolle müssen die jetzigen Spieler erst reinwachsen. So zeigt sich immer deutlicher, dass diese Saison eine Übergangsaison werden wird, wie nach dem Abgang von Reus, Dante und Neustädter. Eine Spielzeit, in der es über allem steht, die Nerven zu behalten und bis ins neue Jahr damit zufrieden zu sein, nicht nach hinten abzurutschen und nach vorne nicht ganz abreißen zu lassen.
Wenn das gelingt, hat der VfL in der entscheidenden Saisonphase noch ausreichend Zeit zuzulegen - wenn das europäische Abenteuer beendet sein wird, das derzeit, wenn wir ehrlich sind, zu viel Saft aus dem Akku zieht, um in der Liga vorne dabei sein zu können.

Bundesliga 2016/17, 10. Spieltag (4.11.16): Hertha BSC  - Borussia Mönchengladbach 3:0

Mittwoch, 2. November 2016

Unvollendeter Abend

Es ist zum Haareraufen. Wieder ein über weite Strecken der Partie hervorragender, kämpferisch wie spielerisch überzeugender Auftritt des VfL, ein toller Champions-League-Abend mit Riesenstimmung im Park. Und am Ende standen doch nicht die erhofften drei Punkte zum sicheren Überwintern in der Euro League, sondern nur ein Punkt, den man immerhin mit Zähnen und Klauen verteidigte - der Gladbach gleichwohl mehr nützt als den Grün-Weißen aus Schottland.
Insgesamt gesehen muss Borussia mit dem Punkt auch zufrieden sein, denn Celtic dominierte die letzte halbe Stunde des Spiels und drückte die Gastgeber zunehmend in die eigene Hälfte. Aus dieser Umklammerung konnte sich die nach großem Kampf sichtlich immer müder werdende Schubert-Elf nach dem Platzverweis gegen Julian Korb kaum noch befreien.

Ärgerlich ist das deshalb, weil Stindl und Co. vor dem Ausgleich vier oder fünf erstklassige Chancen ausließen, um das Spiel vorzeitig zu entscheiden - und darunter natürlich einmal auch der schon obligatorische "Aluminiumtest" war, diesmal von André Hahn. Auch in Unterzahl hätte der "lucky punch" noch gelingen können, aber es sollte auf der ganz großen Fußballbühne wieder einmal nicht sein - weil keiner den Sack zumachte, wie es André Hahn vor zwei Wochen in der schottischen Fußballstadt getan hatte.
Allerdings, und das gehört auch zur Wahrheit dazu, verkauften sich die Glasgower Bhoys diesmal vor allem in der zweiten Halbzeit deutlich besser als im Hinspiel und auch sie hatten mehrere Top-Chancen (inklusive Pfostentreffer), bei denen uns Borussenfans der Atem stockte.
So fair wie die Celtic-Anhänger nach dem Spiel in ihrem "Paradise" anerkannten, dass Borussia verdienter Sieger gewesen war, muss man heute zugeben, dass sich die Gäste den Punkt ebenfalls redlich erarbeitet hatten. Die Überzeugung, dass sein Team gar den Sieg verdient gehabt hätte, dürfte Celtic-Coach Brendan Rodgers allerdings ziemlich exklusiv haben.
Dass den Gästen die harte Entscheidung gegen Korb (Gelb hätte es auch getan) dabei half, ist wahr, aber das hilft auch nicht weiter, da der Angriff von Celtic von der VfL-Defensive in dieser Szene insgesamt schlecht verteidigt - und der Elfmeter eigentlich vermeidbar war.

Was nimmt man mit aus diesem emotionalen Abend? Dass Thorgan Hazard und Raffael bald wieder voll eingreifen können und das Angriffsspiel des VfL beleben. Hazard zeigte schon heute eine bravouröse Partie. Gut war auch, dass die Abwehr erneut konzentriert und weitgehend dicht war, mit einem über sich hinauswachsenden Nico Elvedi, einem Jannik Vestergaard, der immer besser in Fahrt kommt, einem ballsicheren Offensivverteidiger Julian Korb, der sich auch hinten in den Zweikämpfen meist sehr geschickt verhielt sowie in Kramer und Strobl zwei Arbeitsbienen, die den Borussenmotor ständig in Gang halten und humorlos alles abräumen, was dem Gladbacher Tor gefährlich werden will. Beide bewiesen auch heute, dass sie immer wieder über ihre Leistungsgrenze zu gehen bereit sind und keinem knackigen Zweikampf aus dem Weg gehen.
Das gilt natürlich auch für die Dauerläufer Stindl, Hahn und Johnson, den heute nur einmal mehr seine Abschlussschwäche von Bestnoten trennte. Eindrucksvoll, dass Borussia trotz 20-minütiger Unterzahl am Ende nur 1,5 Kilometer weniger gelaufen war als der Gegner. Das zeigt aber auch, dass die Müdigkeit sich noch nicht leistungshemmend in die Köpfe geschlichen hat, wie mancher es angesichts der etwas matteren Auftritte zuletzt schon befürchtet hatte.

