Sonntag, 27. November 2016

Bester in der falschen Tabelle

In der Rangliste der "Spiele, die du nicht verlieren darfst", ist der VfL in dieser Saison sicher mit Abstand Tabellenführer. Gleiches gilt in der Statistik "Spiele, die du gewinnen musst". Und am deutlichsten führt die Mannschaft natürlich in der Kategorie "Chancen, die du nicht versemmeln darfst".Eine bittere Erkenntnis, denn das verträgt sich leider nicht so gut mit der in der Fußball-Bundesliga geltenden Tabellenrechnung, in der es vor allem um gewonnene Spiele und die meisten Punkte in einer Saison geht.
Ja, es bleibt im Moment eigentlich nur noch Galgenhumor. Und immerhin wurden heute mal nicht Pfosten oder Latte des Gegners getestet. Und selbst unserem Lieblingsschiedsrichter Deniz Aytekin kann man heute eine rundum gute Leistung bescheinigen. Es hängt also alles an der Effektivität der Borussia beziehungsweise an deren Fehlen.

Egal wie man es dreht und wendet: Jedem, der auch heute wieder eine gute, in der ersten Halbzeit sogar hervorragende Gesamtleistung der Borussia gesehen hat, fehlen langsam die Argumente, warum unser Verein nicht dort steht, wo er nach den erarbeiteten Torchancen stehen könnte und sollte. Und so empfinde (wohl nicht nur) ich den einen Punkt gegen eine (ziemlich gute und abgeklärt auftretende) Hoffenheimer Mannschaft am Ende eher als Niederlage denn als Fingerzeig für den Aufwärtstrend - was es vom Spielverlauf her aber zweifellos war.

In fast allen Dingen zeigt die Tendenz nach oben. Zuletzt formschwächere Spieler wie Wendt, Dahoud, Christensen und Sommer zeigen sich stabiler, das Spiel nach vorne funktioniert gut, die Torchancen sind da. Die Defensive steht in den allermeisten Fällen sehr sicher und zeigt sich vor allem besser gewappnet gegen aggressives Pressing - das zeigten die beiden Spiele gegen Manchester und Hoffenheim deutlich. Nico Elvedi entwickelt sich immer mehr zum Antreiber auch nach vorne, und er raubt dazu noch mit geschicktem Zweikampfverhalten den gegnerischen Angreifern den Nerv. Heute hatte der junge Schweizer wieder einen richtig guten Tag erwischt. Auch Jannik Vestergaard wächst immer besser in das Mannschaftgefüge hinein. Es wird sichtbar besser, ob nun im 4-3-3, mit dem Schubert sein Team aufs Feld schickte oder mit der Dreierkette, die am Ende des Spiels die Geschicke in der Defensive leitete.

Dass es nichts wurde mit dem ersten Bundesligasieg seit dem Ingolstadt-Spiel, das lag an zwei Dingen: Eine grobe Fehlleistung der gesamten Defensive beim Gegentor, als Amiri vor dem Tor völlig aus den Augen verloren wurde. Und das leidlich bekannte Problem, den Ball erfolgreich über die Torlinie des Gegners zu bugsieren. Hazard, Stindl, Johnson ließen heute die besten Chancen aus, und man kann sich nicht erklären, wieso. Vor einigen Wochen waren es doch genau diese Spieler, die genauso eiskalt vollstrecken konnten wie sie jetzt vor dem Tor die jeweils falsche Entscheidung treffen.

Was bleibt uns übrig? Nichts, außer weiter auf den platzenden Knoten zu warten - auf einen Frustlöser wie im vergangenen Jahr der Sieg gegen Augsburg nach Favres Rücktritt. Ob das in Dortmund der Fall sein kann, daran wagt man nicht zu denken. Aber man weiß ja nie. Fürs erste bin ich allerdings ernüchtert, auch wenn ich weiterhin nicht den Trainer und nur in Maßen die Mannschaft verantwortlich mache. Zumindest scheint der Schulterschluss mit dem Publikum heute gelungen, schöne Choreo, gute Unterstützung und eine gute Leistung des VfL, die sich nur leider nicht in den Punkten widerspiegelt.

Bundesliga 2016/17, 12. Spieltag (26.11.16): Borussia Mönchengladbach - TSG Hoffenheim 1:1 (Tor für Borussia: 1:0 Dahoud)

Donnerstag, 24. November 2016

Mission erfüllt

Borussia steht im Sechzehntelfinale der Europa League. Dahinter gehört ein dickes Ausrufezeichen. Denn auch wenn das in dem ganzen Gemaule über die verkorksten letzten Wochen etwas unterzugehen drohte: Das Überwintern im europäischen Geschäft war das Königsziel, spätestens nach der Auslosung der Gruppen. Das ist erreicht, Borussia tanzt also auch nächstes Jahr noch auf drei Hochzeiten.
Hätte, wenn und Aber: Klar, mit etwas mehr Glück oder Kaltschnäuzigkeit hätte der VfL sogar Platz zwei angreifen können. Die Reporter bemühten diese schon vor dem Spiel sehr unwahrscheinliche Option ja zur Genüge. Genommen hätten wir es natürlich, doch verdient wäre es unter dem Strich nicht gewesen.
Das Hinspiel in Manchester war eine heftige Klatsche, das 2:0 in Glasgow eine hervorragende Visitenkarte für die Königsklasse. Gegen Barcelona und im Heimspiel gegen Celtic fehlte das berühmte Quäntchen Glück und/oder Geschick, um mehr Punkte zu sammeln. Und das Spiel gestern war ein ganz spezielles, eine Partie, die unter sehr schwierigen Vorzeichen geführt wurde und am Ende völlig gerecht unentschieden endete. Diesmal erkämpften sich die Borussen den Punkt, den sie schon in der vergangenen Saison an gleicher Stelle gegen den gleichen Gegner unglücklich verpasst, aber verdient gehabt hatten - und der letztlich auch damals schon zum Euro-League-Platz gereicht hätte. Insofern schloss sich gestern Abend ein Kreis - mit einem Spiel und einem Ergebnis, das allen Gladbachern Mut machen sollte, auch wenn selbstverständlich nicht alles Gold war, was glänzte.
  
