Donnerstag, 28. Dezember 2017

Reece Oxford als Klickbeute

Dieses heute hier ist mein 200. Beitrag auf meinem Blog. Und heute mache ich endlich einmal das, was ich schon zu Beginn mal vorhatte: Den Irrsinn zu beschreiben, der die Berichterstattung über den Profifußball heute oft ausmacht. Einer hört was, alle anderen schreiben es ab. Und das, ohne zu prüfen, ob überhaupt irgendetwas davon stimmt, was da mit großem Halali durch das Internet gejagt wird. Die Fans klicken drauf, lesen es und lassen ihrer Meinung freien Lauf - unabhängig davon, ob überhaupt etwas dran ist oder nicht.

Heute ging es um Reece Oxford, den Borussia gern fest verpflichten möchte, wie Max Eberl bereits öffentlich gesagt hat. Die Bild meldete den Transfer heute Vormittag schon als fast perfekt, auch die Rheinische Post hat Informationen, dass es dafür gut aussieht. So weit, so gut - der zweiten Quelle vertraue ich jedenfalls, der ersten weniger.

Doch dann tauchte ein neues Gerücht auf:
 

 

Und die Gerüchteverteilmaschinerie lief von neuem an. Auf Facebook streute jede Fanseite die neuesten Informationen, übelste Verwünschungen wurden darunter an die Adresse des Brauseclubs
in Leipzig gesammelt und vieles mehr.

Keines dieser Medien, die die angebliche Neuigkeit weitertratschten, befand es aber für nötig, mal bei den Betroffenen anzufragen oder sich zumindest näher mit der Quelle zu befassen. Die "seriöse BBC" ist für mich als Journalist durchaus eine ernstzunehmende Quelle. Doch in Sachen Fußballtransfers verlässt sie sich offenbar auch mitunter auf Kaffeesatzleserei. 
Wenn man sich nämlich den Originaltext der BBC anschaut, merkt man, dass hinter der heißen Neuigkeit (noch) gar nichts steckt.


Dort steht nichts weiter, als dass Leipzig optimistisch sei, einen solchen Deal abzuschließen. Welche Voraussetzungen dafür erfüllt sein müssten: der Spieler müsste vorher von Gladbach zurückgeholt werden. Und dass West Ham-Trainer Moyes sein grundsätzliches Ok für einen Verkauf von Oxford gegeben habe. Mehr steht dort nicht. 
Leider auch nicht, woher der Autor Simon Stone sein Wissen hat. Es gibt keinen Bezug auf irgendeine Quelle, die ein Geschäft mit Leipzig auch nur ansatzweise plausibel machen würde. 
Natürlich bestünde die Möglichkeit, dass West Ham Oxford zurückholt. Das wissen wir. Auch möglich, dass sie mit ihm noch mehr Kasse machen wollen als mit dem, was Gladbach bietet. Dass Leipzig in der Lage wäre, einen solchen Transfer zu machen, ist unstrittig. Aber bislang kein Hinweis darauf, dass es so wäre.

Der einzige, der versuchte, der Sache auf den Grund zu gehen, war der altehrwürdige Kicker. Er fragte offensichtlich bei Leipzig nach. 



Das müsste eigentlich für jeden Journalisten eine Selbstverständlichkeit sein, bevor man eine solche Story durch die Welt jagt. Heutzutage offenbar nicht mehr, wenn es um die schnellen Klicks geht. Und natürlich sitzen an diesen Linkschleudern nicht nur ausgebildete Journalisten. Ernüchternd ist es dennoch für einen wie mich, der seine Zunft immer noch gern in Schutz nimmt gegen Anfeindungen verschiedenster Art. Aber manchmal ist es so: Da möchte man nur noch schreien.

Vielleicht hilft ja auch eine solche Zusammenstellung wie hier dem einen oder anderen aber auch, Meldungen dieser Art einfach etwas entspannter zu betrachten, kritischer zu hinterfragen und bei den Informationsquellen auf Qualität zu setzen. Und da gibt es für Infos aus erster Hand neben dem Kicker und der RP vor allem noch unsere erstklassigen Fan-Medien Torfabrik und Fohlen hautnah, auf deren professionelle Infos man sich stets verlassen kann. Von Seiten wie "Fussballtransfers" oder "90min" sollte man sich dagegen vielleicht nicht unbedingt immer zum Clicken verleiten lassen. Wahrscheinlich nicht nur meine Meinung.


Montag, 25. Dezember 2017

Was zu videobeweisen wäre

Gut, Dieter Hecking hat keinen Bock mehr, jede Woche über die Sinnhaftigkeit des Videobeweises zu diskutieren. Max Eberl und seine Managerkollegen in der Bundeslige versuchen krampfhaft, nichts Negatives gegen das Experiment des Jahres zu sagen, um den Videobeweis nicht schon vor Ende seiner Bewährungszeit am Ende der Saison kaputtzureden. Und wir alle sind genervt über die unterschiedlichen Auslegungen und wechselnde Qualität der Entscheidungen.