Auch wenn das Ergebnis letztlich enttäuschend ist, gibt es keinen Grund, Trübsal zu blasen. Borussia ist in der Königsklasse im Soll, braucht im Prinzip noch einen Punkt, um Platz drei endgültig zu sichern. Das hat man selbst in der Hand, auch wenn die kleine Chance, vielleicht doch noch Platz zwei anzugreifen, heute wohl dahingegangen ist.
Dass Kramer und Korb gegen Man City gesperrt fehlen werden, macht dieses Szenario auch nicht wahrscheinlicher. 
Hoffnung für die Bundesliga machen die Rückkehrer Raffael und Hazard, die helfen sollten, das Spiel am Freitag bei der Hertha spielerisch wieder überzeugender und auch erfolgreich gestalten zu können. Danach ist Pause zum Durchschnaufen, die Länderspielpause ist diesmal ausnahmsweise wohl für alle eine willkommene Auszeit,m bevor es in den Endspurt der Vorrunde geht. Machen wir das Beste daraus, für mich zeigte die Formkurve der Mannschaft heute wieder deutlich nach oben. Und irgendwann muss sich das ja auch wieder in Toren statt in Pfosten- und Lattentreffern auszahlen.

Champions League, Gruppenphase, 4. Spieltag (1.11.16): Borussia Mönchengladbach - Celtic Glasgow 1:1 (Tor für Borussia: 1:0 Stindl)

Freitag, 28. Oktober 2016

Spatz statt Taube

Tja, da müssen wir nun wohl durch.

Es war ein wirklich bemühter Auftritt  des VfL - hinten sicher, nach vorne mit vereinzelten erstklassigen Angriffen und einem bisschen Pech, dazwischen viel, viel Leerlauf. Borussia kriecht im Oktober ziemlich auf dem Zahnfleisch. Lars Stindl und André Hahn waren nach weniger als einer Stunde für alle sichtbar platter als platt, es gelang ihnen vorne entsprechend wenig. Dennoch griff André Schubert erst spät zum Auswechselkärtchen und nahm dann doch nicht die beiden Dauerrenner vom Feld, sondern Johnson und den völlig wirkungslosen Mo Dahoud. Er wird dafür Gründe haben, aber ich hätte Stindl und Hahn gern früher erlöst und dafür einen frischen Hofmann oder Sow gesehen. Aber das mag Geschmackssache sein. Spannend fand ich auch die Rolle von Tony Jantschke als zusätzlicher Abfangjäger im defensiven Mittelfeld. Das klappte defensiv sehr gut, aber die erhoffte Wirkung, Mo Dahoud damit für das Spiel nach vorn zu "befreien", blieb aus. Fast schien es, als sei Dahoud dadurch eher in seiner Entfaltung auf dem Platz gehindert.

Ansonsten bestätigte das eher freudlose Spiel gegen die Eintracht wieder mal die kämpferische Seite der Gladbacher Elf. Anders als beim körperlosen Hinterhergerenne in München scheuten die Borussen keinen harten Zweikampf und gewannen auch die Mehrzahl. Der VfL hat dabei gleich mehrere "Türme in der Schlacht", auf die er sich verlassen kann. Neben dem immer besser zurechtkommenden Yannick Vestergaard räumten auch Elvedi, Jantschke und Korb sehr konzentriert und kompromisslos ab. Ein Phänomen ist allerdings Christoph Kramer, der irgendwie überall auf dem Platz auftaucht, Gegner stellt, Bälle abläuft oder geschickt erobert und als Verbindungsspieler unermüdlich nach vorne aufbaut - ohne dabei müde zu werden oder zu wirken. Für mich war er heute mit Abstand der beste Mann auf dem Platz - was bei dieser Art K(r)ampfspiel auch nicht weiter verwundert.


Dennoch: Es bleibt ein 0:0, das Ergebnis, mit dem ein Fußballfan zumeist am allerwenigsten anfangen kann. Da es schon das zweite 0:0 hintereinander im Borussia Park war, macht es nicht schöner, es ist allerdings auch keine Katastrophe. Zwar steht damit in der Bilanz kein eigenes Tor und magere zwei Punkte aus den jüngsten vier Bundesligaspielen. Aber immerhin spielte der VfL auch zweimal zu Null, ein unter Schubert bislang eher seltener Fall -und die defensive Stabilität war das, was nach dem 0:4 ganz dringend zu verbessern war. Die beiden Gegentore gegen Bayern waren seither auch die einzigen in den vergangenen drei Spielen. Das ist auch nicht so schlecht.