Denn lange sah es so aus, als ob auch dieses Spiel maßgeblich von Dingen beeinflusst werden würde, die nicht allein in der Macht der Spieler lagen. Da fehlte der quirlige Thorgan Hazard ganz auf dem Spielberichtsbogen, der gerade genesene Ibo Traoré humpelte früh vom Platz, sodass Gladbachs Flügelspiel schon in der guten ersten Hälfte merklich erlahmte. Den Rest zum Widrigkeiten-Cocktail steuerte der sehr unstet pfeifende Schiedsrichter bei, der beim Heimteam zwar die Verwarnungen korrekt zückte, dies bei Manchester allerdings viel zu lange unterließ. Der später vom Platz gestellte Fernandinho hätte schon den Pausenpfiff nicht mehr auf dem Rasen erleben dürfen, die zweite Gelbe war dagegen schon eher als eine Art Konzessionsentscheidung nach der sehr harten zweiten Karte gegen Stindl zu werten. Mo Dahoud und selbst Raffael standen irgendwann auch in der Gefahr, vom Platz zu fliegen, was den Trainer anderer taktischer Auswechslungsoptionen beraubte.
Doch dann war es plötzlich, als hätte zum ersten Mal in dieser Saison der Fußballgott ein Einsehen - als hätte er es über, immer und immer wieder mit dem VfL Schabernack zu treiben. Allen Widrigkeiten zum Trotz hielten Elvedi und Co den Punkt fest und hatten diesmal keinen weiteren bitteren Nackenschlag gegen ein Weltklasseteam zu erleiden - mit dem man sich einmal mehr um den Lohn der Mühen gebracht hätte.

Wird diese nicht spektakuläre, aber hoch einzuschätzende Leistung der gesamten Mannschaft von den Fans gebührend gewürdigt? Es ist zu hoffen. Doch das Verhalten von Teilen der Stadionbesucher lässt Zweifel aufkommen. Die Nordkurve kämpfte um Leben in der Bude, die Süd machte ein bisschen mit, der Rest saß über weite Teile des Spiels eher teilnahmslos dabei. Wieder machten sich hunderte nach der 80. Minute beim Stand von 1:1 vom Acker. Mit dem Aufstehen, zugleich eine Ehrenbezeugung und ein letztes aufpeitschendes Element für die kämpfenden Jungs auf dem Rasen, ließ sich das Stadion Zeit bis drei Minuten vor Schluss, während unten die Schubert-Schützlinge eine ganze Halbzeit lang verzweifelt auf die Zähne bissen und das Remis mit selbigen und Klauen verteidigten.

Da fragt man sich schon: Was erwarten diese Leute eigentlich? In welcher Realtität befinden sie sich? Wofür wird denn das Glasgower Publikum so bewundert und gefeiert? Für den nicht nachlassenden Support auch in ausweglosen Situationen. Die Mannschaft und das letzte Heimspiel in der Königsklasse (vielleicht für längere Zeit) hätten gestern ein enthusiastischeres Publikum wirklich verdient gehabt. Eins, das den Gegner mit schierer Lautstärke beeindrucken und vielleicht auch einschüchtern kann. Phasenweise geht das im Borussia Park, vor allem in den ersten zehn Minuten des Spiels. Dann aber wird es oft wieder erstaunlich still. Und wenn die Mannschaft mal dringend Unterstützung braucht, reagiert das Stadion gern mal phlegmatisch. Nein, Borussia Park, das war nicht Champions-League reif. Und das können wir viel besser.

Zu notieren war in diesem Spiel aber auch, dass die Mannschaft allen Unkenrufen zum Trotz funktioniert, dass kritisierte Spieler (Dahoud, Wendt, auch Jantschke) langsam wieder auf Touren kommen und Yann Sommer ganz stark auf die unglücklichen Gegentore vom Wochenende reagiert hat. Es zeigt sich, dass André Schubert nicht nur einen Plan hat, sondern die Mannschaft ihn auch flexibel umsetzen kann. Die Defensive stand bis auf wenige Ausnahmen gegen diese Weltauswahl äußerst nervenstark und sicher, und nach vorne ging in der ersten Hälfte erstaunlich viel, auch wenn die letzte Präzision auch diesmal zu oft fehlte.

Darauf lässt sich aufbauen, das zählt. Und mit einem Sieg gegen Hoppenheim am Samstag lässt sich hoffentlich auch eine Krisendiskussion wieder abschütteln, die der Borussia einfach unwürdig ist.

Champions League, Gruppenphase, 5. Spieltag (23.11.16): Borussia Mönchengladbach - Manchester City 1:1 (Tor für Borussia: 1:0 Raffael)

Samstag, 19. November 2016

Noch mehr Scheiße am Schuh

Klar, dieses Ergebnis frustriert. Wieder einmal. Zumal es gegen K*ln ist und die wohl auch in ein paar Wochen noch nicht wissen werden, wieso und wie sie die drei Punkte bekommen haben.
Dennoch sollte man auch im Fanlager der Borussia nach einer der ungewohnten Derby-Niederlagen weiter klaren Kopf bewahren und nüchtern analysieren. Wer nach so einem Spiel den Kopf des Trainers fordert, das sage ich in dieser Deutlichkeit, hat meiner Meinung nach keine Ahnung von Fußball.

An dem Spiel unserer Mannschaft habe ich heute im Prinzip nicht viel auszusetzen, was das Ganze ja noch ärgerlicher macht. Die erhoffte Dominanz, das hochklassige Passspiel, die Bewegung nach vorne und nach hinten war gut, bis auf eine Phase nach der Halbzeit, als man Köln zu viel Leine ließ. Nach Torchancen wäre ein 7:1 ohne weiteres realistisch gewesen, wobei bis zur Halbzeit eine 3:0-Führung eigentlich schon Pflicht war. Pustekuchen. Nicht zum ersten Mal. Die Abschlussschwäche ist das, was Gladbach im Moment abgeht und was die Mannschaft und den Trainer unnötigerweise in Erklärungsnöte bringt. Doch die Effektivität vor dem Tor - die zu Beginn der Saison ja durchaus da war - lässt sich auch nicht allein durch Training erarbeiten oder durch Zuruf von der Trainerbank erzwingen. Die Chance ist aber groß, dass sie auch über Nacht wiederkommt.

