Mittwoch, 18. Oktober 2017

Einen schwachen Gegner stark beherrscht

Es gibt Tage, da geht alles auf, was du dir vorgenommen hast. Und es gibt Tage, da funktioniert nichts. Das Spiel in Dortmund gehört zur zweiten Kategorie, das in Bremen zum erstgenannten. Da zwischen diesen beiden Auftritten nicht allzuviel Zeit liegt, lässt sich aus meiner Sicht im Moment vorsichtig nur eins konstatieren: Der VfL ist auf einem guten Weg, aber längst noch nicht so stabil, wie es der jüngste Auftritt im Weserstadion vermuten lassen könnte.

Fraglos hat die Mannschaft in Bremen eins der souveränsten Auswärtsspiele der vergangenen Jahre gezeigt, und - das ist in diesem Zusammenhang nicht selbstverständlich - es auch noch sicher und zu Null gewonnen. Die Chancenverwertung war im Vergleich zu den Spielen zuvor annehmbar - in der ersten Halbzeit sogar vorzüglich, weil die Tore von Stindl (Weltklasse!!!) und Vestergaard (wunderschön) gegen einen ohnehin verunsicherten Gegner frühzeitig die Weichen auf Sieg stellten. Das phasenweise eher unattraktive quer- und zurücklastige Kombinationsspiel war ebenfalls wieder da. Es erfüllte diesmal aber seinen Zweck. Die Hecking-Elf spielte den Gegner effektiv wund - Borussia fand immer wieder mit einem überraschenden Tempowechsel oder dem Pass in die Spitze Wege, die Bremer Defensive in Schwierigkeiten zu bringen.

Das große Aber in der Bewertung dieses Sieges ist für mich allerdings der Gegner. Bremen war schwach - schwächer als zu erwarten war. Der Versuch, mit Pressing Druck auf die Gladbacher Abwehrspieler auszuüben, wurde nur halbherzig umgesetzt, sodass Vestergaard und Co nicht, wie in den anderen Spielen zuvor, regelmäßig in die Bredouille gerieten. Dazu kamen bei den Norddeutschen viele individuelle Schwächen, die Borussia gute Chancen und ein relativ entspanntes Spiel ermöglichten. Gegenspieler Belfodil ließ zum Beispiel beim 2:0 Vestergaard allein hochspringen, Thorgan Hazard war an diesem Tag von keinem Bremer in den Griff zu bekommen. Wäre der Werder-Keeper nicht so gut in Form gewesen, hätte es wohl ein Debakel für Bremen gegeben.
Andererseits waren die Bremer auch nicht in der Lage, ihre eigenen Chancen konsequent zu nutzen. Wäre der Fußballgott an diesem Tag ein wenig ungerechter gewesen, hätte er dem SVW durchaus einen Punkt bescheren können.

Was also nimmt man aus diesem Spiel mit? Selbstvertrauen, sicher. Den Eindruck, dass sich auch die zuletzt eher schwächelnden Spieler wie Raffael und besonders Oscar Wendt verbessert zeigten. Die begründete Hoffnung, dass Thorgan Hazard, in diesem Spiel klar der beste Gladbacher, auf dem Weg zu alter Stärke ist. Ihm fehlt vielleicht nur noch, dass mal einer dieser Bälle reingeht, die er sich super erarbeitet und mit denen er am Sonntag immer nur zentimeterweit am Torerfolg vorbeischrammte.

Am nächsten Samstag gegen die im Vergleich mit Bremen und Hannover deutlich stärker einzuschätzenden Leverkusener wird sich zeigen, ob der glatte Sieg an der Weser eher am eigenen dominanten Auftritt oder an der Schwäche des Gegners lag. Darauf bin ich sehr gespannt. Denn natürlich möchte ich gern glauben, dass die Mannschaft nun ihren Rhythmus und ihre Balance gefunden hat. Aber das leistungsmäßige Auf und Ab im Jahr 2017 lässt mich doch eher mit Vorsicht an diese Hoffnung herangehen. 
Immerhin hat die Mannschaft jetzt mit Grifo, Traoré, Cuisance und (hoffentlich) Hofmann und Bobadilla auch wieder Alternativen auf der Bank, die einem festgefahrenen Spiel noch eine andere Wendung geben können. Leider scheint darüber Patrick Herrmann derzeit ein wenig abgehängt zu sein. Es würde mich freuen, wenn auch er zu alter Stärke zurückfinden würde - und zwar bei uns, nicht bei einem anderen Verein. Dass die Situation für ihn im Moment alles andere als befriedigend ist, kann sich jeder ausmalen.
 
Bundesliga, Saison 2017/18, 8. Spieltag: Werder Bremen - Borussia Mönchengladbach 0:2 (Tore für Borussia: 0:1 Stindl, 0:2 Vestergaard)

Samstag, 30. September 2017

Balsam für die Seele

Es wäre vermessen, wenn ich heute die Leistung der Borussen über das gesamte Spiel hinweg bewerten würde. Denn ich habe - das erste Mal seit einer sehr langen Zeit - nicht das ganze Spiel gesehen, sondern nur die letzten 25 Minuten. 
Nach allem, was ich bis jetzt an zusätzlichen Infos dazu bekommen habe, habe ich aber nichts Wesentliches verpasst und sogar vielleicht ein paar Nerven geschont, die ich zum Spielende hin gut gebrauchen konnte. 
Die Mannschaft tat sich heute - erneut gegen einen sehr massiert in der eigenen Hälfte stehenden Gegner, genauso schwer wie in den Wochen zuvor. Immerhin ließ man nicht so viele hochkarätige Chancen des Gegners zu - es waren aber immer noch genug, um das Spiel auch verlieren zu können. 
Dass das nicht geschah, war das Befreiendste heute. Ein weiterer hart erkämpfter Dreier, der auch eine gehörige Portion Glück vorne benötigte (nicht nur beim späten Elfmeterpfiff) - genauso wie Pech beziehungsweise Unvermögen des Gegners vor Yann Sommers Tor. Natürlich hätte Harnik drei Minuten vor Schluss statt der Latte das leere Tor treffen müssen, was wohl der Todesstoß für die Hecking-Elf in dieser Partie gewesen wäre. Und Glück war es auch, dass der Ball nach Juli Korbs Flanke Minuten zuvor so passgenau zwischen Fabian Johnsons Körper und der Armbeuge durchflutschte, dass man eben nicht auf Handelfmeter gegen den VfL entscheiden musste.

Der am Ende glückliche, aber aufgrund des deutlich stärkeren Bemühens der Gastgeber verdiente Sieg war vor einer erneuten Saisonstörung namens Länderspielpause immens wichtig: für die vom BVB durchgeschüttelte Mannschaft und für die Fans, die auch etwas Balsam auf die geschundene Seele verdient haben. Ein spät erzwungener Sieg wie der gegen die bis dahin ungeschlagenen 96er stärkt den Glauben an die eigene Stärken. Das kann nie schaden. Und mit 11 Punkten ist der VfL wieder im Soll, die Krise, auf die manches Boulevardblatt schon leise zuschreiben wollte, ist vertagt.
Dennoch gibt es nichts zu beschönigen. Es fehlt Stindl und Co. bis auf wenige Phasen an Mitteln, den Defensivkünstlern unter den Gegnern ihre Ordnung mal gehörig durcheinanderzubringen. Auch in der Schlussphase heute ging meist ein Pass im Mittelfeld nach vorne und dann wieder zwei zurück oder quer. Das änderte sich in der Zeit, die ich live gesehen habe, erst, als Zakaria und Grifo im Spiel waren, die etwas unkonventioneller zu Werke gingen. Ja klar, auch der junge Cuisance zeigt das schon ganz eindrucksvoll. Hut ab auch für seinen feinen Freistoß vor dem 1:0. Aber Spielern wie Raffael und zum Teil auch den emsigen Christoph Kramer und Thorgan Hazard geht diese Raffinesse derzeit etwas ab. Die Scheu vor Risiko, die da mitunter durchscheint, macht Spiele aber schnell auch zäh und das Publikum ungeduldig.
Es fehlt dem VfL außerdem an probaten Mitteln, sich druckvollem Angriffssspiel spielstarker Gegner zu erwehren. Das fällt zugegebenermaßen gegen eher passive Gegner wie Hannover oder Stuttgart nicht ganz so auf. Aber außer Dortmund können auch noch eine Reihe anderer Teams richtig fies dominant spielen. Und die kommen alle erst noch.

Randbemerkungen: Froh bin ich, dass mit Grifo und Jantschke endlich wieder zwei gestandene Alternativen mehr zur Verfügung stehen. Schade fand ich, dass Tobias Sippel nach seinem Alptraumabend in Dortmund heute nicht noch eine Chance auf eine Rehabilitation bekommen hat. Denn auch wenn Yann Sommer wieder fit war: Es hätte dem verlässlichen Ersatzmann sicher gut getan, wenn er nicht mit sechs Gegentoren im Rucksack, für die er noch nicht einmal etwas konnte, auf seinen nächsten Einsatz hätte warten müssen. Sehr schön war, dass auch Julian Korb heute nochmal die Möglichkeit hatte, sich von den Fans zu verabschieden. Ich habe ihn immer für eine Bereicherung unseres Kaders gehalten, er war loyal und hat immer ehrliche Arbeit abgeliefert. Deshalb freut es mich für ihn auch, dass er in Hannover auf Anhieb Stammspieler geworden ist. Alles Gute, Juli!


Bundesliga, Saison 2017/18, 7. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - Hannover 96 2:1 (Tore für Borussia: 1:0 Ginter, 2:1 Hazard FEM)

Samstag, 23. September 2017

Gute Besserung

Um zu wissen, dass es längst noch nicht klar ist, wohin die Reise des VfL in dieser Saison gehen wird, hätte es die Abreibung heute in Dortmund nicht gebraucht. 
Wer die bisherigen Spiele verfolgt hat, konnte dort schon sehen, dass unsere Borussia Probleme im Spielaufbau bekommt, wenn ein Gegner aggressives Pressing praktiziert. Dass daraus resultierende Passfehler schnell in guten Torschussmöglichkeiten des Gegners enden. Dass der VfL Schwierigkeiten bekommt, wenn er einem dominanten Gegner hinterherläuft, Gegner im Zweikampf nicht stellen und sich aus der Abwehr nicht befreien kann. Die bisherige Saison hat auch gezeigt, dass die Offensive vielfach vor dem Tor nicht kaltschnäuzig genug ist. Was Stindl und Hazard heute vor Bürkis Tor vertändelt haben, müsste normalerweise zu einem Auswärtssieg reichen. Dass das heute wohl dennoch nicht gereicht hätte, ist natürlich auch klar.
Denn heute traf die Hecking-Elf auf einen Gegner, der diese Defizite alle komprimiert auf 90 Minuten aufgedeckt hat. Im übrigen nicht zum ersten Mal in den vergangenen Jahren. Das muss man akzeptieren und daraus lernen. Denn natürlich war es hervorragend, wie der BVB bei den Toren und einigen weiteren Chancen unsere Defensive aufgerissen hat. Am Anfang vieler Tore standen aber eigene individuelle Fehler: Vestergaard und Ginter jeweils mit Fehlpässen etwa oder der zu kurze Befreiungsschlag vor dem letzten Tor, dem als Tiefpunkt des Abends der Sonntagsschuss von Weigl folgte. Das sind Dinge, die man schnell abstellen muss, weil sie besonders ärgerlich sind. 

