Donnerstag, 31. März 2016

Weichenstellungen I: Wer bleibt, wer geht?

Wenn Borussia sich im Sommer zur ersten Trainingseinheit zur Vorbereitung auf die neue Saison versammelt, wird sich das Bild der Mannschaft gewandelt haben - einmal mehr, denn auch der sportliche Erfolg der vergangenen fünf Jahre hat den traditionellen Talententwickler vom Niederrhein nicht vor schmerzlichen personellen Umbrüchen bewahren können. Klar, das ist das Los vieler Vereine. Aber wir gehören immerhin inzwischen zu denen, die ihre Abgänge über noch "kleinere" Vereine ganz gut und kostengünstig kompensieren können. Das zeigen nicht zuletzt die Transfers von Max Kruse, André Hahn, Fabian Johnson oder Lars Stindl. Auch der erste Neuzugang für die kommende Saison, Defensivallrounder Tobias Strobl von 1899 Hoffenheim, fällt in diese Kategorie.

Doch wie verändert sich der VfL zur neuen Saison, vor allem im Strudel der drohenden Geldmassen, die die englischen Vereine streuen werden (und mit denen sie zugleich auch andere deutsche Vereine zu Großeinkäufern machen könnten)? Und kann der Verein alle drohenden Schwächungen adäquat ersetzen - ungeachtet der Frage, ob und in welcher Etage der internationalen Wettbewerbe er antreten dürfte?
Darüber lässt sich ja schon mal vorsichtig sinnieren und spekulieren. 

Gehen wir es doch mal durch: Im Tor verändert sich wohl nichts, Yann Sommer macht nicht unbedingt den Eindruck, dass er sich verändern will, seine Vertreter Sippel und Heimeroth haben dazu ebenfalls keinen Grund. Der ausgeliehene Janis Blaswich ist bei Dresden offenbar zufrieden, mit einem Aufstieg in die zweite Liga käme er aus meiner Sicht auch an seine Grenzen. Ich denke nicht, dass er zurückkehren wird.

In der Abwehr macht Martin Stranzl einen Platz frei, den wohl sein Landsmann Martin Hinteregger einnimmt - wenn die Kaufoption gezogen wird, was zu erwarten ist. Hintereggers Leihe war ja im Prinzip ein Vorgriff auf die neue Saison, weil in der Rückrunde klar war, dass in Jantschke, Stranzl, Dominguez und dem möglichen Wendt-Backup Nico Schulz vier Defensivspieler verletzt fehlen würden.
Ziemlich sicher kann man davon ausgehen, dass Andreas Christensen noch ein Jahr in Gladbach verbringt, dafür sprechen auch seine eigenen Aussagen im jüngsten Interview. Die Hoffnung, dass man ihn im Anschluss fest verpflichten kann, teile ich hingegen nicht. Denn geht seine Entwicklung so weiter, stehen ihm in England (aber vielleicht auch in Barcelona oder anderswo) alle Türen offen. Und dass das höchste Ziel von Skandinaviern eher auf der Insel liegt als in Deutschland, hat uns ja gerade Havard Nordtveits Entscheidung wieder bewiesen.
Bleiben für die reinen Außenpositionen Oscar Wendt und der zuletzt etwas ins Abseits geratene Julian Korb. Für mehrere Positionen in der Viererkette und im defensiven Mittelfeld geeignet sind Tony Jantschke, der spielintelligent genug ist, sich in die veränderten Anforderungen an das Verteidigen unter Schubert schnell reinzuarbeiten, dann Hinteregger, Nico Elvedi, Tobias Strobl und Alvaro Dominguez, wenn er denn fit wird. Defensiv außen wären zudem die eher im Mittelfeld vorgesehenen Nico Schulz und Fabian Johnson einsetzbar, denkbar wäre auch noch der junge Marvin Schulz als Innenverteidiger. Bleibt noch der ewige Rooooel, der allerdings auf die Innenverteidigerposition festgelegt ist, sodass er bei einer möglichen Vertragsverlängerung im Kader erneut nur der Ersatz des Ersatzes sein würde. Ausgeschlossen ist das aber nicht.
Ich denke, dass sich im Abwehrbereich transfermäßig nur noch etwas tut, falls man mit Dominguez weiterhin nicht rechnen kann, Brouwers keinen Vertrag mehr bekäme oder Christensen doch nicht zu halten wäre.

