Samstag, 16. Dezember 2017

Mit starkem Oxford-Akzent

Geschafft! Die Hinrunden-Achterbahn ist überstanden - und das mit einem sehr anständigen Ergebnis. 28 Punkte, in Reichweite der Champions-League-Plätze und das mit einer Gegentorquote, die eher der eines Abstiegskandidaten entspricht. 
Aber es war ja fast klar, dass auch das letzte Spiel der Hinrunde das Auf und Ab des Saisonverlaufs nachspielen würde. Unter dem Strich stand dementsprechend ein verdienter Sieg, der die durchaus vorhandenen Schwächen ganz gut übertünchte -und der leicht auch zur Niederlage hätte werden können.

Zuerst das, was mich gestört hat:

Dass nach der frühen Führung trotz bester Torchancen wieder nicht nachgelegt wurde.
Das ist mittlerweile nur noch schwer zu ertragen.

Dass die passive Phase nach der Pause den absehbaren Ausgleich mit sich brachte (natürlich durch Ex-Gladbacher André Hahn) und damit das Spiel zu kippen drohte.

Dass es im Stadion zeitweise so unruhig wurde.
Ich kann die Verzweiflung verstehen, die man auf den Rängen und vor dem Fernseher spürt, wenn man genau sieht, wo ein vielversprechender schneller Ball in die Offensive gespielt werden könnte, stattdessen aber die sichere Variante nach hinten gewählt wird. Und das über mehrere Minuen immer wieder. Aber ehrlich: Die Mannschaft, die heute auf dem Platz stand, hatte keine Kritik verdient. Sie hat aus der Gesamtsituation (Verletzungen, Verunsicherung über die eigenen wechselhaften Auftritte, das erste Mal in dieser Formation auf dem Platz) das Beste gemacht.
Dass der VfL uns verzaubern kann, hat man auch heute wieder in vielen Szenen gesehen. Aber man darf sich davon nicht blenden lassen. Die Mannschaft, und vor allem die Spieler, die durch die Verletzungsmisere in die erste Elf gerutscht sind, ist noch auf der Suche nach der Balance und der Konstanz in ihren Leistungen. 
Manchmal sollte man da auch als Fan einen Schritt zurücktreten und mit etwas Abstand und einer Prise Großzügigkeit betrachten, was die Jungs unter diesen Voraussetzungen leisten. Das soll nicht heißen, dass ich es nicht kritisch sehe, wie schlecht manche Situationen gelöst werden oder wie schwach viele lange Bälle von Yann Sommer im Moment sind. Denn wenn ich viel hintenrum spiele und dann öfter einen langen Ball einstreue, dann sollte auch ab und zu mal einer beim Mitspieler ankommen.

Dass sich die Mannschaft immer wieder ohne Not in die Enge treiben lässt. Das hängt sicher mit dem vorherigen Punkt zusammen, aber es ist hochgefährlich. Wenn vorne die Tore nicht fallen und hinten leichtfertig zugelassen wird, dass sich ein Gegner an den tiefstehenden Borussen langsam aufbaut und dann - viel zu einfach - zu Toren kommt. Das muss abgestellt werden, will der VfL auch am Ende der Saison noch in diesen Tabellenregionen stehen, wo er jetzt ist. 

Dass sich drei Tage nach Freiburg offensichtlich die Video-Schirivorgaben schon wieder verändert haben. 
Denn sonst hätte es noch vor dem 1:0 einen verspäteten Elfmeterpfiff geben müssen. Nach Oxfords Lattentreffer war Vestergaard klar am Ball, bevor er von drei Hamburgern regelwidrig abgeräumt wurde. Die fällige Intervention aus Köln blieb allerdings aus.

Dass einseitige Schiedsrichterleistungen zur Serie werden. Schiedsrichter Markus Schmidt veränderte zum Glück nicht den Spielausgang mit seinen mitunter nicht mehr nachvollziehbaren Foulpfiffen gegen Borussia. Zweifel an der Wahrnehmung eines Schiris kann man schon bekommen, wenn dieser ein völlig reguläres Tackling wie das von Cuisance in der ersten Halbzeit als Foul bewertet, wo der junge Franzose den Ball doch - ohne Körperkontakt - einen halben Meter vor dem Gegner wegspitzelt. Auffälliger aber war sein Umgehen mit verwarnungswürdigen Fouls beim Gegner. Viermal hätte er gegen Hamburger deswegen Gelb ziehen müssen. Er tat es nicht. Die drei Verwarnungen, die er stattdessen gab, waren dafür umso kurioser: Für das Spielen des Balles mit einer Trinkflasche in der Hand (korrekt), für den Torwart einem kleinen Gerangel nach dem 3:1, bei dem auch Hazard provoziert hatte (übertrieben) und für ein Foulspiel, das er nicht gepfiffen hatte (unverständlich). Es war die Szene, wo Ekdal Oxford wohl unabsichtlich, aber heftig auf das Sprunggelenk trat, Schmidt nicht unterbrach und erst nach der Behandlungspause plötzlich die Karte zog (Hinweis aus Köln? Wäre auch wieder nicht angemessen). Das Spiel aber ging mit einem Einwurf für den HSV weiter, Schmidt hatte also das Foul auch nicht nachträglich mit einem Freistoß für Gladbach geahndet. Sehr seltsam. 

Doch kommen wir zum Positiven.

Ich bin sehr stolz darauf, wie sich die Mannschaft nur drei Tage nach der Pleite in Freiburg heute präsentiert und wie sie sich auch aus der schwierigen Wackelphase nach der Halbzeit wieder befreit hat. Wie einfach sie es den nachrückenden jungen Spielern macht, sich nahtlos in das Team einzufügen. Das galt am Anfang der Saison für Zakaria und Cuisance, heute genauso für Reece Oxford, der auf einer überraschenden Position als Sechser neben dem kaum erfahreneren Mickael Cuisance ein ganz hervorragendes Spiel ablieferte - auch weil ihm die anderen mit viel Einsatz super halfen. Oxford eroberte Bälle, spielte kraftvolle, sichere und intelligente Pässe, stand stabil in Kopfballduellen und hätte um ein Haar sogar sein erstes Bundesligator erzielt. Er fühlte sich in der zentralen Rolle sichtlich wohler als auf der rechten Seite, die er in Freiburg übernehmen musste. Doch auch da machte er es schon sehr passabel. Was für gute Anlagen der Junge hat, war aber erst gegen den HSV richtig zu sehen. Und so spielte Gladbach heute - das Wortspiel können wir uns ruhig mal erlauben - nicht perfekt, aber mit starkem Oxford-Akzent.

Mich freut, dass sich Raffael und Thorgan Hazard von den zuletzt bescheideneren Auftritten gut erholt zeigten, auch wenn man konstatieren muss, dass sie die einfachen Gelegenheiten viel zu oft verschenken und wie heute die komplizierten Bälle reinschießen - das aber dann mit Klasse. Längst nicht so auffällig, aber mindestens genauso wichtig, war daneben heute wieder einmal Lars Stindl, der als giftiger Forechecker, Balleroberer, Verbindungsspieler und Passgeber das Gladbacher Spiel zwischen den Strafräumen prägt.
Auch Patrick Herrmanns Rückkehr brachte Belebung, ebenso wie Elvedi über rechts, der hoffentlich (nach seinem Pferdekuss heute) bis zum Leverkusenspiel wieder fit wird. Cuisance gefiel mit seinem frechen Spiel, das mitunter noch einige Spuren zu risikofreudig ist. Und er hat einfach eine fantastische Ballbehandlung, wie man nicht nur bei seinem Pfostenschuss sah. Die Abwehr stand bis auf wenige Minuten deutlich sicherer als gegen Freiburg, Wendt steigert sich von Spiel zu Spiel und auch Ginter und Vestergaard gewinnen zunehmend an Profil und räumen konsequent hinten auf.

Es sind also alle Voraussetzungen da, um die Saison erfolgreich zu gestalten: Ein ausgewogener Kader, der selbst diese unglaubliche Verletzungsseuche anständig auffängt und der Ergebnisse abliefert. Klar, mit mehr Cleverness wäre auch noch mehr drin gewesen in dieser Halbserie. Aber das wäre dann in der Tat auch etwas vermessen, denn viele Spiele, die Borussia siegreich gestalten konnte, waren eben auch nur phasenweise gut. Dieter Hecking hat sicher recht damit, dass er vor überzogenen Erwartungen warnt. Der Zeitpunkt nach der Freiburg-Enttäuschung war allerdings wohl nicht der richtige, um dies anzusprechen. Doch davon sollten wir uns nicht auseinanderdividieren lassen.

Es gilt jetzt noch einmal für alle auf die Zähne zu beißen und sich trotz der angespannten personellen Lage den Weg ins Viertelfinale des DFB-Pokals freizuschießen. Dazu braucht es wieder einmal die unbeugsame positive Energie von allen im Stadion. Ich kann leider nicht da sein, aber ich wünsche mir, dass der Borussia Park von der ersten bis zur letzten Minute ohne Murren und Zweifeln hinter der Fohlenelf steht, vor allem hinter solch feinen Jungs wie Oxford, Cuisance oder Zakaria. Also, Borussen: Noch einmal alles geben bis zum Schlusspfiff! Erst danach dürfen wir uns ein paar Tage erholen, von einer grandios stressigen ersten Saisonhälfte. Nur der VfL!   

Bundesliga, Saison 2017/18, 17. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - Hamburger SV 3:1 (Tore für Borussia: 1:0 Hazard, 2:1 Raffael, 3:1 Raffael)

Dienstag, 12. Dezember 2017

Schwarzwälder Fohlenlähmung

Wer mich und mein Blog etwas kennt, weiß, dass ich nicht vorschnell auf die Mannschaft einschlage. Aber das, was ich mir heute Abend anschauen musste, war sicherlich die schlechteste Leistung einer Borussen-Elf seit der letzten Abstiegssaison. Das war vor mehr als 10 Jahren. 
Von Position eins bis elf gab es heute nur Totalausfälle. Von einem Yann Sommer, der zwar einige Male noch Schlimmeres verhinderte, aber gefühlt keinen langen Ball zum eigenen Mann brachte bis zu einem Thorgan Hazard, der uninspiriert und arrogant über den Platz stolzierte, wie ich es von ihm noch nie gesehen habe. Es schien so, als ob die Mannschaft vor dem Anpfiff noch gemeinsam einen Eimer Baldrian geschlürft hatte. Fünf bissige Minuten mit gutem Forechecking zu Beginn, danach nichts mehr, was in irgendeiner Weise an eine Bundesligamannschaft erinnerte, die zu diesem Zeitpunkt auf einem Champions-League-Qualiplatz stand. Drei offensive Einwechslungen, die verpufften. Eine Halbzeitpause, die keine erfrischende Wirkung zeigte - im Gegenteil. Direkt nach Wiederanpfiff hätten die Breisgauer unser Team richtig abschießen können. Das ist schlicht unbegreiflich.