Aber machen wir uns nichts vor: Der durch Verletzungen dezimierte Kader, die überspielten Leistungsträger vorne und einige Spieler, die von ihrer Bestform weit entfernt sind (Dahoud, Herrmann, Wendt) - das ist zu viel an Handicap, um leichten Fußes, aufrecht und siegreich durch die sehr ausgeglichene Bundesliga zu pflügen. Mehr scheint derzeit einfach nicht drin, zumindest solange das Quentchen Glück nicht - wie bei Wendts Lattenschuss - auch mal auf Seiten Borussias ist.

Natürlich verliert man damit in der Tabelle an Boden, wenn man nach oben schaut. Aber es gibt offenbar Phasen in der Saison, da muss man den Spatz in der Hand festhalten, statt der Taube aufs Dach nachzuklettern und dabei abzustürzen. Denn zwischen diesen ergebnistechnisch wenig begeisternden Spielen in der Liga lagen eben auch zwei sehr wichtige Siege in der Champions League und im DFB-Pokal. Und die nächste Herausforderung am Dienstag könnte diesen Herbst für uns ja doch noch ziemlich vergolden. Mit einem Heimsieg gegen Celtic wäre das Überwintern auf europäischer Ebene so gut wie sicher. Und dann wäre in der Liga ja immer noch genug Saison übrig, um das Saisonziel weiter oben in der Tabelle zu erreichen.

Bundesliga 2016/17, 9. Spieltag (28.10.16): Borussia Mönchengladbach - Eintracht Frankfurt 0:0

Mittwoch, 26. Oktober 2016

Knochenarbeit, kunstvoll veredelt

Puh, Abende wie heute sind es wohl, für die der Begriff Arbeitssieg geprägt wurde. DFB-Pokal unter Flutlicht, ein unterklassiger, aber nicht unterlegener Gegner, zeitweise jede Menge Arbeit, um den eigenen Kasten sauberzuhalten und viele Anläufe, bis vorne etwas Zählbares heraussprang. Und das alles vor einem zunehmend kritischerem Publikum. Das 2:0 gegen den VfB Stuttgart war - auch aus diesem Grund - ein ganz wichtiger Erfolg in dieser so wechselhaften Saison. Denn er zeigte, dass die Borussen auf die Zähne beißen können, dass sie sich von guten wie schlechten Tagen nicht zu sehr beeinflussen lassen und jede Aufgabe für sich weiterhin fokussiert und konzentriert angehen.

Deshalb gibt es heute nur wenig zu kritisieren:
1) Den Kontrollverlust Mitte der ersten Halbzeit, als Stuttgart zu gefährlichen Angriffen geradezu eingeladen wurden, nicht zuletzt, weil Patrick Herrmann und Tony Jantschke sich selbst und ihre Präzision auf der linken Seite erst finden mussten. Wäre da ein Gegentor gefallen, hätte das das Spiel sehr kompliziert werden lassen.
2) Die schwache Chancenverwertung nach dem etwas überraschenden 1:0 und auch nach der Pause. Ein frühes zweites Tor hätte unser aller Nerven gutgetan. So war es bis fünf Minuten vor Schluss immer noch ein etwas wackliges Spiel, das jederzeit noch hätte kippen können.
3) Die aus meiner Sicht bisweilen riskante Spielweise in der zweiten Halbzeit. Angetrieben von den Zuschauern wollte der VfL natürlich das zweite Tor nachlegen, ließ sich dabei aber auf ein typisches Pokal-hin-und-her mit vielen Zweikämpfen und Ballverlusten auf beiden Seiten ein, was einerseits eigene Chancen ermöglichte, allerdings auch die Gefahr von Kontern mit einschloss, was leicht hätte ins Auge gehen können.
Diesmal kann man es als gelungene Taktik feiern. Wäre es schiefgegangen, hätte man nicht zu Unrecht kritisieren müssen, warum man bei eigenem Vorsprung das Risiko eingeht, in Konter zu laufen.

Damit sind wir zugleich wieder bei der richtigen Balance im Spiel. Heute haben Dahoud und Co. das richtige Maß gefunden, den Gegner so lange geduldig zu umspielen, bis sich eine Lücke bietet. Den Ball sicher in den eigenen Reihen zu halten und dann wieder den schnellen, auch mal riskanten Pass zu spielen, der den Gegner überrascht. Eine gute Handvoll Male wurden diese Lücken erfolgreich gerissen und mit hervorragenden Passabfolgen in gefährliche Angriffe verwandelt. Johnson, Hahn und vor allem Lars Stindl fanden dabei mit einer fast traumwandlerischen Sicherheit den jeweiligen Mitspieler und nach holprigem Beginn mischte auch Patrick Herrmann immer besser in diesem Offensivwirbel mit. Diese Angriffe waren lehrbuchhaft und - auch ohne Raffael, Hazard und Traoré - feinste Fußballkunst, die die ansonsten knochenharte und konsequente Handwerksarbeit der Schubert-Elf sehenswert veredelte.

