Montag, 5. Juni 2017

Ein Ü40-Transfer mit Sinn


Sommerzeit ist Spekulationszeit - nicht nur bei Borussia Mönchengladbach. 
Mit dem Abgang von Mo Dahoud und Andreas Christensen und der etwas schwierigeren Ausgangssituation, ohne europäische Spiele in der kommenden Saison, stellt sich natürlich die Frage, wie Borussia den Kader ergänzen wird.
Die ersten Transfers, die abgesehen von Vincenczo Grifo und Mickael Cuisance zum Teil schon eine Weile zurückliegen (Doucouré kann verletzungsbedingt als Neuzugang gesehen werden, ebenso der vor eineinhalb Jahren verpflichtete Julio Villalba, der erst jetzt erst nach Gladbach kommt), geben klare Hinweise, wie der Verein sich künftig aufstellt, ja vermutlich sogar aufstellen muss. 

Dass gerade nach der verpassten Euro-League-Qualifikation jetzt nicht mit Geld geworfen wird, um möglichst namhafte (und teure) Spieler zu verpflichten und sich stattdessen viele U-20-Spieler auf der Fohlenwiese tummeln, ist Teil einer, wie ich finde, folgerichtigen Strategie, die bei Teilen der Anhängerschaft aber schon kritisch gesehen wird - weil sie natürlich wenig spektakulär wirkt. 

Natürlich, in der Transferzeit reifen Fanträume, wen man alles gern im VfL-Dress sehen möchte. In Vincenzo Grifo hat Max Eberl auch schon wieder einen Transfer-Coup gelandet, der der Mannschaft guttun wird, ohne dass das finanzielle Risiko zu hoch wäre. 
Doch vieles andere, was in der Gerüchteküche gehandelt wird, ist aus meiner Sicht nicht realistisch - gerade weil die vergangenen beiden Jahre den Spielermarkt erheblich verändert haben. Deshalb liegt der Schwerpunkt in diesem Text auf etwas anderem.


Warum sehe ich das so? 
Ganz einfach. Die Fußballwelt dreht sich nicht um den VfL Borussia, sie entwickelt sich weiter. Andere Vereine sehen, wie erfolgreich Max Eberl mit seinem Team in den vergangenen Jahren auf dem Spielermarkt war und kopieren die Arbeitsweise, richten das Scouting ähnlich aus und werden zunehmend zu ernstzunehmenden Konkurrenten. 
Andere Traditionsvereine wie Bremen, Frankfurt, Hertha und sogar K*** haben ihr Chaos- oder Missmanagement hinter sich gelassen und werden, auch durch Euro-League-Gelder zu Rivalen um entwicklungsfähige Spieler. Mit Hannover und Stuttgart kommen namhafte Teams zurück in die Liga, mit Wolfsburg und dem HSV bleiben zahlungswillige Clubs drin. 

Die großen Clubs in Europa wiederum saugen massenweise junge Talente an, nicht, um alle in die erste Mannschaft zu integrieren, sondern damit ein paar - die Besten - hängen bleiben und man mit den anderen gewinnbringend handeln kann - siehe Andreas Christensen oder Thorgan Hazard. 
Auch auf dem Leihmarkt ist Gladbach längst nicht alleine unterwegs. Es wird also zunehmend schwieriger (und teurer), hochkarätige Talente zu bekommen, die kurz vor dem Durchbruch stehen. Für Denis Zakaria (20) wird zum Beispiel schon ein zweistelliger Millionenbetrag aufgerufen, dabei war Nico Elvedi vor zwei Jahren mit vier Millionen Euro schon ein teurer 18-Jähriger. Zum Vergleich: 2009 hat mancher Max Eberl schon für verrückt erklären wollen, als er für einen jungen Zweitligaspieler namens Marco Reus eine Million Euro locker gemacht hat. Der war damals immerhin schon Stammspieler bei Ahlen.

Was also macht Borussia nun, notgedrungen, aber auch einer klaren Logik folgend? Der Verein verpflichtet noch jüngere Spieler, die sehr vielversprechend sind (wie Doucouré, Villalba, Cuisance), aber trotz guten Scoutings auch ein größeres Risiko beinhalten - nämlich, ob sie den Sprung aufs höchste Niveau auch schaffen; und wenn ja, in welchem Tempo. 
Wer sich daran erinnert, wie schlecht Andreas Christensen in seinen ersten Einsätzen unter Favre in der öffentlichen Meinung wegkam (obwohl nicht er schlecht war, sondern die Balance in der Mannschaft), der weiß, was ich meine. In der Bundesliga musst du als junger Spieler schnell funktionieren, sonst bist du wieder weg vom Fenster. 