Natürlich, es war wieder Freiburg mit dieser traditionell fohlenlähmenden Schwarzwaldluft, die seit inzwischen fast 30 Jahren für fortlaufend unerfreuliche Ausflüge unseres treuen Anhangs sorgt. Aber das heute war noch mehr (oder weniger) als die Fortsetzung einer holprigen Vorstellung bei einem Angstgegner. Das heute war ein Offenbarungseid. 
Es hatte auch nichts damit zu tun, dass die Mannschaft sich verletzungsbedingt von selbst aufstellte oder dass der sichtlich noch nicht für die Startelf bereite Josip Drmic für Raffael begann. Es war eine kollektive Auszeit, ein Lehrbuch-Beispiel für Zweikampfschwäche und dem Gegner hilflos hinterherlaufen.

Nicht mal über das Tor des Tages lohnt es sich groß zu reden. Es ist zwar nach wie vor albern, dass es für so einen zufälligen Kontakt die gleiche Strafe gibt wie für eine Blutgrätsche im Strafraum, aber die Regel ist eben so. Dass es mehr als eine Minute braucht, bis der Elfmeterpfiff nachgeholt wird, gehört zu dem Irrsinn, der sich mittlerweile rund um den Videobeweis entwickelt hat. Zum Drehbuch hätte heute aber eher gepasst, dass Gladbach ein Tor schießt, das nicht zählt, weil es auf der anderen Seite Elfmeter geben muss. Den Shitstorm hätte ich dem DFB mal gegönnt. Aber nicht einmal diese Gefahr bestand heute.

Der VfL ließ heute nicht einmal in der Schlussphase erkennen, dass ihm bewusst war, dass man Tore schießen muss, um ein Spiel zu gewinnen. Wie anders ist es zu erklären, dass man sich trotz des frühen Rückstands bis zur 85. Minute stoisch die Bälle in der eigenen Hälfte hin und herschob und jeglichen Esprit nach vorne hin vermissen ließ? Leute - der Gegner hieß nicht Dortmund, Bayern oder Barcelona - das war der SC Freiburg, der auch heute defensiv keineswegs sattelfest war. Dem es aber ausreichte, die Gladbacher Defensive halbwegs clever anzulaufen, damit diese jeglichen Spielfluss nach vorne verstolperte und den Ball lieber zum Torwart zurückpasste, der ihn dann mit Vorliebe ins Seitenaus prügelte. Ok, ich übertreibe. Aber ich bin auch wirklich sauer über das, was sich die Hecking-Truppe da heute geleistet hat.

Zum Gesamteindruck passt, dass sich Denis Zakaria nun auch noch die 5. Gelbe Karte abholte, die natürlich nicht zwingend verhänt werden musste - was sich aber dadurch ausglich, dass Schiri Aytekin sowohl ein übles Frustfoul von Chris Kramer (der vor der Auswechslung erneut angeknockt wirkte) ungeahndet ließ wie Zakarias Rempler in der Schlussphase, der genausogut Gelb-Rot hätte bedeuten können.

In drei Tagen steht voraussichtlich eine noch gerupftere Borussen-Elf schon wieder gegen den HSV auf dem Platz und in der Pflicht, sich zu rehabilitieren. Da kann es einem schon ein bisschen mulmig werden. Denn aus der prima Ausgangslage nach dem Bayern-Sieg kann innerhalb von zwei Wochen auch leicht ordentlich Zunder unterm Weihnachtsbaum werden, wenn Stindl und Co. den Hamburgern nicht viel entschlossener die Stirn bieten und sich am Ende vielleicht auch noch im Pokal verabschieden müssen. Ich hoffe, ich sehe das zu schwarz. Aber sicher bin ich nicht. Dafür war die Leistung heute zu erschreckend.



Bundesliga, Saison 2017/18, 16. Spieltag: SC Freiburg - Borussia Mönchengladbach 1:0

Sonntag, 10. Dezember 2017

Video killed the Borussia star

Das Wichtigste zuerst: Ein Punkt gegen Schalke ist grundsätzlich nichts Schlechtes. Natürlich war mehr drin, Borussia hatte es über die gesamte Spielzeit in der eigenen Hand, die Gäste mit einer Niederlage, oder sogar mit einer Packung nach Hause zu schicken. Dass es nicht dazu kam, lag in allererster Linie an dem aus dieser Saison schon gut bekannten zu schlampigen Umgehen mit guten Torchancen - und an der Unfähigkeit, aus hervorragend bis zum gegnerischen Strafraum kombinierten Angriffen in der Box etwas Zählbares zu machen. Selbstverständlich hätte auch die Tedesco-Truppe ihre Chancen besser nutzen können, dann stünden Stindl und Co. heute genauso bedröppelt da wie vor einer Woche bei der VW-Betriebssportmannschaft. Aber das Gladbach dieses Spiel gewinnt, wäre nach dem Spielverlauf die deutlich wahrscheinlichere Variante gewesen. Wenn, ja wenn...

Denn leider kann ich mich heute nicht angemessen über eine über weite Strecken wirklich sehenswerte Leistung des VfL freuen, der Schalke eigentlich über 75 Minuten sicher im Griff hatte und schon zur Halbzeit eine Vorentscheidung geschafft haben musste (bei allen Comeback-Qualitäten des Gegners). 
Doch das Spiel nahm heute vor der Pause eine Wendung, nach der ich nicht einfach zur Tagesordnung übergehen kann. Ich beobachte den Videobeweis seit seiner Einführung sehr genau. Es ha mich schon oft gejuckt, dazu etwas Grundsätzliches zu schreiben. Ich habe es mir bis jetzt verkniffen. Und obwohl ich ein Gegner der Einführung dieses Hilfsmittels war - weil er absehbar nicht für eine Gleichbehandlung sorgen kann, egal, wie man ihn auslegt -, sehe ich, dass er bereits geholfen hat, viele Fehlentscheidungen zu revidieren. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille.

Wir alle haben in dieser Bundesliga-Hinrunde auch schon zur Genüge vorgeführt bekommen, wie selbst professionell ausgebildete Schiedsrichter durch strittige Entscheidungen oder Nichtentscheidungen für Chaos und noch mehr Ärger bei Fans und Akteuren gesorgt haben als ohne das Videoauge aus Köln. 
Heute hat die Einflussnahme aus der verbotenen Stadt definitiv dem Spiel eine grundlegend andere Wendung gegeben. Mit einer wieder neuen Definition seiner Kompetenzen und seines Aufgabenbereichs. Und das führt das Videoassistenten-System letztlich völlig ad absurdum.

Zur Erklärung: Gladbach bekommt beim Stand von 1:0 ein Tor wegen Abseits weggepfiffen. Die Abseitsstellung des Torschützen Stindl ist (wie schon vor einer Woche bei Hazard in Wolfsburg) eine Millimeterentscheidung, die der Assistent an der Seite gleichwohl anzeigt. Darüber kann man sich ärgern. Doch absurd wird es, wenn während des weiteren Spielverlaufs bekannt wird, dass das Tor wegen einer anderen, früheren Abseitsstellung nicht anerkannt worden sein soll. Lars Stindl hat schon früher im Abseits gestanden - was dem Mann an der Seite verborgen geblieben ist. Danach ging der Gladbacher Spielzug aber weiter, mit drei Ballkontakten von anderen Gladbacher Spielern inklusive Lattenschuss von Grifo, bevor Stindl zum vermeintlichen 2:0 abschloss. 
Wie absurd diese nachträgliche Auslegung ist, zeigt ein fiktives Beispiel, bei dem eine vorherige Abseitsstellung keine Rolle spielen würde: Ein Stürmer steht bei einem langen Konterball im strafbaren Abseits. Er nimmt den Ball, den er selbst erreichen könnte, aber nicht an, sondern überlässt ihn einem Mitspieler, der bei Ballabgabe nicht im Abseits stand. Dieser bedient den ersten Stürmer dann wiederum mit einem Pass und der Stürmer schießt das Tor. In diesem Fall wäre es ein korrekt erzieltes Tor, weil laut Schiridefinition durch den Ballkontakt des Mitspielers eine neue Spielsituation entstanden ist. 
Bei Stindl aber wird abgepfiffen, weil es angeblich die gleiche Angriffsaktion sei, obwohl mehrere eigene Mitspieler dazwischen den Ball bekommen haben. Oder setzen wir noch einen drauf: Was wäre gewesen, wenn Grifos Schuss nicht an die Latte, sondern ins Tor gegangen wäre? Ich glaube kaum, dass dann jemand die Notwendigkeit gesehen hätte, nach einer möglichen früheren Abseitsstellung zu suchen. 
Der Freistoß für Schalke wurde nach meiner Erinnerung dann übrigens auf der Höhe ausgeführt, wo Stindl das zweite Mal abseits gestanden haben soll - kurz vor dem Tor. Mag sich jeder seinen Teil denken.

Noch absurder wird es aber beim zweiten Videobeweis: Oscar Wendt geht gegen Caligiuri an der Schalker Auslinie in den Zweikampf, er gewinnt den Ball gegen den fallenden und auf Freistoß hoffenden Gegner. Auch hier ist anschließend mindestens noch ein weiterer Gladbacher am Ball, bis dieser im Strafraum zu Stindl kommt und der von Naldo elfmeterreif gefoult wird. Schiedsrichter Stegemann gibt Elfmeter und wird aus Köln auf die Szene mit Wendt angesetzt, die er zuvor aktiv und völlig korrekt mit einer Geste "weiterspielen" bewertet hat. Das Ende vom Lied: Stegemann schaut sich nochmal die drei Zeitlupen an, gibt Freistoß für Schalke und nimmt den Elfmeter und die gelbe Karte für den foulenden Naldo zurück. 

Das ist zwar nicht die erste unglückliche Aktion im Zusammenspiel des Schiris auf dem Platz und dem Assistenten in Köln. Es ist in seiner (Un-)Logik aber das sichtbare Ende des Schiedsrichters, wie wir ihn seit Jahrzehnten kennen und - je nach Verlauf des Spiels - lieben und hassen.
Denn hier werden Tatsachenentscheidungen in Echtzeit, in deren korrekter Bewertung unsere Schiedsrichter ja, trotz unserer Mäkeleien am Fernseher, zweifellos hervorragend geschult sind, ersetzt durch die Sezierung eines Temposports in Zeitlupe. Das wäre auch in Ordnung, wenn dieses Kriterium nicht nur in ausgewählten Einzelfällen, sondern durchgängig zur Bewertung herangezogen würde - und auch könnte, denn natürlich ist das nicht praktikabel. Es ist für mich auch akzeptabel, wenn man damit Szenen bewertet, die unmittelbar mit der Erzielung eines Tores in Zusammenhang stehen - oder Tätlichkeiten, Handspiel im Strafraum oder Abseits betreffen.

