Samstag, 20. Mai 2017

Gut, dass es vorbei ist

Endlich: Zeit zum Abschalten. Ich habe das Ende dieser komischen Saison schon seit einigen Wochen herbeigesehnt. Und es war fast logisch, dass in dieser Saison auch das letzte Spiel noch so laufen und so enden würde wie die gesamte Berg-und Talfahrt der Gefühle seit dem vergangenen August. 
Nur: Statt dass man erleichtert einen dicken Strich unter diese insgesamt 51 Spiele machen und einen versöhnlichen Abschluss feiern kann, bleibt jetzt ein schlechtes letztes Gefühl hängen.

Ich habe sie oft verteidigt - aber dafür muss heute vor allem die Mannschaft die Verantwortung übernehmen. Wenn man in einem Spiel, bei dem der Druck der vergangenen Wochen weg ist, so überlegen spielt. Wenn man gegen den wohl schlechtesten Gegner, der sich seit langem im Borussia Park vorgestellt hat, gut ein Dutzend Riesenchancen herauskombiniert und leichtfertig vergibt und damit am Ende doch nur ein lächerliches Unentschieden herausspringt, dann hat man viel falsch gemacht - obwohl man grundsätzlich kein schlechtes Spiel gezeigt hat.

Ich finde zwar die Pfiffe während und nach dem Spiel nach wie vor inakzeptabel. Aber die Enttäuschung auf den Rängen kann ich verstehen. Es ging mir vor dem Fernseher nicht anders. So gut die Mannschaft spielerisch ist, vor allem, wenn Raffael, Hazard und Johnson wieder mitmischen können - wenn man es dann auch gegen einen solchen Gegner nicht schafft, mehr als ein Tor vorzulegen, muss man sich Gedanken machen, woran das liegt. 
In Schönheit gestorben sind wir dieses Jahr schon viel zu oft, dieses letzte Spiel hat es nur einmal mehr gezeigt, dass es manchem Akteur an der Zielstrebigkeit fehlt, an dem auch nach außen erkennbaren Willen, das Tor zu machen und nicht noch dreimal im Strafraum Doppelpass zu spielen und den Ball ins Tor zu tragen. 

Wenn die Mannschaft das nicht ablegt, und nicht effektiver wird, wird sie immer wieder in Schwierigkeiten kommen - auch wenn dabei natürlich auf der anderen Seite auch spielerische Glanzpunkte herausspringen. 
Nur: Wenn man es immer verpasst, ein Spiel frühzeitig zu entscheiden und dadurch klar dominierte Partien noch aus der Hand gibt, setzt sich das in den Köpfen fest. Und das führt irgendwann dazu, dass man verkrampft. Die Hinrunde war ein Paradebeispiel für eine solche Entwicklung. Die Auswirkungen hat der VfL unter Dieter Hecking letztlich souverän reparieren können - mehr leider aber auch nicht.

Was die Gesamtbilanz angeht, ändert sich durch das letzte Unentschieden nichts - auch wenn es jetzt doch "nur" der 9. Platz geworden ist. Ein "Mehr" wurde über die gesamte Saison hinweg verspielt - und sicher auch nochmal in den letzten drei Spielen. Doch am Ende muss man bei allen ärgerlichen Punktverlusten sagen, dass die Teams vor dem VfL dort eben, über 34 Spiele gesehen, zurecht stehen.

Der Verein hat jetzt die Möglichkeit, sich zu sortieren, die sportlichen Baustellen durch die Abgänge von Dahoud und Christensen zu schließen und die Mannschaft für das kommende Spieljahr wieder gut aufzustellen. Dass das gelingt, daran habe ich wenig Zweifel.

Was mir Sorgen macht, ist die Lage in der Anhängerschaft. Die schlechte Stimmung, die unverschämten Pfiffe gegen einen Spieler wie Mo Dahoud, der für Borussia in den vergangenen Jahren alles gegeben hat, der Ton untereinander in Foren, sozialen Netzwerken und auf den Rängen - da gibt Borussia derzeit ein ungewohnt schwaches Bild ab. Und ich bin mir nicht sicher, wie man das wieder in den Griff bekommt. Wenn gegen die Mannschaft gepfiffen wird, weil der Ball dreimal hintenrum gespielt wird, dann zeigt das, dass die Erwartungen nicht realistisch sind. Und wenn einem der eigenen Frustabbau wichtiger ist als der Erfolg der Mannschaft, lässt es tief blicken. 