Die Torwartschelte, die im Netz schon nach dem Schlusspfiff einsetzte, mache ich nicht mit. Yann Sommer hält in diesem Jahr nicht so viele "Unhaltbare", wie man es schon von ihm im VfL-Trikot gesehen hat - das ist wahr. Aber die Schuld für die heutigen Gegentore sollte man nicht ihm geben. Das Siegtor von Risse war für mich unhaltbar, der Ball driftete ja in der Schussbahn fast einen Meter zur Seite. Sommer stand auch nicht falsch, da er mit der Flanke rechnen musste. Das war einfach einer aus der Kategorie unverdient und "dumm gelaufen", genauso wie das erste Gegentor, bei dem Vestergaard Modeste anköpfte und Sommer kaum noch eine Möglichkeit hatte, zu reagieren. Diese Art Gegentore gab es allerdings in dieser Saison schon ein bisschen zu häufig. Auch das etwas, was schwer im Training abzustellen ist. Was es nicht unbedingt besser erträglich macht.

Wenn man die Schuld für die Gegentore suchen will, muss man beim 1:2 den Freistoß verhindern (was vielleicht gegangen wäre). Beim ersten war das Übel, dass der Gegner wieder einmal ungehindert flanken konnte und in der Mitte ein Innenverteidiger gegen zwei Stürmer stand. Das kann man besser lösen, aber auch ein solcher Fehler muss mal passieren dürfen, ohne das man gleich das ganze Spiel verliert. Und mehr als die beiden Tore brachte K*ln offensiv ja auch nicht auf die Reihe. Dass die Gäste mehr auf Flanken setzen wollten, weil sie im Spiel selbst wenig Zugriff hatten, deutete sich aber schon früh nach der Halbzeit an. Köln bekam durch den Wechsel Lehmann zu Rudnevs vorne plötzlich mehr Räume und versuchte so verstärkt Modeste ins Spiel zu bringen. Bis auf das Tor, für das er nicht viel konnte, hatte er heute ansonsten wenig Spaß am Spiel, weil Elvedi und Vestergaard (beide heute wieder sehr souverän) und Christensen (mit ein paar Unsicherheiten, aber solide) konsequent in die Zweikämpfe gingen.

Ich könnte noch eine Weile philosophieren, wer heute gut oder schwächer war, und ob es nötig war, Traoré und Dahoud gegen den Chancentod Johnson (der ohnehin derzeit keine glückliche Phase hat) und unseren treuen Tony Jantschke auszuwechseln. Unerklärlich oder falsch fand ich es nicht, auch nicht den Wechsel von Hazard zu Hahn.

Was mir aber viel mehr Sorgen macht, ist die Reaktion der Fans heute in dieser Szene und während des Spiels im Stadion (und auch schon in Spielen vorher, bei denen ich vor Ort war). Ich war heute nicht in Mönchengladbach, habe somit keinen direkten Eindruck vom Geschehen auf den Rängen. Unüberhörbar waren allerdings auch im TV-Stadionton die Pfiffe bei der Auswechslung von Dahoud, spürbar auch der mäßige Support vor allem in der Schlussphase, als es doch um alles ging - im angeblich "wichtigsten Spiel des Jahres".

Da wird der junge Dahoud nach einem ordentlichen Spiel und großer Laufleistung mit Pfiffen nach draußen begleitet und "Fußballgott" Jantschke mit solchen empfangen, nur weil manchem Schuberts Wechsel nicht passte. Geht's eigentlich noch? Und warum steht das Stadion kurz vor Schluss nicht auf und feuert die Mannschaft nochmal ohne Rücksicht auf Verluste an, wenn das Spiel auf des Messers Schneide steht? Was soll ich von "Fans" halten, die in der 85. Minute im Derby das Stadion verlassen? Was wollen wir denn? Wollen wir der geilste Club der Welt sein oder eine Ansammlung von Schönwetter-Fans, die Daumen hoch oder runter machen, wie es ihnen gerade passt? Dazu kommt das gefährliche Gegrummel in den sozialen Netzwerken, das zu einer sehr giftigen Mischung werden kann, vor allem wenn der Status "Scheiße am Schuh" den Jungs um Lars Stindl noch weiter erhalten bleibt.

Ich weiß, das ist immer noch eine Minderheit, aber es stört empfindlich die Stimmung im Stadion und hemmt die, die der Mannschaft nochmal einen Kick geben wollen. Gegen Barcelona war es ähnlich, da wurde schon nach einer Minute "Steht auf, wenn ihr Borussen seid" gefordert, und als die Gäste das Spiel gedreht hatten, wurde die Unterstützung von den Rängen von Minute zu Minute weniger und war am Ende matter als die Spieler auf dem Rasen. Das kann es doch nicht sein. Dass der Borussia Park eine "Festung" geworden ist, vor der die Gegner Respekt haben, das hat ein gutes Stück mit  Fans zu tun, die ihrer Mannschaft bedingungslos den Rücken stärken und sie nicht mit tausendfachem Murren noch (weiter) verunsichern. Diesen Vorteil sollten wir uns alle und der Mannschaft nicht nehmen lassen.
Und es wird höchste Zeit, diesen Schulterschluss wieder zu schaffen. Gegen Man City kann es (fast) ohne Druck "geübt" werden, gegen Hoffenheim am Samstag wird es wirklich ernst. Wie sich Borussia - Mannschaft wie Fans - da präsentiert, weist die Richtung für den Rest der Saison.  

Ach ja. Da war ja noch etwas: Der Schiedsrichter. Manuel Gräfe hat für meine Begriffe heute ein eigentlich sehr gutes Spiel gemacht. Doch bei zwei Szenen lag er leider - möglicherweise vorentscheidend - daneben. Zum einen hätte Hazard in der Anfangsphase einen Elfmeter bekommen müssen. Heintz brachte ihn zu Fall, der Kölner war nicht ansatzweise am Ball - das ist ein Strafstoß, sonst nichts.
Die zweite Szene war das Einsteigen von Lehmann gegen Dahoud vor der Pause, für das es keine andere Entscheidung geben darf als Rot. Der Spieler hatte keinerlei Chance, den Ball zu spielen, er hatte es nur auf die Gesundheit des Gegners abgesehen. Da gibt es nur eine richtige Entscheidung.
Ob das die Borussen heute auf die Siegerstraße gebracht hätte, ist Spekulation. Und natürlich ist Gräfe deshalb nicht an der Niederlage schuld. Aber es gehört zu einer Reihe von Entscheidungen, die den VfL in dieser Saison schon benachteiligten.
Und das passt wiederum irgendwie in das Bild vom Ritter von der traurigen Gestalt, das Borussia im Moment abgibt. Wenn vorne das Glück fehlt oder Chancen leichtfertig vertan werden; wenn hinten immer wieder der Ball auf seltsame Weise ins eigene Tor fällt; und wenn dann auch noch Schiri-Entscheidungen immer wieder gegen uns fallen: Dann muss man gewarnt sein. Denn eine Kombination davon kann gefährlich werden. Selbst für Mannschaften, die eigentlich zu gut sind, um abzusteigen.