Wenn wir aber anfangen, in der Entstehung eines Tores alle Szenen in Einzelbilder zu zerlegen, dann öffnet das Manipulationen Tür und Tor. Denn wie weit will ich und darf ich im Spielverlauf zurückgehen? Einmal hatten wir es in dieser Saison bereits (ich meine, Dortmund wäre betroffen gewesen), dass ein Eckball der einen Mannschaft nach einem Konter zurückgenommen wurde und auf der anderen Seite Elfmeter gegeben wurde, weil bei der vorhergehenden Standardsituation, die zum Ballverlust geführt hatte, jemand gefoult worden war. Das war sicher in diesem Fall gerechtfertigt, aber in wie vielen Zweifelsfällen wird das gar nicht geprüft? Weil das Spiel vielleicht, anders als in dem Beispiel, noch minutenlang ohne Unterbrechung weiterläuft. Oder der Videomann im Studio gerade keine Veranlassung sieht, nochmal draufzuschauen. 
Es gibt über das genaue Maß, wie und wann Videoassistenten eingreifen, keine Transparenz für Teams und für Fans. Es gibt auch keine Klarheit, welche Kriterien dafür existieren, es ändern sich die Vorgaben scheinbar wöchentlich. Und es bleiben so viele Ungerechtigkeiten bestehen, obwohl sie den Kölnern im Bild vorliegen oder dem Schiedsrichter im Stadion, um sie zu überprüfen - siehe der Kopfstoß von Goretzka letzte Woche und krachende Fehlentscheidungen nach Videobeweis, etwa gegen die uns so wohlbekannten Schlusslichter der Liga.

Von der Problematik der verschiedenen Maßstäbe abgesehen, war diese nachträgliche Eigenkorrektur von Stegemann bei der Elfmeterentscheidung einfach himmelschreiend falsch. Natürlich werden viele dieser Szenen ständig abgepfiffen -aus meiner Sicht oft zu Unrecht. Wenn ein Abwehrspieler den Ball abschirmt und er den Atem des Gegenspielers im Nacken spürt, dann schmeißt er sich oft bei der leichtesten Berührung hin und greift sicherheitshalber auch noch nach dem Ball, damit das Spiel auf jeden Fall unterbrochen wird. Es ist übliche Praxis, dass der Schiri dem auch nachkommt.
Hier aber war es ein ganz normaler Zweikampf. Caligiuri stellt als erstes den Körper aktiv - "mit Schmackes" - nach rechts in Wendts Laufweg, der hält mit Schulter und angelegtem Arm dagegen, sodass der Schalker an Wendt abperlt. Es gibt im Männerfußball keinen Grund, diese Szene abzupfeifen, was Stegemann ja zunächst auch genauso gesehen hat. 
In der Zeitlupe aus drei Perspektiven wird dieses Bild möglicherweise etwas diffuser. Aber es darf nicht dazu führen, dass der Unparteiische auf dem Platz sich davon so beeindrucken lässt, dass er sich auf den Holzweg begibt. Sascha Stegemanns Leistung haben diese denkwürdigen Minuten vor der Pause jedenfalls nicht gutgetan. Er war vorher schon nicht besonders konsequent gewesen. Doch mit den strittigen Entscheidungen verlor er den Faden völlig. Zum Glück war es ein diszipliniert geführtes Spiel ohne grobe Fouls, sonst wäre er der Partie wahrscheinlich nicht mehr Herr geworden.

Es ist mir zum Beispiel schleierhaft, wieso sich ein Schiri permanent von mehreren Schalkern belabern lässt, wenn er eine Entscheidung getroffen hat. Warum er sich keinen Respekt verschafft und sich diese ständige, meist auch noch unberechtigte Lamentiererei gefallen lässt, ohne Verwarnungen zu verteilen. Dieser Auftritt der Schalker bestätigte einmal mehr, warum mir dieser Klub so unsympathisch ist. Spieler wie Harit und Caligiuri, die sich gefühlt nach jedem Laufduell auf der Erde wälzen und sich im Fallen auffallend oft theatralisch ins Gesicht fassen, um Verwarnungen für den Gegner zu provozieren. Die wie di Santo mehrfach (straflos) den Ball wegspitzeln, um eine schnelle Freistoßausführung zu verhindern und auf der anderen Seite eine Karte für Stindl fordern, als der aus Wut über einen der falschen Pfiffe von Stegemann den Ball wegdrosch - wofür er selbstverständlich auch Gelb verdient gehabt hätte. Schalker Spieler, die nach dem Spiel schon ungewollt komische Geschichten erzählen, um sich zu rechtfertigen. Wie Goretzka letzte Woche, der seinen Kopfstoß versuchte wegzureden. Oder heute Caligiuri, der ernsthaft behauptet, er sei mit Wendt im Vollsprint gewesen, und da reiche ja schon ein kleiner Schubs, um aus dem Gleichgewicht zu kommen. Das stimmt zwar, und gerade Caligiuri sinkt in der gegnerischen Hälfte ja bekanntermaßen gerne schon bei einem leichten Windhauch zu Boden, noch schneller als der Abwehrspieler "Buh" sagen kann. Aber ganz sicher gilt das nicht für die besagte Szene. Denn beide Spieler hatten schon deutlich "gebremst", und der Körpereinatz beider Spieler war ganz sicher kein sanfter, sondern ein kerniger, aber regelgerechter. 

Aber was soll's, auch hier ändert sich nachträglich nichts mehr an der Spielwertung, egal , was ich schreibe. Borussia hat mit der Punkteteilung erneut einen wichtigen Schritt nach vorn verpasst, ohne aber an Boden zur Konkurrenz zu verlieren. Das Problem für Dieter Hecking liegt weniger in diesem Punktverlust, sondern in der personellen Situation. Die Mannschaft, die heute gespielt hat, ist das letzte Aufgebot des ersten Anzugs, und es sind noch drei Spiele innerhalb einer Woche zu absolvieren. Mit Ausnahme von Nico Elvedi sind Rechtsverteidiger derzeit "aus" im Gladbacher Kader. Und Elvedi ist im nächsten Spiel passenderweise gelbgesperrt. Fast überflüssig zu erwähnen, dass der Schweizer die dazu noch fehlenden Verwarnungen in den vergangenen beiden Spielen jeweils für Zweikämpfe erhalten hat, bei denen er sehr deutlich den Ball gespielt hatte. Das heute war erste Szene, in der ich an der Neutralität des Schiedsrichters hätte zweifeln können. Eine glatte Fehlentscheidung mit potenziell spielbeeinflussender Wirkung. Und das nach gerade einmal 15 gespielten Minuten.  
Verletzen darf sich also besser keiner mehr, denn auch auf der Sechserposition und den Flügeln herrscht zurzeit wenig Gedränge. Nur die Mittelstürmer stapeln sich, da ist der Bedarf aber am geringsten, auch wenn Raffael heute wieder einen seiner unauffälligen Tage hatte und Thorgan Hazard sich, voll des Selbstvertrauens, zu viel auflädt und dabei zu oft mit dem Kopf durch die Wand will. Vincenzo Grifo steigert sich zwar in der Offensive, auch durch die zunehmende Spielpraxis. In der Defensive gibt es aber noch viel Steigerungsbedarf, wie man beim Tor zum 1:1 sehen konnte, wo er zu optimistisch rausrückte, den Zweikampf verlor und anschließend in der Rückwärtsbewegung fehlte.

Insgesamt aber war das eine geschlossene Mannschaftsleistung, die deutlich besser war, als es das Ergebnis ausdrückt. Es wäre schade, wenn man das nicht nochmal betonte. Trotz des ganzen Ärgers um den Videobeweis soll mein Text schließlich, angesichts des aktuellen Tabellenstandes und des ersten Tores von Arbeitsbiene Chris Kramer seit drei Jahren, versöhnlich enden.
 

Bundesliga, Saison 2017/18, 15. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - FC Schalke 04 1:1 (Tor für Borussia: 1:0 Kramer)

Montag, 4. Dezember 2017

Same procedure...

Same procedure as every year.... Da saß ich nun vor dem Fernseher, um mir die jährliche Pleite meiner Borussia in dieser seltsamen Stadt bei dem noch seltsameren Verein abzuholen. Ich wurde nicht enttäuscht. Was natürlich sarkastisch gemeint ist.

Tja, so schnell wirft man die vor Wochenfrist noch unverhofft gegen die Bayern erworbenen drei Extraperlen wieder vor die nächsten Säue.
Denn es war wie immer in VW-Burg. Und: Es war wie zu befürchten, nach einer Woche voller Lobes über die Bayern-Besieger. Das bekommt der Mannschaft offensichtlich nicht. 
Klar ist: Gegen diese Wolfsburger Mannschaft musste man nun wirklich nicht verlieren. Aber wieder einmal stimmte zu Beginn des Spiels "die Körperspannung" nicht, die Zweikämpfe wurden zu sorglos geführt und ratzfatz lief unser VfL einem Zwei-Tore-Rückstand hinterher. Der war zu diesem Zeitpunkt, nach knapp 30 Minuten, auch nicht mal unverdient.

Doch dann ging ein Ruck durch das Team. Und so leid es mir für den erneut gebeutelten Tony Jantschke tut: Sein verletzungsbedingtes Ausscheiden tat Borussia gut. 
Denn der durchaus risikoreiche Wechsel, statt dem positionsgetreuen Austausch "Johnson für Jantschke" den offensiven Mickael Cuisance so früh neben Zakaria im zentralen Mittelfeld aufzubieten, Ginter von der Sechs in die Innenverteidigung zu ziehen und Elvedi auf rechts wechseln zu lassen, brachte richtig Schwung in Borussias Angriffsbemühungen. Elvedis Präsenz ließ die rechte Angriffseite aufblühen, über die vorher so gut wie nichts gelaufen war. Cuisance nahm das Spiel selbstbewusst in die Hand und glänzte als guter Ballverteiler und ständige Anspielstation, auf die Wolfsburg zunächst keine Antwort hatte. Und ab dem Moment, in dem Borussia die Gastgeber etwas mehr in deren eigener Hälfte forderte und variabler auftrat, zeigten die Wölfe eklatante Schwächen.

Doch anders als die Niedersachsen verplemperten die Gladbacher ihre teils hervorragend herausgespielten Chancen vor der Pause wieder zu leichtfertig. Besonders Thorgan Hazard wollte oft zu viel auf einmal. Deswegen war es bitter und ließ schon Böses erahnen, dass trotz einer richtig guten Viertelstunde Dauerdruck vor der Pause nur zwei Abseitstore heraussprangen, aber nichts Zählbares. Dazu später mehr.

Ganz so zielstrebig wie vor dem Pausenpfiff trat die Hecking-Elf in der zweiten Hälfte zwar nicht mehr auf. Doch sie war auf einem guten Weg. Bis in der 71. Minute das Schicksal mal wieder nach typischer Wolfsburg-Gladbacher Art zuschlug. Dass Zakaria den Glücksschuss von Guilavogui, der ziemlich sicher nicht ins Tor gegangen wäre, unglücklich abfälschte, mag ihn wurmen, doch es war nicht sein Fehler. Erst bekamen die Borussen im Verbund Malli - wie bei den ersten beiden Toren - wieder nicht gestellt, dann klärten Elvedi und Sommer stark gegen Gomez, doch was Ginter vorhatte, als er den Ball aus dem Strafraum dirkt vor die Füße des Wolfsburger schob, wird er jetzt auch nicht mehr wissen. Damit aber war das Spiel entschieden, trotz redlicher Bemühungen bis zur Schlussminute.