Auch weil das im Moment so ist, bin ich froh, dass die Saison endlich zu Ende ist. Ich werde auch für mich überlegen, ob ich den Takt meiner Texte so aufrecht halten werde. Ich habe jetzt gut zweieinhalb Jahre jedes Spiel in diesem Blog begleitet und auf meine Art "aufgearbeitet". Und ich spüre seit einiger Zeit, dass es mehr und mehr zu einer "Pflicht" wird, die auch einiges meiner Zeit auffrisst. Vielleicht werde ich daher künftig etwas weniger schreiben, Entwicklungen über mehrere Spiele hinweg analysieren. Wer weiß. Die Sommerpause bietet auch mir Zeit, darüber mal in Ruhe nachzudenken.  

Bundesliga 2016/17, 34. Spieltag (20.5.17): Borussia Mönchengladbach - SV Darmstadt 98 2:2 (Tore für Borussia: 1:0 Hazard, 2:1 Raffael)

Sonntag, 14. Mai 2017

Die Unvollendete

Nun haben wir also Gewissheit - aber nicht die, die wir uns gewünscht haben. Am Ende einer Saison, die für Borussia unter keinem guten Stern stand, werden wir uns diesmal nicht auf internationale Auftritte unserer Mannschaft in der kommenden Spielzeit freuen können.
Der VfL hat heute in Wolfsburg die letzte realistische Chance dazu vertan - so, wie zuvor schon viele Chancen dieser Saison liegengelassen wurden, weil man die vorhandenen (Tor-)Chancen nicht konsequenter nutzte. Das Lamento ist allzuoft das Gleiche gewesen: Bis zum Zeitpunkt, als Wolfsburg das überflüssige 1:1 nach einem individuellen Fehler erzielte, hätten Hofmann, Hahn und Co. das Spiel längst für Borussia entschieden haben müssen.
Aber so wurde die Partie zu einem Spiegelbild der gesamten Saison: Fast eine Stunde lang souverän und gut, aber zu ineffektiv, dann 20 Minuten nervös und mit der Situation zunehmend überfordert. Darauf folgte der Hagelschauer und damit eine unfreiwillige Spielunterbrechung, auch nicht das erste kuriose Vorkommnis für den VfL in dieser Saison. Und nach dem Wiederanpfiff dann erneut ein dominanter Restauftritt, der mit einem Sieg hätte belohnt werden können, der aber genauso mit der für die Gladbacher Fahrten nach Wolfsburg so typischen 0-Punkte-Ausbeute hätte enden können.

Über die verpassten Chancen, europäisch, im DFB-Pokal, in der Liga - und natürlich auch begrenzt auf das heutige Spiel - kann man sich jetzt die Köpfe heißreden, man kann bedauern, sich ärgern, schimpfen, ihnen nachweinen.
Aber das ändert nichts. Wenn man es objektiv betrachtet, hat Borussia die Euro-League-Teilnahme am Ende nicht verdient. Einfach weil dafür zu wenige Punkte geholt wurden (warum auch immer) und weil Borussia bei den harten Fakten letztlich einfach mau abschließt: mehr Niederlagen als Siege, negative Tordifferenz, mittelmäßige Tor- und Gegentorbilanz, maximal 47 von 102 möglichen Punkten erreicht. Mit viel Glück reicht das mal für einen europäischen Startplatz, diesmal wohl nicht. Und schlimmer noch: So wie es aussieht, werden wir die Saison sogar hinter den Ziegen beenden.

Eine verlorene Saison also? Mitnichten. Was einen nicht umbringt, 
macht einen nur stärker, heißt es ja. Und das Stahlbad, was die Spieler durch die Reifeprüfung in der Champions League (trotz der großen Krise im Herbst), das Erreichen des Halbfinales im DfB-Pokal und des Achtelfinales in der Euro League - begleitet von bisher beispiellosem Verletzungspech - durchschritten haben, hat die Mannschaft reifen lassen. Auch trotz oder wegen der Enttäuschungen, die diese Saison letztlich zu einer "Unvollendeten" werden lassen.