Bundesliga 2016/17, 11. Spieltag (19.11.16): Borussia Mönchengladbach - 1. FC K*ln 1:2 (Tor für Borussia: 1:0 Stindl)

Mittwoch, 16. November 2016

(Nicht) Von allen guten Geistern verlassen

Ich bin sehr stolz auf die Fans von Borussia Mönchengladbach, weil sie treu, sachverständig und in der Regel friedlich und fröhlich sind. Dass sie geduldig sind und dazu bereit, der behutsamen Aufbauarbeit von Präsidium, Management und Trainer, zu vertrauen, auch wenn das Rückschläge mit einschließt - das war jedenfalls ein großer Trumpf und ein Faktor des Erfolgs in den vergangenen Jahren. In Teilen der Anhängerschaft scheint sich dies aber in dieser Saison, besonders seit Oktober, radikal geändert zu haben.

Laut und lauter wird vor allem in den sozialen Netzwerken geschimpft und vornehmlich gegen den Trainer geätzt. Dass verschiedene Medien in der zweiwöchigen Leerlaufphase vor dem Derby sich ebenfalls an der "Mönchengladbacher Krise" abarbeiten, wundert nicht. Denn wer will, findet genug Belege dafür, dass der VfL seinen Zielen und seinem Leistungsvermögen hinterherhinkt. Allerdings sprechen mindestens genausoviele Dinge dafür, die Kirche im Dorf zu lassen und mit nüchternem Verstand an die Beurteilung dieses knappen ersten Saisondrittels heranzugehen. Erstens ist die Lage nicht so schlecht, dass man um die Existenz fürchten müsste. Und zweitens stehen die Zeichen mit zurückkehrenden Stammspielern auf Entspannung - zumindest, wenn man weiter an die Qualität der Mannschaft glaubt, wie sich sich in den vergangenen 13 Monaten immer wieder bewiesen hat. Ich jedenfalls tue das, auch wenn ich natürlich die vergangenen Ergebnisse (nicht unbedingt die Spiele) als Warnzeichen zur Kenntnis nehme.

Ich glaube, dass uns Borussia-Fans die Angst vor einem Rückfall in die sportliche Bedeutungslosigkeit nach Jahrzehnten erlittenem Graue-Maus-Dasein immer begleitet. Das hat jetzt fünf Jahre lang dafür gesorgt, dass im Umfeld keiner nach dem überraschend- dauerhaften Höhenflug der Mannschaft abgehoben ist. Doch die Angst war nie weg. Das ist sie auch bei mir nicht. Der Fehlstart vergangenes Jahr war ein Vorgeschmack darauf, wie schnell es wieder nach unten gehen kann. Damals standen die Fans zwar krtitisch und verzweifelt, aber denoch wie eine Wand hinter Mannschaft und Verein. Jetzt, wo die Situation nicht mal annähernd so dramatisch ist, ist das erschreckend anders.

Ein Grund: Es steht nicht mehr der Fußballlehrer und Heilsbringer Favre am Spielfeldrand, dem man all das zu verdanken hat. Deshalb fällt es offensichtlich leichter, den Frust an einer Person festzumachen - dem Trainer. Und die Gesamtsituation außer Acht zu lassen.

Wenn man in manchen Forum in Kommentarspalten mitliest, glaubt man, ein ganzer Haufen von Gladbachfans ist von allen guten Geistern verlassen. Ich sage es ehrlich und ganz deutlich: Ich hasse es, wenn Borussias Umfeld sich anhört wie das vom FC Nörgel 04. Ich hasse es, wenn man einfache Lösungen für eine hochkomplizierte Welt propagiert. Das funktioniert nicht in der Politik und es funktioniert nicht im Fußball.
Die Gründe, warum Borussia den gestiegenen Erwartungen derzeit nicht gerecht werden kann, lassen sich nicht an einer Hand aufzählen. Es spielen verschiedene Dinge hinein - sogar Pech. Und bevor man an die Aufarbeitung der Gründe geht, muss man auch die Frage stellen, ob die Erwartungshaltung nicht vielleicht zu hoch und das Urteil darüber noch zu früh ist.

Es ist durchaus möglich, dass auch der Trainer (und sein Team - übrigens das bis auf den Fitnessbereich das Gleiche, mit dem Lucien Favre arbeitete) seinen Anteil daran hat, dass das Abschneiden in der Bundesliga nicht so ist, wie wir es gern hätten. Ob der VfL besser und erfolgreicher spielen würde, wenn man einen neuen Trainer holen würde, ist aber reine Spekulation. Denn oft genug hat diese Mannschaft in den vergangenen Monaten am Limit gespielt. Das darf man bei allem Lob, das über dem Verein ausgeschüttet wurde, auch nicht vergessen. Gladbach hat (sportlich wie wirtschaftlich) Grenzen, über die es sich nicht dauerhaft hinausquälen kann.

Ich will dafür sensibilisieren, dass man manchen Rückschlag eben auch realistisch einordnet und sich nicht in der Bewertung von Entwicklungen, die noch lange nicht am Ende sein müssen, fehlleiten lässt. Denn eins ist doch auch jedem klar: Macht die Mannschaft im Endspurt des Jahres ihre Aufgaben, ist von Krise keine Rede mehr. Am besten beginnt man das mit einem Sieg gegen die in dieser Saison viel zu harmonisch vor sich hingrasenden Ziegen aus K*ln. Doch dafür braucht es ein "einig Volk von Brüdern", kein ausverkauftes Stadion, das bei ein paar Unsicherheiten oder Rückpässen noch vor der Pause damit beginnt, die eigene Mannschaft auszupfeifen. 

These 1: Borussia unter Schubert ist Stillstand, er profitiert nur von Favres Vorarbeit, jetzt überfordert und verunsichert er die Spieler mit seinen vielen Wechseln und taktischen Ideen.


