Dienstag, 21. Juni 2016

Verluste (VI) und (VII): Martin Hinteregger und Marlon Ritter

Die Saison ist vorbei, erneut verlassen einige Spieler die Borussia. Einen Verlust stellen sie alle dar, auch wenn man persönlich an dem einen mehr hängen mag als an dem anderen. In einer losen Folge zeichne ich nach, was dem Team mit den Abgängen verloren geht und wie man Xhaka, Stranzl, Brouwers, Hrgota und Hinteregger ersetzen sollte. Heute geht es um zwei Spieler, die leider gar nicht so richtig zeigen konnten, warum sie hierher gehören: Martin Hinteregger und Marlon Ritter. Insofern stehen sie hier auch am Ende der kleinen Serie, als die Spieler, die wohl am leichtesten zu ersetzen sind oder bereits ersetzt wurden.

Das hatten sich beide Seiten wohl ganz anders vorgestellt. Als Martin Hinteregger im Winter von RB Salzburg nach Gladbach geholt wurde, galt er als "Vorgriff auf die neue Saison", als ein entwicklungsfähiger junger Abwehrspieler mit Zukunft im Borussia Park. Nicht mal ein halbes Jahr später musste der Österreicher zur Kenntnis nehmen, dass man in Mönchengladbach doch nicht langfristig mit ihm plant. Grund dafür, dass Borussia die Kaufoption nicht zog, sind wohl weniger seine gezeigten Leistungen, sondern die Perspektive, dass man im Verteidigerregal unverhofft noch eine Kategorie höher zugreifen konnte als sonst üblich. Die Möglichkeit, für wenige Millionen Euro mehr (Salzburg konnte im Winter dank einer langen Vertragslaufzeit einen unangemessen hohen Kaufoptionspreis aufrufen) den gestandenen Bundesligaprofi Yannick Vestergaard verpflichten zu können, machte aus Hinteregger mit einem Schlag etwas unverdient einen "2.Wahl-Artikel".
Denn Hinteregger hatte letztlich nicht ausreichend Zeit, die Verantwortlichen und die Fans von seinen Qualitäten zu überzeugen.
Hängen bleiben von ihm die beiden recht unglücklichen Eigentore, manch ungelenkes Abwehrverhalten und die verbreitete Ansicht, dass er nach vorne nicht besonders stark sei. Zumindest letzteres stimmt so nicht, denn gerade zu Beginn seiner Gladbacher Zeit zeigte er auch starke Szenen im Spiel nach vorne. Ob da mehr hätte sein können, blieb offen. Auf der ungewohnten Position auf links als Ersatz für den verletzten Oscar Wendt kam er jedenfalls nicht gut genug zurecht. Und als die Mannschaft sich mit der Dreierkette schließlich defensiv stabilisierte, saß Hinteregger draußen und blieb dort auch bis zum Ende der Saison.
Ob der 23-Jährige ein Verlust ist, lässt sich somit nicht endgültig klären. Ich denke, und das zeigt sich auch bei der EM, dass er starke Anlagen hat und ein guter Bundesligaspieler werden kann. Bisher ist er aber in seinen Leistungen (auch im Nationalteam) noch nicht so stabil, dass er einen Champions-League-Anwärter sofort verstärken würde. Insofern war die Trennung nach der Leihe nachvollziehbar, wenngleich man berücksichtigen muss, dass er in einer Zeit mit vielen verletzten Abwehrspielern zwar alles für Borussia in die Waagschale warf, aber anders als Christensen eben nicht auf Anhieb voll überzeugen konnte. Das ist im Geschäft Bundesliga aber heute ein Qualitätsmerkmal, das gute von hervorragenden Spielern unterscheidet. Mancher braucht dafür etwas länger, aber je nach Situation gibt es die notwendige Zeit zum Reifen für junge Spieler heute definitiv seltener.