Alles wie immer also in der auch heute wieder fanmäßig oberpeinlichen VW-Stadionkiste. Die Gladbach-Fans hatten das Geschehen durchweg im Griff, die Mannschaft über weite Strecken. Dennoch reichte es auch heute wieder nicht zu drei Punkten in der Stadt, an der auch ICEs am liebsten vorbeifahren. 

Es hätte auch anders kommen können. Denn zusätzlich zu den eigenen Fehlern, mit denen Stindl und Co. heute zu kämpfen hatten, hatten sie es auch mit einem äußeren Einfluss zu tun, der sich nicht unwesentlich auf das Spiel auswirkte. Schiedsrichter Benjamin Cortus verdiente sich heute, und das meine ich gar nicht abfällig, das Prädikat Heimschiedsrichter. 
Nicht dass er entscheidende Fehlentscheidungen getroffen hätte. Aber: Es gibt in umkämpften Spielen immer viele 50:50-Situationen, in denen man in die eine oder die andere Richtung pfeifen und dies auch vertreten kann. Von diesen Grauzonen-Entscheidungen gab es heute besonders viele. Wenn aber alle diese engen Entscheidungen zugunsten einer Mannschaft ausgelegt werden, fällt es auf. Und das war für mich heute so. 
Keine der vielen Wolfsburger Rempeleien in den Rücken des Gegners wurde geahndet, auf Gladbacher Seite aber schon. Als Brooks Raffael vor dem Tor mit dem Ellenbogen in den Rücken stieß und so aus dem Gleichgewicht brachte, blieb der mögliche Elfmeterpfiff aus. Aus Köln kam auch kein Hinweis, die Szene nochmal anzusehen.
Ein Elfmeter hätte das Spiel in eine andere Richtung lenken können. Vielleicht hätte es auch schon gereicht, wenn die Nachspielzeit der ersten Hälfte nicht zwei, sondern die (aufgrund der Videopause und zweier Verletzungspausen von Jantschke) eher angemessenen vier Minuten betragen hätte. Kurz vor der Pause war Gladbach sehr nah am Anschlusstor, es lag mehrfach in der Luft. Es sollte aber offensichtlich heute nicht sein.
 
Statt einem guten Punktepolster auf die Plätze fünf bis sieben steht das Team von Dieter Hecking nun im Spitzen-Heimspiel gegen die Schalker Glücksritter am Samstagabend schon wieder unter Druck, will es nicht Richtung Mittelfeld rutschen. 
Gegen Schalke haben wir ja durchaus noch eine Rechnung offen. Und man sollte in dem Spiel übrigens besonders auf die Herren Goretzka und Stambouli achten, die gegen Köln eigentlich zwingend hätten vom Platz fliegen müssen, vom Schiedsrichter aber unverständlicherweise verschont wurden. So können sie gegen Borussia mit dabei sein. Bei uns hingegen sehen Spieler auch immer mal wieder Gelb, wenn sie im robusten Tackling den Ball spielen wie Zakaria heute. Die Schere bei der Bewertung von Spielsituationen geht aus meiner Sicht in der Liga auch hier immer weiter auseinander. Eine schlechte Entwicklung.

Und noch was Grundsätzliches in Sachen Abseits: Natürlich sah es beim vermeintlichen 1:2 zunächst so aus, als ob Hazard klar im Abseits steht. Der Assistent auf der Seite hinter dem Belgier konnte auch nicht sehen, dass ein Abwehrbein noch auf Höhe von Thorgans Fuß war. Laut Regel ist es klar: Hazards Oberkörper kippte ins Abseits und mit dem Rumpf und Kopf können Tore erzielt werden. Doch dieses Tor erzielte er mit dem Fuß, der sichtbar nicht im Abseits stand. Das ist eine der Fragen, die man im Zeitalter des Videoassistenten vielleicht mal neu bewerten könnte. Denn mit der Videotechnik lässt sich sauber klären, ob der Körperteil, mit dem das Tor erzielt wurde, im Abseits war. Man müsste sich nicht mehr mit der unlogischeren, heute geltenden Regel behelfen, die ihre Berechtigung hat, wo der Assistent von außen in Echtzeit bewerten muss, ob Abseits vorliegt oder nicht. Aber natürlich wird sich daran so schnell nichts ändern. Denn wer im Fußball-Verband hat schon ein Interesse an ehrlicheren und logischeren Entscheidungen, wenn man unausgegorene, halbherzige Lösungen haben kann, die aber immerhin Aufregerpotenzial haben?

Bundesliga, Saison 2017/18, 14. Spieltag: VfL Wolfsburg - Borussia Mönchengladbach 3:0

Sonntag, 26. November 2017

Das Glück findet die Tüchtigen

Bravo Jungs! DAS IST BORUSSIA, so wollen wir euch sehen!

Wenn jemand die Bayern schlägt, ist immer Feiertag. Und ja: Der VfL hat dem Dauermeister in den vergangenen sechs Jahren zwar so viele Niederlagen zugefügt wie wohl wenige andere Mannschaften. Aber das heute war eine ganz besondere Erfahrung. Weil es den Aufwärtstrend der Mannschaft dokumentierte und mit drei eher unerwarteten Punkten belohnte. 
Weil es bewies, dass Borussia auch gegen einen spielstarken Gegner, der einen mit seinem dominanten Auftreten einschüchtern und einschnüren kann, zumindest weitgehend die Schotten dicht machen kann und nicht wieder phasenweise völlig den Überblick verliert. Weil leidenschaftliche Abwehrschlachten eben auch manchmal gutgehen. Weil manchmal doch drei Chancen in einem Spiel für zwei Tore reichen können. Und sogar für einen Sieg, obwohl das Heimteam die Spielhälfte des Gegners in Halbzeit zwei so gut wie nicht mehr mit seiner Anwesenheit belästigte. Nein, im Ernst: Das war ein überaus hart erkämpfter und aus diesem Grund auch verdienter Sieg der Hecking-Elf. Glücklich war er natürlich auch.

Meine Meinung ist ja nicht erheblich, aber ich würde heute gleich mehrere Spieler des VfL mit dem Prädikat Weltklasse auszeichnen. Nicht, weil sie so spektakulär gespielt hätten, sondern weil sie ihre Aufgabe so brillant unauffällig erfüllt haben. Es war heute nicht die Zeit für spielerische Feuerwerke und berauschende Pass-Stafetten. Es galt, den Ball zu erobern und zu behaupten, damit man nicht wieder streckenweise hilflos hinter einer spielerisch leistungsfähigeren Mannschaft hinterherhecheln muss und dabei ins Verderben läuft wie in den Partien gegen Leverkusen und Dortmund.
Die zentralen Spieler, damit das heute gelingen konnte, waren trotz der zeitweiligen Dauerbelagerung des Gladbacher Strafraums gar nicht mal die aus dem Abwehrquartett. Es waren die davor, die das Spiel in die richtigen Bahnen lenkten.  Und die sich die Lunge aus dem Leib rannten.
Da war Thorgan Hazard mit einem erneut schier unglaublichen Lauf- und Kampfpensum (laut Kicker 12,87 Kilometer). Er hätte von mir auch ohne den herausgeholten Elfer und den erfolgreichen Abschluss aus elf Metern heute das Siegel Weltklasse bekommen - den Kämpfer-Oscar. 
Das gilt für Lars Stindl ebenso. Der Kapitän, heute Spitzenreiter der Läuferliste mit sagenhaften 13,19 Kilometern) begeisterte mich einmal mehr damit, wie effektiv er Räume zulaufen kann, potenziell gefährliche Situationen blockt und auf dem Weg nach vorne Bälle behauptet und auf engstem Raum zum Mitspieler bekommt. Er ist in Galaform, auch ohne Torerfolg.
Seine herausragenden Qualitäten bekommt auch Nebenmann Raffael immer besser auf den Rasen. Trotz zwei erneut kläglich verissenen Schussversuchen war er heute einer der Schlüsselspieler, weil er sich auch gegen drei Spieler geschmeidig behaupten und so Räume für Mitspieler öffnen konnte. Sensationell seine Ballbehauptung vor dem 2:0 fast an der Eckfahne, noch wichtiger aber die emsige Arbeit nach hinten mit dem Willen, auch in schmerzhafte Zweikämpfe und Grätschen zu gehen, um Bälle zu erobern. Es kommt auch nicht oft vor, dass er in 90 Minuten 11,34 Kilometer abspult.

Und dann waren da die anderen, die alle mindestens eine Qualitätsstufe höher ablieferten als in den bisherigen Spielen der Saison. Yann Sommer als zupackender Rückhalt, der im richtigen Moment die nötige Prise Glück hatte und mit den Torpfosten im Bunde war. Beim Gegentor sah er zwar etwas unglücklich aus. Eine Mitschuld will ich ihm aber nicht geben, denn der Ball war spät zu sehen und Lewandowski irritierte den Schweizer im letzten Moment wohl entscheidend durch seine Bewegung Richtung Ball. 
Jannik Vestergaard glänzte nicht, aber er schuftete schwer, als Turm in der Abwehrschlacht. Genau wie Denis Zakaria, der dem Spiel heute nicht seinen Stempel aufdrücken konnte, zugleich aber sehr effektiv im Austreten der kleinen Feuerchen war, die die Bayern-Offensive in der Gladbacher Hälfte zu entzünden versuchte.
Dann gab es die Lebenszeichen zweier alter Helden, deren Ruhm zuletzt etwas angestaubt war. Patrick Herrmann setzte gute Akzente im Spiel nach vorn, zeigte keine leichten Fehler wie in den Spielen zuvor. Vor allem ackerte er aber auf seiner Seite toll nach hinten mit, wenn es sein musste, auch mit dem einen oder anderen Foul. Da er in seiner Karriere nur selten die volle Spielzeit erhielt, fallen Kilometervergleiche bei ihm etwas schwerer. Heute lag er nur leicht hinter Stindl zurück: 12,95 km.
Und dann stand heute ein Oscar Wendt auf dem Platz, der in keiner Minute an den fahrigen, fehleranfälligen und überforderten Spieler erinnerte, der in seinem Namen die ganzen Wochen zuvor mehr schlecht als recht auf der Linksverteidigerposition vor sich hin gewurschtelt hatte. Der Oscar von heute war insgesamt 90 plus 9 Minuten auf seine Aufgabe fokussiert, nahm mit Hazards Unterstützung und cleverem Zweikampfverhalten dem Münchner Shootingstar Joshua Kimmich viel von seiner Wirkung. Als Gladbach noch nach vorne spielte, also in der ersten Halbzeit, war er an vielen Angriffen beteiligt. Er sorgte dabei nicht nur auf der Außenbahn für Bewegung, sondern auch, indem er öfter mal in die Mitte zog und damit Wege für Mitspieler auf außen öffnete. Kurz und gut: Das heute war der Oscar Wendt, der zurecht einen Stammplatz in dieser Mannschaft beansprucht.