Abgesehen davon, dass viele Kommentare in den sozialen Medien von Fans kommen, die die Taktik eines Spieles vermutlich gar nicht in Echtzeit nachvollziehen können. Auch der letzte sollte inzwischen verstanden haben, dass es die eine Taktik über 90 Minuten gar nicht mehr gibt. Bei Borussia nicht und nicht bei den anderen Teams. Je nach Spielsituation ändern sich die Abwehr- oder Angriffsformation fließend. Da sind im ruhigen Spielaufbau zum Beispiel mal zwei Innenverteidiger mit einem Sechser auf einer Linie, der den Ball nach vorne bringen soll. Manchmal bieten sich die Außenverteidiger an, die heute halbe Außenstürmer sind, aber in bestimmten Abwehrkonstellationen auch in die Mitte einrücken müssen, um Räume abzusichern oder Passwege von Gegenspielern zumachen zu können. Ohne Ball wird aus der nominellen Dreierkette leicht eine Fünfer- oder gar Sechserkette, bei Standardsituationen gelten vorne wie hinten wieder andere Regeln.
Ob da nun auf dem Papier mit Dreier-, Vierer- oder Fünferkette verteidigt wird, ist unerheblich, solange jeder auf dem Platz seine Aufgabe erfüllt. Klappt das nicht, verliert man wahrscheinlich. Das geht auch Dortmund oder Leverkusen so. Und ganz selten den Bayern. Auch im Spiel nach vorne werden Positionen ständig gewechselt, phasenweise wird aggressiv und hoch gepresst, dann wieder der Gegner kommen gelassen.
Das alles ist eine hochflexible Angelegenheit, die nur die Spieler von heute so perfekt hinbekommen - weil sie frühzeitig so ausgebildet worden sind.
Bestes Beispiel sind da die Bayern mit ihren schier unbegrenzten Möglichkeiten, das Spiel anzupassen. Borussia ist unter Favre taktisch näher an diese Topteams herangerückt. Erreicht hat er sie nicht. André Schubert hat diese Entwicklung in dem guten Jahr, das er hier tätig ist, eindrucksvoll fortgeführt. Erst mit der großen Euphorie des Wechsels, in der Rückrunde mit dem "Vorteil", keine Kraft mehr  in den Pokalwettbewerben lassen zu müssen.
Schon da war zu sehen, dass Trainer und Mannschaft in der Lage waren, aus Fehlern zu lernen, speziell aus dem üblen Einbruch im vergangenen Dezember, als Yann Sommer und einer ausgepowerten Mannschaft die Gegentore nur so um die Ohren flogen.

These 2: Schubert ist arrogant und nicht kritikfähig


Es ist interessant, wie alte Geschichten (von St. Pauli oder Paderborn) bei Schubert sofort herausgeholt werden, wenn er auf dumme Fragen mal etwas unwirsch reagiert. Bei Jürgen Klopp, Freiburgs Streich oder Hans Meyer lachen alle, wenn sie einen Journalisten abkanzeln, bei anderen Trainern (Stevens) werden knurrige Antworten als Charaktereigenschaft oder als das lobenswerte "Vor-die-Mannschaft-stellen" interpretiert.
Schubert wird viel, was er derzeit sagt, negativ ausgelegt. Das mag alles auch eine Frage des Tons oder der gerunzelten Stirn sein. Doch auch Lucien Favre brachte vieles nicht so rüber, wie er es wohl gemeint hatte. Daraus erwuchs auch so manches (mediales) Missverständnis - ohne das er dafür abgestraft wurde. Also sollte man auch André Schubert gegenüber gerecht sein. Bemerkenswert ist allerdings, dass sein Kredit so schmal ist. Bei den Medien, die schnell Zweifel säen, wenn es mal nicht so läuft. Aber auch bei Fans, die gar nicht beurteilen können, wie Schubert im Verein angesehen ist und vor allem, ob und wie gut er im täglichen Geschäft mit der Mannschaft arbeitet. Ich weiß es auch nicht, da ich nicht vor Ort bin. Bislang hat er das Team allerdings auch aus schwierigen Phasen herausgeholt, im erwähnten Dezember-Tief und nach dem Pokal-Aus gegen Bremen.

These 3: Schubert ist nicht erfolgreich

Die bisherige Bilanz des andré Schubert sagt etwas anderes. Was wird dem Trainer eigentlich vorgeworfen? Ein äußerst erfolgreiches Jahr liegt hinter Borussia, mit der Qualifikation für die Königsklasse, nachdem man anfangs auf den Abstiegsplätzen rumkrebste. Und in dieser Saison? In der Champions League ist Borussia auf Kurs Euro-League und hat die Verteidigung des dritten Platzes in der Gruppe in der eigenen Hand. Dass Platz eins oder zwei nicht realistisch sein würden, wussten wir schon bei der Auslosung. Also alles im Lot.

Im DFB-Pokal ist Borussia sicher in die dritte Runde gekommen, gegen eine Zweitliga-Mannschaft, die aber über einen Erstligakader verfügt.Auch hier: Alles im Lot.

In der Bundesliga liegt die Schubert-Elf auf Platz elf unter den eigenen Ansprüchen. Der Zug nach oben ist erstmal abgefahren, der Blick nach hinten in der Tabelle Pflicht. Aber es ist noch nicht einmal ein Drittel der Saison vorbei, Zeit genug also zu korrigieren. Stand ist: Niederlagen gab es bislang gegen Freiburg (ein dauerhafter Angstgegner), Schalke, Bayern (muss man in Kauf nehmen) und Hertha (das erneut in der Spitze mitspielt). Unentschieden gegen die Überraschungsmannschaften aus Leipzig und Frankfurt sowie den HSV. Bei all diesen Spielen ist nicht so sehr der nackte Fakt der Niederlage oder der Punktverluste das Problem, sondern die Art und Weise, wie sie zustande kamen. Chancenlos gegen Bayern, schwach gegen Freiburg. Bei den restlichen Spielen wäre bei besserer Chancenverwertung und weniger Blackouts in der Defensive (Schalke) sicherlich sechs Punkte mehr drin und verdient gewesen.