Was tiefer liegt, ist die taktische Problematik. Gegen spielstarke Gegner wie Dortmund oder Leipzig gelingt es Borussia nicht, den gewünschten Ballbesitzfußball zu spielen. Man gerät im Gegenteil über weite Strecken des Spiels erheblich unter Druck und in die Defensive. Und diese Rolle unter Dauerfeuer kann das Team nicht so effektiv verteidigen wie es früher unter Lucien Favre mal möglich war. Heute ging es knapp 25 Minuten gut, und dann war Gladbach innerhalb von Minuten waidwund geschossen.
Zieht sich der Gegner hingegen freiwillig zurück und rührt Beton an, wie es Augsburg, Frankfurt oder Stuttgart taten, fehlen Borussia oft die Mittel und die Schnelligkeit im Spiel, um diese Abwehrriegel zu knacken. 

Von außen ist kaum zu bewerten, ob hier nur Nuancen verändert werden müssten, um in die Spur zu kommen oder ob es sich um ein tiefergreifendes Problem handelt, mit dem sich der Verein durch die gesamte Saison schleppen wird. Ein wichtiger Punkt, aber nicht die Ausrede für alles, ist sicher die personelle Situation. Traoré, Grifo, Strobl, Benes, Drmic sind alles Spieler, die eine andere Qualität in so ein Spiel bringen könnten. Dass ein angeknockter Chris Kramer heute nicht voll auf der Höhe war und die beiden Youngster Zakaria und Cuisance letztlich vor der Kulisse im Westfalenstadion zu viel Verantwortung auf den Schultern trugen, spielt auch eine Rolle. Denn bezeichnend war, wie die vermeintlichen Stützen der Mannschaft heute mit untergingen. Kein Wendt, kein Raffael, kein Johnson, kein Vestergaard, kein Stindl und kein Ginter waren in der Lage, ordnend einzugreifen. Die einzige Ausnahme in einer kollektiv schwachen Mannschaft war der bedauernswerte Tobi Sippel im Tor. Immerhin auf dieser Position hat der VfL derzeit keine Probleme, trotz des Ausfalls von Yann Sommer.

Was die Feldspieler angeht, muss sich Dieter Hecking fragen lassen, wohin er den VfL entwickeln will. Für Ballbesitzfußball, wie ihn die Spitzenteams Dortmund, Bayern, aber auch Leipzig oder Hoffenheim spielen, fehlt der Mannschaft im Moment wohl die Klasse, auf jeden Fall aber die Tiefe im Kader, um Formschwächen abzufedern. Für Konterfußball aus einer massierten Deckung heraus fehlt es hinten wie vorne an Effizienz. Kriegt das Trainerteam diese Unwuchten nicht schnell in den Griff, könnte dies für die Saison ein ständiges Auf und Ab bedeuten. Schon allein deshalb hoffe ich auf schnelle und gute Besserung.


Bundesliga, Saison 2017/18, 6. Spieltag: Borussia Dortmund - Borussia Mönchengladbach 6:1 (Tor für Borussia: 5:1 Stindl)

Mittwoch, 20. September 2017

Debütant weist den Weg

Mit dem hart erarbeiteten Sieg gegen den Aufsteiger Stuttgart hat sich der VfL eine gute Ausgangsposition vor dem Borussenduell am Samstag verschafft. 
Viel zu sagen gibt es über das Spiel eigentlich nicht, denn es war fast eine Kopie des jüngst verlorenen Heimspiels gegen Frankfurt. Mit einigen entscheidenden Unterschieden, denn Borussia ließ sich nicht mit einem frühen Gegentor unter Druck setzen und kam über das in Halbzeit eins oft wieder zu träge quer- bzw. rückwärtsgewandte, aber geduldige Passspiel in der zweiten Halbzeit zum verdienten Erfolg. 
Was machte das möglich? Zum einen ein weitgehend harmloser Gegner, der längst nicht so aggressiv presste wie Frankfurt oder auch Augsburg. Die Schwaben kamen über weite Strecken eher als "VfB Stubenfliege" daher und machten es Stindl und Co. damit leichter als notwendig. Erst als sie zurücklagen, machten die Gäste mehr Druck und stellten mit drei, vier zielstrebigen Angriffen die Gladbacher Abwehr auch mal vor Probleme. 
Ein weiterer Unterschied: Die Hecking-Truppe nutzte diesmal ihre wenigen Chancen. Und bekam schon zum zweiten Mal in dieser Woche einen Foulelfmeter zugesprochen - nicht selbstverständlich bei Borussia. 

Besonderen Anteil am Sieg hatte einer, der erst durch Christoph Kramers erneuten Knockout zu seinem Debüt kam. Mickael Cuisance fügte sich sofort gut ins Team ein und brachte mit seinem Mut zum risikoreichen Pass in die Spitze deutlich mehr Zug in die Gladbacher Angriffe. Er wies gewissermaßen den Weg zum Sieg. Und so hatte er auch gleich an beiden Toren seinen Anteil. Vor dem 1:0 setzte er Raffael gut ins Szene, der anschließend Doppelpass mit Elvedi spielte und abschloss. Von Cuisance kam auch der Freistoß, der zum Elfmeter an Hazard führte. Daneben leistete sich der kecke junge Franzose allerdings auch ein paar leichtsinnige Aktionen, an denen man sah, dass er noch Erfahrung auf Bundesliga-Niveau braucht. Nichtsdestotrotz war es ein bemerkenswerter Einstand. 
Ob das blutjunge Duo Zakaria/Cuisance allerdings schon reif genug ist, um es in der Mittelfeldzentrale mit der geballten Dortmunder Spielfreude aufnehmen zu können, ist eher fraglich. Auch wenn ich den frischen Wind durch die beiden sehr genossen habe - gegen den BVB wäre mir ein Einsatz von Kramer noch deutlich lieber.

Bundesliga, Saison 2017/18, 5. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - VfB Stuttgart 2:0 (Tore für Borussia: 1:0 Raffael, 2:0 Raffael, FEM)

Samstag, 16. September 2017

Der richtige Biss verleiht Flügel

Das war ein eindrucksvolles Comeback, Borussia!
Ein hochverdienter Punkt in Leipzig, und das nach einer schwierigen ersten Halbzeit, in der die Hecking-Schützlinge zwar insgesamt vielleicht sogar die besseren Chancen hatten, in der sie aber dennoch überwiegend hinterherliefen. Die Zweikampfbilanz eher schwach, wenn man denn überhaupt mal in die Nähe der Gegner kam, um diese zu stellen. Andererseits hielt die Defensive gegen zeitweise im Mittelfeld furios aufspielende Leipziger doch über die meiste Zeit das Geschehen vom Tor von Yann Sommer weg.
Die beiden Gegentore wurden den Brauselümmeln allerdings viel zu leicht gemacht. 
Auf dem Weg nach vorn zeigte sich Gladbach hingegen zielstrebiger und schneller als zuletzt - natürlich auch gegen einen deutlich offensiver ausgerichteten Gegner als es Frankfurt und Augsburg waren. Dennoch war unter dem Strich zur Halbzeit noch das Beste, dass Borussia nur ein Tor zurück lag.

Dieser Umstand beflügelte das Team in den zweiten 45 Minuten ganz offensichtlich. 
Bissig, eng am Gegner, ballsicher, dominant und schnell und direkt in Richtung Tor der Leipziger - dass es am Ende nicht zum Sieg reichte, war angesichts der Leistungssteigerung ein verschmerzbarer Wermutstropfen. Denn auf dieser Halbzeit und einer geschlossenen Mannschaftsleistung lässt sich aufbauen.
Dennoch gab es Spieler, die diesem Spiel ihren Stempel aufdrückten - allen voran Denis Zakaria und Christoph Kramer. Zakaria leitete nicht nur beide Tore sehenswert ein (Pass auf Hofmann vor dem Elfer sowie tolle Balleroberung und Pass auf Stindl zum 2:2). Er spielte auch nahezu fehlerlos. In der ersten Halbzeit noch stark auf der Suche nach Kontakt zum Spiel und Gegner, zeigte er sich mit zunehmender Spielzeit immer abgezockter in den Zweikämpfen und mit vielen guten Aktionen nach vorne. Wie ich schon einmal schrieb: Er lernt äußerst schnell. Heute durfte er über 90 Minuten ran und hielt bravorös durch. Etwas glücklich kam er in einem Luftkampf mit Ellenbogeneinsatz ohne Verwarnung weg. Insgesamt eine ganz hervorragende Leistung.

Letzteres gilt auch für seinen immer wieder mal von Fans gescholtenen Nebenmann. Zu Beginn des Spiels noch meist vergeblich dabei, die ordnende Hand der Gäste zu sein, biss er sich in der zweiten Hälfte rein. Er gewann gefühlt jeden Zweikampf, zog Fouls und trieb die Mannschaft zusammen mit Zakaria, Stindl und dem eingewechselten Herrmann immer wieder nach vorne. Zum Glück blieb der Horrortritt von Keita für ihn ohne ernste Folgen.
Gleiches hoffe ich auch für Jonas Hofmann, der irgendwie jedes Mal, wenn er sich in die Stammelf gespielt hat, von Verletzungen ausgebremst zu werden scheint. Hoffentlich ist es diesmal nichts langwieriges. Denn auch wenn sich Patrick Herrmann heute super präsentierte: Hofmann war in der ersten Halbzeit noch einer der besten beim VfL. Natürlich hätte er in der 2. Minute das 1:0 machen müssen. Doch durch sein variables Spiel zeigte er mehrfach, wie wetvoll er für das Spiel der Borussia sein kann. Auch die Elferszene zeigte das, als er sich gedankenschnell auf den Weg in den Strafraum gemacht hatte.
Und weil es gerade um diese Szene geht: Ausgangspunkt war dafür der schnelle und präzise Einwurf von Oscar Wendt in den Lauf von Hofmann. Auch wenn Wendt in der ersten halben Stunde wieder mit einigen planlos weggeschlagenen Bällen und mancher verschnarchten Aktion auffiel - das heute war eine klare Leistungssteigerung, vorne wie hinten. Weil ich zuletzt viel an ihm rumgemeckert habe, soll das auch nicht unerwähnt bleiben. 

Ach ja: Das Schiedsrichter-Gespann um Marco Fritz lag zu Ungunsten von Borussia mehrfach falsch. Unter anderem wurde zweimal bei guten Chancen der Leipziger eine Abseitsstellung übersehen, einmal ein strafwürdiger Rempler gegen Zakaria, im Anschluss dessen Forsberg fast das 3:1 gemacht hätte. Gelb für Stindl bei einer handelsüblichen Kollision im Mittelfeld war ein Witz. Das Foul von Upamecano an Stindl im Strafraumeck war dann die klarste Fehlentscheidung gegen Borussia. Da hätte es gerade auch für einen Videoschiedsrichter keine Zweifel geben dürfen. 
Allerdings lag Fritz auch beim ersten Elfer, bei zwei Theatereinlagen der Gastgeber im VfL-Strafraum und beim Platzverweis gegen Keita richtig. Letztlich also Licht und Schatten wie bei den beiden Mannschaften. Und zum Glück ohne spielentscheidende Wirkung.


Bundesliga, Saison 2017/18, 4. Spieltag: RB Leipzig - Borussia Mönchengladbach 2:2 (Tore für Borussia: 1:1 Hazard FEM, 2:2 Stindl)

Samstag, 9. September 2017

Unter dem eigenen Anspruch

Nicht viel dazugelernt - auf diesen kurzen Nenner lässt sich das Spiel heute und die erste Saisonniederlage im Heimspiel gegen Frankfurt bringen. Und so, wie das 2:2 von Augsburg in Ordnung ging, ist auch der Sieg der Gäste nicht unverdient. Klar, nach den ersten guten 25 Minuten stellte sich die Eintracht nur noch hinten rein und verlegte sich auf Fußballverhinderung. Doch erstens ist das legitim. Und zweitens muss sich Borussia daran messen lassen, wie man mit solchen Herausforderungen umzugehen weiß, wenn man gern wieder in die Reichweite der Europapokal-Plätze kommen möchte.