Im Mittelfeld ist eine Personalie schon klar: Tobias Strobl nimmt den Platz von Havard Nordtveit ein, der Neue kann alle Positionen spielen, die auch der Norweger bei Borussia schon innehatte. Ob Strobl seinen Vorgänger auch qualitativ gleichwertig ersetzen kann, muss sich zeigen, aber da kann man dem Gladbacher Scouting in der Regel schon trauen. Und schließlich darf man auch nicht vergessen, dass auch Nordtveit lange zwischen Stammplatz und Bank pendelte. Die ganz große Form erreichte er ja erst vor wenigen Monaten wieder.
Während die Außenpositionen mit Ibo Traoré, Thorgan Hazard, Fabian Johnson, Patrick Herrmann, André Hahn, Jonas Hofmann und Nico Schulz üppig besetzt sind, wird sich Wohl und Wehe von Borussia am ehesten im defensiven Mittelfeldzentrum entscheiden. Dass Granit Xhaka den VfL für eine riesige Ablösesumme gen England verlassen wird, davon kann man getrost ausgehen. Ob man trotz dieses Geldes einen gleichwertigen Ersatz verpflichten kann, der im Sommer sofort Xhakas Fußstapfen ausfüllt? Bis jetzt reine Spekulation.
Dass auch Dahoud verkauft wird, glaube ich aus diesem Grund nicht. Ein weiteres Jahr in Gladbach tut ihm auch persönlich sicher gut. Ideal wäre es, wenn Max Eberl ihn rechtzeitig nochmal zu einer Verlängerung seines Vertrages (gilt bis 2018) bewegen könnte. Denn sollte er auf diesem Niveau weiterspielen, wird es 2017 schwer sein, ihn vom nächsten Schritt abzuhalten. Auch wenn mehrere Borussen grundsätzlich auch die "Sechs" spielen können (Strobl, Jantschke, Stindl, Marvin Schulz, Christensen, Elvedi), käme es beim Abgang von Xhaka entscheidend auf den zu verpflichtenden Ersatz an, der neben Dahoud den etwas absichernderen Part innehätte. Es wäre fahrlässig, hier nicht tätig zu werden.

Anders sähe das im offensiven Bereich aus, in dem Gladbach außerst komfortabel ausgestattet ist. Meine kleine Befürchtung, dass Patrick Herrmann von geldwerfenden Engländern abgeworben werden könnte, ist zwar noch nicht vom Tisch, aber derzeit nicht allzu akut. Also gäbe es höchstens Handlungsbedarf, wenn sich ein Spieler dem Konkurrenzkampf durch einen Wechsel entziehen wollte. Auch das ist derzeit nicht abzusehen.
Für die Außenpositionen offensiv stünden nach heutigem Stand zur Verfügung: Traoré, Hazard, Herrmann, Hahn (vorwiegend rechts), Johnson, Hofmann, Nico Schulz (vorwiegend links) (Edit: Natürlich ist Jonas Hofmann eigentlich eher auf der rechten Angriffseite beheimatet, ich denke aber, dass er alle offensiven Positionen bis auf Stoßstürmer spielen könnte). Auf den zentralen Stürmer-/Halbstürmerpositionen sind neben den gesetzten Raffael und Stindl vor allem Hazard, Hahn und Hofmann denkbar. Und natürlich Josip Drmic, der nach seiner langwierigen Verletzung einen neuen Anlauf beim VfL nehmen wird und muss. Denn selbst wenn es einen Plan gab, ihn schnell wieder zu verkaufen: Derzeit wäre das kaum zu einem akzeptablen Preis möglich.
Bleiben zwei Fragezeichen: Wer ersetzt Branimir Hrgota, der zuletzt nicht einmal mehr auf der Bank saß? Und schafft Marlon Ritter, in der Regionalliga ein Toptorjäger, nun auch den Sprung nach oben? Hier wäre, je nachdem, wie man diese Fragen beantwortet, ein bis zwei Kaderplätze neu zu bestücken.