Schade ist, dass Borussia diese Erfahrungen kommende Saison nun nicht im Vergleich mit internationalen Gegnern einbringen kann. Deshalb verstehe ich auch nicht so recht die vielfach geäußerte Meinung, dass ein Jahr ohne Europa dem Verein vielleicht sogar gut tun könnte. Möglicherweise beruhigt sich der Fanzwist etwas, wenn es nicht mehr gegen Barcelona und Co. geht und der Alltag den einen oder anderen Glamour-Fan wegbleiben lässt.
Doch für die Entwicklung des Kaders ist die fehlende Herausforderung gleich aus mehreren Gründen schlecht. Zum einen, weil die Duelle auf internationalem Niveau jeden Spieler besser machen. Dann, weil der Kader zu ausgeglichen besetzt ist, als dass man ausschließlich mit Ligaspielen alle Spieler zufrieden stellen kann. Es wird Verlierer im Kader geben, weil es keiner so großen Rotation mehr bedarf.
Und zum anderen wird es ohne das Argument "Europa" deutlich schwieriger werden, Spieler nach Mönchengladbach zu locken, die die Mannschaft nochmal ein Stück besser machen würden. Andererseits bleibt die Hoffnung, dass sich die Mannschaft ohne Dreifachbelastung in der Bundesliga diesmal von vornherein besser verkaufen kann und nicht wieder (wie in den vergangenen beiden Saisons) aus der Defensive eines verpatzten Starts heraus eine Aufholjagd starten und den Konkurrenten bis zuletzt hinterherhecheln muss. Warten wir es ab, wir können es eh nicht beeinflussen.

Das alles ist aber Zukunftsmusik, zumal die letzte Partie noch nicht gespielt ist. Aber bevor man sich der Ernüchterung der letzten Wochen ergibt, sollte eins nicht unter den Tisch fallen: Der VfL hat auch viel erreicht in dieser Saison.
Die Pokalwettbewerbe waren Highlights, Halbfinale und Achtelfinale hat Borussia in den besagten Wettbewerben seit längerem nicht mehr erreicht. Die Partien in Glasgow und Florenz zählen zu den Gänsehautmomenten, zu den Spielen mit Legenden-Potenzial.
Das Scheitern in beiden Wettbewerben war borussia-tragisch, die Duelle mit Barcelona und Man City im Borussia Park waren besondere Erlebnisse. Und die Aufholjagd nach der Hinrunde mit einem vorderen Platz in der Rückrundentabelle einmal mehr beeindruckend, ganz abgesehen von der in vielen Jahren nicht mehr erreichten Bilanz in Auswärtsspielen unter Dieter Hecking.
Also, der VfL hat die Kurve gekriegt, ist trotz der schwachen Ausgangsposition zu Jahresbeginn nicht mehr in die Bredouille gekommen und beendet die Saison anständig, wenn auch nicht herausragend. Das alles sollte man über den Rückschlägen und dem Ärger in den vergangenen Wochen nicht vergessen. Und deshalb der Mannschaft zum Abschluss gegen Darmstadt nochmal die Unterstützung zukommen lassen, die sie sich redlich verdient hat. 

Bundesliga 2016/17, 33. Spieltag (14.5.17): VfL Wolfsburg - Borussia Mönchengladbach 1:1 (Tor für Borussia: 0:1 Vestergaard)

Montag, 8. Mai 2017

Vom Pfeifen

Die Saison ist noch nicht um, die sportliche Bilanz noch nicht endgültig zu ziehen, und doch wird unter Borussen kaum noch darüber diskutiert, ob wir den Europapokal noch erreichen oder wie die Mannschaft im nächsten Spieljahr verstärkt werden könnte.

Das "einig Volk von Brüdern" ist, nimmt man das überlieferte Verhalten im Stadion und diverse Diskussionen in den sozialen Medien zum Maßstab, zerstritten, wie ich es persönlich noch nicht erlebt habe. Das Publikum, dass sich sehr lange einiges auf seine Fankultur einbilden konnte, hat in dieser Saison mit vielen Höhen und Tiefen offenbar selbst die Orientierung verloren. Und weil der Zwist unter den VfL-Fans mit vielen Schuldzuweisungen untereinander geführt wird, ist er gefährlich für die Entwicklung als Fanbasis für die Mannschaft. Derzeit kämpft verbal der "Ultra-Kindergarten" gegen "Event-Fans", es schlagen sich engagierte Normalfans auf eine Seite oder es gibt Streit zwischen Fans, die akzeptieren wollen, dass dies keine normale Saison war und jenen mit höheren Zielen  - egal, wie realistisch dies unter den gegebenen Voraussetzungen ist. Erst wird geschimpft, dass die Stimmung durch die Ultras scheiße ist, jetzt, dass sie ohne Ultras scheiße ist. Verlierer sind wir alle in dieser Zerstrittenheit, und ich sehe schon, wie sich die Domziegen kringeln vor Lachen über das, was bei uns abgeht. Und sie haben wohl allen Grund dazu, auch wenn die Wirklichkeit doch noch ein Stück von dem entfernt ist, als sie die *ölner Boulevardzeitung Express sich so mit allerhand Halbwissen zusammenfantasiert.