Und da muss man leider sagen, kann der VfL im Moment nicht überzeugen. In der Anfangsphase wurde die Mannschaft genauso überrumpelt vom aggressiven Pressing des Gegners wie vor zwei Wochen - sie hatte Glück, dass es dank Boatengs Abseitsaussetzer nicht wieder schon nach wenigen Sekunden 0:1 stand. Und im Laufe des Spiels, als Kramer und Co. dann endlich die Spielkontrolle hatten, war das Spiel in der Hälfte der Eintracht zu wenig zwingend, es gab zu viel Quergespiele und zu wenig Tempo in den Aktionen.

Das Ergebnis waren ganz wenige erstklassige Chancen und das Gefühl, dass der VfL noch weitere 90 Minuten hätte spielen können, ohne Torgefahr auszustrahlen. Auch wenn die Frankfurter heute geschickt und clever verteidigt haben und in der ersten Halbzeit die Schwächen in einer lasch agierenden Gladbacher Defensive offenlegten: Borussia wäre gut beraten, sich an die eigene Nase zu fassen. Denn wie schon für ein paar Minuten gegen Köln und eine Halbzeit in Augsburg blieb die Hecking-Elf auch heute einiges schuldig. Und die Auswechslungen brachten zwar etwas Schwung, aber keine Wende.

Mich hat gewundert, warum Denis Zakaria, in der ersten Halbzeit der beste Mann, auch diesmal wieder frühzeitig duschen gehen musste, obwohl doch gerade seine Passsicherheit und die eine oder andere unkonventionelle Aktion in der Schlussphase des Spiels hätte helfen können. In den ersten beiden Spielen musste er jeweils gelbbelastet vom Feld, das vermied er heute mit deutlich verbessertem Zweikampfverhalten. Warum er durch Hofmann ersetzt wurde und nicht der erneut deutlich unter seinem Leistungsvermögen agierende Oscar Wendt, der durch die Umstellung auf Dreierkette nach der Halbzeit in der Abwehr "überflüssig" wurde, das habe ich nicht verstanden. 

Ein paar Worte will auch mal wieder zum Schiedsrichter verlieren, auch wenn ich das Gespann ausdrücklich nicht mit dem Ausgang des Spiels in Zusammenhang bringen will. Denn verloren hat Borussia heute ganz allein. Sehr positiv fand ich die üppige Nachspielzeit, die endlich einmal angemessen berücksichtigte, wie der Gegner Zeit zu schinden versuchte. Das fing ja schon in der ersten Halbzeit an und fand seinen Höhepunkt in der Einlage von Gacinovic, der kurz vor Schluss im fairen Zweikampf mit einem Gladbacher erst ins Aus rollte und verletzt liegenblieb, um dann zurück aufs Spielfeld zu robben. Die folgende Spielunterbrechung kostete Minuten, die Kampka zum Ärger der Gäste aber konsequent nachspielen ließ.
Weniger gut gefiel mir seine nachlassende Linie in der Schlussviertelstunde. Erst gab er zwar die korrekten Verwarnungen gegen Fernandes (der schon in der ersten Halbzeit hätte Gelb sehen müssen für ein heftiges Einsteigen gegen Raffael) und gegen Vestergaard. Doch dass dann Hazard Gelb sah, ohne gefoult zu haben und Villalba (gutes Debüt!) für den ersten Zweikampf und ein harmloses Aufstützen, das trübte doch den insgesamt guten Eindruck des Referees. 
Dass der Schiri Abrahams Hand auf Bobadillas Schulter nicht ahndete, als der Frankfurter als letzter Mann den Neuzugang des VfL aus dem Konzept brachte, sodass der den vor ihm und Hradecky aufspringenden langen Pass nicht zu verwerten wusste: geschenkt. Das war wohl nicht genug Behinderung. 
Die folgende Szene der beiden im Eintracht-Strafraum war für mich aber eindeutiger. Erst traf Abraham Boba mit dem Knie, dann schubste er ihn mit beiden Händen weg. Dass da auch der Videoschiedsrichter in der Zeitlupe kein regelwidriges Einsteigen sah, ist mir unverständlich. Aber was nützt es? Vielleicht hätte dem VfL ja heute auch nicht mal ein Elfmeter zum Ausgleich verholfen.


Bundesliga, Saison 2017/18, 3. Spieltag: Borussia Mönchengladbach -Eintracht Frankfurt 0:1

Samstag, 26. August 2017

Gute Geister in der Kabine gelassen

Machen wir es kurz: Nach drei Pflichtspielen noch ungeschlagen, vier Punkte vor K*** und fast zum ersten Mal in Augsburg gewonnen - das ist die positive Seite des heutigen Spieltags. Und bis zwei Minuten vor Schluss sah es tatsächlich so aus, als könnte Borussia auch die zweite Abwehrschlacht in der zweiten Spielhälfte binnen sechs Tage unbeschadet überstehen - mit mehr Glück als Verstand. Doch Augsburg spielte da nicht mit und kam zum mehr als verdienten Ausgleich. Das ist ärgerlich, aber nach diesem Spielverlauf muss man eben auch einen solch späten Rückschlag sportlich nehmen.

Es war fast wie befürchtet. Wo am  letzten Sonntag noch das Derbyfeeling zusätzliche Kampfkraft verlieh, blieb die Mannschaft von Dieter Hecking heute über weite Strecken der Partie in den Zweikämpfen einiges schuldig. 
Dabei war es nicht so, dass sie sich nicht bemüht hätten. Doch die Abstände zu den Gegnern waren oft erschreckend groß - zu groß, um das bekannt einfache und robuste Spiel der Augsburger effektiv stören zu können. 
Das zeigte sich gleich zu Beginn nach wenigen Sekunden, als die Gastgeber zielstrebiger agierten, dabei auch von einem nicht geahndeten Foul von Finnbogasson an Vestergaard profitierten und dann den VfL kalt erwischten. Auch in den Minuten nach dem 1:0 standen die Gäste ziemlich neben sich.
Umso ärgerlicher, dass die Gäste, nachdem sie sich langsam aus dem ersten Alptraum des verpatzten Spielbeginns befreit und das 0:1 gekonnt in eine 2:1-Führung verwandelt hatten, mit der Pause alle guten Geister in der Kabine ließen. Sie wischten mit der unterirdisch zweikampfschwachen zweiten Hälfte den guten Eindruck aus 30 recht souveränen Minuten vor der Halbzeit völlig weg.

Bis dahin konnte man Stindl und Co. zugute halten, dass sie sich, wie im Pokal, von einem Rückstand nicht hatten beeindrucken lassen und dem Gegner nach und nach ihr passstarkes Spiel aufdrücken konnten.
Doch mit dem Wiederanpfiff war das Geschichte. Ein hervorragender Zweikämpfer wie Jannik Vestergaard stand völlig neben sich, Matthias Ginter konnte seine Spielmacherqualitäten aus der Abwehr heraus kaum entfalten. 
Die vergangene Woche noch zu Recht hochgelobte Doppelsechs Kramer/Zakaria konnte die Löcher nicht stopfen und lief oft hinterher, was unter anderem zu gefährlichen Verwarnungen (Zakaria und Vestergaard) führte, die sich im weiteren Verlauf leicht in eine Unterzahl hätte verwandeln können. Insbesondere Augsburgs Kapitän Daniel Baier arbeitete sehr stark daran, Karten für Gladbacher herauszuholen. Dabei hätte er aus meiner Sicht für seinen absichtlichen Ellbogencheck ins Gesicht von Chris Kramer auch durchaus selbst Rot statt Gelb sehen dürfen.
Aber das soll keine Ausrede oder Entschuldigung sein. Gladbach war als Kollektiv zu schwach, um den möglichen Sieg nach Hause zu bringen. Die Offensive glänzte nur vor der Pause - da war es durchaus ansehnlich. Danach gab es kaum noch Entlastung für die heute nicht sattelfeste Verteidigung. Nicht nur, dass man dem Gegner insgesamt 24 Torschüsse erlaubte, es sprangen für den FCA auch acht richtig gute Torchancen raus, bevor der einfache Spielzug über Heller und die durch Wendt wieder einmal nicht unterbundene Flanke zum Erfolg gegen Yann Sommer führte.
Die Länderspielpause bietet Gelegenheit, an diesen Problemen gegen aggressive Gegner zu arbeiten, die einen in ständige 50:50-Zweikämpfe zu verwickeln versuchen. Und da der nächste Gegner Frankfurt ähnlich unangenehm zu spielen ist, wäre es gut, schnell aus diesem Spiel zu lernen. Damit Borussia auch nach dem dritten Spieltag ungeschlagen bleibt. Damit wären wir in der Liga voll im Soll.

Bundesliga, Saison 2017/18, 2. Spieltag: FC Augsburg - Borussia Mönchengladbach 2:2 (Tore für Borussia: 1:1 Zakaria, 1:2 Wendt)

Montag, 21. August 2017

Von Null auf Hundert

Wer hätte das gedacht! Borussia Mönchengladbach hat das erste Saisonziel bereits am ersten Spieltag erreicht: Derbysieg und in der Tabelle wieder vor dem 1. FC. K***.
Ok, das heißt noch nichts für den Verlauf der neuen Saison. Dennoch gibt es nicht viel, was heute die Freude über den gelungenen Saisonstart trüben könnte. Der VfL erntete hochverdiente drei Punkte, das Ergebnis drückt die Überlegenheit gegenüber dem Erzrivalen aus der Domstadt nur unzureichend aus.
Was Lars Stindl und seine Kollegen "von Null auf Hundert" auf den Rasen brachten, war eindrucksvoll. Den Gegner über 70 Minuten völlig beherrscht, ein Dutzend erstklassiger Torchancen erspielt und am Ende auch mit Glück und imposanter Kampfkraft den knappen Vorsprung verteidigt. Das war nach dem unglücklichen Saisonausklang und der sichtbaren Schwächen in der Vorbereitung und im Pokal so nicht zu erwarten. Zu den Abstrichen, die man an der Gesamtleistung machen kann, komme ich etwas später.

An der Basis dieses Prestigeerfolgs stand eine bärenstarke Mannschaftsleistung, in der wirklich niemand abfiel. Die Viererkette glänzte mit kompromisslosen Zweikämpfern, die sich dem brachialen Sturmtank Cordoba erfolgreich entgegenstemmten und auch die Kölner Außen Risse und Bittencourt gut im Griff hatten. In Ginter und Vestergaard standen vor dem aufmerksamen Yann Sommer auch zwei sichere Aufbauspieler, die das Tempo und die Schärfe in den Pässen diesmal auch konsequent hoch hielten und so die FC-Spieler richtig ins Laufen brachten. 
Denis Zakaria und Christoph Kramer zeigten ein absolut abgebrühtes Doppelspiel im zentralen Mittelfeld, verdichteten die Räume, liefen Bälle ab und kurbelten nach vorne an. Besonders Zakaria hat schnell gelernt. Er leistete sich zwar wieder zwei, drei gefährliche Ballverluste, ging aber insgesamt sehr clever zu Werke und setzt gute Akzente in der gegnerischen Hälfte.  
Die Außenspieler waren defensiv wie offensiv ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg, weil auch hier stets mit Tempo agiert wurde und eben nicht, wie so oft zuvor, zu schnell abgebrochen und der Rückwärtsgang eingelegt wurde. Das quirlige und variable Spiel vor allem in der ersten Hälfte machte die Gäste mürbe und zeigte ihnen am diesem Tag die Grenzen auf. 
Natürlich ragte Torschütze Elvedi mit seinen unermüdlichen Läufen heraus, genauso wie die wie aufgedreht agierenden Traoré und Hazard. Doch auch Oscar Wendt stand viel stabiler als zuletzt, ließ sich einmal aber übel düpieren.
Raffael schaltete im Vergleich zu den Spielen zuvor gleich mehrere Gänge hoch, Stindl ist mit seiner Präsenz, Giftigkeit und Zielstrebigkeit als Verbindungsspieler nahezu unersetzlich. 