Diese Entwicklung, immer jüngere Spieler in den Fokus zu nehmen, ist keine gute, weil sie kleinere Vereine kaputtmacht, die früher ganz gut mit der Ausbildung und dem Weiterverkauf von Talenten über die Runden kommen konnten. Und sie wird wohl auch dazu führen, dass viele Spieler auf der Strecke bleiben werden. Aber im Moment ist es aus Sicht des VfL ein Weg, auf dem Transfermarkt noch einen kleinen Vorsprung vor anderen zu haben.

Und an dieser Stelle kommt die zweite logische Komponente ins Spiel: Dass man die jungen Fohlen besonders fördern muss, damit sie den Sprung mit höherer Wahrscheinlichkeit schaffen. Das minimiert das ökonomische Risiko, wenn der Verein viel Geld in den jungen Spieler von außen investiert (und natürlich in die Ausbildung der anderen, die dem eigenen Talentschuppen entspringen). Der wichtigste Transfer bis jetzt ist aus diesem Grund für mich der des 41-jährigen Otto Addo, der sich speziell um die Entwicklung der "Rohdiamanten" Benes, Doucouré, Cuisance, Villalba, Simakala, Sow, Torwart Nicolas oder Ndenge kümmern soll. Addo hat als Trainer bereits Erfahrung in dieser Art Talentförderung und kann dem Verein auf diese Weise ein unbezahlbarer Helfer werden.

Denn ungeachtet der jüngsten internationalen U20-Verpflichtungen kann dem aufmerksamen Fan nicht entgangen sein, dass der Talentschuppen Borussias zuletzt nicht so effektiv war, wie man es angesichts des Potenzials der Talente erwarten konnte. Natürlich können nicht alle Spieler, die der VfL durch die Jugendabteilung und das Internat bringt, das Zeug dazu haben, in der ersten Liga zu spielen. 
Aber die wirklichen Eigengewächse, die es in den vergangenen zehn Jahren in die erste Mannschaft und dort zum Stammspieler geschafft haben, sind an einer Hand abzuzählen: es sind Jantschke, Herrmann, Korb, ter Stegen gewesen und seitdem nur noch Dahoud. Marvin Schulz konnte sich auch wegen Verletzungen noch nicht durchsetzen, ebensowenig wie Tsy William Ndenge, Nils Rütten oder Ba Muaka Simakala, die ebenfalls dem aktuellen Profikader angehören. 
Aus dem Ausland geholte Talente wie Mandela Egbo, Kwame Yeboah oder Joel Mero haben es ebensowenig nach oben geschafft wie die Eigengewächse Marlon Ritter, Kevin Holzweiler, Steffen Nkansah, Jannis Blaswich oder Nico Brandenburger. 
Dazu kommen Sonderfälle wie Sinan Kurt, der Gladbach verließ, weil er sich schon für zu gut hielt. Oder Amin Younes, der es zwar zwischen Jantschke und Dahoud in die Galerie "Aus der Jugend in die Bundesliga" geschafft hat, der aber seinen Durchbruch erst in Amsterdam erlebte, weil es bei Borussia für ihn zur fraglichen Zeit keine Einsatzgarantien geben konnte. Und vielleicht ja auch, weil in der entscheidenden Phase kein Coach an seiner Seite stand, der ihm dabei helfen konnte, die nötige Geduld und vielleicht das fehlende Quäntchen Einsatz und Können aufzubringen, was ihn in die erste Mannschaft spült. Diese zusätzliche Betreuung könnte sich nicht zuletzt auch deshalb auszahlen, weil die Konkurrenz natürlich auch bei Gladbacher Talenten vorstellig werden könnte, um sie frühzeitig abzuwerben (siehe Kurt). Wenn das in einer Phase geschieht, wo der Spieler seine Chancen bei Borussia für nicht so hoch hält, kann sich jeder ausrechnen, dass der ausbildende Verein schnell mal in die Röhre schaut. Was im übrigen auch nicht heißt, dass Borussia im Kampf um gute Talente nicht ganz genauso vorgeht.

So, das war viel Text - viele Namen, viele Spielerschicksale - und dass alles nur, um zu erklären, warum für mich der Ü40-Transfer Otto Addo bisher der wichtigste in dieser Sommerpause war. Ihr seht, es ist mir sehr wichtig, dies deutlich zu machen ;-)
Wie sich Borussia ansonsten kadertechnisch aufstellt, werde ich natürlich ebenfalls noch aus meiner Sicht bewerten. Auch an dieser Stelle - aber nicht heute.