Aber: Die Stimmung im Stadion ist nicht erst seit dem blamablen Auftritt der Fans gegen Augsburg so, wie sie ist. Pfiffe gegen die Mannschaft oder einzelne Spieler gab es schon mehrfach diese Saison, die stimmliche Macht, die der Borussia Park entfalten kann, wenn alle mitmachen, ist zunehmend fragiler geworden. Und immer häufiger bricht die Kulisse stimmlich in sich zusammen, wenn es auf dem Rasen nicht ganz nach Wunsch läuft. Auch ich habe das an dieser Stelle schon zum Thema gemacht.

Fakt ist: Die Mannschaft hat zuletzt, vor allem vor eigenem Publikum, einige enttäuschende oder phasenweise schlechte Spiele abgeliefert und zu wenig gepunktet, vor allem wenn man die gewohnte Heimstärke berücksichtigt. Auch die (ohnehin nicht garantierten) Titelchancen in den Pokalwettbewerben hat die Hecking-Elf vor eigenem Publikum hergegeben. Das ist schon ein Grund für Missmut unter den Anhängern des Vereins, vor allem wenn man als Fan mitunter selbst große Opfer bringen muss, um dabei sein zu können. Aber wie man diesen Unmut äußert, sagt auch etwas über einen selbst aus.

Dass ein Stadion kollektiv ins Raunen kommt, wenn ein Fehlpass um Konter führt oder eine Riesenchance versemmelt wird, das ist normal.
Pfeifen oder verbal gegen die eigenen Leute ausfällig werden, das ist bei aller Anteilnahme am Spielgeschehen etwas anderes. Wenn ich meinem Unmut nun unbedingt mit Pfiffen Ausdruck verleihen möchte, ist der Platz dafür aus meiner Sicht nach dem Spiel.
Natürlich: Mit dem Eintrittspreis kann ich auch für mich in Anspruch nehmen, mich über "fehlende Gegenleistung" zu beschweren, notfalls auch mit Pfiffen.
Doch frage ich mich, warum man dann eigentlich ins Stadion geht. Ich tue das, um meine Mannschaft anzufeuern und möglichst mit ihr zusammen am Ende einen Sieg zu feiern, zu dem ich auf meine Art und Weise dann auch ein kleines Stückchen beigetragen habe. Eine Garantie für dieses Erfolgserlebnis gibt es nicht, auch dann nicht, wenn die Konstellationen vor der Partie noch so klar zu sein scheinen. Und das ist doch auch das, was Fußball ausmacht. Der ungewisse Ausgang des Spiels ist das, was auch die Fans der größten Losertruppe immer wieder hoffen lässt, dass es am nächsten Wochenende aber bestimmt klappt mit dem Sieg. Wer wie ich schon länger an Gladbach hängt, weiß, welches Gefühl das ist.

Wenn ich während des Spiels pfeife, helfe ich nur dem Gegner. Es ist der gleiche Effekt wie bei der Kreisliga-Mannschaft, bei der irgendwann untereinander das großen Meckern anfängt, wenn es nicht läuft. Die Konzentration auf das eigentliche Ziel geht verloren.