Alles sehr ansprechend also. Bis auf eins: Die Abschlussschwäche aus der letzten Saison ist offensichtlich in den Trikots hängengeblieben. Und nur deshalb können sich die Kölner einbilden, sie hätten tatsächlich heute einen Punkt mitnehmen können. Verdient wäre das natürlich nicht gewesen, noch weniger vielleicht als das glückliche 2:1 im Hinspiel der vergangenen Saison. Doch wenn der kantige Cordoba bei seinen neun Torschüssen nur einmal getroffen hätte, hätten wir gleich wieder eine andere Diskussion gehabt.

Bei der Effektivität vor dem Tor wird Dieter Hecking kaum im Training ansetzen können. Sein Augenmerk wird allerdings auf dem Gladbacher Spiel nach der Führung liegen, als sich der VfL zu tief in die eigene Hälfte zurückzog und den Gästen zu viele Torgelegenheiten erlaubte. Sofern man die sich bietenden Konter verwertet, kann auch das ein gutes Rezept sein. Doch gestern zeigte sich einmal mehr, dass man
sich auf das erlösende zweite Tor bei Borussia nicht verlassen kann. Und damit kann die ganze Brillanz des spielerischen Auftritts ganz schnell in Ernüchterung umschlagen. 
Aber noch einmal:  Das sind Dinge, die man heute anmerken kann, aber nicht bekritteln sollte. Eine Topleistung in einem Derby quasi im Kaltstart-Modus am 1. Spieltag - da muss man auch die Kirche im Dorf lassen. Was ich mir aber auf jeden Fall wünsche ist, dass die Mannschaft den Einsatz von gestern auch gegen andere Gegner auf den Platz bringt. Aber da bin ich eigentlich ganz optimistisch.

Am Rande: Noch etwas anderes Negatives hat sich in die neue Saison gerettet - die Benachteiligung Borussias bei gelben Karten. Zakaria sah die Karte früh für ein risikoreiches, aber blitzsauberes Tackling, bei dem der Ball klar getroffen wurde. Es war überhaupt sein erstes "Foul" im Spiel. Das hätte später leicht zu Gelb-Rot und einer klaren Beeinflussung des Spiels durch den Schiri führen können. Und in diesem Fall bringt natürlich auch ein Videobeweis keine Gerechtigkeit im Spiel. Auch die Gelbe Karte, die Deniz Aytekin wegen Zeitspiels gegen Yann Sommer verhängte, war ein Witz. Das führt am Ende dazu, dass Gladbach wieder einmal mehr Verwarnungen kassierte als der Gegner - was den Spielverlauf und die Zweikampfführung in keiner Weise widerspiegelt. Heute hat das noch keine Auswirkung - aber es wird früher oder später zu Sperren führen.

Zum Abschluss noch etwas Positives, weil man nicht darüber sprechen muss. Das Hochrisikospiel kam ohne negative Schlagzeilen aus, der Pyroeinsatz im K***er Block und die Randale im Zug waren wohl die einzigen derartigen Randerscheinungen. 
Und die Stimmung im Stadion habe ich am Fernseher wieder so wahrgenommen, wie sie sein muss: Bedingungsloser Support und alle gemeinsam für Borussia. Angesichts dessen kann ich mich auch wieder richtig auf die Saison freuen. Der Grundstein ist gelegt. Machen wir was draus!

Bundesliga, Saison 2017/18, 1. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - 1. FC K*** 1:0 (Tor für Borussia: 1:0 Elvedi)

Samstag, 12. August 2017

Der richtige Gegner

Tolle Atmosphäre an der Hafenstraße, "Feuer" auf dem Spielfeld, ein typisches Pokal-Nervenspiel und ein gutes Ende für den VfL: Der Auftakt der neuen Saison ist gelungen. Aber der Weg zum ersten Pflichtsieg der Saison war hart. Für Spieler und Fans.

Rot-Weiß Essen war der richtige Gegner zur richtigen Zeit. Denn er simulierte das, womit auch die Gegner in der Bundesliga dem VfL das Leben schwer machen werden. Die meiste Zeit ließ die Elf von Ex-Gladbach-II-Trainer Sven Demandt die Borussen gewähren, ließ sie ihr schier endloses geduldiges Passspiel aufziehen und gegen eine massierte Deckung ihre Spielkünste ausprobieren - einmal mehr mit mäßigem Erfolg. 
Das sah zwar ganz ansehnlich aus, was sich die Gladbacher Edelfüße zuspielten, Chancen schlugen in der ersten Halbzeit dabei kaum zu Buche. Immerhin sah das oft schon viel flüssiger, schneller und auch überraschender aus als in den Testspielen. Allein, die Präzision ließ in der ersten Halbzeit zu wünschen übrig.

Gegner RWE war aber auch in der Lage, die Gäste mal aggressiver anzugehen, gegen zu passive Gladbacher selbst Bälle zu erobern und schnell und schnörkellos nach vorne zu spielen. Damit legten sie die Schwächen der VfL-Defensive schonungslos offen - zumindest wenn diese ihre Gegner so sorglos begleitet wie beim 0:1. 
Dieses Gegentor war eines Bundesligisten unwürdig. Dass Traoré am gegnerischen Strafraum den Ball verliert, ist noch nicht weiter schlimm. Er läuft schließlich auch konsequent mit zurück. Dass aber außen wie innen so lasch verteidigt wird; dass völlig unbedrängt von Wendt und Hazard geflankt werden kann; und dass sechs (!) weitere Borussen im Strafraum so schlecht gestaffelt stehen, dass sie tatenlos zusehen müssen, wie ein Angreifer einläuft und einköpft, ist einfach nur schwach. Der einzige, der überhaupt noch in Reichweite des Torschützen stand, war der zurückgeeilte Traoré - ein insgesamt gruseliges Abwehrverhalten!

Aber gut, mit einer verbesserten Einstellung, viel Kampf und einer guten Einwechslung (Hofmann für den zunehmend fahrig werdenden Zakaria) rissen die Hecking-Schützlinge das Ruder ja noch spät, aber natürlich hochverdient rum. Und das mit zwei wirklich sehenswert herausgespielten Toren - ganz ohne Standards (die heute wieder überwiegend Vor-Bremsersche Minder-Qualität aufwiesen).

Was nehmen wir aus diesem Spiel mit zum ersten Liga-Höhepunkt nächste Woche gegen die Böcke aus K***?
Dass die Mannschaft geduldig genug ist, ihr Spiel auch gegen einen Rückstand durchzuziehen. Wie gegen Malaga setzte sich heute kurz vor Schluss die Qualität der VfL-Offensive durch. 
Gut war, dass die Mannschaft der Atmosphäre standgehalten und sich auch nicht hat provozieren lassen - nicht von Mätzchen der Gegner noch von einigen diskutablen Etnscheidungen des Schiedrichtergespanns. 
Positiv war auch, dass die Mannschaft nach dem einem kollektiven Schwächeanfall im Anschluss an den verweigerten Elfmeter in der zweiten Halbzeit den Schalter fand, um ins Spiel zurückzufinden und den Sieg zu erzwingen. 
Und ermutigend war heute die spielerische Variabilität, die vielen Positionswechsel. Das war letztlich auch ausschlaggebend für den Ausgleich, als der eingewechselte Hofmann, der nominell als zentraler Mittelfeldspieler agierte, pötzlich in Mittelstürmerposition auftauchte.

Bedenklich war dagegen wie schon gesagt zeitweise das Abwehrverhalten. Enttäuscht hat mich da vor allem Oscar Wendt, der bei jeder Gelegenheit betont, dass er sich als erfahrener Spieler auch verantwortlich einbringen will. Bei engen Spielen taucht er dann aber regelmäßig ab und fällt eher noch durch nachlässige Zweikampfführung auf. Das passt nicht zusammen. 
Auffällig war auch, dass Denis Zakaria trotz guter Ansätze und ein paar richtig guter Szenen heute auch Lehrgeld bezahlt hat. Er merkt sicher, dass das Tempo in Deutschland noch ein anderes ist als in der Schweiz - eine Erfahrung, die auch Granit Xhaka einst machen musste. Zakaria muss vor allem an seiner Ballannahme arbeiten, denn wegspringende Bälle sind auf seiner Position gefährlich - für die Mannschaft und für ihn, denn sie zwingen in risikoreiche Zweikämpfe, die Folgen haben können, sei es als Gegenangriff, Foul oder gar eine eigene Verletzung.

Erstaunlich war zudem, dass das Team sich trotz einer sehr souveränen Vorstellung in den ersten knapp 25 Minuten relativ schnell aus dem Konzept bringen lässt. Da war der ausbleibende Elfmeterpfiff und direkt im Anschluss ein klarer Eckball, der nicht gegeben wurde. Ein wenig damit gehadert, und schon wurde die Mannschaft hektisch und lud den Gegner zum Führungstreffer ein, von dem sie sich in der ersten Hälfte nicht mehr so recht erholte und damit zugleich die Rot-Weißen ungewollt von Minute zu Minute aufbaute.

Nun gut, es war das erste Pflichtspiel der Saison und es ist sehr wichtig, mit der doch erheblichen Leistungssteigerung am Ende die erste Aufgabe im DFB-Pokal gelöst zu haben. Borussia ist auf dem Weg. Aber es ist noch einiges zu tun, um in der Bundesliga den erhofften Weg nach oben einschlagen zu können. Eine Hürde liegt immerhin nun hinter uns.

DFB-Pokal 2017/18, 1. Runde: Rot-Weiß Essen - Borussia Mönchengladbach 1:2 (Tore für Borussia: 1:1 Hofmann, 1:2 Raffael)

Donnerstag, 10. August 2017

Der Kodex

Ausnahmsweise mal nichts aus meiner Feder. Ich stelle den Borussenkodex hier aber, um meine Zustimmung zu zeigen und alle VfL-Fans zu ermuntern, ihn ebenfalls zu leben.

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Der Borussen-Kodex 2.0

"Von Fans für Fans!

Sei willkommen im Herzen von Borussia Mönchengladbach.
Hier in der Nordkurve gilt: "Einer für alle, alle für einen!"

Wir alle sind ein Teil der Nordkurve.
Die Nordkurve ist eine Überzeugung und das Herz von Borussia Mönchengladbach.

Bedenke bei der Wahl deiner Eintrittskarte für die Nordkurve:
Hier ist der ultimative Fanbereich, der ausschließlich Borussen vorbehalten ist.
 

Unsere Farben sind schwarz-weiß-grün. Gästefans haben hier nichts verloren, ihre Farben sind in der Nordkurve tabu.
Vor allem die Blöcke 15, 16 und 17 sind für Borussia-Fans reserviert, die aktiv Stimmung machen wollen. Hier ist der Ursprung für ein stimmgewaltiges Stadion. Stehst du hier, dann gib alles für Borussia! Aber auch außerhalb dieses Zentrums hat sich jeder Borusse bis zum Schlusspfiff unserer Borussia zu widmen!

Du bist hier um Borussia zu unterstützen.
 