Unter dem Strich bedeutet das voraussichtlichen Handlungsbedarf auf der Sechserposition und auf einer Stürmerposition. Dies müsste durch einen Topmann im defensiven Mittelfeld und möglicherweise durch einen "Nachwuchs"-Stürmer (wie damals Hrgota) angegangen werden. Inwiefern die Abwehr nochmals verstärkt werden muss oder sollte, liegt mehr an den Personalien Dominguez (Fitness) und Brouwers (neuer Vertrag?) als an dem umworbenen Christensen. Wenn hier noch ein Transfer kommt, dann sicher ein erfahrener Mann, eventuell auch hier einer, der auch im defensiven Mittelfeld einsetzbar wäre. Dass neue Spieler nicht immer Eins-zu-Eins den Abgang ersetzen müssen, zeigt sich zum Beispiel an Lars Stindl, den viele als reinen Kramer-Ersatz eingeordnet hatten. Viel wertvoller ist er auf der offensiveren Position, die er heute bei Borussia bekleidet. Und Dahoud hat die Kramer-Lücke dann vollends geschlossen. Klappt nicht immer, aber bei Borussia hoffentlich immer öfter.

So, das war jetzt viel über die möglichen Baustellen für die neue Saison. Im zweiten Teil will ich - noch spekulativer - ein paar Spieler nennen, die ich für geeignete (und auch realistische) Neuzugänge halten würde (oder auch nicht). Bis dann.


Samstag, 19. März 2016

Ungerechtigkeit 2, Gladbach 1

Ich habe ja schon viele Spiele der Borussia gesehen und bin dabei schon öfter schier verzweifelt. Das Freitagsspiel in Schalke war aber das absurdeste Fußballspiel, das ich seit langer, langer Zeit gesehen habe. 
Großchancen des VfL im Minutentakt, der die hilflose Gelsenkirchener Millionentruppe ein ums andere Mal tranchierte, nach allen Regeln der Spielkunst auseinandernahm und vor eigenem Publikum in der königsblauen Turnhalle fast lächerlich machte. Und doch haben die Schalker die Punkte. Unfassbar. Und beschweren darf man sich am Ende noch nicht einmal, weil man ja nur die allerbesten Torgelegenheiten hätte nutzen müssen, um einen Kantersieg auf Schalke zu feiern. 

Dass die Schalker sich stattdessen anschließend für dieses Spiel feiern ließen und versuchten, das unverschämte Glück von diesmal mit dem Pech von anderen Spielen zu vergleichen, sprach für sich. Dieses 2:1, für das die Hausherren so gut wie nichts konnten, übertünchte somit die Fehler der Königsblauen und die untaugliche Taktik, die Schalke-Trainer Breitenreiter gewählt hatte. Spielt Schalke so weiter, werden sie nicht lange vor dem VfL bleiben. Wo andere Gegner gegen Gladbach bewusst das Mittelfeld engmaschig verdichten, ließ Schalke riesige Löcher zu. Mit wenigen schnellen Pässen waren die Gastgeber ein ums andere Mal ausgespielt. Warum Breitenreiter deshalb ausgerechnet Geis auf der Bank ließ, weiß wohl nur er. Die angeblich mehrfachen Taktikwechsel, mit denen er im Spiel auf die Gladbacher Dominanz reagiert haben wollte, verpufften.
Vor allem änderten sie über die gesamte Spielzeit nichts daran, dass der VfL weiter durch die königsblauen Reihen kombinierte, wie er wollte. Wenn man Hazard, Stindl und Raffael den Ball allerdings auch annehmen und weiterleiten lässt, muss man sich nicht wundern, dass man nur hinterher rennt.
Kompensieren konnten die Schalker das oft nur noch mit Fouls, vor allem effektiven Schubsern, die der für so ein leicht zu leitendes Spiel schwache Schiedsrichter Fritz aber konsequent versäumte zu ahnden. Besonders ärgerlich war das vor allem in zwei Strafraumszenen, in denen Hazard und Stindl jeweils schon am Gegner vorbei waren und dann von hinten einen Stoß in den Rücken bekamen. Das sind natürlich Foulspiele, weil schon ein leichtes Drücken reicht, um einen Spieler in voller Geschwindigkeit aus dem Gleichgewicht zu bringen. Für mich sind das dann folglich auch berechtigte Elfmeter, aber die Linie der Schiedsrichter ist in der Bundesliga dermaßen weit auseinander, dass man sich eigentlich überhaupt nicht mehr aufregen sollte. Aber wenn man sieht, was alles schon als „Elfmeter“ gegen Gladbach gepfiffen wurde, fällt mir das immer wieder aufs Neue schwer.