Klar, jeder hat so seinen eigenen Anspruch, was die Aktiven können und auch zeigen sollen. Der gern bemühte Verweis auf die hohen Summen, die Fußballprofis schließlich verdienen, verbunden mit dem Satz "wenn ich so arbeiten würde, würde mein Chef..." führt dabei aber meist auf den Holzweg. Die beruhigenden Summen auf dem Bankkonto helfen niemandem, wenn er auf dem Platz, beobachtet von vielen Tausend Besserwissern, Entscheidungen treffen muss, die den Verein am Ende zum Erfolg oder um den Lohn einer langen Saison bringen können. Auch hochbezahlte Fußballer sind keine Maschinen, die man auf Erfolg programmieren kann.
Der eine kann Pfiffe der eigenen Fans besser ausblenden als der andere, mancher muss es auf diesem Spielniveau vielleicht auch erst noch lernen. Und wenn sehr junge Spieler ins kalte Wasser geworfen werden müssen und sich freischwimmen, heißt das nicht, dass sie nicht auch mal schlechtere Phasen haben dürfen wie Christensen und Dahoud gerade.
Wenn man eins dieser Mannschaft nicht vorwerfen kann, ist es fehlender Einsatz bis zum Schluss und: ehrliche Arbeit. Es sieht zwar nicht immer so aus, vor allem, wenn die Ratlosigkeit gegen dicht gestaffelte Gegner in Rück- und Querpässen sichtbar wird. Aber das Bemühen, die Lücke zu finden, ist immer da. Dass es nicht immer klappt, liegt eben auch am Gegner. Der eine lässt Räume, die die Mannschaft braucht - wie Mainz. Die andere weiß, wie sie unser Spiel ersticken kann - wie Augsburg oder auch Frankfurt.

Man muss solche Argumente nicht gelten lassen, und kann weiter auf einen "zu schwachen Kader", "lustlose Spieler" oder einen Manager schimpfen, der angeblich die Mannschaft nach dem Xhaka-Abgang nicht gut genug verstärkt hat. Ich werbe darum, dass man es sich bei der Bewertung der Leistungen nicht zu einfach macht. Dass man die Kritik von Christoph Kramer als das nimmt, was es war: eine Meinungsäußerung, wie sie auch jeder Fan als Recht für sich einfordern würde. Schließlich hat Kramer auch nicht die Leistung der Mannschaft damit zu erklären versucht, sondern eine Rückmeldung an die Fans gegeben, wie die Situation auf demn Rasen wahrzunehmen war. Und wie viele wissen ist Kramer einer der wenigen Profis, der selber weiß, wie es ist, in einer Fankurve zu stehen.
Nicht zuletzt werbe ich dafür, dass man diese Seuchensaison nicht mit normalen Maßstäben misst. Dazu ist einfach zu viel passiert in den bis jetzt 49 Spielen. Aber jeder, bis hin zum Manager und zum Präsidium, kann aus diesem Jahr lernen. Das ist das, was Borussia wieder einen Schritt besser machen kann - und auch wird, davon bin ich überzeugt. Nur eins kann der Verein kaum steuern: Wie sich die Fans verhalten. Dass wir da wieder in Topform kommen, dafür müssen wir selbst sorgen. Indem wir uns alle darauf konzentrieren, für wen und gegen wen wir sind.

Samstag, 6. Mai 2017

Nicht genug

War es das jetzt mit der europäischen Chance? Oder doch nicht? Möglich ist immer noch alles. Doch wenn man ehrlich ist, war das, was Borussia heute für das Ziel der erneuten Europapokalteilnahme eingesetzt hat, zu wenig. Der Punkt in der Nachspielzeit ist äußerst glücklich - ich gönne ihn umso mehr "ausgerechnet" dem André Hahn. Doch was der VfL nach gutem Beginn und einer - von der Konteranfälligkeit abgesehen - souveränen Leistung in den ersten 40 Minuten zeigte, war schwach, fahrig, ohne Mumm.

Schon in der ersten Hälfte verstand es die Mannschaft oft nicht, Tempo in die Pässe und ins Spiel nach vorn zu bekommen und die dichte Augsburger Deckung mit Schnelligkeit und Tiefe im Spiel in Probleme zu bringen. Das gelang nur ab und zu, etwa bei Hofmanns Riesenchance oder bei den Gelegenheiten von Patrick Herrmann und Mo Dahoud. Der Spielaufbau über Christensen und Vestergaard war aber in der Regel zu lasch, zu rück- und seitwärts gewandt. 

Laszlo Benes immerhin war Dreh- und Angelpunkt im Spiel, ständig anspielbar, mit mutigen Ideen, aber auch einigen leichten Fehlern, die man ihm angesichts der Gesamtleistung aber kaum ankreiden kann. Insofern konnte ich nicht nachvollziehen, warum er so früh vom Platz musste und nicht der deutlich wechselhaftere Mo Dahoud. Auch der machte viel richtig - aber auch einiges richtig falsch. Frappierend war, nicht zum ersten Mal, wie unpräzise gut gemeinte Anspiele und Pässe kommen. Ähnlich uneinheitlich das Bild bei Andreas Christensen. Der sonst so sichere Abwehrrecke bringt immer noch viele Zweikämpfe bemerkenswert nach Hause. Er sah aber heute (wie auch schon in Spielen vorher) bei Kontern der Gäste mehrfach nicht gut aus, auch beim Gegentor. Möglicherweise beschäftigt beide der nahende Abschied (und beim Dänen die noch unklare Konstellation für die neue Saison) doch mehr, als sie es selbst wahrhaben wollen.