Ein besonderes Lob gilt dabei dem Kapitän. Wie Lars Stindl seit Raffaels Fehlen die Rolle seines kongenialen Partners quasi noch mit übernimmt, ist unglaublich. Vor allem, wenn man sieht, was er ohnehin schon läuft, wie viele Bälle er erobert, sichert und mit seinem Körper gegen brutale Abwehrhärte verteidigt. Wie er das alles wegsteckt, zudem als Verbindungsspieler zauberhafte öffnende Pässe spielt und wenn es passt, wie heute, dann noch selbst vollstreckt - das ist ganz großes Kino! Das soll die Leistung der anderen nicht herabsetzen, ganz im Gegenteil. Aber ich finde, es muss mal besonders hervorgehoben werden.

Nein, ein Selbstläufer ist diese Saison nicht, sie wird auch weiterhin wohl nicht ganz so glatt verlaufen, wie wir das gern hätten. Aber Spiele wie das heute zeigen, dass die Mannschaft von Aufgabe zu Aufgabe zusammenwächst, in ihrer personellen wie taktischen Flexibilität sicherer wird und auch das richtige Maß zwischen Sicherheit und Risiko immer häufiger findet. Das ist und bleibt gleichwohl ein schmaler Grat, vor allem, wenn man so dominant und offensiv auftreten will wie Borussia. Der kunstvoll verzierte Pflichtsieg im Pokal heute war jedenfalls eine gute Übung für die kommenden beiden Aufgaben im Borussia Park - das Spiel gegen die unbequeme und damit relativ erfolgreiche Frankfurter Eintracht sowie das Rückspiel gegen wütenden Schotten aus Glasgow, die gegen den VfL noch etwas gutzumachen haben.

DFB-Pokal 2016/17, 2. Runde (25.10.16): Borussia Mönchengladbach - VfB Stuttgart 2:0 (Tore für Borussia: 1:0 Johnson, 2:0 Stindl) 

Samstag, 22. Oktober 2016

Zum Wegschalten

Das Spiel bei den Bayern heute war - nach einigen guten Jahren - mal wieder zum Wegschalten. Borussia hatte in der ersten Halbzeit so was von keine Chance gegen hellwache und spielfreudige Gastgeber. In der zweiten Halbzeit sah es nur etwas besser aus,  was es aber nicht wirklich war.

Die Schubert-Elf, nach Traorés Ausfall so etwas wie das letzte Aufgebot des letztjährigen Bayern-"Angstgegners", trat so ängstlich und gelähmt auf wie man es in der vergangenen Saison von vielen Bayern-Gegnern gesehen hatte - nur nicht von Borussia.
Und so erübrigt sich auch eine umfangreiche Fehleraufzählung. Der VfL war bis auf ein paar Minuten nach der Halbzeit durchweg zu schlecht, um den Rekordmeister in irgendeiner Weise in Bedrängnis zu bringen.

Nun ist es nicht so, dass ich angesichts der Personalsituation und des kräftezehrenden und aufreibenden Auftritts in Glasgow Punkte in München eingeplant hätte.
Aber wenn eine der beiden Chancen - Johnson in der ersten, Hahns Pfostenschuss in der zweiten Halbzeit - ins Tor gefallen wäre, hätte man die Bayern damit vielleicht ein wenig nervös machen können. Denn deren Taktik, sich nach der Pause aus Schonungsgründen deutlich weiter zurückzuziehen, um Gladbach etwas mehr Spielanteile zu überlassen, war nicht ohne Risiko. Doch ohne die Kreativkräfte Raffael, Hazard, Dahoud und Traoré war Borussia heute einfach zu bieder, um daraus Kapital schlagen zu können.

Positiv habe ich allenfalls für mich abgespeichert,  dass Elvedi die Verschiebung auf unterschiedliche Abwehrpositionen schnell und mit guter Qualität hinbekommt. Dass Strobl erneut eine solide Leistung ablieferte und Kramer sich als unbequemer Gegner etabliert, der sehr viele Bälle abläuft, erobert und auch verteilt. Allerdings ist er auch oft hart am Platzverweis - zum Beispiel heute.
Neben der enttäuschenden mannschaftlichen Leistung fiel Oscar Wendt einmal mehr mit schwachem Abwehrverhalten vor den Gegentoren auf, auch Vestergaard ließ sich mehrmals viel zu leicht ausspielen. Solche Szenen kann man sich gegen die Bayern bekanntlich nicht leisten.  Tut man es doch, dann steht man am Ende so belämmert da wie unsere Helden von Glasgow heute in der Arroganz-Arena. Schade drum.