Nun kann man lange weiter lamentieren, warum es ungerecht ist, wenn man 1:2 verliert, ohne das der Gegner auch nur einmal gefährlich aufs Tor geschossen hat. Die Fakten ändert das jedoch nicht. Die Punkte sind weg. Und das ist ernüchternd. Denn gegen Wolfsburg und Schalke die direkte Konkurrenz zu stärken, das kann man sich nicht leisten, wenn man vorne mitspielen will. Zumal, wenn man auch schon Mainz und Dortmund die sechs Punkte gelassen hat. Es wird weiterhin also zuerst darum gehen, nach hinten zu schauen und sich die Verfolger vom Leib zu halten.

Trotzdem überwiegt bei mir auch nach diesem Spiel das Positive. Von der Krise, die der Schubert-Elf Anfang des Jahres durch die vielen Gegentore angedichtet wurde, ist keine Rede mehr. Sie wurde abgelöst von der „Auswärtsseuche“. Mit der kann man aber deutlich besser leben, wenn man auch die spielerische Leistung und nicht nur die nackten Ergebnisse betrachtet. Borussia spielt eindeutig nach Dortmund und Bayern den drittbesten Fußball in der Liga, und das muss sich auch irgendwann in den entscheidenden Zahlen widerspiegeln: den Toren. Davon bin ich überzeugt, denn der VfL wird nicht immer so viele Chancen so jämmerlich ungenutzt lassen wie gegen Frankfurt und Schalke, das geht einfach nicht.
Und: Borussia lässt längst nicht mehr so viele gegnerische Chancen zu wie noch vor ein paar Wochen. Dumm ist natürlich, wenn die regelmäßig zu zwei Gegentoren führen. Verhindern lässt sich das nicht immer, zumal bei einem so intensiven Lauf- und Passspiel, wie es Dahoud und Co. derzeit zelebrieren. Zwei Gegentore waren es in Wolfsburg, da schoss der Gegner wenigstens die Tore noch selbst, zwei waren es auf Schalke, die die Borussen dann gnädigerweise für die unfähigen Gastgeber dann auch gleich noch selbst verwandelten. Natürlich muss da weniger auf die letzten Meter der Slapstick-Tore gucken, sondern auf die Entstehung. Nordtveits Stockfehler und Christensens verlorenes Laufduell gegen Sané waren ausschlaggebend für das 0:1, das gleichzeitige Herausrücken von gleich drei Spielern ermöglichte mit etwas Glück beim 1:2 den Pass auf Goretzka, dessen schwacher Schuss ausschließlich durch Xhakas Schulter unhaltbar wurde.
A propos: Wenn jemand unter den Funktionären den Fußball lieben sollte, dürfte er nach dieser Szene nicht mehr ruhig schlafen können. Xhakas Körperhaltung zeigte perfekt die Perversion der geltenden Handspiel-Regel: Er dreht sich weg, mit beiden Armen hinter dem Körper, um nicht angeschossen zu werden und am Ende einen Elfmeter zu verursachen. Wenn Spieler in der Verteidigung zu solch unnatürlichen Haltungen gezwungen und dadurch an einer vernünftigen Abwehraktion gehindert werden, dann ist das ist einfach nur noch lächerlich.

Bundesliga 2015/16, 27. Spieltag: FC Schalke 04 - Borussia Mönchengladbach 2:1 (18.3.16)
(Tor für Borussia: 1:1 Christensen)

Samstag, 12. März 2016

Reife Leistung

Gegner beherrscht, abgeklärt gespielt, immens zweikampfstark, ohne groß zu foulen, wieder ohne Gegentor geblieben: Borussia hat sich im Spiel gegen Eintracht Frankfurt erneut in der Heimspiel-Galaform präsentiert. Auch wenn man sagen muss, dass Eintracht Frankfurt in der derzeitigen Verfassung kein Gegner auf Augenhöhe ist, war der Auftritt, der dritte Heimsieg zu Null in Folge, beeindruckend herausgespielt. Nicht unbedingt in der Entstehung der Tore, bei denen vor allem Gästetorwart Hradecky behilflich war, sondern in der gesamten Spielanlage, die den Hessen über die gesamte Spielzeit keine Luft zum Atmen ließ. 