Erschreckend ist die Bilanz der vergangenen Bundesligaspiele. 0:4, 0:2, 0:3, dazu zweimal 0:0, das macht in fünf Spielen die bittere Bilanz von 0:9 Toren. Egal ob beim Kicker oder in der Bild - diese Serie muss für die "Krise", den Niedergang der Borussia, herhalten. Es wird gefragt, warum die Mannschaft ohne Raffael und Hazard nicht mehr in der Lage ist, Tore zu erzielen. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.
Hätte sich Borussia seitdem keine Torchancen mehr herausgespielt, müsste man das mit Ja beantworten. Doch Gelegenheiten gab es wahrlich genug. Und nur Sportjournalisten können auf die Idee kommen, fünf Bundesligaspiele zusammenzuzählen und dabei die dazwischen stattfindenden CL- und DFB-Pokalspiele zu ignorieren. Das ist blanker Unsinn. Borussia ist nun einmal nicht seit fünf Spielen torlos, denn Spieler schalten nicht vom Bundesliga-Modus in den Champions-League-Modus und zurück. Für sie folgt ein Spiel auf das nächste, egal in welchem Wettbewerb. Folglich liest sich die (nicht wesentlich, aber doch etwas bessere Bilanz seit dem Schalke-Spiel auch korrekt so: N - U - S - N - S - U - U - N. Aus den 0:9 werden mit zweimal Celtic (3:1) und einmal Stuttgart (2:0) folglich 5:10 Tore. Damit wird André Schubert natürlich nicht gleich zum Kandidaten für den Titel "Trainer des Jahres", aber auch nicht zum Abschuss freigegeben. Ganz ehrlich, in einer solchen Situation entlässt eigentlich nur Schalke 04 seine Trainer. Und ich möchte, dass das auch so bleibt.


Der Grund für die Ergebnis-Krise liegt aus meiner Sicht deutlich mehr auf Seiten der (verletzten und außer Form spielenden) Rautenträger auf dem Feld als auf Trainerseite. Es ist ausgelutscht, aber ohne Raffael und teilweise ohne Hazard, Traoré, Johnson und Christensen fehlte dem VfL zuviel, um auch im Drei-Tages-Modus alle Gegner aus den Stadien zu schießen. Es mag sein, dass Schubert bisweilen für die Personalsituation zu viel Wechsel gewagt hat. Doch gerade das Beispiel Schalke-Wechsel in der Pause zeigt ja, dass das, was er macht, Hand und Fuß hat. Der offensive Wechsel hat Borussias Spiel damals enorm belebt, das Tor für uns war nur eine Frage der Zeit. Dass auf der anderen Seite individuelle Fehler den Plan zerstören, sollte man dann nicht dem Trainer anlasten. Aber besser weiß man es ja immer erst nachher.


Wahr ist aber auch, und damit schließt sich der Kreis dieses Textes: Die jüngsten Widrigkeiten sind weitgehend ausgestanden. Die meisten Verletzten sind wieder da, in den vergangenen Tagen konnte zumindest ein Teil der Mannschaft durchatmen und Kraft sammeln. Ich bin gespannt auf die Reaktion der Mannschaft. Denn wenn die mildernden Umstände wegfallen, muss der Borussen-Express eben auch wieder Fahrt aufnehmen und das gegnerische Tor treffen.
Am Samstag im Derby dürfte wieder die nominell stärkste Elf in den Borussia Park einlaufen können. Und auch wenn sie unter Druck steht - einen Sieg kann man unter diesen Vorzeichen erwarten. Und damit will ich die K*lner Mannschaft nicht geringschätzen, sie zeigt bislang eine bärenstarke Saison und steht völlig zurecht auf dem derzeitigen Tabellenplatz. Ein Grund mehr, sie von dort wieder herunterzuholen und auf Normalmaß zu stutzen. Und darauf freue ich mich, trotz der zuletzt doch eher tristen Wochen auf und vor allem abseits des Rasens. Und ich bin sicher, dass alle VfL-Fans sich das genauso wünschen, alles dafür tun wollen und das auch nicht vergessen, wenn es im Spiel vielleicht gerade mal nicht so läuft. Die Seele brennt...

Samstag, 5. November 2016

Höchstwert auf der Frust-Skala

Ich habe mal angefangen, dieses Blog zu schreiben, weil ich nach einem Spiel genauso frustriert war wie heute. Was für ein bescheidener Abend in Berlin!

Es gibt heute viel zu notieren, ich hoffe, ich bekomme es strukturiert hin, weil zu dem ernüchternden Ablauf dieses Abends eine Reihe sehr verschiedener Dinge beigetragen haben.

Fangen wir mit der Rolle des Schiedsrichters an. Ich gebe Tobias Stieler nicht die Schuld für die Niederlage, dazu haben in erster Linie die Fehler der Spieler geführt. Aber es gibt Spiele, in den der Schiedsrichter einem Spiel ungewollt eine Richtung gibt. Heute war so ein Spiel. Knackpunkt war die frühe Gelbe Karte gegen Christoph Kramer, über die ich mich schon im ersten Moment maßlos aufgeregt habe, weil ich ahnte, welche Folgen es hat, wenn sich ein defensiver Mittelfeldspieler 82 Minuten lang nichts mehr erlauben darf. Angesichts der Tatsache, das Kramer in dieser Saison schon einige Karten gesammelt hatte, ahnte ich da schon nichts Gutes.

Wenn die erste nennenswerte Foul-Aktion nach 8 Minuten mit Gelb bestraft wird, dann sollte es dafür einen triftigen Grund geben. Denn damit legt sich der Unparteiische für das ganze Spiel fest, nämlich, dass er von Anfang an hart durchgreifen muss und will. In der Regel kann er das nicht durchhalten, und in diesem bis dahin absolut fairen Spiel war es zu diesem Zeitpunkt auch nicht notwendig, ein Zeichen zu setzen.
Kramers Griff nach der Schulter des Gegenspielers war zweifellos ein Foul, aber aus meiner Sicht nicht zwingend eine Verwarnung. Denn Kramer bekam den Gegner nicht wirklich zu fassen, er brachte ihn auch nicht dadurch zu Fall, der Berliner war auch nicht in so aussichtsreicher Position, dass der Schiri an der Bewertung "taktisches Foul" nicht vorbei kam. Stieler wollte diese Verwarnung geben, er zögerte keine Sekunde und das war deutlich zu sehen. Wenn es aber so ist, dann möchte ich bitte auch, dass dies konsequent so gehandhabt wird - dann allerdings hätte in den allermeisten Spielen, die ich in den vergangenen Jahren begleitet habe, Borussias Gegner nicht zu elft den Schlusspfiff auf dem Rasen erlebt. Mehr noch: Dann gehört es sich nicht, den Karton stecken zu lassen, wenn dreimal Gladbacher Spieler von hinten brutal umgesenst werden, ohne dass der Abwehrspieler die Möglichkeit gehabt hätte, den Ball zu spielen.