Bundesliga 2016/17, 8. Spieltag (22.10.16): FC Bayern München - Borussia Mönchengladbach 2:0

Donnerstag, 20. Oktober 2016

Die Eroberung des Paradieses

Es gibt Spiele, da gibt es nichts zu kritisieren. Einzelne Szenen vielleicht, wo man es dem Gegner mal zu leicht gemacht hat oder eine vertane Chance, wenn ein Angriff zu hektisch zu Ende gespielt wurde. Gestern Abend im "Paradies", wie die Celtic-Fans ihren Fußballtempel nicht zu Unrecht nennen, war so ein Spiel.

Es war so, dass kein Zweifel am Sieger dieser Champions League-Partie bestand. Zu abgeklärt und kühl ging die dezimierte VfL-Elf das Unternehmen "Siegzwang" an.
Keine Nervosität, kompromisslose und erfolgreiche Zweikampfführung und hervorragendes Umschalten im Angriff, das die Schotten ein ums andere Mal in Schwierigkeiten brachte. 
Besonders wertvoll ist dieser Sieg nicht nur, weil er die Chance auf ein Überwintern in einem europäischen Wettbewerb erheblich gesteigert hat. Er war auch der Beweis, dass der "zweite Anzug" Borussia ebenfalls passt, wenn man den Kampf annimmt und läuft, bis es nicht mehr geht. Natürlich ragten in dieser Beziehung gestern Lars Stindl und André Hahn besonders heraus. Doch es wäre unfair, die Leistung der anderen damit zu schmälern. Jonas Hofmann etwa, der fast ohne Spielpraxis in diese Fußballschlacht geworfen wurde,  ein Elvedi, der diesmal nicht von anlaufenden Stürmern zu beeindrucken war. Ein Traoré,  der sich läuferisch und kämpferisch völlig in den Dienst der Mannschaft stellte. Und nicht zuletzt Chris Kramer und Tobias Strobl,  die sämtliche Spielaufbaubemühungen von Celtics Mittelfeldakteuren brutal abliefen und im Keim erstickten. 

Eine bilderbuchhafte "Eroberung des Paradieses" also, inklusive der erstaunlichen Tatsache, die frenetischen Fans der Gastgeber recht schnell recht stumm bekommen zu haben. Das ist dort noch nicht vielen Mannschaften gelungen.
Mitnichten ist es aber ein Grund, nun gleich den Auswärtssieg bei den Überbayern herbeizureden. Denn das taktische Konzept gestern passte perfekt auf eine spielerisch limitierte Mannschaft wie Celtic, die kämpferisch alles in Grund und Boden rennt, wenn man sie lässt.
Es taugt aber nicht genauso gegen eine spielstarke Mannschaft.

Doch das ist erstmal auch zweitrangig. Denn das gestern war eine Sternstunde für Borussia und uns alle,  die wir europäische Auftritte unseres Teams noch nicht für selbstverständlich halten. Ein sportliches Ausrufezeichen und auch erneut eins unserer Fans, die Europa zeigen, wie wahrer Support aussieht. Was die Gladbacher in Glasgow stimmungsmäßig und vom Verhalten abgezogen haben, hallt nach und bringt unserem Verein die Sympathie und Anerkennung, die er verdient. Da bin ich wirklich stolz drauf.

Champions League, Gruppenphase, 3. Spieltag: Celtic Glasgow - Borussia Mönchengladbach 0:2 (Tore für Borussia: 0:1 Stindl, 0:2 Hahn)

Sonntag, 16. Oktober 2016

Kein Zielwasser gegen den HaEsFoul

Mann, Mann, Mann! Was für ein Spiel! Und wieder eine vertane Chance auf einen Dreier, so ärgerlich wie lange nicht mehr. Und war das jetzt eine ganz schlechte oder indiskutable Leistung, wie sie ganz viele "Fans" heute gesehen haben wollen und die dann ihrem Frust über Trainer, Dreierkette oder "Elfmeterversager" in drastischen Worten in den sozialen Medien Ausdruck verleihen?
Nein. Im Gegenteil. Borussia hat heute das meiste richtig gemacht - nur das entscheidende nicht, nämlich die vielen Torschüsse in wenigstens ein Tor zu verwandeln. Das nämlich hätte heute gereicht.