Besondere Hochachtung verdient der "flexible Block", der sich durch die unvorhersehbaren Schmerzereignisse heute bildete und der seine wechselnden Aufgaben insgesamt hervorragend löste. Mit dem frühen Knockout von Chris Kramer und der Einwechslung von Tony Jantschke übernahm Innenverteidiger Matthias Ginter Kramers Sechserposition und erwies sich da als nicht fehlerfreier, aber äußerst bissiger und unbequemer Zerstörer des Bayernspiels. Dass er beim 2:0 zudem einmal mehr den richtigen Riecher für den richtigen Pltz zur richtigen Zeit bewies, krönte seine Leistung.
Nico Elvedi wiederum rückte von rechts in die Innenverteidigung und zeigte auf beiden Positionen eine kompromisslose und nahezu fehlerfreie Leistung. Tony Jantschke war nicht lang genug auf dem Feld, um heute Heldenstatus zu beanspruchen, doch er half auf seine typische Art mit, den Bayern das Leben schwer zu machen. Fabian Johnson wiederum, der zur Halbzeit für Jantschke kam, zeigte auf der inzwischen für ihn ungewohnten rechten Abwehrseite sein wohl bestes Spiel in dieser Saison.
Wohl dem, der solche verletzungsbedingten Verwerfungen wie heute so reibungslos und so schnell kompensieren kann. Da schimmerte dann Favres Erbe mal wieder durch - seine Wertschätzung für "polyvalente Spieler". Und das war vielleicht auch der kleine Baustein, der schließlich zum ersehnten Erfolgserlebnis gegen den Rekordmeister führte.

Und so nahm ein Spiel, das mit einem Schock begann, dann doch noch eine durchweg erfolgreiche und ermutigende Wende. Als ich die Bilder vom Horrorcrash Vestergaard gegen Kramer sah, war das Spiel für mich eigentlich schon gelaufen. Den gebeutelten Knockout-Spezialisten wieder am Boden zu sehen, zeitweise in der stabilden Seitenlage - da war das Spiel für mich nur noch Nebensache. Schön, ihn dann zum Spielende wieder mit klarem Blick auf der Ersatzbank sitzen zu sehen. Ein toller Typ, den nichts umwerfen kann. Gut, dass wir ihn haben. 
Das bittere Aus von "Fußballgott" Tony Jantschke zur Halbzeit kostet den VfL zwar vorerst erneut eine personelle Option. Doch die tadellose Reaktion der Mannschaft auf diese Widrigkeiten - und die der endlich wieder mal top aufgelegten Fans - macht Mut für die nächsten Spiele. Diese Mannschaft wirft so schnell nichts um. Und das kann in dieser Saison ein unschätzbarer Vorteil sein. Denn die Konkurrenz ist (mit Ausnahme der Bayern, die sich gefangen haben) auch nicht viel stabiler als es die Borussen bislang waren.

Ach ja: Natürlich waren die Bayern ersatzgeschwächt und mussten im Spiel ebenfalls angeschlagene Spieler (James, Bernat) ersetzen. Aber ganz ehrlich: Das ist mir egal, denn auch die Mannschaft, die heute gegen unsere Borussia auflief, war qualitativ und vom Marktwert der des VfL immer noch überlegen. Und in Schiedsrichter Manuel Gräfe hatten sie auch einen kleinen Helfer, der das gefühlte Bundesliga-Gesetz "Im Zweifel für die Bayern" - sicher unbewusst - immer mal wieder bestätigte. Mal beim Dauer-Schubser Vidal, dann bei vielen nicht geahndeten kleinen Fouls vor allem in der zweiten Halbzeit, die Gladbach jeweils ein bisschen Entlastung vom Dauerdruck hätten bringen können. Zum Glück war nichts dabei, das das Spiel nachhaltig beeinflusst hätte.
Es wäre aber auch interessant zu sehen, ob die Szene, in der Hummels den durchgebrochenen Raffael mit einer ganz leichten, aber effektiven Berührung entscheidend aus dem Tritt brachte, bei einer Mannschaft im Tabellenkeller vom Schiedsrichter auch so nonchalant ignoriert worden wäre wie beim Bayern-Nationalspieler. Der Ehrliche ist dann eben doch oft der Dumme - also hier Raffael, der sich nicht gleich mit einem Schmerzensschrei auf den Rasen warf, sondern strauchelnd versuchte, weiterzulaufen. Das hat bei Sky auch Lothar Matthäus, dem ich sonst nicht so oft zustimme, gut erkannt und Raffael zurecht für seine Einstellung gelobt.
  
Aber nachkarten müssen wir heute nicht. Die drei Punkte sind im Sack, die Leistungskurve der Mannschaft zeigt nach oben und das einzige Problem von solchen Favoritenstürzen ist, dass darauf oft auf dem Fuß die Pleite gegen einen vermeintlich kleineren folgt. In dieser Hinsicht können wir aber der nächsten Woche entspannt entgegen sehen. In Wolfsburg war für Gladbach ohnehin noch nie etwas zu holen - egal in welcher Tabellenkonstallation. Wenn sich das ändern sollte, wäre Borussia gleichwohl endgültig unter den Aspiranten für die europäischen Qualiplätze angekommen. Das wäre doch auch was.


Bundesliga, Saison 2017/18, 13. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - Bayern München 2:1 (Tore für Borussia: 1:0 Hazard HEM, 2:0 Ginter)

Samstag, 18. November 2017

Licht mit viel Schatten


Wie soll man aus dieser Mannschaft schlau werden? Ich freue mich über drei weitere verdiente Auswärtspunkte. Ich bin begeistert über die raffinierten Spielzüge und die Tore, die Raffael und Co. heute auf den Berliner Rasen gezaubert haben.
Zugleich bin ich ratlos, wo man dieses Team leistungsmäßig einordnen muss, wenn es defensiv doch jederzeit Gefahr läuft, sich ohne Not und trotz Führung in seine Einzelteile zerlegen zu lassen und sich alles zu versauen, was es sich vorher erarbeitet hat.

Dass am Ende die Punkte nach Mönchengladbach gehen, ist - trotz eines unter dem Strich starken Auswärtsauftritts - vor allem der Hertha zu verdanken. Denn die halfen nicht nur bei den ersten drei Toren ordentlich mit. Sie verpassten es auch nach den ersten 20 Berliner Horrorminuten, das Spiel schon zur Halbzeit wieder ausgeglichen zu gestalten. Borussia war in der zweiten Hälfte der ersten Halbzeit bei Standardsituationen in der Abwehr richtiggehend kopflos und auch mit einer 3:0-Führung im Rücken keineswegs mit breiter Brust unterwegs. Kapitän Stindl und seine Mannen bekamen ab da kein kontrolliertes Spiel nach vorne mehr geregelt. Der VfL ließ sich einmal mehr fast bereitwillig tief in die eigene Hälfte schieben, lief zunehmend hinterher und spielte minutenlang völlig planlos aus der eigenen Abwehr heraus, sodass sich das Spiel schließlich fast ausschließlich in der Gäste-Hälfte abspielte.
Das war zu wenig für die eigenen Ambitionen. Und es war vor allem dem aufmerksamen Yann Sommer, dem Pfosten und dem Berliner Schusspech zuzurechnen, dass es in dieser Phase nur einmal im Gladbacher Tor einschlug. Erst nach der 40. Minute befreite sich die Hecking-Elf wieder mit zwei ansehnlichen Kontern, doch mit dem Halbzeitstand war die Mannschaft äußerst gut bedient.

In der zweiten Halbzeit sah das zum Glück wieder stabiler aus, wenngleich auch da die alten Schwächen in der Rückwärtsbewegung und in der Verteidigung immer wieder aufblitzten. Das Anschlusstor fiel allerdings in einer Phase, wo der VfL das Spiel besser im Griff hatte und über eine der zahlreichen Kontersituationen längst hätte entschieden haben müssen. Aber: Trotz des 2:3 wackelte das Team weit weniger als in Halbzeit eins. Und das muss eben auch gesagt werden. Es gibt Fortschritte in der Reifung der Mannschaft. Aber sie kostet Nerven. Vor allem, wenn man stets damit rechnen muss, dass aus einem Ballbesitz, etwa einem Einwurf oder Freistoß in der gegnerischen Hälfte, ein verplemperter Ball und gefährliche Gegenangriffe werden.

Aber genug davon. Es gibt an diesem Spiel ja auch viel zu loben. Was Hazard, Stindl, Zakaria und heute auch wieder Raffael und mit Abstrichen Johnson nach vorne kreieren, genügt höchsten Ansprüchen in der Liga - gemessen erstmal nur an den Spielzügen, nicht an den erzielten Toren. Thorgan Hazard ist schon seit Wochen in einer fantastischen Form, er schießt Tore (wenn auch zu wenige aus dem Spiel heraus), er bereitet viele vor - und inszeniert noch mehr Top-Gelegenheiten, die nicht zu Toren genutzt werden. Der Belgier ist im 1-gegen-1 unheimlich stark geworden, viel zielstrebiger und er setzt andere genauso hervorragend ein, wie er mit ihnen harmoniert. 
Lars Stindl wiederum ist der König des engen Raumes, befreit sich und seine Mitspieler immer wieder ganz exzellent aus Drucksituationen und macht so Türen in der gegnerischen Abwehr auf, die diese selbst noch nicht kannte. Dass Raffael das alles auch kann, wissen wir alle. Heute hat er es auch endlich wieder mehr als ein paar Minuten lang gezeigt. Klassischer "Türöffner" war natürlich der Knaller zum 3:0, mit dem er hoffentlich seinen Frust der vergangenen Wochen mit ins Berliner Tor gefeuert hat.  

Aber das waren noch nicht alle, die ich heute loben will. Denis Zakaria tauchte zwar nach der Pause kurzzeitig etwas unter, doch das, was er bis dahin und danach sowohl als offensiver Taktgeber als auch in der defensiven Balleroberung leistete, war klasse. Besonders toll natürlich, wie er das 1:0 vorbereitete. Doch in dieser Szene meldete sich auch ein anderer zurück, der zwischen solch auffälligen Teamkollegen leicht übersehen werden kann. Fabian Johnson war der hervorragende Doppelpass-Partner, der mit einem perfekt getimten Ball Zakarias Lauf in die Tiefe erst möglich machte. Zudem unterstützte er nach Kräften Oscar Wendt auf der linken Abwehrseite, was angesichts dessen anhaltender Formkrise viel Einsatz erfordert. Zwar zeigte sich der Schwede bissig und er blockte auch ein paar Bälle mehr als zuletzt. Aber das reicht noch nicht. Beim ersten Gegentor wurde er wieder überlaufen, und vieles andere blieb Stückwerk, ebenso übrigens wie bei seinen Verteidiger-Kollegen Vestergaard und Ginter, die heute nicht immer auf der Höhe waren. Warum Oscar heute nun auch noch dazu eingeteilt war, (schlechte) Freistöße zu schießen, hat sich mir auch nicht erschlossen.
Bleiben zwei weitere, die erwähnt gehören. Nico Elvedi durfte mal wieder auf rechts ran. Dabei zeigte er bisweilen zwar Probleme, seine Seite defensiv dicht zu bekommen. Plattenhardt kam gleich mehrfach zu gefährlichen Hereingaben. Doch wie Elvedi offensiv auftrat, war beeindruckend. Er ist auch unter Druck und auf engem Raum ein guter und gesuchter Kurzpass-Partner geworden. Zudem kann er auch mal vehement über seine Seite vorpreschen. Das spricht für ihn und in diesem Fall gegen Tony Jantschke, der diese Qualität bei seinen Einsätzen zu selten gezeigt hat.