Ein Torschuss der Frankfurter in 90 Minuten, keine Herausforderungen für Yann Sommer, gepflegtes, geduldiges Spiel fast wie zu Favres Zeiten, das machte wirklich Spaß. Auch den Spielern, offenbar so viel, dass Mo Dahoud in der Schlussphase fast etwas überdrehte und letztlich zurecht einen Rüffel vom Trainer für die eine oder andere übertriebene Einlage kassierte. Andererseits machte der junge Sechser so viel richtig, nicht zuletzt bei seinem frechen Treffer zum 3:0, dass man ihm das nachsehen konnte.
Die Schubert-Elf kam glänzend mit der Herausforderung zurecht, dass Frankfurt mit einer unbekannten Taktik und unberechenbaren Personalrochaden ihres neuen Trainers anreisen würde. Und zogen den Gästen den Zahn, in Gladbach die Trendwende anstoßen zu können. Allerdings muss man auch zur Kenntnis nehmen, dass der Gegner dem VfL in der ersten Hälfte zum Teil sehr erfolgreich die gewohnten Passwege zulief und sich in der Defensive nicht ungeschickt „verdichtete“. Das sorgte dafür, dass die Borussen öfter als gewollt den Weg hinten herum suchen oder den Pass zurück zum Torwart spielen mussten. Die Geduld, mit der Christensen, Nordtveit, Xhaka und Dahoud dies lösten und immer wieder neu aufbauten, bis sich ein Loch zum Pass in die gefährlichen Zonen öffnete, zahlte sich aus.

Insgesamt sieht es so aus, als stünde die neue Abwehr inzwischen deutlich stabiler als zu Jahresbeginn. Doch ob das wirklich so ist, wird sich in den kommenden Wochen zeigen, wenn es gegen offensiv deutlich stärkere Teams geht als es Frankfurt an diesem Spieltag war. Schalke wird in dieser Hinsicht ein anderer Prüfstein werden. Hoffentlich kann André Schubert dann auch wieder auf die angeschlagenen Xhaka und Nordtveit bauen. Denn allzuviel Umbaumaßnahmen verträgt das immer noch etwas fragile Defensivgebilde derzeit eigentlich noch nicht.

Bundesliga 2015/16, 26. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - Eintracht Frankfurt 3:0 (12.3.16)
(Tore für Borussia: 1:0 Stindl, 2:0 Raffael, 3:0 Dahoud)

Sonntag, 6. März 2016

Punkte vor die Säue

Warum nur kann Borussia bei dem blutleeren Abgas-Club nicht gewinnen? Das Endergebnis der Samstagspartie war einmal mehr der Hohn. Der VfL spielte Wolfsbug 60 Minuten an die Wand, dreißig weitere Minuten beherrschte man, müder werdend, den Gegner, der nur in der dichten Verteidigung und einem hervorragend aufgelegten Torwart Casteels sein Heil suchen konnte. Insofern ist der Verlust der drei Punkte besonders ärgerlich. An der Leistung der Gladbacher gibt es aber nur wenig zu mäkeln. Es war das mit Abstand beste Auswärtsspiel seit dem 5:1 in Frankfurt. Und das ist am nächsten Wochenende eine halbe Saison her.

Viele Fans hatten im Netz dennoch schnell Schuldige ausgemacht und folgten damit der unterirdischen Analyse des offenbar weitgehend geistesabwesenden Sky-Starschwätzers Fuss und dem irreführenden Kurzbericht in der Sportschau: Nico Elvedis Abwehrverhalten bei den Gegentoren und André Schuberts Taktik mit der Dreierkette gegen Kruse, Draxler und Co wurde die Niederlage angekreidet. 
Wer so argumentiert, macht sich einfach und recht hat er trotzdem nicht. Zuerst zu Nico Elvedi: Beim ersten Tor versuchte er in höchster Not zu retten, als das Kind schon in den Brunnen gefallen war und Draxler frei vor dem Tor in Ballbesitz kam. Elvedi musste mit viel Tempo in den Zweikampf kommen, ohne aber einen Elfer zu verursachen. Die Chancen dafür standen in dieser Szene 50:50, er entschied sich für den geraden Weg, Draxler hebelte ihn mit einer ziemlich guten Körpertäuschung aus. Das kann passieren. Der eigentliche Fehler passierte aber schon in der Rückwärtsbewegung außen, spätestens, als Nordtveit den Pass in die Mitte nicht unterbinden konnte. Dass Wolfsburg dann noch von einer unglücklichen Weiterleitung durch Hinereggers reingestellten Fuß profitierte und der Schuss von Draxler dann auch noch vom Pfosten ins Tor sprang, zeigt, wie glücklich das Zustandekommen dieses zu diesem Zeitpunkt absurden Führungstreffers war. Wolfsburg hatte bis dahin überhaupt nicht stattgefunden, Borussia das Spiel eindeutig beherrscht.
Eklatant schlechter war das Verhalten der gesamten Mannschaft unmittelbar nach dem Gegentreffer. Wieder eine extrem offensive Aufstellung, ein Ballverlust, der die meisten Spieler hinter dem Ball herlaufen ließ. Dass Elvedi dann im Zweikampf mit Kruse schlecht aussah, stimmt. Aber auch hier muss man eins berücksichtigen. Wenn der Gegner so leicht in den Strafraum kommt, hat vorher etwas nicht gestimmt. In Zeiten, wo der Abwehrspieler im eigenen Strafraum auch noch die Arme möglichst hinter den Rücken halten und den direkten Körperkontakt fast meiden muss, damit er den Stürmer nicht zum Fallen einlädt, ist es schwer, noch richtig zu attackieren. Und dass Kruse im Strafraum mit so viel Platz kaum zu verteidigen ist, wissen wir ja alle selbst. 