Es hilft ja nichts. Ich muss doch mal ganz grundsätzlich auf das Thema "Videoassistenzsystem" (VAR) eingehen, diese Operation am offenen Herzen der Fußball-Bundesliga, die in dieser Saison von einem Chirurgen namens DFB ausgeführt wird - in der Variante "learning by doing" und der Methode "Versuch und Irrtum". Ständig wird das OP-Besteck gewechselt, mal da, mal da am Patienten herumgeschnippelt. Und wenn was schief geht, muss der Patient eben damit leben - die Vereine haben den Arzt im Vorfeld in einer Blanko-Patientenerklärung ja quasi schon von aller Schuld freigestellt.

Meine Position zu dem technischen Hilfsmittel ist folgende: Ich begrüße alles, was das Spiel gerechter macht. Es ist für die Spieler und die Vereine wichtig, aber vor allem auch für uns Fans im Stadion und am Fernseher. Kann ein Videoassistenzsystem dazu beitragen, dass es weniger falsche Entscheidungen auf dem Spielfeld gibt, dann bin ich dafür - aber unter bestimmten Voraussetzungen, die dann bitte auch auf allen Plätzen gleichermaßen gelten.

Es ist unstrittig, dass die Torlinientechnik ein Gewinn für den Fußball ist. Man braucht sie kaum, weil es nicht so viele strittige Szenen gibt, bei denen nicht klar zu erkennen ist, ob der Ball sich hinter, vor oder noch ein bisschen auf der Linie befindet. Wenn sie aber gebraucht ist, ist die Torlinientechnik zuverlässig zur Stelle. Somit ist eine der traumatischsten Erfahrungen für Spieler und Fans ausgeschlossen - dass ein regulär erzieltes Tor nicht zählt, nur weil das Schiriteam vielleicht eine schlechte Sicht auf den Ball hatte.

So weit, so gut. Bei der Bewertung von Spielszenen per Videoanalyse liegt allerdings ein viel weniger einheitliches Hilfsmittel vor. Eins, das nicht auf mathematischer Präzision beruht, sondern auf der Bewertung von sehr unterschiedlichen Situationen und Zweikampfkonstellationen durch Menschen. Eine Vergleichbarkeit von Situationen und ihrer jeweiligen Bewertungen durch unterschiedliche Schiedsrichter fällt also schon mal schwer - wenn der Versuch nicht schon von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Das ist die große Hypothek, die der Videobeweis mit sich herumschleppt, ja schleppen muss.

Das ist aber noch nicht alles. In dem einen Stadion bemüht der Schiedsrichter den Videobeweis trotz strittigster Szenen gar nicht. In einem anderen werden Szenen überprüft, die mehrere Spielzüge vor dem eigentlichen Prüfgegenstand (Tor, Abseits, Elfmeter) stattgefunden haben. Im dritten Stadion werden trotz Zeitlupen-Studiums objektive falsche Entscheidungen gefällt. Mal schaut der Schiri im Stadion selbst noch einmal nach, in anderen verlässt er sich auf die Bewertung des Kollegen aus dem Videoraum in Köln. Das ist schwierig - denn der Schiri auf dem Platz soll schließlich nach offizieller Lesart die Entscheidungshoheit haben. Das Vertrauen in den Kollegen in Köln in allen Ehren: Wie soll sichergestellt sein, dass der Hauptschiedrichter eine Szene genauso bewerten würde wie der vor dem Bildschirm? Und in den Stadien haben die Zuschauer oft keinen Schimmer, was da unten warum und von wem jetzt eigentlich entschieden wird.

Der DFB, der die bislang völlig unzureichende Umsetzung des Pilotprojekts inklusive mehrerer Veränderungen der "Spielregeln" von Spieltag zu Spieltag zu verantworten hat, scheint nicht in der Lage zu sein, ein klar strukturiertes Konzept auf den Tisch zu legen. Man will - wahrscheinlich - zu viel auf einmal und gefährdet damit leichtfertig die Akzeptanz des ganzen Projekts. Dieter Hecking und Max Eberl haben recht, wenn sie für die Beibehaltung des Videobeweises plädieren, auch wenn er schon viel zu viele sichtbar ungerechte Ergebnisse hervorgebracht hat, die sich in der echten Punktebilanz der Bundesligisten wiederspiegeln - oder eben in fehlenden Punkten. Denn auf der anderen Seite hat die neue Technik auch schon sehr viele falsche Entscheidungen verhindert. Auch Borussia hat davon bis jetzt stärker unter dem Strich wohl mehr profitiert als zuletzt darunter gelitten.

Doch das grundsätzliche Problem sind alle bezweifelbaren Entscheidungen - und die, die nicht überprüft werden, obwohl es Grund dazu gäbe. Da zeigt sich das Problem. Spielszenen lassen sich nicht nach so einfachen Kriterien abhaken wie "Ball hinter der Torlinie oder nicht". In Echtzeit sind Zweikämpfe, Handspiele oder Abseits schon schwer zu bewerten. Die Schiedsrichterteams sind aber hierin hervorragend geschult - sie beherrschen das so gut wie im Vergleich der Spieler den zentimetergenauen Pass oder das Timing beim Kopfball. Dass dabei Fehler passieren, die dann gravierende Folgen haben können, auch das eint Schiris wie Fußballer.