Zeige deine Leidenschaft für unseren Verein und für den Fußball, den wir kennen und lieben! Aber mach das ohne Ausgrenzung, Gewalt und Diskriminierung in jeglicher Form!
Nur gemeinsam sind wir stark! Wir lassen uns nicht spalten. Probleme untereinander werden intern gelöst. Die Selbstregulierung ist unsere Stärke. Diese basiert auf den traditionell gewachsenen Strukturen unserer Fanszene und dem gegenseitigen Respekt aller - egal, in welcher Form die Leidenschaft für Borussia ausgelebt wird.

Die Nordkurve gehört niemandem. Keiner hat das Recht sich an der Fanszene privat zu bereichern. Geld, das in und mit der Nordkurve verdient wird, hat auch wieder in jene zurückzufließen.

Unsere jahrzehntealte Fankultur gilt es zu erhalten. Wir lassen sie uns von keinem Außenstehenden zerstören. Hierzu gehört auch die Gestaltungsfreiheit bei der optischen Unterstützung. Dabei ist uns stets bewusst, dass wir mit den Aussagen und Motiven Verantwortung für die gesamte Nordkurve übernehmen.

Borussias ruhmreiche Vergangenheit verpflichtet den Verein, die Spieler und uns Fans, alles zu geben. Der sportliche Erfolg ist unser aller Ziel - jedoch nicht um jeden Preis.
Der Fußball lebt durch seine Fans. Er bedeutet für uns leidenschaftlichen Sport und ist kein Event. In unserer Kurve hat Kommerz keinen Platz! Wir lassen uns nicht in Werbeaktionen einbinden!
Wir haben unsere eigene Meinung! Diese vertreten wir mit Überzeugung. Wir lassen uns nicht vor den Karren der Verbände, Medien und Politik spannen!

Einmal Borussia - immer Borussia!"

Samstag, 5. August 2017

Fragezeichen aus Mittelengland

Eine Woche noch, dann muss im DFB-Pokal in Essen der erste Härtetest der neuen Saison überstanden werden. Ich hatte gehofft, dass ich nach der Generalprobe in Leicester besser einschätzen könnte, wo Borussia zum Auftakt in das Spieljahr steht. Aber das mit 1:2 verlorene Gastspiel beim englischen Überraschungsmeister von 2016 hat für mich mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet. Und das nach dem doch sehr anständigen Auftritt gegen Malaga eine Woche zuvor, der nur durch das unmögliche Auftreten der unfairen Spanier getrübt wurde.
Natürlich, die Startelf hat sich herauskristallisiert. Vor Yann Sommer, der heute wieder eine tadellose Partie abgeliefert hat, werden Wendt, Vestergaard, Ginter und Elvedi stehen. Tony Jantschke hätte letzteren noch verdrängen können, doch seine Verletzung hat ihn entscheidenden Tage vor dem ersten Spiel gekostet.
Im defensiven Mittelfeld hat Kramer seinen Platz sicher, und nach den heutigen Eindrücken hat Denis Zakaria die Nase vor Benes, der sich heute wohl um den möglichen Startelfeinsatz gebracht hat - mit nervösem Spiel und mehreren schlimmen Ballverlusten, die unter anderem ein Tor nach sich zogen. Da machte der Schweizer den deutlich agileren und sichereren Eindruck.
Die Außenpositionen gehen aus meiner Sicht an Hazard (sicher) und Patrick Herrmann. Der spielte heute zwar gar nicht, doch das war angekündigt, weil diejenigen Spielzeit bekommen sollten, die zuletzt weniger gespielt hatten. Ibo Traoré drängte sich dabei (nicht nur heute) nicht sonderlich auf, er blieb viel hängen, lief unglücklich und haderte zu oft mit sich und den Mitspielern. Vincenzo Grifo ließ sich von der Körperlichkeit der Engländer sichtlich beeindrucken und shcloss zweimal überhastet ab -die Bälle flogen in die Wolken.
Da Rot-Weiß Essen den VfL vermutlich genau mit diesen physischen Mitteln bespielen wird, spricht einiges dafür, dass Dieter Hecking eher auf Herrmann setzen wird. Denkbar ist aber auch Jonas Hofmann, der zwar als Ersatz-Sechser nach Strobls Verletzung anfangs mit Benes unterzugehen drohte, sich aber nach und nach freispielte, den Engländern Paroli bot (wie damals gegen Celtic auch) und an jeder halbwegs gefährlichen Aktion beteiligt war. Seine mangelnde Effizienz spricht gegen ihn, doch da stehen ihm die anderen Borussen in der Offensive derzeit kaum nach.
Der stark verbesserte Raffael und Kapitän Stindl sind - da wird niemand widersprechen - für den Auftritt an der Essener Hafenstraße ebenfalls gesetzt.

Doch genau ab da fangen die Fragezeichen für mich an. In Leicester stand heute die mutmaßliche Startelf in der ersten Halbzeit auf dem Platz und zeigte einen sicheren Auftritt mit viel Ballbesitz und Spielkontrolle. Richtige Einschussmöglichkeiten erlaubte man Jamie Cardy und Co in den ersten 45 Minuten nicht. So weit, so gut. Bis auf zwei, drei eigene gute Chancen, die nicht genutzt wurden, war es dennoch ein Auftritt, der für die Bundesliga - und vielleicht auch für RW Essen - zu wenig ist. Zu wenig Risiko, selbst wenn sich mal gute Passwege öffnen, immer wieder abgebrochene Angriffe, verschlepptes Spiel, zu verspieltes Klein-klein, wenn es in die entscheidende Zone rund um den Strafraum geht - das offenbarte sich nicht zum ersten Mal in der Vorbereitung. Und es ist ein Teil der Erklärung, warum so wenig Tore aus dem Spiel heraus gefallen sind.

Leicester City tat den Stammelf-Borussen den Gefallen, den ganzen gepflegten Passstafetten geduldig zu folgen und auf starkes Pressing zu verzichten. Mit dem Ergebnis, dass die erste Elf vorne nichts riss und hinten nichts anbrennen ließ - obwohl sich auch heute einige bedenkliche Löcher in der Rückwärtsbewegung nach Ballverlusten auftaten. Die konnten da, vor allem von Vestergaard, Ginter und dem aufmerksamen Sommer, noch gestopft werden, sodass es nicht ganz brenzlig wurde.

Dadurch, dass die Gastgeber nach der Pause völlig verwandelt wie wütende Stiere aus der Kabine kamen und nach dem schnellen Traumtor von Thorgan Hazard noch eine Schippe Wut draufzulegen bereit waren, lässt sich der Auftritt der Elf der ersten Hälfte nicht wirklich mit der der zweiten Halbzeit vergleichen. Außer in einem: Die Streuung in den Pässen war enorm - zwischen hervorragend und gruselig - erstaunlicherweise bei allen Spielern, was teilweise auch vom zumindest in der zweiten Halbzeit aggressiven Gegner forciert wurde.
Letztlich bleibt festzuhalten, dass die Borussen in den zweiten 45 Minuten erheblich Lehrgeld zahlten, ihre Ordnung binnen weniger Minuten verloren und erst nach und nach wiederfanden. Da waren sie aber als Auswärtsteam schon mehrfach ausgekontert worden und auf der Verliererstraße. In der ersten Halbzeit zeigten sie dagegen risiko- und einfallslosen, letztlich ineffektiven Tu-mir-nicht-weh-Fußball, mit dem man in der Bundesliga und im DFB-Pokal nicht weit kommt.
Nun geht es wahrlich nicht um das Ergebnis dieses Spiels. Zumal der Ausgleich aus meiner Sicht deutlich abseits war. Doch die Art und Weise, wie die Gegentore fielen, erinnerte fatal an die Schubert-Endzeit. Wie gesagt, die Mannschaft fing sich - und Jannik Vestergaard verdient sich ein Extra-Lob dafür, dass er die Nerven behielt, obwohl er von dem ständig foulenden Vardy übel angegangen, offenbar auf dem Platz von den Engländern zu Freiwild erklärt und vom Publikum konsequent ausgepfiffen wurde.
Da zeigt sich, dass sich die Mannschaft auch wieder aufrichten kann.
Wie auch immer. Ein Gefühl der Sicherheit, dass der VfL für den Saisonstart gerüstet ist, wollte sich nach diesem Auftritt bei mir nicht einstellen. Vielleicht ist das gut, nachdem ich vor der letzten Saison ganz anderer Auffassung war und nach dem guten Start der bekannte Absturz folgte.
Wer weiß. Jetzt hoffe ich erstmal darauf, dass Tobi Strobl nichts Schlimmeres passiert ist. Denn auch wenn viele ihn nur als Lückenfüller sehen. Für mich ist er einer der Unterschätzten im Kader, der Stabilität ins defensive Mittelfeld bringen kann, wenn es notwendig ist. So wie es in der zweiten Halbzeit heute gut gewesen wäre.

So, genug in die Glaskugel geschaut und Vorbereitungsspiele seziert. Wichtig ist aufm Platz. Nächste Woche. Da gilt es. Und ich hoffe, dass die Jungs mich Lügen strafen.

Sonntag, 23. Juli 2017

Viel Luft nach oben

Aus Spielen in der Vorbereitung auf die neue Saison sollte und darf man nur eingeschränkt Schlüsse auf das wahre Leistungsvermögen der Mannschaft ziehen. Da treffen unterschiedlich trainingsbelastete Teams aufeinander, es geht noch nicht um die Wurst, Verletzungen will jeder auch nach Möglichkeit vermeiden. Es ist eben ein Testspiel und nicht der Ernstfall. Doch dass bei Borussia drei Wochen vor dem Pokalspiel gegen Rot-Weiß Essen noch viel Luft nach oben ist, ist unbestreitbar - und das macht zum jetzigen Zeitpunkt ja auch noch nichts.

Nun gut, dank der bescheidenen Übertragungsqualität von Fohlen TV in den Spielen gegen Wuppertal und Eupen und einer urlaubsbedingten "Fohlenpause" meinerseits im Anschluss kann ich vor allem das 1:2 im Testspiel in Nürnberg zum Abschluss des Trainingslagers bewerten. Denn angesichts dessen, was ich sonst über die Tests gegen Nizza und Leeds sowie über den Telekom-Cup gelesen und gesehen habe, habe ich es mir gespart, diese Spiele noch mal im Ganzen "nachzuarbeiten". Auffällig war auch da aber schon, dass Borussias (wenigen) Tore ausschließlich Standards oder Einzelaktionen entsprangen und die spielerische Bilanz bei herausgespielten Chancen eher bescheiden ausfiel.
Eine Beobachtung, die das Spiel gegen Nürnberg bestätigt hat. Die erste Halbzeit war nach dem frühen Tor durch Zakaria (nach Hazard-Freistoß) im Gegenteil ein Beispiel dafür, wie man dem VfL ziemlich effektiv begegnen kann.
Nürnberg gelang es immer wieder, durch aggressives Anlaufen der Ballverteiler im Mittelfeld den Gladbacher Spielfluss effektiv zu unterbinden und den Ball zurück zum Abwehrspieler oder Torwart zu provozieren. Die Startelf, die ja durchaus schon Stammelf-Qualität hatte, fand keine spielerischen Lösungen dagegen: kein schnelles Kombinationspiel, keine erfolgreichen Flankenläufe, kein direktes Spiel durch die Mitte, keine langen Bälle hinter die Abwehr. Offensiv fand der VfL gegen einen kurz vor dem Saisonstart stehenden Gegner nicht statt. Angriffsbemühungen wurden in der Regel früh abgebrochen und durch den kapitulierenden Pass zurück das gesamte Spiel entschärft.
Der Club hingegen zeigte nach vorn sehr deutlich, wie man es machen muss. Schnelle, kompromisslose Pässe in die Spitze, gute Konter - es war allein dem gut aufgelegten Yann Sommer und der Schludrigkeit der Nürnberger Stürmer zu verdanken, dass die Niederlage nicht höher ausfiel.