Dieses 0:0 ist schwer zu schlucken, weil es gegen eine der schwächsten Mannschaften zustande kam, die ich lange im Borussia Park habe spielen sehen. Der HSV war nur läuferisch erstklassig, defensiv vernünftig, aber nicht besonders herasusragend eingestellt, nach vorne war er nicht vorhanden, bzw. wurde von der sicheren Gladbacher Dreierkette leichtfüßig abgekocht. Wenn man damit dennoch einen Auswärtspunkt holen kann, kann es folglich nur am Gegner gelegen haben. Und somit haben sich die Fohlen den Dämpfer im eigenen Stadion selbst zuzuschreiben.
Der VfL hat sicher heute kein hervorragendes Spiel abgeliefert. Es war aber ein sehr gutes. Und das lässt sich leicht feststellen, wenn man sich mal nicht von den erbärmlichen Fehlschüssen des Spiels ablenken lässt.
Dass man von zwei Elfmetern mindestens einen reinmachen muss, braucht man niemandem zu erklären. Dass keiner freiwillig verschießt, auch nicht. Zumal Stindls Elfer eigentlich sehr gut geschossen war, Hahns zumindest passabel. Aber sei's drum. Schlimmer waren die vergebenen Chancen von Stindl und Elvedi aus kürzester Entfernung, dazu kam Pech bei Wendts Pfostenschuss. Johnson und Stindl hatten zwei weitere "Kann"-Chancen, die mit einem etwas präziseren Schuss wohl auch zu einem Tor geführt hätten. Statt 4:0 oder 5:0, wie es dem Spiel angemessen gewesen wäre, hieß es am Ende aber 0:0.
Und das, weil die (zu Unrecht) in der Länderspielpause so oft gescholtene Dreierkette in der Kombination Korb/Christensen/Elvedi jeden Angriffsversuch der Hamburger im Keim erstickte und auch im Spielaufbau eine sehr ordentliche Figur machte. Das war kein Vergleich zum Spiel vor zwei Wochen auf Schalke. Alle drei machten ein starkes Spiel - fehlerlos, sodass Yann Sommer überhaupt nicht gefordert wurde.
Für dieses Spiel gegen einen harmlosen und früh dezimierten Gegner war die Balance im Spiel sehr gut dosiert, wenngleich der VfL nach dem Platzverweis gegen Cleber phasenweise wieder zu langsam verschob und zu wenig Druck über überraschende Pässe in die Spitze aufbaute. Dass man deswegen die eigene Mannschaft auspfeift, wie das einige heute taten, macht mich aber fassungslos.
Was erwarten diese Leute? Da ist so manchem offenbar etwas zu Kopf gestiegen - zum Glück aber nicht in der Mannschaft. Die spielte nämlich sehr konzentriert und geduldig gegen den defensiven Gegner weiter und fand auch immer wieder Lücken nach vorne, vor allem in der zweiten Halbzeit, wo man sich den Gegner teilweise gut "zurechtlegte". Etwa bei Stindls Chance kurz nach der Pause, der eine sehr überlegte Pass-Stafette vorausging, die mit dem langen Seitenwechsel auf Traoré und nach dessen Pass mit Stindls Schuss aus elf Metern in Adlers Arme endete.
Dahoud und Co machten dabei aber nie den Fehler, zu offen zu stehen und in einen Konter zu laufen. Das war der Unterschied zu vielen anderen Spielen in dieser Saison, nicht zuletzt zu den "tollen sechs Minuten" in Gelsenkirchen.

Ein paar Worte an dieser Stelle zur Überzahl, die aus Sicht mancher Fans ja fast automatisch zu einem Kantersieg führen sollte. Das ist natürlich Quatsch, denn für den HSV änderte sich durch die Rote Karte taktisch fast gar nichts, außer dass ein Spieler weniger in der Offensive zur Verfügung stand. Defensiv ist der Verbund genauso eng gestaffelt und schwer zu knacken wie eine vollzählige Elf. Was sich mit der Zeit auswirken kann, ist die schwindende Kraft und Frische druch den läuferischen Mehraufwand. Und das zeigte sich in der Schlussphase, wo Hamburg sich kaum noch befreien konnte. Leider ohne Erfolg für Borussia.

Vorwerfen will ich der Schubert-Elf heute außer der wirklich schwachen Effektivität vor dem Tor nicht viel. Das Zweikampfverhalten war hervorragend. Obwohl eigentlich nur der HSV verteidigte, lag der VfL mit 53,4 Prozent gewonnener Zweikämpfe klar vorn und ließ wie gesagt auch keine Konter zu - im Verbund mit der Dreierkette muss man da den stark verbesserten Wendt sowie Kramer und Dahoud erwähnen, die sehr konzentriert in den Zweikämpfen zu Werke gingen. Hahn ist da ohnehin außerhalb jeder Kritik, aber auch Stindl und Johnson haben mir gefallen. Ein Tag zum Vergessen war es dagegen für Patrick Herrmann, der seine Startelfchance mit fehlerhaftem Spiel gar nicht nutzen konnte. Schade, es wäre ihm wirklich zu gönnen gewesen.