Bleibt noch Patrick Herrmann, dem einfach die Spielminuten fehlen, um richtig in den Rhythmus zu finden. Darauf weist der nervöse Beginn mit zwei Fehlpässen hin. Beim 4:2 allerdings zeigte er einmal mehr seine Klasse, leitete den Angriff selbst ein, nahm den abtropfenden Ball von Stindl hervorragend mit und spielte Raffael blendend frei. Ein tolles Tor, auch wenn es Flaco sicher noch mehr Auftrieb gäbe, wenn er mal wieder ein eigenes feiern könnte. Zum Genießen waren die fünf Minuten, mit denen die Comeback-Fähigkeiten von Josip Drmic heute belohnt wurden. Dass er da gleich noch eine unberechtigte Gelbe Karte kassierte, kann das nicht trüben. Ich freue mich für den Jungen, und ich bin froh, dass er wieder auf dem Platz steht. Von sogenannten Borussia-Fans habe ich da leider in der Länderspielpause auch andere Aussagen gelesen.

Jetzt habe ich schon viel geschrieben, aber etwas muss ich doch noch ansprechen. Zum einen das unrühmliche Verhalten einiger Herthaner zum Ende des Spiels. Dass Ibisevic und Kalou alle Register ziehen, um Fouls und Karten für den Gegner zu ziehen, ist ja bekannt. Aber im Frust-Gefühl der nahenden Niederlage mit dem ganzen Körper in Elvedi reinzuspringen und kurz darauf Kramer übel in die Beine zu fahren wie es sich Ibisevic kurz vor Schluss erlaubte, das ist ein schlechter Stil, den der Spieler nicht nötig hat und der auch nicht zum stets sportlich fairen Auftreten seines Trainers passt. So weit, so schlecht. Dem setzte Davie Selke noch einen drauf, in dem er nach dem genannten Foul an Kramer und dem vermeintlichen Foul von Drmic mit Rempeleien und Rumgemotze offensichtlich eine Reaktion und Strafen gegen die Gladbacher Spieler provozieren wollte. Im Gegensatz zu Ibisevic, der wenigstens eine gute Partie gezeigt hatte, war das inszenierte Gerangel das einzige, mit dem dessen junger Sturmpartner an diesem Abend auffallen konnte.

Und: natürlich der Videobeweis. Ich trage mich schon länger mit dem Gedanken, dazu allgemein etwas zu schreiben. Bisher habe ich noch nicht die Zeit dafür gefunden. Heute jedenfalls gab es neuen Stoff dafür. Ich weiß nicht, ob Schiedsrichter Dankert das Handspiel von Rekik gesehen hat und sich nur in Köln rückversichert hat oder ob das Signal aus Köln kam. Es war wieder eine unglückliche Situation. Denn natürlich kann man das Handspiel pfeifen. Aber wenn nicht mal Stindl, dessen Schuss geblockt wurde, Handspiel reklamiert, kann man sich schon fragen, ob man da pfeifen muss. Wäre es so, dass der Videoschiedsrichter Dankert aufmerksam gemacht hätte, wäre es noch schlimmer. Denn dann wäre klar, dass nicht der Schiri auf dem Platz die Entscheidung trifft, denn Dankert sah sich die Szene selbst ja nicht nochmal an.
Genausoi unglücklich fand ich die Szene vor dem 2:3, wo Kalou mit der absichtlich herausgestellten Schulter den Ball mit dem Oberarm weiterleitet. Von der Bewegung her für mich ein Handspiel, auch in der Wiederholung hat sich da für mich kein anderes Bild ergeben. Alle Spieler drumrum reklamieren sofort und heftig, aber der Schiedsrichter schaut auch da nicht selbst auf den Bildschirm, sondern verlässt sich allein auf den Videoschiedsrichter. Selbst gesehen haben kann er diese Szene kaum, möglicherweise konnte der Assistent hier noch einen Eindruck liefern. Aber egal wie man die Szenen selbst bewerten will - die Art und Weise, wie die technischen Hilfsmittel vom Schiri vor Ort wahrgenommen oder nicht genutzt werden, ist schon abenteuerlich. So werden die Diskussionen um die Eingriffe von außen in das Spiel jedenfalls nicht weniger werden.

Aber zurück zu Borussia, die mit diesem Sieg erstmals wieder auf einem der Plätze rangiert, die wir uns auch für den Abpfiff am 34. Spieltag erträumen. Wie passend, dass man das Spiel gegen die Bayern nächste Woche dann medial wieder zum Spitzenspiel hochjazzen kann. Doch wir wissen es besser. Der VfL im Jahr 2017 ist nur unter ganz speziellen Voraussetzungen in der Lage, dem Rekordmeister Paroli bieten zu können. Alles, was keine klare Niederlage ist, wäre daher schon ein Erfolg. Zumindest, wenn man die Borussen-Defensive realistisch einschätzt und sich nicht von der Offensiv-Power blenden lässt, die die Hecking-Elf entfachen kann, wenn man sie lässt. Das immerhin könnte passieren. Denn wenn der FC Bayern Schwächen hat, dann hinten.

Bundesliga, Saison 2017/18, 12. Spieltag: Hertha BSC - Borussia Mönchengladbach 2:4 (Tore für Borussia: 0:1 Stindl, 0:2 Hazard HEM, 0:3 Raffael, 2:4 Raffael)

Sonntag, 5. November 2017

Die Wahrheit liegt in der Mitte

Im Fußball gibt es immer mehrere Wahrheiten. Und je nach Fanlager sucht man sich seine liebste Wahrheit meist auch aus. 

- Gladbach kann heute von Glück reden, dass es am Ende einen Punkt im Borussia Park behalten konnte. 
- Der VfL war nach einer indiskutablen ersten Hälfte drauf und dran, die zweite Hälfte von Sinsheim zu wiederholen, der Sieg wäre aufgrund der Leistungssteigerung nach der Pause vollkommen verdient gewesen. 
- Das 1:1 ist das gerechte Ergebnis, weil es nach den gezeigten Leistungen keinem so richtig gerecht wird.

Drei Sätze und drei Interpretationen - jeder von ihnen könnte man heute guten Gewissens folgen.
Klar ist: Borussia hat in der ersten Hälfte einen schlimmen Eindruck hinterlassen, weil die Spieler des bisherigen Tabellenfünften - durch die Bank - mit unverständlichen individuellen Fehlern das Bild eines völlig verunsicherten Tabellenletzten vermittelten, der sich selbst durch Abspielfehler, schlechtes Stellungsspiel oder ungeschickte Zweikampfführung immer wieder selbst in die Bredouille bringt. 
Zugleich war aber der Plan, wie der VfL spielen wollte, sehr gut erkennbar, wurde in Ansätzen auch erfolgversprechend verfolgt. In der zweiten Hälfte, mit der Einwechslung von Kramer, der das Spiel etwas ordnete, entfaltete dieser Spielplan auch seine eigentliche Wirkung. Nur: Der Mainzer Matchplan ging insgesamt heute einfach besser auf.
Wo Gladbach den zirkulierenden Ballbesitzfußball mit den irgendwann einsetzenden überfallartigen Kombinationen in die Spitze einbringen wollte, setzte Mainz auf teils sehr unkonventionelles Pressing schon in der Hälfte der Hecking-Elf. Spieler wie Vestergaard, Jantschke, Zakaria und selbst Ginter ließen sich davon beeindrucken und folglich fanden sie nach vorne zu selten die Räume, die sich durch das aggressive Forechecking im Mainzer Mittelfeld eröffneten. Die Mannschaft bot Mainz ihrerseits jedoch in der Rückwärtsbewegung selbst genau die Räume an, die sie schon gegen Leverkusen, nicht aber gegen Hoffenheim, sträflich geöffnet hatte. Die Mainzer Taktik, so schien es, hatte Heckings Schützlinge auf dem falschen Fuß erwischt.

Zur Halbzeit stand deshalb auch trotz 15 besserer Minuten in der Mitte der ersten Halbzeit ein noch schmeichelhafter Rückstand zu Buche. Durch die Tatsache, dass es noch immer keine klare Linie beim Eingreifen von außen in Videobeweis-Situationen gibt, durfte Borussia auch zu elft weiterspielen, obwohl es nach Studium der Bilder logischerweise Rot gegen Stindl und Strafstoß hätte geben müssen. Gut, Mainz profitierte beim 0:1 auch straflos von Mutos geschickter Behinderung gegen Sommer. Doch dass das Tor voll auf eine amateurhafte Defensivleistung zurückging, mit dem Tiefpunkt in Sommers zögerlichem Eingreifen, wird auch niemand bezweifeln. Dass das 0:2 wegen vorangegangenen Foulspiels zurückgenommen wurde, war auch nicht selbstverständlich, wenngleich korrekt. Gladbach konnte sich vom (Nicht-)Einsatz der technischen Hilfsmittel also auch heute nicht benachteiligt fühlen, auch wenn man sicher über die Bewertung der hoch in die Luft gehaltene, vom Spieler selbst angeschossene Hand Diallos im Mainzer Strafraum noch länger diskutieren könnte. Da auch noch einen Elfmeter zu bekommen, wäre für den VfL heute aber auch ein bisschen zu viel des Guten gewesen.

Nun gut. Wenn ein Spiel so verläuft, muss man als Fan auch mal mit einem solchen Ergebnis zufrieden sein können, finde ich. Und das auch, wenn die Erwartungen vor dem Spiel höher waren - und das ja auch nicht zu Unrecht. Wenn man erkennen kann, dass die Mannschaft zwar will, sich dabei aber selbst immer wieder ein Bein stellt, dann leidet man natürlich als Fan mit, ärgert sich und schimpft. Befremdlich finde ich dennoch, dass ein Teil der Besucher im Stadion die Mannschaft nach dem Schlusspfiff mit Pfiffen verabschiedete.

Ja klar, das Auf und Ab in dieser Saison kostet auch uns Fans viele Nerven. Aber man muss auch die Kirche im Dorf lassen. Wenn ein Gegner sich geschickt verkauft und dabei noch nicht einmal mit Mann und Maus im Strafraum verbarrikadiert, dann sollte man das bei der Bewertung der Leistungen beider Mannschaften auch berücksichtigen. Aufseiten Borussias war heute zwar vieles schlecht. 
Aber es war auch einiges gut. So nervös einzelne Spieler sich durch individuelle Fehler präsentierten - die Mannschaft spielte auch nach dem Rückstand stoisch und geduldig ihr Spiel weiter. Der Lerneffekt vom Tag der offenen Tür gegen Leverkusen ist da, das Team weiß, dass immer noch Zeit genug bleibt, um ein Spiel zu drehen. Und genau dann, wenn sich der VfL dessen bewusst ist, zeigt er auch den besten Fußball. Das war gegen Hoppelheim so. Und auch heute fehlte in der zweiten Halbzeit nicht viel, und Gladbach hätte das Spiel komplett gedreht. 
Raffaels rätselhafte Abschlussschwäche, mancher Haken zuviel bei Hazard, Grifo oder Cuisance, der versemmelte tödliche Pass in den freien Raum - das alles verhinderte heute, dass unter dem Strich mehr stand. Pfiffe gegen das eigenen Team rechtfertigt es meiner Meinung nach nicht.