Nach der Pause schien sich das Spiel des VfL mit der Einwechslung der jungen Wilden Cuisance und Benes etwas zwingender zu gestalten, auch Grifo und Herrmann brachten mehr Belebung ins Spiel als es zuvor Hofmann und Traoré gelungen war. Doch das hielt auch nur eine Viertelstunde an.
Gerade bei den jungen Spielern (auch bei Zakaria und in der ersten Hälfte bei Reece Oxford) schlichen sich viele Fehler ein, die darauf zurückzuführen waren, dass sich die Spieler zu sehr auf ihre Fähigkeiten verließen und teilweise zu optimistisch in Zweikämpfe mit gestandenen Zweitligaspielern gingen, die bereits bei fast 100 Prozent in der Saisonvorbereitung stehen. Diese Ballverluste zeigten, dass es bei einigen Akteuren bei aller vorhandenen Klasse noch ein Stück ist bis zur Stammelf für den Ernstfall. Die zweite Halbzeit bot zwar einige Torabschlüsse des VfL, aber insgesamt zu wenig zwingendes; und das, obwohl Dieter Hecking schnell auf Dreierkette (Elvedi, Strobl, Jantschke) umstellte und Fabian Johnson, der nach der Pause auf der Wendt-Position begann, als zusätzliche Kraft ins Mittelfeld schob.
Natürlich merkte man allen Spielern an, dass sie im Gegensatz zu den Gastgebern ein forderndes Trainingslager in den Knochen hatten. Doch auch einige Routiniers blieben darüber blasser als erwartet - etwa Raffael, Johnson, Traoré und Hofmann. Insgesamt bot das Spiel also viele Ansatzpunkte für das, was in den kommenden Wochen noch verbessert werden muss. Denn so viele Chancen wie die Nürnberger an diesem Tag werden andere Teams in der Saison nicht auslassen.

Mein vorläufiger Eindruck der Neuen (und Nachrückenden) bezieht sich auf die bisherigen Testspieleindrücke, sollte also auch entsprechend vorsichtig gewichtet werden:

Vincenzo Grifo: Stammelfkandidat, aufgrund seiner Standards und der guten Einbindung ins Spiel nach vorn hat er aus meiner Sicht derzeit die Nase vorn, vor den bislang noch steigerungsfähigen Hofmann und Johnson.

Denis Zakaria: Drückt dem Spiel schon seinen Stempel auf, verlässt aber gerade mit dem Rücken zum angreifenden Gegner sehr stark auf seinen Körper, das kann gefährliche Ballverluste zur Folge haben. Nach vorne mit guten Ballschleppereigenschaften, die Pässe in die Spitze zeigen Übersicht, sind aber oft unsauber gespielt. In manchem ungeschickten Zweikampf (Foul) drohte ihm gegen Nürnberg (bei einem Pflichtspiel) eine Gelbe Karte. Er muss sich steigern, sonst könnte ihm ein risikobewussterer Spieler wie Strobl vorgezogen werden.

Laszlo Benes: Hat aus der vergangenen Saison einen Bonus, er könnte auch Zakaria auf der Sechserposition verdrängen. Dazu muss er aber cleverer spielen als in Nürnberg, wo er oft zu viel zeigen wollte, anstatt die einfache Lösung zu suchen.

Reece Oxford: Spielt mit viel Selbstbewusstsein, den Nachweis der zugehörigen Klasse bleibt er in manchen Situationen aber noch schuldig. Gegen Nürnberg verlor er bisweilen den Gegenspieler aus den Augen und spielte den einen oder anderen schwachen Pass im Aufbauspiel. Insgesamt aber ein ordentliches Auftreten, im direkten Zweikampf gute Lösungen. Dennoch: Oxford wird es schwer haben, an einem Matthias Ginter vorbeizukommen, wenn er nicht insgesamt fokussierte wird.  

Mickael Cuisance: Traut sich viel zu, hat eine hervorragende Ballbehandlung und schon einen guten Körpereinsatz. Allerdings geht auch vieles noch daneben - Dribblings werden gestoppt, Pässe gehen ins Leere. Derzeit für mich noch kein Kandidat für die Startelf, lernt aber offenbar sehr schnell dazu.

Kwame Yeboah: Alternative aus der U23. Hat wohl eine gute Vorbereitung gespielt, Hecking hat ihm bisher viel Spielzeit gegeben. Gute Bewegungen im Angriff, aber Torgefahr bzw Knipsermentalität konnte er nicht nachweisen.

Julio Villalba: Bisher mit wenig Spielzeit, kaum seriös zu bewerten. Da ihm bei den Einwechslungen Yeboah vorgezogen wurde, braucht er offenbar noch ein bisschen Anlaufzeit.

Und sonst? Matthias Ginter und Mamadou Doucouré haben noch nicht ins Spielgeschehen eingegriffen, Ba-Muaka Simakala spielt derzeit keine Rolle im Kader, er blieb auch in Nürnberg ohne Einsatz.

Das bedeutet, dass meine momentane Startelf für den Saisonauftakt derzeit noch stark der der vergangenen Saison ähnelt:

Sommer - Wendt, Vestergaard, Ginter, Elvedi (Jantschke) - Grifo, Zakaria, (Strobl, Benes), Kramer, Hazard (Herrmann, Traoré) - Stindl, Raffael.

Ich bin gespannt, wie sich der Kampf um die Positionen bis zum 11. August in Essen weiterentwickelt. Luft nach oben haben schließlich alle.

Mittwoch, 12. Juli 2017

Kommen und Gehen

Es tut sich doch noch einiges in Borussias Kader. Mit dem doch etwas überraschenden Abgang von Nico Schulz nach Hoffenheim wird allerdings nicht nur wie angekündigt der Kader noch etwas verschlankt. Auf der Kippe steht nun immer deutlicher auch der Verbleib von Timothee Kolodziejczak. 
So oder so wäre der VfL damit auf der linken Abwehrseite zu dünn besetzt. Also wäre dort auch wieder ein Zugang vonnöten sein, auch wenn Trainer Hecking auf Fabian Johnsons Vielseitigkeit verweist und darauf, dass auch er als Linksverteidiger auflaufen könnte. Sich darauf zu verlassen, wäre angesichts der vergangenen Verletzungssaison allerdings fahrlässig. 
Sollte Allrounder Johnson ausfallen, fällt er nämlich gleich als Alternative für mehrere Positionen aus: Rechts- und Linksverteidiger, linkes oder rechtes Mittelfeld bzw Flügelstürmer; denkbar ist er auch noch als eine von zwei Spitzen. Die besten Spiele zeigte der US-Amerikaner bei Borussia allerdings links offensiv. Allein deshalb ist es fraglich, ob Borussia wirklich mit Johnson als einzigem Wendt-Backup in die Saison gehen würde. 
Da man über die Leistungsstärke von Kolo derzeit nur spekulieren kann und diverse Aussagen für einen Wechsel sprechen, sehe ich in diesem Fall auf jeden Fall Handlungsbedarf auf der Wendt-Position. 

Ob der Liverpool-Reservist Alberto Moreno eine ernsthafte Alternative sein könnte, ist schwer zu sagen. Grundsätzlich ist er teuer, im Gehalt wie in der Ablösesumme, sodass eine Leihe am ehesten realistische wäre. Positionstechnisch deckt er genau das Spektrum von Nico Schulz ab, wäre also in dieser Hinsicht ein 1:1-Ersatz, der sich sicher nicht hinter Wendt anstellen möchte, der beim Trainerteam bislang unangefochten Nummer 1 auf der Position zu sein scheint - trotz der guten Leistungen von Nico Schulz, der zum Saisonende deutlich mehr Druck und Geschwindigkeit auf die Seite gebracht hatte. Aus diesem Grund nehme ich den Wechsel von Nico Schulz auch als Verlust wahr.

Der zahlenmäßigen Verkleinerung der Mannschaft fällt nach Korb, Hahn, Nico Schulz und Sow nun auch noch Marvin Schulz zum Opfer. Ob sein Wechsel in die Schweiz für Borussia ein Verlust ist, lässt sich kaum sagen, da der junge Verteidiger durch Verletzungen mehr als ein Jahr weg vom Fenster war.
Schade ist aber, dass Borussia ausländischen Talenten wie Doucouré oder Reece Oxford mehr zutraut als langjährig in Mönchengladbach ausgebildeten Eigengewächsen wie dem in der ersten Liga ebenso erfahrenen Marvin Schulz. Schade, dass diese Spieler dann auch nicht mehr verliehen werden können, sondern gleich ganz wechseln. Bitter ist das für den VfL in einem Fall wie Amin Younes, wenn der Spieler den Durchbruch woanders schafft. Dennoch drücke ich den Abgängen natürlich die Daumen, dass sich der Wechsel für sie lohnt. Denn bisher haben sie auch alles für unseren Verein gegeben. 
Und immerhin: Im Gegensatz zu früher werden die Spieler zu vernünftigen Preisen abgegeben. Ich kann mich noch gut an Zeiten erinnern, wo Borussia Schwierigkeiten hatte, für ausrangierte Spieler einen zahlenden Kunden zu finden und sogar Verträge teuer auflösen musste, um Spieler vom Kaliber Wesley Sonck und Bernd Thijs wieder loszuwerden. 
Heute sieht das etwas anders aus. Für die Spieler, die bis jetzt gegangen sind, kassiert Gladbach zumindest nicht weniger, als man ausgegeben hat - auch wenn man sich von dem einen oder anderen mehr erwartet hatte. Auch wenn Kolo noch geht, wird sich der mögliche Verlust in Grenzen halten. Ein großes Missverständnis wäre es dennoch gewesen. Auch ich hatte mir von dem Franzosen deutlich mehr erwartet, als er bisher zeigen konnte.

Mit den Abgangs-Nachrichten aus dieser Woche kommt der VfL der Soll-Größe des neuen Kaders auf jeden Fall schon recht nahe. Offen ist noch der Status von Ba-Muaka Simakala, dem in der Vorbereitung bisher andere U23-Spieler wie Kwame Yeboah vorgezogen werden. Tsy-William Ndenge soll verliehen werden, aber bislang ist noch kein Vollzug gemeldet worden.

Und dann ist da noch die ewige Stürmerfrage. Der vielgeforderte "Knipser" ist ein Phantom, das kontinuierlich und unausrottbar durch sämtliche Gladbach-Foren geistert. Mag sein, dass noch jemand verpflichtet wird - aber sicher keiner, der eine Torgarantie mitbringt. Die sind derzeit nicht zu bezahlen. Und wer weiß, vielleicht spielt sich ja einer aus den eigenen Reihen noch in den Vordergrund. Wenn nicht, ist Borussia offensiv trotzdem gut genug ausgerüstet, um gegnerische Abwehrreihen das Fürchten zu lehren. Aber noch ist das letzte Wort da ja nicht gesprochen. Und das hält die Spannung bis zum Saisonauftakt auch immer schön hoch.
 
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Der derzeitige Profikader:
Tor: Yann Sommer, Tobias Sippel, Moritz Nicolas, Christofer Heimeroth.
Abwehr: Mamadou Doucouré, Nico Elvedi, Tony Jantschke, Jannik Vestergaard, Oscar Wendt, Timothee Kolodziejczak, Reece Oxford, Matthias Ginter.
Mittelfeld: Lazlo Benes, Patrick Herrmann, Jonas Hofmann, Fabian Johnson, Christoph Kramer, Tobias Strobl, Ibrahima Traore, Denis Zakaria, Vincenzo Grifo.
Angriff: Josip Drmic, Thorgan Hazard, Raffael, Lars Stindl, Julio Villalba.