Bei Marlon Ritter liegt die Sache noch etwas anders. Ein Riesentalent, ganz sicher, aber keiner, der sich so aufdrängen konnte wie Mo Dahoud oder Marvin Schulz. Im Gegenteil, Ritter erhielt von seinem Trainer André Schubert, der ihn auch schon aus der U23 kannte, im vergangenen Herbst sogar einen öffentlichen Rüffel, weil er seinen Beruf offenbar nicht immer mit der notwendigen Ernsthaftigkeit und Konzentration betrieb.
Seitdem hat sich Ritters Engagement zwar in einer herausragenden Bilanz in der Regionalliga ausgedrückt. Aber ein kleiner Star in der 4. Liga ist noch lange kein Bundesligaspieler. Insofern ist sein Schritt zu einem Zweitligisten folgerichtig.
Dass Borussia den talentierten Freistoßschützen jetzt ganz ziehen lässt und ihn nicht nur ausleiht, hat mich schon etwas überrascht. Für mich ist die logischste Erklärung, dass der VfL den Stürmer für kleines Geld ziehen ließ und sich im Gegenzug eine Rückkaufoption gesichert hat, falls Ritter bei Fortuna Düsseldorf durchstartet. Ein Verlust ist er somit zum jetzigen Zeitpunkt nicht, da er bisher noch keine Alternative für die erste Mannschaft war, der er seit zwei Jahren offiziell angehörte. Vorläufig ist er eine Option für die Zukunft weniger, wie schon bei Amin Younes, der sich bei Ajax ja prächtig entwickelt hat. Ob es richtig war, diesen Weg zu gehen, wird sich bei Ritter im Laufe der nächsten ein, zwei Jahre zeigen. Sein Abgang eröffnet in jedem Fall einem anderen Talent, in den Profikader aufzurücken.

Montag, 13. Juni 2016

Verluste (V): Branimir Hrgota

Die Saison ist vorbei, erneut verlassen einige Spieler die Borussia. Einen Verlust stellen sie alle dar, auch wenn man persönlich an dem einen mehr hängen mag als an dem anderen. In einer losen Folge zeichne ich nach, was dem Team mit den Abgängen verloren geht und wie man Xhaka, Stranzl, Brouwers, Nordtveit, Hrgota und Hinteregger ersetzen sollte. Heute: Branimir Hrgota.

Wer dieses Blog häufiger liest, der weiß, dass ich ein großer Fan von Branimir Hrgota bin. Dass ich demnach natürlich auch traurig darüber bin, dass wir ihn abgeben, zudem auch noch ablösefrei. Für mich ist der Schwede nach wie vor ein schlafender Riese, ein Stürmer mit enormem Potenzial - um nicht den Namen Ibrahimovic in den Mund zu nehmen, an dessen Torriecher und Genialität er mich bisweilen erinnert hat - wenn er für Borussia mal auf dem Platz stand.
Bei Gladbach gehört er in den vergangenen Jahren zu den besten Scorern, wenn man die aussagekräftigere Statistik der Tore pro Spielminuten anschaut und nicht die der Tore pro Spiel. Dass er ein Torjäger ist, hat er oft genug bewiesen - in der Europa League, einst bei seinem Startelf-Debüt mit drei Toren gegen Mainz, zuletzt beim 3:4 im Pokal gegen Bremen, als er in einem 27-Minuten-Einsatz zwei Tore schoss und das Spiel nochmal spannend machte. Und natürlich wird er uns auch immer mit seinen frech geschnibbelten Elfmetern in Erinnerung bleiben, wenn auch durch einen entscheidenden Fehlschuss im Pokal nicht unbedingt in bester. Andererseits waren es genau solche Szenen, die ihn als einen besonderen Stürmer erscheinen ließen, man denke an den wichtigen Siegkopfball gegen den HSV oder den wundervollen Lupfer gegen den FC Zürich.

Doch um den Durchbruch zu schaffen, hat er bei Borussia seit seinem Wechsel 2012 einfach nicht genug Spielminuten bekommen. Das hat Gründe. Sie liegen im Spielsystem, in seiner (womöglich nicht ausreichenden) Anpassungsfähigkeit an das Gladbacher Spiel, das von Favre und jetzt auch von André Schubert gefordert wird. Sie liegen auch darin zu suchen, dass der VfL mit seinen Stürmern Raffael sowie Stindl und vorher Kruse sehr effektive Duos auf den Platz gebracht hat. Dass die Rotation in der Mannschaft nach dem Ausscheiden aus Pokal und CL ausblieb. Und es lag zu einem Teil natürlich auch an ihm, dass er sich gegen die Konkurrenz im Angriff nicht nachhaltig durchsetzen konnte.
Dass der junge Stürmer nach den Erfahrungen der vergangenen beiden Saisons nicht noch ein Jahr im Wartestand verbringen wollte, ist nachvollziehbar. Zumal man ihn in den vergangenen Monaten dann gar nicht mehr im Kader fand und nicht einmal zum Abschied ein Platz auf der Bank für ihn frei war. Insgesamt nur 99 Spielminuten in der abgelaufenen Bundesliga-Saison - das kam schon einer kleinen Demütigung nahe. Dennoch soll Hrgota stets voll engagiert gewesen sein und blieb bis zum Schluss wohl auch nach außen freundlich und gut gelaunt. Gerade deshalb ist es ihm zu wünschen, dass er bei seinem nächsten Verein den Schritt aus dem Schatten macht - damit er nicht mehr der weltbeste Stürmer ist, der nie spielt. Muss ja dann nicht unbedingt gegen Borussia zeigen, was er draufhat.