Nun zu Schuberts Dreierkette, mit der der VfL unter anderem ja auch gegen München gewonnen hat (wenn auch mit viel Glück, wenn man die erste Hälfte betrachtet). Im Prinzip gibt es diese „Dreierkette“, die in Wahrheit gar nicht so statisch gespielt wird, ja nur im Spielaufbau, wenn Borussia in Ballbesitz ist. Und dann sichert meist einer der Sechser, Xhaka oder Dahoud mit ab, während Elvedi und Hinteregger (sonst Wendt) nach vorne schieben. Der Vorteil, den die hoch stehenden Außenverteidiger und auch die immer wieder wechselweise nach vorne stoßenden Christensen, Xhaka oder Nordtveit bieten, ist, dass der Gegner keine Luft und keinen Platz mehr findet, kontrolliert nach vorne zu spielen. Dieses effektive Pressing gelang Borussia gegen Stuttgart fast perfekt über 90 Minuten, gegen Wolfsburg - mit Ausnahme der beiden Gegentore – ebenso. Diese beiden Spiele waren für Yann Sommer wohl die geruhsamsten in der Rückrunde. 
Die Gefahr darin sind die Ballverluste, die man in einem spiel aber nie ganz abstellen kann. Und wenn man hinterhelaufen muss, wird es für die beste Defensive schwer. Da ist Borussia anfällig, und wird es wohl auch vorerst bleiben. Etwas, was man im übrigen mit den Über-Bayern teilt.
 
Wenn man dem Team also etwas vorwerfen will, sollten es nicht die „falsche“ Taktik oder individuelle Fehler in der Abwehr sein, sondern die Anfälligkeit, wenn man gerade ein Gegentor kassiert hat, gleich das nächste zu schlucken, weil man es sofort wieder gut machen will. Etwas mehr Abgeklärtheit wäre da oft bessern. Kritisieren kann man auch die manchmal zu verspielte Art, den Ball ins Tor tragen zu wollen. Allerdings ist sie es auch, die uns mit Zaubertoren oft genug wieder entschädigt. Mit Patrick Herrmanns Schnelligkeit kommt zum Glück aber eine weitere Option zurück ins Repertoire, nämlich präzise schnelle lange Bälle aus der Abwehr in die Spitze. Das klappt gegen Stuttgart nach wenigen Sekunden, und es wurde auch gegen Wolfsburg versucht. In Hinteregger, Xhaka, Christensen und Nordveit gibt es gleich vier Spieler, die diese präzisen Schläge in die Tiefe hervorragend beherrschen. Doch die Streuung zwischen gut und lausig war gegen Wolfsburg einfach zu groß.
Festzuhalten ist, dass Borussia in der englischen Woche deutlich stabiler geworden ist, mit Ausnahme der beiden Gegentore beim VW-Werksteam eine der stärksten Offensivreihen der Liga über die komplette Spielzeit fast völlig aus dem Spiel genommen hat und diesmal eben ein Quäntchen weniger Fortune in der Zweikampfführung hatte als am Mittwoch gegen Stuttgart, wo jeder Ball irgendwie wieder zum Mitspieler sprang.
Kein Beinbruch also, wohl aber eine sauärgerliche Niederlage, die im engen Rennen um die europäischen Startplätze Gift ist. Zumal die drei Punkte bei diesem jämmerlichen Heimpublikum in der VW-Arena wirklich Perlen vor die Säue geworfen heißt. Wie üblich gaben die Gladbacher Fans den Takt vor und zauberten Stimmung in das fremde Stadion, während man über die Golfsburg-Fans in Abwandlung des Spruchs über den Man-City-Anhang (der Spielverlauf ähnelte sich ja leider auch ziemlich) nur eins sagen konnte: „They don't even sing when they are winning.“