Dienstag, 4. Juli 2017

Der Wert des Rekordzugangs

Da ist er nun, der neue Rekordtransfer von Borussia Mönchengladbach: Matthias Ginter wechselt, so heißt es, für 17 Millionen Euro von Dortmund zur wahren Borussia, Bonuszahlungen könnten den Betrag demnach auf insgesamt 20 Millionen Euro steigen lassen.
Natürlich wird heiß diskutiert, ob das nun ein gutes Geschäft ist oder unser Max nun den Verstand verloren hat, so viel Geld für einen Spieler auszugeben, der auch beim BVB nicht unumstritten war.
Ja, 17 Millionen Euro sind viel Geld. Und Ginter ist auch mir in der vergangenen Saison  nicht als so herausragend in Erinnerung, dass ich ihn für die neue Saison unbedingt auf dem Zettel hätte haben müssen.

Was können wir also erwarten? Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht. Ich bin mir noch nicht sicher, ob Matthias Ginter die hohen Erwartungen erfüllen kann, die mit dem Etikett Rekordtransfer verbunden sein werden. Ich traue es ihm aber zu. Und dafür gibt es eine Reihe von Gründen.

Fest steht, dass der VfL an kaum einem Spieler so oft dran war wie an dem vielseitigen Defensivakteur. Bei dessen Wechsel von Freiburg zog Gladbach schon einmal den kürzeren, seither gab es mindestens zwei vergebliche Versuche, ihn der Namenscousine abzukaufen oder ihn zumindest zu leihen. Wenn man der Scoutingabteilung und Max Eberl vertraut, spricht das für Ginters Entwicklungsfähigkeit.

Auch die nackten Zahlen sprechen für ihn. Mit 23 Jahren hat Ginter schon sechs Bundesligasaisons mit 137 Spielen hinter sich und dazu knapp 30 europäische Einsätze in CL und Euro League. Die meisten dieser Spiele hat er auch über die komplette Distanz bestritten, er ist kein Minutensammler von der Auswechselbank.
Die Liste seiner Erfolge klingt noch besser. Er ist Mitglied des Weltmeisterkaders von 2014 (wenn auch ohne Einsatz), als Stammspieler aber Confedcup-Sieger 2017, Olympiazweiter 2016 und Teilnehmer an einer (nicht so erfolgreichen) U21-EM 2013. Er ist aktueller DFB-Pokalsieger und stand mit Dortmund noch zwei weitere Male im Finale in Berlin.

Ein unschätzbarer Vorteil (auch im Vergleich mit Christensen) ist gerade in diesem Jahr (ohne EL-Teilnahme), dass der Neuzugang gleich drei Positionen auf gehobenem Bundesliganiveau beherrscht: Neben der Innenverteidigung ist das die Rechtsverteidigerposition (in der Hinserie 2015 gelangen ihm dort in 12 Spielen 2 Tore und 7 Assists) und das defensive Mittelfeld. Es wird - gerade nach der Verletzungsmisere in der vergangenen Saison - sicher eine Rolle gespielt haben, dass auch der Abwehrmann X genau dieses Profil des "polyvalenten Spielers" erfüllt.

Und der Preis? Normal für irre Zeiten.
Zum Vergleich: Für den weitaus unerfahreneren Andreas Christensen wären auf jeden Fall mehr als 20 Millionen Euro fällig geworden, für Janik Vestergaard, der in der Bundesligaerfahrung eine etwa gleichwertige Bilanz hat, aber weniger internationale Meriten sammeln konnte, überwies Borussia im vergangenen Jahr wohl 12,5 Millionen Euro. Dazwischen sortiert sich Ginters Transfersumme eigentlich ganz vernünftig ein, wie ich finde.
Denn man darf die allgemeine Entwicklung der Transfersummen auch nicht außer Acht lassen. So wie Ginter beim Wechsel von Freiburg nach Dortmund aufgrund des Interesses mehrerer Vereine mit 12 Millionen Euro schon recht teuer war, muss man für einen jungen, noch entwicklungsfähigen Spieler mit seinem Standing heute bereits die 20-Millionen-Grenze in Kauf nehmen.
Zumindest, sofern es keine Ausstiegsklausel zu nutzen gibt. Die gab es in diesem Fall wohl nicht, sodass Dortmund auch keine Not hatte, ihn verkaufen zu müssen. Dazu hatten offenbar auch englische Clubs ihr Interesse hinterlegt, was einen Spieler noch nie billiger gemacht hat.

Bei einem 23-Jährigen ist das Risiko auch in dieser Preisklasse noch überschaubar, wie ich finde. Entwickelt er sich wie erwartet, steigert er als Nationalspieler seinen Marktwert möglicherweise weiter und verhilft Borussia möglicherweise mit zu zusätzlichen Einnahmen in EL oder CL. Und in drei Jahren (ein Jahr vor Vertragsende) müsste im Fall einer guten Bilanz des Spielers ein marktgerechter Preis mit mindestens kleiner Steigerung auch noch realistisch sein.

Dass Ginters Stern bei Borussia verglühen könnte, ist jedenfalls nicht zu erwarten. Das Vertrauen in ihn ist seit Jahren sichtlich da, bei allen Trainern von Tuchel bis zu den diversen DFB-Auswahlen. Er scheint von der Art gut in die Mannschaft zu passen und sollte sich demnach auch so wohl fühlen, dass er bei uns gute Leistungen abrufen kann. Ich hoffe natürlich, dass ihm dies gleich gelingt. Und: Dass ihm auch von den Fans die nötige Zeit gegeben und Geduld geübt wird, falls am Anfang noch nicht alles glatt läuft. Auch Janik Vestergaard hat schließlich ein bisschen gebraucht, um im Gladbacher Spiel richtig anzukommen.

Sonntag, 2. Juli 2017

Fast komplett - wer wird das neue Mentalitätsmonster?

Es geht wieder los. Zum Trainingsauftakt sind bei Borussia wieder die meisten Personalien geklärt und es lohnt sich, mal einen genaueren Blick auf den neuen Kader zu werfen. 
Der sollte verkleinert werden, Top-Talente aus Europa nach und nach in den Kader eingebaut und weiterentwickelt werden. Bislang ist zumindest die Sollzahl von 24 Spielern noch nicht erreicht. Nach meiner Zählung steht der VfL bei 27, wenn man den avisierten erfahrenen Abwehrmann dazuzählt (und Heimeroth nicht mitzählt). Und je nach Gelegenheit könnte ja auch im Angriff später noch einer dazukommen, wie Max Eberl im Interview mit der Rheinischen Post andeutete. Hier sind also noch nicht alle Fragen beantwortet.

Wie sieht Borussia 2017/18 im Moment aus?
 
Tor: Yann Sommer, Tobias Sippel, Moritz Nicolas, Christofer Heimeroth.

Die Rangfolge bei den vier Goalies ist klar. Heimis Karriere klingt aus, er wird den jungen Nicolas noch anleiten können. Sommer ist klare Nummer 1, Sippel überzeugte stets bei seinen (wenigen) Einsätzen. Hier ist der VfL zukunftssicher und gut aufgestellt. 




Abwehr: Mamadou Doucouré, Nico Elvedi, Tony Jantschke, Nico Schulz, Jannik Vestergaard, Oscar Wendt, Thimothee Kolodziejczak, Reece Oxford und der bundesligaerfahrene "Mister X" (alias Matthias Ginter?).



Hier verliert Borussia die Qualität von Andreas Christensen und auch die von Julian Korb, der sich gleichwohl unter Hecking nie in die Nähe der Stammelf spielen konnte. Ich wünsche ihm, dass er sich in Hannover besser ins Szene setzen kann, ich mochte ihn als kombinationsstarken Verteidiger. Kolo war schon im Winter als positionsgetreuer Ersatz von Alvaro Dominguez geholt worden, er muss nun zeigen, dass er in Gladbach eine Rolle spielen kann. Vestergaard ist gesetzt, und wenn die Spekulationen um Ginter stimmen, wäre das eine solide Basis, zumal auch Strobl für die Innenverteidigerposition in Frage kommt. Für die Linksverteidigerposition gibt es drei Alternativen (Wendt, Nico Schulz, Kolo), genauso für rechts (Elvedi, Jantschke, Fabian Johnson), um die beiden Plätze innen konkurrieren (links) Vestergaard, Kolo, und Doucouré und (rechts) Jantschke, Strobl, Oxford sowie gegebenenfalls Elvedi, Strobl und im Fall des Falles Ginter, der auch als (Ersatz-)Rechtsverteidiger in Frage käme.
 





Mittelfeld: Lazlo Benes, Patrick Herrmann, Jonas Hofmann, Fabian Johnson, Christoph Kramer, Tobias Strobl, Ibrahima Traore, Denis Zakaria, Vincenzo Grifo.





Tsiy-William Ndenge und Marvin Schulz sollen noch verliehen werden, den Verkauf von Djibril Sow bedauere ich schon etwas, aber auch er hatte wenig Chancen, sich beweisen zu können. Ob das in dieser Saison besser geworden wäre, ist schwer zu sagen, aber vielleicht gibt es ja eine Rückkaufoption für den Fall der Fälle. 
Der Abgang von Mo Dahoud ist am Ende vielleicht sogar leichter zu verkraften als zunächst gedacht. Er hat keine überragende Saison gespielt und braucht wohl noch etwas, um den nächsten Schritt zu machen, denn auch bei der U21-EM hat mich Mo nicht vollends überzeugt. Er hat nicht ohne Grund am Ende nicht mehr gespielt. Also haken wir das schnell ab und schauen, wer ihn ersetzen kann. 
Für die Sechserposition neben Chris Kramer stehen in Denis Zakaria und Laszlo Benes zwei sehr talentierte Spieler bereit, die in ihrer Spielweise aber unterschiedlich sind. Benes ist eher der feine Fußballer, Zakaria der Balleroberer und -schlepper, der Dynamik ins Mittelfeld bringt. Dazu kommt der solide Tobias Strobl und eine Handvoll anderer, die wohl aber nur im (Verletzungs-)Notfall auf die Position des defensiven Mittelfeldspielers rücken werden: Jantschke, Elvedi, Oxford, Jonas Hofmann. Auch ein Ginter könnte dort eine Alternative sein. 



Auf den Flügelpositionen gibt es trotz des Abgangs von André Hahn weiterhin große Auswahl: Fast alle können beidseitig eingesetzt werden, doch können Herrmann, Traoré und Hazard ihre Stärken deutlich besser auf rechts einsetzen. In der vergangenen Saison wurde das ein wenig zum Problem, als der linke Flügelmann Johnson ausfiel und dieser Flügel mitunter etwas lahmte. In Neuzugang Grifo steht nun wieder ein zweiter Linksaußen zur Verfügung, denkbar wäre auch eine offensivere Rolle für Nico Schulz. Dazu kommen für beide Positionen auch noch Hofmann, der wie Hazard, Benes und Grifo auch zentral auf der Acht oder der Zehn spielen könnte, wenn taktisch so aufgestellt wird.
 

Angriff: Josip Drmic, Thorgan Hazard, Raffael, Ba-Muaka Simakala, Lars Stindl, Julio Villalba.