Leider - und fast erwartungsgemäß - muss es in diesem Text auch ein Kapitel über Schiedsrichter Wolfgang Stark und sein Team geben. Vorweg: Auch wenn es viele anders sehen mögen - für mich sind beide Elfmeter richtig gewesen. In beiden Fällen kreuzt der Verteidiger den Laufweg des (schnelleren) Gladbachers und bringt ihn damit zu Fall. Wohl weil bei Cleber anfangs auch noch die Hand im Spiel war, gab Stark Rot - für mich zu hart.
Im Gegensatz zu früheren Spielen benachteiligte Stark Borussia diesmal nicht über  die Maqßen - oder etwa doch? Denn er hätte durchaus in der ersten Halbzeit zwei weitere Male auf den Elfmeterpunkt zeigen können, wenn nicht müssen. Zum einen in der 12. Minute, als Stindl für mich klar in der Drehung von den Beinen geholt wurde - leider wurde dies in der Wiederholung nirgends gezeigt, sodass ich keine 100prozentige Sicherheit habe. Zum anderen wäre in der 4. Minute für mich ein Elfmeterpfiff angebracht gewesen. Stark pfiff im Laufduell Clebers Handeinsatz gegen Hahn, der noch vor dem Strafraum erfolgte, den Stürmer aber nicht am Abschluss hinderte. Ein klares Foul folgte dann im Strafraum durch den heute völlig außer Rand und Band befindlichen Torwart. Hahn überspielte Adler und wurde von ihm übel getreten. Interessanterweise gab Stark dort noch nicht einmal Gelb für Cleber, den er für eine fast identische Situation in der 25. Minute mit Rot zum Duschen schickte.
Falsch war auch die Bewertung vor dem Zusammenprall von Hahn mit dem mit angezogenem Knie reinspringenden Adler kurz vor der Pause. Denn die angezeigte Abseitsstellung war keine; und es war in diesem Spiel nicht die einzige falsche Abseitsfahne zu ungunsten von Borussia. Somit wäre Adlers brutaler Einsatz entsprechend als Foul zu werten gewesen - natürlich im Strafraum.
Fast schon gewohnt war die wenig stringente Regelauslegung Starks bei Zweikämpfen, mit dem er mal die eine, mal die andere Mannschaft überraschte. Eine richtige Linie hat dieser Unparteiische irgendwie nicht in seinem Spiel. Paradebeispiel war Stindls Gelbe Karte kurz vor der Halbzeit. Die Verwarnung für den Rempler gegen Spahic war völlig ok, aber dann muss Stark auch die Szene zuvor bewerten, bei der Spahic Stindl absichtlich auflaufen ließ, ohne dass der Ball in der Nähe war. Auch diese Szene wurde im Fernsehen leider nicht noch mal gezeigt.  
Ach ja: Muss man noch erwähnen, dass bei Hahns Elfmeterschuss bereits zwei Hamburger in den Strafraum gelaufen waren (und kein Borusse), was laut Regelwerk mit der Wiederholung des Elfers zu ahnden gewesen wäre?
Das alles passte zu dem heutigen Tag. Aber man darf Stark auch nicht die Schuld für das unbefriedigende Resultat geben. Schließlich hatten unsere Helden heute mehrfach vermeintlich leichte Aufgaben, den Ball ohne große Gegenwehr ins Tor zu schießen. Das gelang nicht, insofern geht auch das Ergebnis in Ordnung. Punkt. Wäre nicht schlecht, wenn das Glück und das Tüchtige dann gegen Celtic und die Bayern auf unserer Seite wäre.

Bundesliga 2016/17, 7. Spieltag (15.10.16): Borussia Mönchengladbach - Hamburger SV 0:0

Sonntag, 2. Oktober 2016

Kalte Dusche in der Turnhalle

Dass das nichts werden würde, konnte man irgendwie schon ahnen: Nachdem die Süddeutsche Zeitung Borussia vor dem Spiel schon als Bayern-Jäger ausgerufen hatte, weil theoretisch Platz zwei möglich gewesen wäre und zuvor die Dortmunder gepatzt hatten. Weil die Favoritenrolle klar verteilt war - und weil der VfL wieder mal auswärts ranmusste, noch dazu in der Schalker Turnhalle, wo es für Gladbach schon öfter (auch bitter unverdiente) kalte Duschen gegeben hat.