Freitag, 10. Juni 2016

Verluste (IV): Havard Nordtveit

Die Saison ist vorbei, erneut verlassen einige Spieler die Borussia. Einen Verlust stellen sie alle dar, auch wenn man persönlich an dem einen mehr hängen mag als an dem anderen. In einer losen Folge zeichne ich nach, was dem Team mit den Abgängen verloren geht und wie man Xhaka, Stranzl, Brouwers, Nordtveit, Hrgota und Hinteregger ersetzen sollte. Heute: Havard "Nordtfight".

Havard Nordtveit sprang mitten rein, als es um Borussias Existenz ging. In der Winterpause 2010/11 noch unter Michael Frontzeck geholt, und - wie Mike Hanke - etwas skeptisch beäugt, weil er bei einer vorherigen Ausleihe in Nürnberg nicht hatte überzeugen können, war er dann doch elementarer Teil des dramatischen Nichtabstiegsmärchens. Kostete uns Fans zugleich aber einige Nerven. Denn er war es, der mit seinem weiten Einwurf in der Nach-Nachspielzeit im ersten Relegationsspiel gegen Bochum den Siegtreffer von Igor de Camargo einleitete und den Borussia Park (und mich vor dem heimischen Fernseher) vor Freude explodieren ließ. Und er war es auch, der diese Energieleistung im Rückspiel wenige Tage später wieder zunichte zu machen drohte, als er mit dem langem Bein unglücklich zum 0:1 ins eigene Tor traf.
 Doch alles ging gut, und so konnte sich der Norweger analog zur ganzen Mannschaft in den vergangenen Jahren zu einem Spieler entwickeln, dem der Durchbruch nun auch in der englischen Liga zuzutrauen ist - was ihm einst aus der Jugend des FC Arsenal heraus nicht gelungen war.

Dass Nordtveit geht, und das auch noch ablösefrei, ist schade. Aber bei aller Wertschätzung für ihn und seinen unermüdlichen geradlinigen Einsatz auf dem Feld: Er ist mit am leichtesten zu ersetzen. Denn trotz der Phasen, in denen er sich als Stammspieler fühlen durfte, war er doch in Wirklichkeit immer "nur" der Nachrücker Nummer 1 - im Mittelfeld wie in der Verteidigung. Weder gegen das Duo Kramer/Xhaka noch gegen die Kombination Xhaka/Dahoud kam er dauerhaft an. Und in der Innenverteidigerposition wäre er in der abgelaufenen Runde wohl auch kaum so oft zum Einsatz gekommen, wären Dominguez und Stranzl nicht dauerverletzt gewesen. Und ich finde auch nicht, entgegen seiner Selbsteinschätzung, dass er in der Innenverteidigung besser aufgehoben wäre als im defensiven Mittelfeld. Dazu waren seine Auftritte im Vergleich zu einem Andreas Christensen zu durchwachsen, auch und vor allem in den Zweikämpfen und Kopfballduellen. Wenn er nach einer längeren Pause von der Bank kam, brauchte er immer auch einige Spiele, bis er in seinem Rhythmus war - und zeigte vorher bisweilen haarsträubende Fehler.
Das hört sich schon fast nach einer negativen Bilanz an. Soll es aber nicht sein. Denn was Borussia mit Havard Nordtveit verliert, ist offensichtlich ein noch junger, entwicklungsfähiger Spieler, ein sehr angenehmer Charakter, ein Teamplayer und ein sehr variabler Spielertyp. Nordtveit ist oder wird vielleicht auf keiner Position Weltklasse sein, kann aber dafür als Rechtsverteidiger genauso solide auftreten kann wie auf der Sechs oder im Abwehrzentrum. Das müssen seine Nachfolger erst über einen längeren Zeitraum nachweisen, wobei man davon ausgehen kann, dass Tobias Strobl das Zeug dazu mitbringt. Der Spielerkader wird sich nach jetzigem Stand zudem so verändern, dass es für Nordtveit auch in der kommenden Saison schwer gewesen wäre, einen Stammplatz zu erobern.