Und ich kann es nicht akzeptieren, dass der Herthaner Mittelstaedt, der in der zweiten Hälfte Fabian Johnson mit einem festen Griff ans Trikot daran hinderte, alleine mit dem Ball aufs Tor zu laufen, mit Gelb die gleiche Strafe erhält wie Kramer für seinen noch halb missglückten Versuch in der 8. Minute. Um nicht falsch verstanden zu werden: Stieler muss dem Herthaner in der Szene Gelb geben, Rot wäre nicht richtig. Aber die Verhältnismäßigkeit ist in diesen Szenen nicht gewahrt - weil der Schiedsrichter nach der frühen Verwarnung keine Abstufung mehr zur Verfügung hat.

So, ich habe etwas etwas länger ausgeholt, um diesen Frust zu erklären. Kommen wir zu den anderen Gründen dafür, dass man diesen Abend schnell aufarbeiten und dann vergessen sollte. 17 Minuten lang hatte der VfL ein hervorragendes Auswärtsspiel gemacht, sich mehrfach in gute Positionen gebracht und auch zwei Abschlüsse zu verzeichnen. Deshalb war es eigentlich ein Hohn, dass die bis dahin völlig ungefährlichen Gastgeber in Führung gingen und Gladbach damit den ersten Tiefschlag versetzten, der aber entscheidend nachwirkte. Mit dem 0:1, dem mehrere unkonzentrierte Aktionen vorausgingen - ein schwacher Befreiungsschlag von Elvedi, der fehlende Druck auf Flankengeber Weiser und ein noch schlechteres Stellungsspiel gegen Kalou, brach das Selbstvertrauen der Schubert-Elf in sich zusammen. Das geschah nicht zum ersten Mal nach einem Rückstand in dieser Saison. In der Folge wirkten die Borussen fahrig im Spielaufbau, verloren Zweikämpfe gegen die deutlich spritzigeren Berliner und holten auch die zweiten Bälle nicht zurück. Ablesen ließ sich das zum Beispiel an den Fouls, die zu den Verwarnungen von Strobl, Wendt und Kramer (die zweite zum Platzverweis) führten - jedesmal kamen die Gladbacher deutlich zu spät.

Mit dem zweiten Gegentor, das nach Herrmanns Verletzung in Unterzahl fiel, die man eventuell bei einer schnelleren Auswechslung hätte vermeiden können, war Borussia angezählt. Mit dem Platzverweis in der 40. Minute war das Team vorzeitig erledigt. Ich habe ernsthaft nachgedacht, ob ich mir die zweite Halbzeit schenke - es wäre das erste Mal in meinem Borussia-Leben gewesen.
Und doch hatten Stindl und Co. am Ende der zweiten Halbzeit noch genug Chancen gehabt, um sogar den Ausgleich zu schaffen. Vestergaards Kopfball und Stindls Chance, die beide von Jarstein entschärft wurden und der Kann-Handelfmeter nach Wendts langem Einwurf - wäre Borussia vor dem Tor nur annähernd so effektiv gewesen wie der Gegner gestern, es hätte eine unerwartete Auferstehung der auf dem Boden liegenden Mannschaft geben können. Allein, die Spieler selbst schienen nicht daran zu glauben. Und wohl auch nicht ihr Trainer, der den durch die frühen Wechsel verbleibenden letzten Trumpf Thorgan Hazard erst zog, als Kalou den Sack mit dem dritten Tor endgültig zugemacht hatte.

Das alles macht wenig Hoffnung für die kommenden Aufgaben, die nach der Länderspielverschnaufpause unter anderem mit dem Derby (ohne den Kämpfer Kramer) gegen Köln und der letzten Champions-League-Chance gegen Manchester warten. Zudem wird Patrick Herrmann wahrscheinlich wieder lange ausfallen, sodass die in Berlin erneut nicht überzeugenden Hofmann, Johnson, Wendt eine Alternative weniger "fürchten"  müssen, die ihnen Dampf machen könnte.
Na klar, dass ein Spiel wie heute aus dem Ruder läuft, kann passieren. Dass ein junger Kerl wie Elvedi mit unglücklichen Aktionen Gegetore verschuldet, auch. Dass ein Yann Sommer mal nicht über sich hinauswächst und seine Farben mit einer Weltklasseparade länger im Spiel hält, ebenso.
Was ich von den gestandenen Spielern aber erwarte, ist, dass sie vorangehen und zumindest sichtbar versuchen, die anderen anzutreiben und mitzureißen. Doch Wendt, Johnson, Stindl, auch Jantschke und Raffael waren dazu heute nicht in der Lage. Erstmals übrigens auch das Trainerteam nicht. Das hat sicher in der Nachbetrachtung in manchen Spielen auch Fehler gemacht. Doch dass heute gar keine Impulse von außen kamen, fand ich bemerkenswert.

Daher ist es auch nicht die mittelmäßige Bundesliga-Bilanz, die mir Sorgen macht, nicht die Auswärtsmisere oder die Tatsache, dass die Mannschaft jetzt xy Stunden lang in der Liga kein Tor geschossen hat. Dafür gibt es gute und weniger gute Erklärungen - und ein Spiel wie heute darf man aus meiner Sicht auch nicht seriös unter normalen (Auswärtsspiel-)Maßstäben bewerten. Was mir am meisten Sorgen macht ist, dass die Mannschaft in verzwickten Situationen nicht voller Überzeugung in ihre Stärken zu sein scheint und dass sie außer Kramer keinen hat, der eine Trotzreaktion einfordert und mit gutem Beispiel vorangeht. Ein ausgeruhter Lars Stindl könnte es sein, im Moment ist er es nicht, aber es springt auch kein anderer in die Bresche.