Man muss gleichwohl kritisieren dürfen, dass die erkannten Schwachstellen im Team derzeit nicht so richtig abzustellen sind. Die linke Abwehrseite ist die Problemzone Nummer 1, fast jeder gefährliche Angriff der Mainzer führte auch heute wieder über Wendts Seite. Das liegt natürlich auch an dem Schweden, der im Moment offenbar im Eins-gegen-Eins nahezu keinen Pass und keine Flanke unterbinden kann. Es liegt aber nicht nur an Oscar. Denn wenn vor oder neben ihm weitere Spieler ihre Form suchen, ist der Vize-Kapitän oft nur das vorletzte Glied in der Fehlerkette. Dennoch ist es offensichtlich, dass auf der Position derzeit eine Alternative für den sympathischen Linksverteidiger fehlt. Das Problem scheint, dass sich dafür weder Johnson noch sonst irgendjemand derzeit empfiehlt. 
Zakaria hat - wie heute - noch erwartbare Schwankungen in seinen Leistungen, auch Ginter konnte nicht vollends überzeugen. Jantschke hat noch Probleme, den Rhythmus zu finden, genauso der heute wieder eingewechselte Herrmann. Cuisance ist noch zu unstet in seinen Aktionen. Grifo ist defensiv noch kein Johnson und auch beim Kapitän ist nicht alles Gold, was glänzt - was man unter anderem an der heiklen Strafraumszene heute und den gelben Karten sieht, die Lars Stindl sich einfängt. Patzt im Gladbacher Verbund einer, bringt er andere oft mit in Schwierigkeiten. Und das bringt das Team mitunter aus dem Tritt.

Das alles macht aus Borussia im November 2017 genau dieses zerbrechliche Ensemble, das furios aufspielen kann, sich aber genauso grandios selbst um den Lohn der Arbeit bringt. Heute war es irgendetwas in der Mitte. Und für den Moment kann ich damit leben. Denn ein Sieg heute hätte uns auf einen Platz katapultiert, der den gezeigten wechselhaften Leistungen in dieser Saison einfach nicht entspricht. Das könnte uns Fans natürlich egal sein. Aber ob es der Entwicklung der Mannschaft wirklich förderlich wäre, steht auf einem anderen Blatt Papier. 




Bundesliga, Saison 2017/18, 11. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - FSV Mainz 05 1:1 (Tor für Borussia: 1:1 Vestergaard)

Samstag, 28. Oktober 2017

Nervenstark und raffiniert

Es war nicht alles Gold, was heute glänzte. Aber es war ein Spiel, das in die richtige Richtung weist für diese noch so unschlüssige erste Saisondrittel des VfL. Und wenn ich die bisherigen neun Spiele so rekapituliere, war der Sieg in Sinsheim heute vielleicht die beste Leistung, die Borussia in der Bundesliga in dieser Spielzeit gezeigt hat. Denn bisher waren es immer nur Teile von Spielen, die begeistern konnten. Über die komplette Spielzeit gelang das sonst nur gegen äußerst schwache Bremer. 
Auch heute gab es ein paar Minuten, in denen Sommer und Co. das Spiel hätten verlieren können, weil sie den Hoffenheimern Türen öffneten, die man besser geschlossen hält. Aber es gab diesmal keine Phase, in der die Mannschaft überfordert war oder Gefahr lief, auseinanderzubrechen, wie es ihr gerade vor einer Woche gegen Leverkusen passiert war.
Das Spiel heute war aus Gladbacher Sicht nicht so dominant geführt wie andere. Der Gegner hatte schließlich auch einiges zu bieten. Aber es war ein Spiel, in dem die Mannschaft ihr Spiel weitgehend durchbringen konnte, weil sie die Konzentration meist hoch und die Ordnung be-hielt.
  Die wichtigste Lektion, auch nach Gegentoren geduldig zu bleiben und nicht unüberlegt nach vorne zu rennen, hat die Hecking-Elf heute gleich vorbildhaft umgesetzt. Es war eindrucksvoll, wie sie dem Spiel in der zweiten Halbzeit von Minute zu Minute mehr ihren Stempel aufdrücken konnte und sich dann auch endlich mit Toren belohnte. Gerade nach der zweiten Halbzeit gegen Leverkusen war von manchen Fans ja schon wieder die Einstellung der Spieler in Frage gestellt worden. Darauf hat das Team, glaube ich, heute eine eindrucksvolle Antwort gegeben. Die Mannschaft ist intakt, sie ist auch nervenstark. Aber sie ist auch noch in Teilen recht jung und von gewissen Spielverläufen oder taktischen Änderungen des Gegners zu beeindrucken. Heute immerhin machte es den Eindruck, dass die Hecking-Schützlinge um ein Erfahrungs-Level nach oben geklettert sind.
 
Aber auch darüber hinaus hat die Partie einige aufschlussreiche Erkenntnisse gebracht. Die Außenverteidigerpositionen sind noch immer die Sorgenkinder im Mannschaftsgefüge. Wendt steigerte sich mit dem Team erst in der zweiten Halbzeit, Tony Jantschke biss sich in seine Aufgabe rein, er bringt auch etwas mehr Stabilität ins Gefüge, braucht aber natürlich noch Spielpraxis. Umso erfreulicher, dass die Versetzung von Jantschkes Vorgänger auf rechts - Nico Elvedi - in die Innenverteidigung erfreulich reibungslos funktioniert hat. Egal ob neben Ginter (wie in Düsseldorf) oder neben Vestergaard - diese Woche hat gezeigt, dass der Schweizer jetzt auch reif für diese Position ist. Sandro Wagner und Mark Uth sahen gegen Elvedi/Vestergaard kaum Land, gefährlich waren heute fast ausschließlich andere Hoffenheimer.
Dass die vermeintliche Stammelf des Saisonanfangs durchaus auch eine innermannschaftliche Rotation verträgt, bewies genauso Matthias Ginter, der heute vor der Abwehr eine richtig gute Rolle spielte. Ballsicher, fast ohne Leichtsinnigkeiten, und im Spiel nach vorne mit einigen guten Aktionen (ganz abgesehen natürlich von seinem Tor), zeigte der Ex-Dortmunder, warum er auf mehreren Positionen zu einem Führungsspieler der Mannschaft werden kann.


Einer, der das unumstritten bereits ist, ist Lars Stindl - auch wenn er dies nicht durch lautstarke Kommandos oder Gesten auf dem Platz deutlich macht, sondern durch seine giftige und unspektakulär-effektive Spielweise, die oft gar nicht so auffällt. Aber wer sich mal genauer anschaut, wo die gefährlichen Angriffe des VfL ihren Ausgangspunkt haben, wird sehr häufig auf einen Ballgewinn Stindls im Zweilkampf oder auf ein geschicktes Anlaufen durch den Kapitän stoßen, das zur Balleroberung führt. Damit war er heute ein enorm wertvoller Spieler auf dem Platz, auch wenn andere heute eher im Rampenlicht standen. Auf einen Raffael zu verzichten, das geht immer mal wieder, das hat auch das heutige Spiel gezeigt. Ohne Stindl dagegen fehlt Borussia das Herzstück - selbst wenn er nicht als Vollstrecker glänzt wie im Moment.

Der Auffälligste war gleichwohl heute Vincenzo Grifo, der sein Startelfdebüt mit einer richtig guten Partie, zwei bärenstarken Torvorlagen und einem Pfostenschuss zum Zunge schnalzen rechtfertigte und auch defensiv emsig ackerte. Der Deutsch-Italiener brachte heute die Raffinesse ins Gladbacher Spiel, die man von Johnson und Herrmann nicht erwartet. Wobei sich auch diese beiden heute steigern konnten, vor allem Herrmann, der durch Hofmanns Verletzung ungeplant schnell reinkam und zunächst völlig neben sich zu stehen schien, dann aber immer besser in Fahrt kam. Schade, dass ihm das dringend nötige Erfolgserlebnis - ein strammer Schuss aus spitzem Winkel unter die Latte - durch den Abseitspfiff genommen wurde.
Es deutet also wieder einiges darauf hin, dass der VfL heute einen wichtigen Schritt nach vorn gemacht hat. Aber wie eingangs gesagt: Es ist noch lange nicht alles gut. Selbst wenn ein Sieg gegen Hoppelheim (und mehr noch: im Hoppelheimer Stadion) für uns Fans in der Bundesligageschichte immer noch etwas ganz besonderes, weil Seltenes, ist.

Das interessiert den nächsten Gegner Mainz wahrscheinlch aber nicht die Bohne. Woran ist also als nächstes zu arbeiten? Zum Beispiel an der Abstimmung in der Defensive. Unter Favre war einkalkuliert, dass der Gegner auch ohne große Gegenwehr von außen flanken konnte, weil im Zentrum sehr stark verteidigt wurde. Obwohl Borussia in dieser Zeit sehr viele Flanken zuließ, fielen kaum Gegentore aus solchen Situationen. Spieler wie Jantschke und Oscar "Ich-hampele-ein-bisschen-vor-dem-Gegner-herum-verhindere-aber-die-Flanke-nicht" Wendt sind noch ein bisschen so geprägt. Doch das Spiel hat sich weiterentwickelt und es ist noch kompliziert und wendiger geworden. Heute reicht es nicht mehr, das entweder-oder (flanken lassen oder Flanken blocken) zu beherrschen, weil die meisten Mannschaften ihr Gewicht im Spiel blitzschnell verlagern können - auf den schnellen Doppelpass im Zentrum oder auch wieder zurück auf die Flügel, mit folgender langer Flanke oder dem flachen Pass in den Rücken der Abwehr.

Und so gibt es immer wieder Situationen im Gladbacher Defensivspiel, bei denen man das Unheil von außen bereits heranziehen sieht, bevor es geschieht. Die Kopfballchance von Wagner war heute so ein Fall. Auch die Probleme, die Tony Jantschke auf dem Flügel anfangs mit dem Ex-Gladbacher Nico Schulz hatte und die letztlich zum Gegentor führten, gehörten dazu. 
Der VfL hat inzwischen 18 Gegentore geschluckt, und längst nicht alle waren Kontertore. Viele aber wären zu verhindern gewesen, wenn die Balance zwischen Außen- und Innenverteidigern sowie ihren Vordermännern besser gewesen wäre. So wie heute, als die Schulz-Flanke von Elvedi zu kurz geklärt wurde - zumindest zu kurz, um die eigenen Mitspieler in die Lage zu versetzen, den Ball zu sichern. Ergebnis war, dass Demirbay am Strafraum nahezu unbedrängt, wenn auch etwas glücklich, zum 1:0 einschießen konnte. 

Wenn Borussia sich stabilisieren und im oberen Tabellendrittel mitmischen will, sollte die Mannschaft vorne noch zählbar effektiver werden. Vor allem muss sie aber solche einfachen Gegentore verhindern. Denn dass die Mannschaft einen Rückstand drehen kann, hat sie schon oft gezeigt, nicht erst heute. Es gibt nur keine Garantie darauf, dass das immer klappt, wenn man es braucht.      