Mehr ist über das Geschehen auf dem Rasen eigentlich nicht zu sagen, bei dem die Augsburger einmal mehr das Glück hatten, dass der angesetzte Unparteiische möglichst auf Gelbe Karten verzichten wollte. Immerhin artete diese Art der Spielleitung diesmal nicht in eine willenlose Treterei aus. Aber die Verwarnungsbilanz (2 für Augsburg, 2 für Gladbach, darunter eine unberechtigte wegen angeblicher Schwalbe), ist einmal mehr der Hohn.   

Verlierer des Tages waren heute allerdings andere: der Borussia Park und wir Fans. Gellende Pfiffe während eines Spiels, in dem es nicht um Schönspielerei geht, sondern um die Qualifikation für die Euro League, da verschlägt es mir die Sprache. 

Ich habe es schon mal gesagt, damals ging es noch gegen den Abstieg: Das eigene Team auszupfeifen ist für mich ein No-go! Inzwischen sind wir wieder soweit - pfui! Bei aller Kritik an der Spielweise und der Fehler, die auf dem Platz gemacht werden. Es hilft keinem, die Jungs da unten noch mehr zu verunsichern. Wer nicht sieht, dass da ein Gegner ist, der sein Geschäft versteht, nämlich guten Fußball zu verhindern, der soll doch besser zuhause bleiben. Wer nicht versteht, dass dieser Kader seit Monaten am Anschlag unterwegs ist und für diese ungünstigen Begleitumstände verdammt noch mal eine ganze Menge geleistet hat, der sollte sich fragen, ob er die richtigen Maßstäbe anlegt. 

Und wenn großmäulig im Internet zu lesen ist, dass man die schmollenden Ultras "für die Stimmung im Stadion ja nicht braucht", dann sollten sich diese Leute nochmal das Spiel von heute zu Gemüte führen, und zwar die akustische Begleitung. Die Wechselgesänge klappen vielleicht eine Weile, wenn es läuft, ist die Kulisse auch mal da und gibt kurzzeitig Gas. Wenn aber Unruhe im Stadion aufkommt, bricht der unorganisierte Support zusammen. 
Selbst die sonst sehr zurückhaltenden Spieler sind seit ein paar Spielen deutlich offener und kritischer bei Aussagen über die Stimmung im Borussia Park. Das sollte uns allen zu denken geben - es ist ein Alarmzeichen.
Wir haben uns zurecht einiges auf die Unterstützung der Fans eingebildet. Doch das ist im Moment nicht mehr gerechtfertigt. Vielleicht ist auch deshalb unser Stadion keine Festung mehr. 

Klar, die Gründe dafür sind vielschichtig. Der Knatsch von Sottocultura mit dem Verein, immer mehr "Event-Fans", gestiegene Erwartungen an die Leistung der Mannschaft usw. 
Auch wenn es noch viele tausende sind, die sich weiterhin die Seele aus dem Leib schreien für Borussia: Die Peinlichkeit, dass die Jungs im eigenen Stadion nicht bedingungslos unterstützt werden, fällt auf uns alle zurück, die wir uns sonst auch gern für die Stimmung im Park und das freundliche Image des Clubs auf die Schulter klopfen lassen. 

In dieser Saison ist hier im Zusammenspiel auf den Rängen nicht mehr viel zu erreichen. Für die neue Spielzeit sollte es aber unser aller Ziel sein, in jeder Situation wieder der zwölfte Mann auf dem Platz zu sein. Sonst, da bin ich ganz nüchtern in der Analyse, haben wir Fans die Euro League eben auch nicht verdient. Denn das heute war, auf wie abseits des Rasens, dafür einfach nicht genug. 

Bundesliga 2016/17, 32. Spieltag (7.5.17): Borussia Mönchengladbach - FC Augsburg 1:1 (Tor für Borussia: 1:1 Hahn)