Ich werde auf jeden Fall mit Sympathie und Spannung beobachten, wie sich unser Wikinger auf der Insel schlägt. Bei West Ham United wird die Konkurrenz nicht geringer sein als bei Borussia - ich wünsche es ihm, dass er daran wächst und sich durchsetzt. Schließlich stünden wir ohne ihn vermutlich nicht da, wo der VfL in der kommenden Saison angreifen will - in der Champions League. Lykke til! Mange takk skal du ha, Havard!

Samstag, 4. Juni 2016

Verluste (III): Brouwers, Roooooooel

Die Saison ist vorbei, erneut verlassen einige Spieler die Borussia. Einen Verlust stellen sie alle dar, auch wenn man persönlich an dem einen mehr hängen mag als an dem anderen. In einer losen Folge zeichne ich nach, was dem Team mit den Abgängen verloren geht und wie man Xhaka, Stranzl, Brouwers, Hrgota und Hinteregger ersetzen sollte. Heute: Roel Brouwers.

Gefühlt ist er schon ein paar Mal verabschiedet worden, unser Roel mit sieben o im Namen. Und dann kam doch noch mal ein Ein-Jahres-Vertrag um die Ecke, wenn man es schon nicht mehr geglaubt hatte. Wie oft habe ich mich auch selbst dabei ertappt, dass ich gedacht habe - so langsam hält der brave Abräumer nicht mehr Schritt mit Borussias Entwicklung. Und immer wieder war Brouwers da, wenn er gebraucht wurde, er bekam seine Einsätze und spielte ansonsten auch hinter den Kulissen offenbar eine sehr wichtige Rolle für das innere Gleichgewicht im Kader. In der vergangenen Saison aber wurde deutlich, dass Roel Brouwers sportlich nicht mehr Ersatzmann, sondern Notnagel und dann nur noch Not-Notnagel war. Insofern war es leicht auszurechnen, dass die Zeit bei Borussia für ihn nun endet. Hoffentlich kann er bei seinem Heimatverein Roda Kerkrade nochmal richtig Spielzeit sammeln - er hat es verdient.

Nicht von ungefähr hat der Niederländer Kultstatus bei uns Fans und als einer der ganz wenigen ein Fan-T-Shirt gewidmet bekommen. Denn Roel Brouwers, das ist der personifizierte Aufstieg von Borussia in den vergangenen Jahren. Er kam 2007 aus Paderborn, um den gerade abgestiegenen VfL wieder in die erste Liga zu führen. Das gelang mit ihm und dank ihm. Schon damals fragte man sich als Fan zunächst, ob der bis zum Wechsel nach Mönchengladbach weitgehend unbekannte Zweitligaspieler auch den Sprung in die Bundesliga schaffen würde. Und Jahr für Jahr bewies Brouwers mit schnörkellosem Einsatz aufs Neue, dass er sich auch auf höherem Niveau glänzend behaupten konnte. Die beste Saison war für ihn dabei sicher 2009/10, als er mit 8 Toren torgefährlichster Abwehrspieler der Bundesliga wurde und es sogar fast noch in die Nationalmannschaft seines Landes geschafft hätte. Doch so wie er mit dem VfL den Weg aus der Zweitklasssigkeit fand, führte ihn der gemeinsame Weg in die Euro-League und schließlich sogar zum ersten Einsatz in der Champions League - auch wenn das Debüt für Verein und Brouwers in der Königsklasse mit dem 0:3 in Sevilla sicherlich sportlich zum Vergessen war.

Welche Bedeutung die Verabschiedung des sympathischen und bescheidenen Niederländers für die Bewertung der Entwicklung des Vereins hat, lässt sich auch an einem anderen Detail ablesen. Aus dem aktuellen Kader ist nur Christopher Heimeroth noch länger im Verein (bzw. im Bundesliga-Kader) als Roel Brouwers. Und viele, die nach ihm kamen, sind schon lange wieder Geschichte - die nächsten im "Treue-Ranking" sind Tony Jantschke (2009) und Patrick Herrmann (2010). Auch aus dieser Sicht darf man Roooooooel also noch ein paar Tränen nachweinen.