Wenn man das ganze Spiel anschaut, kann man sich über eine Niederlage nicht unbedingt beschweren. Das Zustandekommen und die Höhe sind allerdings ein schlechter Witz. Borussia verweigerte eine Halbzeit lang das Offensivspiel, weil Schalke früh und aggressiv störte und Gladbach wieder einmal keine Lösung fand, nicht einmal den primitiven langen Schlag nach vorne auf Hahn oder Hazard. War es die ungewohnte Aufstellung - mit Dahoud (zu) weit vorn und in der Luft hängend sowie mit den "Spielaufbaugöttern" Jantschke, Elvedi und Vestergaard in der Dreierkette - oder der bissige Gegner - die erste Halbzeit war jedenfalls zum Vergessen, fußballerisch unterirdisch. Dem standen die Gastgeber aber auch nicht nach, sodass das Spiel bis dahin auch keinen Sieger verdient gehabt hätte. Es waren verlorene 45 Minuten.

Dann aber wechselt das Trainerteam goldrichtig, stellt mit Stindl für Vestergaard (plus Christensen in die Kette und Dahoud auf der Sechs) die Borussia-Balance im Spiel nach vorne wieder her. Die Schubert-Elf wirbelt die Gelsenkirchener Defensive auch fünf Minuten lang nach allen Regeln der Kunst schwindelig, schießt aber das Tor nicht. Und auf der anderen Seite entscheidet nicht Schalke das Spiel, sondern der Schiedsrichter. Ein Witzelfmeter zum 1:0 und das vor dem 2:0 im Mittelfeld nicht geahndete klare Foul an Traoré heben Schalke mit sehr fraglichen Mitteln in die Erfolgsspur. Das ärgert mich, denn zu dem Zeitpunkt kam die Gazprom-Truppe überhaupt nicht mehr mit den sichtlich aufdrehenden Borussen mit.
Was danach passierte, ist das, was den Fußball so unberechenbar macht. Nach vorne spielten Stindl und Co. ja keine schlechte Halbzeit, sie hatten genug gute Angriffe und ein paar Chancen, das Spiel noch mal offener zu gestalten. Hazard wurde zu allem Überfluss ein Elfmeter verweigert, den man nicht unbedingt geben muss, der im Vergleich mit der Szene auf der anderen Seite aber schon zwingend ist. Entscheidender als das war allerdings in der zweiten Halbzeit die uns nicht so ganz unbekannte Anfälligkeit für Konter und das Auseinanderbrechen nach einem Rückstand. Drei Tore in sechs Minuten, egal wie sie zustandekommen, das kann man sich nirgends erlauben, wenn man vorne mitspielen möchte. Dass individuelle Fehler, Ballverluste von Dahoud und Christensen, den K.o. bringen, muss man hinnehmen, doch die Schalker waren in diesen Kontersituationen und auch beim 0:2 einfach durchsetzungsfähiger und schneller.
 
Es ist auffällig, dass wieder einmal ein eher dominanter Auftritt im fremden Stadion eiskalt bestraft wird. Der Gegner kann sich ins Fäustchen lachen, denn leichter hat Schalke sicher lange nicht mehr vier Tore erzielen können. Borussia, im Bemühen, den Ball zu kontrollieren und dem Gegner seinen Powerfußball aufzudrücken, läuft dagegen in die Konter der Heimmannschaft und ins offene Messer. Das ist paradox, aber im Borussia Park ist es ja nicht selten ebenfalls ein Erfolgsrezept. Letzten Ende sind es aber genau diese Situationen, die auch gegen Barcelona oder Manchester den Unterschied zum Negativen ausgemacht haben. Aber in jeder Situation die Reife und Abgezocktheit für die richtige Lösung zu haben, ist vielleicht auch zu viel verlangt, gerade wenn man die jungen Spieler anschaut. Lernen müssen sie daraus - gerade im Verhalten Eins-gegen-Eins. Da waren Goretzka, Embolo und Choupo-Mouting heute in einigen Szenen einfach cleverer.

Kleines Detail am Rande: Die vier Gegentore kamen von drei Spielern, die nachweislich auch Gladbach gerne verpflichten wollte. Alle wechselten dann aber - wahrscheinlich wegen der guten Luft auf Schalke - zum Gegner. Auch so etwas sollte man im Blick behalten, wenn es darum geht, die Position von Borussia im deutschen Fußball richtig einzuordnen. Solange bei anderen Vereinen in entscheidenden Momenten Geld keine Rolle spielt, sind der VfL und seine Fans gut beraten, bei den Erwartungen nicht zu überdrehen. Aber derartige Stimmen sind zum Glück bisher noch die Ausnahme, auch wenn die Erwartungen steigen.

Bundesliga 2016/17, 6. Spieltag (2.10.16): FC Schalke 04 - Borussia Mönchengladbach 4:0