Bundesliga 2015/16, 25. Spieltag: VfL Wolfsburg - Borussia Mönchengladbach 2:1 (5.3.16)
(Tor für Borussia: 2:1 Raffael)

Donnerstag, 3. März 2016

Grandiose Heimborussia

Herrlich! Die Heimborussia ist zum Zunge schnalzen. Das Spiel gegen den VfB Stuttgart gestern war ein Genuss. Es war auch eine fast perfekte Kopie der ebenso überzeugenden Spiele gegen Bremen und Köln, nur endlich auch mit der Belohnung eines den Torchancen entsprechenden Endergebnisses und - trotz des Ausfalls von Dauerbrenner Oscar Wendt - mit einer eindrucksvollen Abwehrleistung, die einen eigentlich nie daran zweifeln ließ, wer das Spiel gewinnen würde.
Wenn der VfL dieses kraftvolle, kraftraubende selbstbewusste und zugleich spielerisch brillante Auftreten im Borussia Park nun auch in einem Auswärtsspiel konsequent umsetzen könnte, stünde am Samstag einem Sieg im ungeliebten Wolfsburger Stadion (weil dort selten was gelingt) kaum etwas im Wege. Doch so einfach ist es wohl nicht. Denn auch wenn es am Gladbacher Auftritt gestern nichts auszusetzen gibt – an dem der Gäste gab es das wohl. So desolat wie die Schwaben muss man den nächsten Gegner nicht erwarten. Aber auch gestern zeigte sich, wie schmal der Grat ist, auf dem Borussia Spiel fußt. Gegen Stuttgart sprang nahezu jeder enge Ball wieder in die Füße der Borussen, viele durchaus hart geführte Zweikämpfe wurden nicht abgepfiffen und sorgten so für viele Balleroberungen, die Raffael und Co. in gefährliche Angriffe ummünzen konnten. Das demoralisiert natürlich auch den Gegner, und wenn ich mich richtig erinnere, ging es uns gegen den HSV und beim 0:5 in Leverkusen im negativen Sinn ähnlich.

So bitter der Ausfall von Oscar Wendt ist, André Schubert kann insgesamt mit den Alternativen zufrieden sein. Martin Hinteregger machte es auf der linken Abwehrseite recht gut, hatte sogar viel Zug nach vorn und einige gute Szenen im Angriff. Das kann natürlich aber auch ein Stück weit an den nachlassenden Gegnern gelegen haben. Nico Elvedi überzeugt auf rechts (auch er könnte wohl auf der Wendt-Position spielen) und auch Havard Nordtveit zeigte sich von seinem schwachen Auftritt gegen Augsburg erholt. Dass von Didavi und Co. rein gar nichts zu sehen war, zeigte insgesamt, dass die Defensivabteilung schnell lernfähig ist.
Sehr gefreut habe ich mich über das märchenhafte Comeback von Patrick Herrmann, der mit dem ersten Pass loszog und vollstreckte, als wäre er nie weg gewesen. Noch mehr allerdings hätte es mich gefreut, wenn es nicht diese unglückliche Einwechslung für ihn am Sonntag gegeben hätte, die Borussia im Spiel rein gar nichts brachte und dem Spieler auch nicht unbedingt.
Es sendete aber ein anderes Signal: Die Zeit von Branimir Hrgota in Gladbach ist endgültig abgelaufen. Wäre es anders, hätte Schubert ihn in Augsburg gebracht, vielleicht sogar auch von Beginn an auf Stindls Position. Dass er dann aber sogar in einem Spiel, das auf Messers Schneide steht, auf die Einwechslung eines topfitten Stürmers verzichtet, der zudem nach Schuberts Worten gut trainiert hat, und dafür einem lange verletzten Spieler „ein bisschen Spielpraxis“ verschafft, hat mich sehr verwundert.

Bundesliga 2015/16, 24. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - VfB Stuttgart 4:0 (2.3.16)
(Tore für Borussia: 1:0 Hazard, 2:0 Raffael, 3:0 Herrmann, 4:0 Eigentor Großkreutz)