Es soll keine Ausrede sein, aber das sind die Phasen in der Saison, wo man sich einen Martin Stranzl oder Granit Xhaka zurückwünscht - nur für die moralische Präsenz, um der Mannschaft die nötige Ansprache zu verpassen. In diese Rolle müssen die jetzigen Spieler erst reinwachsen. So zeigt sich immer deutlicher, dass diese Saison eine Übergangsaison werden wird, wie nach dem Abgang von Reus, Dante und Neustädter. Eine Spielzeit, in der es über allem steht, die Nerven zu behalten und bis ins neue Jahr damit zufrieden zu sein, nicht nach hinten abzurutschen und nach vorne nicht ganz abreißen zu lassen.
Wenn das gelingt, hat der VfL in der entscheidenden Saisonphase noch ausreichend Zeit zuzulegen - wenn das europäische Abenteuer beendet sein wird, das derzeit, wenn wir ehrlich sind, zu viel Saft aus dem Akku zieht, um in der Liga vorne dabei sein zu können.

Bundesliga 2016/17, 10. Spieltag (4.11.16): Hertha BSC  - Borussia Mönchengladbach 3:0

Mittwoch, 2. November 2016

Unvollendeter Abend

Es ist zum Haareraufen. Wieder ein über weite Strecken der Partie hervorragender, kämpferisch wie spielerisch überzeugender Auftritt des VfL, ein toller Champions-League-Abend mit Riesenstimmung im Park. Und am Ende standen doch nicht die erhofften drei Punkte zum sicheren Überwintern in der Euro League, sondern nur ein Punkt, den man immerhin mit Zähnen und Klauen verteidigte - der Gladbach gleichwohl mehr nützt als den Grün-Weißen aus Schottland.
Insgesamt gesehen muss Borussia mit dem Punkt auch zufrieden sein, denn Celtic dominierte die letzte halbe Stunde des Spiels und drückte die Gastgeber zunehmend in die eigene Hälfte. Aus dieser Umklammerung konnte sich die nach großem Kampf sichtlich immer müder werdende Schubert-Elf nach dem Platzverweis gegen Julian Korb kaum noch befreien.

Ärgerlich ist das deshalb, weil Stindl und Co. vor dem Ausgleich vier oder fünf erstklassige Chancen ausließen, um das Spiel vorzeitig zu entscheiden - und darunter natürlich einmal auch der schon obligatorische "Aluminiumtest" war, diesmal von André Hahn. Auch in Unterzahl hätte der "lucky punch" noch gelingen können, aber es sollte auf der ganz großen Fußballbühne wieder einmal nicht sein - weil keiner den Sack zumachte, wie es André Hahn vor zwei Wochen in der schottischen Fußballstadt getan hatte.
Allerdings, und das gehört auch zur Wahrheit dazu, verkauften sich die Glasgower Bhoys diesmal vor allem in der zweiten Halbzeit deutlich besser als im Hinspiel und auch sie hatten mehrere Top-Chancen (inklusive Pfostentreffer), bei denen uns Borussenfans der Atem stockte.
So fair wie die Celtic-Anhänger nach dem Spiel in ihrem "Paradise" anerkannten, dass Borussia verdienter Sieger gewesen war, muss man heute zugeben, dass sich die Gäste den Punkt ebenfalls redlich erarbeitet hatten. Die Überzeugung, dass sein Team gar den Sieg verdient gehabt hätte, dürfte Celtic-Coach Brendan Rodgers allerdings ziemlich exklusiv haben.
Dass den Gästen die harte Entscheidung gegen Korb (Gelb hätte es auch getan) dabei half, ist wahr, aber das hilft auch nicht weiter, da der Angriff von Celtic von der VfL-Defensive in dieser Szene insgesamt schlecht verteidigt - und der Elfmeter eigentlich vermeidbar war.

Was nimmt man mit aus diesem emotionalen Abend? Dass Thorgan Hazard und Raffael bald wieder voll eingreifen können und das Angriffsspiel des VfL beleben. Hazard zeigte schon heute eine bravouröse Partie. Gut war auch, dass die Abwehr erneut konzentriert und weitgehend dicht war, mit einem über sich hinauswachsenden Nico Elvedi, einem Jannik Vestergaard, der immer besser in Fahrt kommt, einem ballsicheren Offensivverteidiger Julian Korb, der sich auch hinten in den Zweikämpfen meist sehr geschickt verhielt sowie in Kramer und Strobl zwei Arbeitsbienen, die den Borussenmotor ständig in Gang halten und humorlos alles abräumen, was dem Gladbacher Tor gefährlich werden will. Beide bewiesen auch heute, dass sie immer wieder über ihre Leistungsgrenze zu gehen bereit sind und keinem knackigen Zweikampf aus dem Weg gehen.
Das gilt natürlich auch für die Dauerläufer Stindl, Hahn und Johnson, den heute nur einmal mehr seine Abschlussschwäche von Bestnoten trennte. Eindrucksvoll, dass Borussia trotz 20-minütiger Unterzahl am Ende nur 1,5 Kilometer weniger gelaufen war als der Gegner. Das zeigt aber auch, dass die Müdigkeit sich noch nicht leistungshemmend in die Köpfe geschlichen hat, wie mancher es angesichts der etwas matteren Auftritte zuletzt schon befürchtet hatte.

Auch wenn das Ergebnis letztlich enttäuschend ist, gibt es keinen Grund, Trübsal zu blasen. Borussia ist in der Königsklasse im Soll, braucht im Prinzip noch einen Punkt, um Platz drei endgültig zu sichern. Das hat man selbst in der Hand, auch wenn die kleine Chance, vielleicht doch noch Platz zwei anzugreifen, heute wohl dahingegangen ist.
Dass Kramer und Korb gegen Man City gesperrt fehlen werden, macht dieses Szenario auch nicht wahrscheinlicher. 
Hoffnung für die Bundesliga machen die Rückkehrer Raffael und Hazard, die helfen sollten, das Spiel am Freitag bei der Hertha spielerisch wieder überzeugender und auch erfolgreich gestalten zu können. Danach ist Pause zum Durchschnaufen, die Länderspielpause ist diesmal ausnahmsweise wohl für alle eine willkommene Auszeit,m bevor es in den Endspurt der Vorrunde geht. Machen wir das Beste daraus, für mich zeigte die Formkurve der Mannschaft heute wieder deutlich nach oben. Und irgendwann muss sich das ja auch wieder in Toren statt in Pfosten- und Lattentreffern auszahlen.

Champions League, Gruppenphase, 4. Spieltag (1.11.16): Borussia Mönchengladbach - Celtic Glasgow 1:1 (Tor für Borussia: 1:0 Stindl)