Auf den Angriffspositionen könnten natürlich nicht nur die hier aufgeführten Spieler um einen Platz konkurrieren, sondern auch zum Beispiel Herrmann oder Grifo. An Raffael und Kapitän Stindl führt da normalerweise noch kein Weg vorbei. Simakala hat im Jahr 2017 erstmal den Kontakt zur ersten Mannschaft verloren, wie es aussah. Die Unbekannten sind Josip Drmic, dessen Einsatzfähigkeit im Moment von außen kaum seriös beurteilt werden kann und Julio Villalba, von dem man sich erst jetzt nach und nach einen Eindruck verschaffen kann. Was man an Videos bislang im Internet sehen kann, zeigt einen wendigen Spieler mit guten Bewegungen und präzisem Abschluss, trotz der geringen Größe auch per Kopf. Die Art, wie er zum Ball geht und den Abschluss sucht, weist auch auf gehörigen Torriecher hin, doch ob das alles auch in der Bundesliga zum Tragen kommt, muss sich erst noch zeigen. Ob er regelmäßig Spielzeit bei den Profis bekommt, ist heute aus meiner Sicht noch nicht abzusehen.

Was zählt noch? Die Mentalitätsfrage: Die neue Borussia ist sehr jung. Sie hat in André Hahn einen Spieler abgegeben, der wie kaum ein anderer für unbändige Kampfkraft und "Mentalität" steht und der einigen Spielen damit fast allein seinen Stempel aufgedrückt hat. Sein Abgang ist verständlich, er wiegt aber umso schwerer, da schon in der vergangenen Saison das Fehlen von "Schweinhund" und "Einpeitscher" auf dem Feld erkannt wurde. 
Wer füllt die Anführer-Rolle aus, die Xhaka oder Stranzl früher innehatten? Das ist eine der interessantesten Fragen. Ich finde, dass Max Eberl auch diesmal hervorragende Neuzugänge an Land gezogen hat. Doch das neue mitreißende "Mentalitätsmonster" muss sich im Kader erst noch herauskristallisieren. 

Borussia 2018 ist im Werden, aber noch schwer einzuordnen, zumal ja auch viele andere Teams im großen Stil einkaufen. 
Offen ist auch, wo Dieter Hecking die Zukunft mancher vielseitigerer Spieler sieht, zum Beispiel Elvedi und Jantschke (rechts oder innen) oder Johnson (links außen oder hinten rechts). 
Welche Systeme werden künftig gespielt: 4-4-2 bzw. 4-3-2-1 oder auch mal ein klassisches 4-3-3 mit Flügelstürmern und zentralem Stoßstürmer? Wie flexibel wird die Mannschaft auf Spielsituationen und Gegner reagieren können?
Da warten noch einige Fragezeichen auf eine gute Auflösung. Ich bin gespannt und werde langsam ungeduldig, wie sich unsere Jungs in der neuen Saison verkaufen. Gut, dass es wieder losgeht.

Montag, 5. Juni 2017

Ein Ü40-Transfer mit Sinn


Sommerzeit ist Spekulationszeit - nicht nur bei Borussia Mönchengladbach. 
Mit dem Abgang von Mo Dahoud und Andreas Christensen und der etwas schwierigeren Ausgangssituation, ohne europäische Spiele in der kommenden Saison, stellt sich natürlich die Frage, wie Borussia den Kader ergänzen wird.
Die ersten Transfers, die abgesehen von Vincenczo Grifo und Mickael Cuisance zum Teil schon eine Weile zurückliegen (Doucouré kann verletzungsbedingt als Neuzugang gesehen werden, ebenso der vor eineinhalb Jahren verpflichtete Julio Villalba, der erst jetzt erst nach Gladbach kommt), geben klare Hinweise, wie der Verein sich künftig aufstellt, ja vermutlich sogar aufstellen muss. 

Dass gerade nach der verpassten Euro-League-Qualifikation jetzt nicht mit Geld geworfen wird, um möglichst namhafte (und teure) Spieler zu verpflichten und sich stattdessen viele U-20-Spieler auf der Fohlenwiese tummeln, ist Teil einer, wie ich finde, folgerichtigen Strategie, die bei Teilen der Anhängerschaft aber schon kritisch gesehen wird - weil sie natürlich wenig spektakulär wirkt. 

Natürlich, in der Transferzeit reifen Fanträume, wen man alles gern im VfL-Dress sehen möchte. In Vincenzo Grifo hat Max Eberl auch schon wieder einen Transfer-Coup gelandet, der der Mannschaft guttun wird, ohne dass das finanzielle Risiko zu hoch wäre. 
Doch vieles andere, was in der Gerüchteküche gehandelt wird, ist aus meiner Sicht nicht realistisch - gerade weil die vergangenen beiden Jahre den Spielermarkt erheblich verändert haben. Deshalb liegt der Schwerpunkt in diesem Text auf etwas anderem.


Warum sehe ich das so? 
Ganz einfach. Die Fußballwelt dreht sich nicht um den VfL Borussia, sie entwickelt sich weiter. Andere Vereine sehen, wie erfolgreich Max Eberl mit seinem Team in den vergangenen Jahren auf dem Spielermarkt war und kopieren die Arbeitsweise, richten das Scouting ähnlich aus und werden zunehmend zu ernstzunehmenden Konkurrenten. 
Andere Traditionsvereine wie Bremen, Frankfurt, Hertha und sogar K*** haben ihr Chaos- oder Missmanagement hinter sich gelassen und werden, auch durch Euro-League-Gelder zu Rivalen um entwicklungsfähige Spieler. Mit Hannover und Stuttgart kommen namhafte Teams zurück in die Liga, mit Wolfsburg und dem HSV bleiben zahlungswillige Clubs drin. 

Die großen Clubs in Europa wiederum saugen massenweise junge Talente an, nicht, um alle in die erste Mannschaft zu integrieren, sondern damit ein paar - die Besten - hängen bleiben und man mit den anderen gewinnbringend handeln kann - siehe Andreas Christensen oder Thorgan Hazard. 
Auch auf dem Leihmarkt ist Gladbach längst nicht alleine unterwegs. Es wird also zunehmend schwieriger (und teurer), hochkarätige Talente zu bekommen, die kurz vor dem Durchbruch stehen. Für Denis Zakaria (20) wird zum Beispiel schon ein zweistelliger Millionenbetrag aufgerufen, dabei war Nico Elvedi vor zwei Jahren mit vier Millionen Euro schon ein teurer 18-Jähriger. Zum Vergleich: 2009 hat mancher Max Eberl schon für verrückt erklären wollen, als er für einen jungen Zweitligaspieler namens Marco Reus eine Million Euro locker gemacht hat. Der war damals immerhin schon Stammspieler bei Ahlen.

Was also macht Borussia nun, notgedrungen, aber auch einer klaren Logik folgend? Der Verein verpflichtet noch jüngere Spieler, die sehr vielversprechend sind (wie Doucouré, Villalba, Cuisance), aber trotz guten Scoutings auch ein größeres Risiko beinhalten - nämlich, ob sie den Sprung aufs höchste Niveau auch schaffen; und wenn ja, in welchem Tempo. 
Wer sich daran erinnert, wie schlecht Andreas Christensen in seinen ersten Einsätzen unter Favre in der öffentlichen Meinung wegkam (obwohl nicht er schlecht war, sondern die Balance in der Mannschaft), der weiß, was ich meine. In der Bundesliga musst du als junger Spieler schnell funktionieren, sonst bist du wieder weg vom Fenster. 

Diese Entwicklung, immer jüngere Spieler in den Fokus zu nehmen, ist keine gute, weil sie kleinere Vereine kaputtmacht, die früher ganz gut mit der Ausbildung und dem Weiterverkauf von Talenten über die Runden kommen konnten. Und sie wird wohl auch dazu führen, dass viele Spieler auf der Strecke bleiben werden. Aber im Moment ist es aus Sicht des VfL ein Weg, auf dem Transfermarkt noch einen kleinen Vorsprung vor anderen zu haben.

Und an dieser Stelle kommt die zweite logische Komponente ins Spiel: Dass man die jungen Fohlen besonders fördern muss, damit sie den Sprung mit höherer Wahrscheinlichkeit schaffen. Das minimiert das ökonomische Risiko, wenn der Verein viel Geld in den jungen Spieler von außen investiert (und natürlich in die Ausbildung der anderen, die dem eigenen Talentschuppen entspringen). Der wichtigste Transfer bis jetzt ist aus diesem Grund für mich der des 41-jährigen Otto Addo, der sich speziell um die Entwicklung der "Rohdiamanten" Benes, Doucouré, Cuisance, Villalba, Simakala, Sow, Torwart Nicolas oder Ndenge kümmern soll. Addo hat als Trainer bereits Erfahrung in dieser Art Talentförderung und kann dem Verein auf diese Weise ein unbezahlbarer Helfer werden.

Denn ungeachtet der jüngsten internationalen U20-Verpflichtungen kann dem aufmerksamen Fan nicht entgangen sein, dass der Talentschuppen Borussias zuletzt nicht so effektiv war, wie man es angesichts des Potenzials der Talente erwarten konnte. Natürlich können nicht alle Spieler, die der VfL durch die Jugendabteilung und das Internat bringt, das Zeug dazu haben, in der ersten Liga zu spielen. 
Aber die wirklichen Eigengewächse, die es in den vergangenen zehn Jahren in die erste Mannschaft und dort zum Stammspieler geschafft haben, sind an einer Hand abzuzählen: es sind Jantschke, Herrmann, Korb, ter Stegen gewesen und seitdem nur noch Dahoud. Marvin Schulz konnte sich auch wegen Verletzungen noch nicht durchsetzen, ebensowenig wie Tsy William Ndenge, Nils Rütten oder Ba Muaka Simakala, die ebenfalls dem aktuellen Profikader angehören. 
Aus dem Ausland geholte Talente wie Mandela Egbo, Kwame Yeboah oder Joel Mero haben es ebensowenig nach oben geschafft wie die Eigengewächse Marlon Ritter, Kevin Holzweiler, Steffen Nkansah, Jannis Blaswich oder Nico Brandenburger. 
Dazu kommen Sonderfälle wie Sinan Kurt, der Gladbach verließ, weil er sich schon für zu gut hielt. Oder Amin Younes, der es zwar zwischen Jantschke und Dahoud in die Galerie "Aus der Jugend in die Bundesliga" geschafft hat, der aber seinen Durchbruch erst in Amsterdam erlebte, weil es bei Borussia für ihn zur fraglichen Zeit keine Einsatzgarantien geben konnte. Und vielleicht ja auch, weil in der entscheidenden Phase kein Coach an seiner Seite stand, der ihm dabei helfen konnte, die nötige Geduld und vielleicht das fehlende Quäntchen Einsatz und Können aufzubringen, was ihn in die erste Mannschaft spült. Diese zusätzliche Betreuung könnte sich nicht zuletzt auch deshalb auszahlen, weil die Konkurrenz natürlich auch bei Gladbacher Talenten vorstellig werden könnte, um sie frühzeitig abzuwerben (siehe Kurt). Wenn das in einer Phase geschieht, wo der Spieler seine Chancen bei Borussia für nicht so hoch hält, kann sich jeder ausrechnen, dass der ausbildende Verein schnell mal in die Röhre schaut. Was im übrigen auch nicht heißt, dass Borussia im Kampf um gute Talente nicht ganz genauso vorgeht.

So, das war viel Text - viele Namen, viele Spielerschicksale - und dass alles nur, um zu erklären, warum für mich der Ü40-Transfer Otto Addo bisher der wichtigste in dieser Sommerpause war. Ihr seht, es ist mir sehr wichtig, dies deutlich zu machen ;-)
Wie sich Borussia ansonsten kadertechnisch aufstellt, werde ich natürlich ebenfalls noch aus meiner Sicht bewerten. Auch an dieser Stelle - aber nicht heute.