Bundesliga, Saison 2017/18, 10. Spieltag: TSG Hoffenheim - Borussia Mönchengladbach 1:3 (Tore für Borussia: 1:1 Hazard, 1:2 Ginter, 1:3 Vestergaard)

Dienstag, 24. Oktober 2017

Sauber erarbeitet

Das war wichtig! Borussia hat die unbequeme Hürde Düsseldorf genommen, wenn auch nicht mit Bravour, sondern eher durch viel, viel Arbeit. Dass wir trotzdem wieder bis zur letzten Sekunde zittern mussten und die Mannschaft vor allem beim Elfmeter der Fortunen einen gehörigen Schluck aus der Glücks-Pulle gebraucht hat, das ist mir jetzt mal gerade egal. Hauptsache in der nächsten Runde!

Heute hat sich die personell erstmals deutlich veränderte Elf von Dieter Hecking gut durchgebissen, hat das Spiel gegen einen erstligatauglichen Zweitligisten weitgehend im Griff gehabt, ohne jedoch die Souveränität oder die Durchschlagskraft zu entwickeln wie in der ersten Halbzeit gegen Leverkusen. Das lag sicher auch daran, dass Spieler wie Traoré, Raffael und Wendt weiterhin noch von ihrer Bestform entfernt sind. Auch heute war wieder Thorgan Hazard die herausragende kreative Kraft im Offensivspiel, während Stindl und Raffael eher als Verbindungsspieler glänzten, die sich teilweise sehr tief fallen lassen. Das macht viele Kombinationen von hinten heraus geschmeidig anzusehen. Doch in der gefährlichen Zone am und im Strafraum des Gegners fehlt dann dafür oft die richtige Anspielstation oder der Stürmer, der auch gefährlich zum Abschluss kommt und nicht geblockt wird. Das goldene Tor heute fiel denn auch wieder nach einer schönen Einzelaktion - und mit der freundlichen Mithilfe des Gegners.

Doch wie zerbrechlich das über viel Ballbesitz und gute Angriffe aufgeladene Selbstvertrauen der Borussen noch ist, zeigt sich eigentlich in jedem Spiel - dann, wenn der Gegner das Tempo erhöht oder in den offenen Schlagabtausch-Modus schaltet. Wenn dann auch noch - wie heute - ein Schiedsrichter Foulspiele ständig als zulässige Härte durchwinkt, ist die Gefahr für Gegentore nach Ballverlusten natürlich groß. Die Angst davor merkte man den VfL-Akteuren nach dem Desaster am Samstag bisweilen auch heute an. Selbst der freche Mickael Cuisance war merklich beeindruckt. Heute spielte er äußerst schwach und hätte auch schon zur Halbzeit ausgewechselt werden können. Doch da sein Handeln keine negativen Auswirkungen hatte, kann man ihm diese Lerneinheit auch als gute Erfahrung für seine weitere Entwicklung gönnen. Dieter Hecking muss nur aufpassen, dass er den Jungen nicht überfordert. Im Vergleich mit Denis Zakaria merkte man heute schon den Unterschied an spielerischer Reife und der größeren Erfahrung im Profibereich bei den beiden Youngstern. Und das, was Jonas Hofmann auf der Position zeigt, ist kaum weniger wertvoll.

Gut gefallen hat mir heute, dass die umgestellte Abwehrkette mit Elvedi und Ginter innen sicher gestanden hat. Gut, die Offensive der Düsseldorfer war jetzt auch kein Orkan, aber Elvedi als Alternative für innen zu wissen, ist beruhigend; genauso wie der abgeklärte Auftritt von Tony Jantschke der Mannschaft heute gutgetan hat. Dass Jannik Vestergaard mal eine Pause bekommen hat, fand ich auch logisch. Nicht, weil er zuletzt ein paar Schwächen offenbart hatte, sondern weil er in den vergangenen Monaten mit am meisten auf dem Feld stand. Ein solche Auszeit bräuchte nun aus meiner Sicht aber auch der gute Oscar Wendt mal. Auch heute war er in der Rückwärtsbewegung mehrmals die leicht überspielbare Achillesferse der Borussia.

Aber egal. Mit dem Sieg im Gepäck lässt sich nun mal kurz durchschnaufen. Und vielleicht lässt sich ja mit diesem Rückenwind auch bei der TSG Hoppelheim was machen. 

DFB-Pokal 2017/18, 2. Runde: Fortuna Düsseldorf - Borussia Mönchengladbach 0:1 (Tor für Borussia: 0:1 Hazard)

Sonntag, 22. Oktober 2017

Unverlierbares verloren

Was soll man dazu sagen? Der VfL hat ein Spiel verloren, das eigentlich nicht zu verlieren war. Aber nicht nur das. Aus einem hoch überlegen geführten Spiel ließ sich die Hecking-Elf von einer keineswegs herausragenden Leverkusener Mannschaft binnen Minuten in einen Alptraum stoßen, der in der jüngeren Vergangenheit seinesgleichen sucht. Und keiner von uns weiß, in welche Richtung die Reise in dieser Saison geht.

Bis auf die jämmerliche Torausbeute - es hätte nach 45 Minuten mindestens ein Drei-Tore-Vorsprung auf der Anzeigetafel stehen müssen - machte das Team in Halbzeit eins nahezu alles richtig. Der Gegner wurde in den Zweikämpfen beherrscht, er kam selten in Strafraumnähe (zweimal aber gefährlich) - und die Angriffsmaschine lief mit feinen Pass-Stafetten (nicht nur beim 1:0) auf Hochtouren. Das Spiel verlief wie gemalt. Und genauso schien es nach Wiederanpfiff weiterzugehen. 
Doch nach der nächsten großen Chance vor dem Leverkusener Tor kippte das Spiel völlig. Weil Borussia nicht mehr so aufmerksam verteidigte, sich mit der Wirkung der Leverkusener Taktikänderung (Einwechslung von Brandt) zu lax auseinandersetzte, ein wenig Pech in den 50:50-Zweikämpfen hatte und sich durch zwei ganz gute Angriffe der Gäste - wieder einmal - mannschaftsweit verunsichern ließ. Die Folge waren das blöde Ausgleichstor und kurz darauf die Entscheidung per Doppelschlag. Lasche Verteidigung wieder einmal von Wendt beim 1:2 und schon in der Entstehung durch Lars Stindl, der den Angriff an der Mittellinie nicht notfalls durch ein Foul unterband, weil er das Unheil nicht heraufziehen sah. Dann der durchaus foulverdächtige Zweikampf im Mittelfeld, bei dem Cuisance den Kürzeren zog und die aufgerückte Gladbacher Hintermannschaft zum 1:3 anschließend kalt erwischt wurde. Die anderen beiden Tore schenke ich mir, an beiden standen eklatante individuelle Fehler am Anfang der Fehlerkette, und leider kann man auch von einem Yann Sommer nicht an jedem Tag verlangen, dass er alle Eins-gegen-eins-Duelle für sich entscheidet.

Das Schlimme daran ist, dass trotz dieser fünf Nackenschläge das Spiel nicht hätte verloren gehen müssen. Auch in der zweiten Halbzeit gab es genügend gute Einschussmöglichkeiten, das Spiel hätte also durchaus eine andere Wendung nehmen können. 
Soweit das Offensichtliche. Doch damit ist es nach so einem Spiel nicht getan. Borussia 2017 ist eine Wundertüte, das haben wir schon zur Genüge erfahren. Doch nach der 1:6-Klatsche in Dortmund war dieses Spiel schon das zweite in dieser Saison, in dem die Mannschaft phasenweise defensiv völlig überfordert schien, wenn auch bei sehr unterschiedlichen Spielverläufen.
Das hat natürlich auch damit zu tun, dass in Elvedi, Zakaria, Cuisance drei sehr junge Spieler auf Schlüsselpositionen eingesetzt waren. Die spielten in den ersten 45 Minuten mutig und famos auf, um danach schmerzhaft die Flügel gestutzt zu bekommen. Aber auch wenn diese Jungen Lehrgeld zahlen und Fehler machen, etwa indem sie nach Rückständen zu ungestüm agieren oder in Zweikämpfen zu viel riskieren - es standen in Dortmund und auch gegen die Pillen acht gestandene Bundesligaprofis neben ihnen, von denen man erwarten können muss, dass sie kühlen Kopf bewahren. Aber wie schon in der vergangenen Saison fehlt offenbar jemand, der auf dem Feld in der entscheidenden Situation die richtigen Ansagen macht und das Spiel vielleicht auch mal beruhigt. In anderen Partien gelang dies deutlich besser, aber gerade gegen offensivere Gegner scheint die Verlockung zu groß zu sein, in kritischen Phasen den offenen Schlagabtausch anzunehmen, mit dem Risiko, unterzugehen.
Das Spiel am Samstag wurde zwischen der 50. und 62. Minute verloren, und da lief der VfL für jeden Zuschauer sichtbar ins offene Messer, wenn auch mit den besten Absichten, nämlich die Tore zu machen, die man vorher sträflich liegengelassen hatte. 
Die wichtige Frage ist: Was machen diese beiden hohen Niederlagen mit der Mannschaft? Und die doch (mit ausnahme des Bremen-Spiels) immer wiederkehrende Abschlussschwäche? Sind Stindl und Co. gefestigt genug, das wegzustecken? Oder verkrampft die Mannschaft mehr und mehr, wenn die Chancen nicht genutzt werden - weil sie weiß, dass das gegen bessere Teams bitter bestraft werden kann? Ich weiß es nicht. Aber für mich gab es am Samstag schon nach der ersten guten Viertelstunde einen ersten Bruch im Spiel, nachdem Thorgan Hazard den Ball aus 3 Metern nicht an Bernd Leno vorbeigebracht hatte. In  den folgenden Minuten wirkte der VfL fahrig und ermöglichte den Gästen die ersten Gelegenheiten quasi aus dem Nichts. Zwar fing sich die Mannschaft danach wieder und kam wieder gut ins Rollen. Doch nach der Halbzeit schien es genauso. Gleich eine verpasste gute Gelegenheit zu Beginn, dann fingen die Nerven an zu flattern und das Unheil nahm seinen Lauf.
Nun ist Dieter Hecking gefordert wie vielleicht noch nie zuvor in seiner Amtszeit. Die jungen Wilden vom Feld zu nehmen, wäre falsch und auch nicht gerechtfertigt. Aber er muss Stindl, Johnson, Wendt, Raffael, Hazard, Vestergaard und Ginter in die Pflicht nehmen, damit nicht zu viel Verantwortung auf den Schultern von Zakaria und Cuisance lastet. Dass diese Mannschaft zusammenarbeiten kann, hat sich nicht zuletzt auch am Samstag in den ersten 50 Minuten gezeigt. Da wurden Ballverluste schnell wieder wettgemacht, weil der Nebenmann im Zweifel aufgepasst hatte und den Ball zurückholte. Das gelang in der zweiten Halbzeit nicht mehr. Und das muss allen eine Lehre sein.


Bundesliga, Saison 2017/18, 9. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - Bayer Leverkusen 1:5 (Tor für Borussia: 1:0 Johnson)