Beim Videobeweis kommt jetzt eine neue Ebene dazu: die Zerlegung von Szenen in Zeitlupenbilder, und dies auch noch aus verschiedenen Perspektiven. Jeder kennt es aus dem Fernsehen, dass Zweikämpfe aus einem Kamera-Blickwinkel wie klare Fouls aussehen, aus einer anderen schon nicht mehr so eindeutig und aus der dritten wie ein regelkonformer Einsatz. So war es auch ein bisschen beim strittigen Rempel-Duell zwischen Caligiuri und Wendt im Schalke-Spiel, das Borussia nach Videobeweis den unzweifelhaft gerechtfertigten Elfmeter kostete. In der Regel wird der Schiri dann, sofern er einen guten Blick auf die Szene hatte, in der Echtzeit die bessere Entscheidung treffen, weil er da die Dynamik, die Geschwindigkeit, die Vehemenz des Einsatzes besser beurteilen kann als in der Slow-Motion. 
In Zeitlupe, das zeigen ja die Erfahrungen bisheriger Videobeweisentscheidungen, lassen sich schlecht sichtbare Fouls, zum Beispiel das "auf den Fuß treten" beim Versuch, den Ball zu erreichen, ziemlich gut herausarbeiten. Ob aber ein kleiner Stoß in den Rücken wirklich ausschlaggebend dafür ist, dass ein Gegenspieler ins Straucheln gerät oder fällt, lässt sich in der verlangsamten Ansicht nicht viel besser beurteilen als in Normalgeschwindigkeit.

Was ist also der Weg aus dem Dilemma?

Eine Ideallösung ist nicht aus dem Hut zu zaubern. Es geht aus meiner Sicht nicht ohne eine klare Abgrenzung, wann der Videobeweis zum Einsatz kommen soll und wann nicht. Und diese muss deutlich enger gefasst werden als jetzt. Es kann nicht sein, dass in einem Stadion mal Szenen bis zu 30 Sekunden vor einem Torerfolg überprüft werden und andernorts nicht. Dass der Schiri mal selbst einen Blick darauf wirft und dann wieder nicht. Das mag bei Abseitsentscheidungen in Ordnung sein, nicht aber bei kniffligen Foul-oder-nicht-Szenen. Auf die Probleme, die das für den Referee und sein Team auf dem Feld mit sich bringt, komme ich später nochmal zurück.

Wir müssen uns darüber klar sein, dass sich komplette Gerechtigkeit auch mit diesem Instrument nicht herstellen lässt. Das bedeutet, man sollte sich im Interesse des Sports beschränken. Eine Möglichkeit wäre, nur noch Strafraumszenen (also Elfmeter, Handspiel - oder Offensivfoul bei Torerfolg) zu prüfen. Dazu noch die Frage, ob ein Foul-/Handspiels im oder außerhalb des Strafraums erfolgt ist und (auch außerhalb der Strafräume) natürlich Abseits bei folgendem Torerfolg und mögliche Tätlichkeiten. 
Das verhindert dann leider noch nicht andere möglicherweise spielentscheidende Fehlurteile, also etwa das Foul im Mittelfeld an einem ballführenden Spieler, aus dessen Ballverlust ein Gegentor folgt. Oder Gelbe Karten für Foulspiele außerhalb der Strafräume, die zu Platzverweisen führen würden - zum Beispiel die beiden nahezu identischen Ellenbogenschläge von Leverkusens Havertz gegen Ginter im DFB-Pokal. Bei einer Überprüfung durch Videobeweis hätten sie zwingend auch zweimal mit der gleichen Strafe, zwei Verwarnungen, belegt werden und zum Platzverweis führen müssen. Doch der Videobeweis gilt bekanntlich im Pokal erst ab dem Viertelfinale, was nebenbei gesagt eine völlig absurde Ungleichberechtigung ist.

Die Beschränkung auf einen einheitlichen Katalog von Entscheidungen, die im Ernstfall überprüft werden, könnte helfen, die Akzeptanz der Entscheidungen bei allen Beteiligten deutlich zu stärken. Da ich auch gern mal live oder im TV Eishockey schaue, kenne ich das Mittel des Videobeweises schon viel länger als er jetzt im Fußball gilt. Dort wird er ausschließlich zu Ermittlung Tor/kein Tor beziehungsweise zur Frage "regulär erzieltes Tor oder nicht" (Spieler im Torraum, Behinderung des Torwarts, Schlittschuhtor o.ä) eingesetzt. Die Akzeptanz im Publikum und bei Spielern und Trainern habe ich dort immer als sehr groß empfunden. Wenn der Schiri sich hier die Bilder selbst angesehen hatte und entschieden hatte, konnte man sich darauf verlassen, dass die Entscheidung auch ok ist.

Ich glaube, Rainer Calmund war es, der den Vorschlag gemacht hatte, dass die Videoassistenten besser fest zum Schiriteam im Stadion gehören sollten und auch im Stadion selbst sitzen sollten. Das klingt für mich sehr vernünftig. Denn wenn man überlegt, dass die Dreierteams aus Schiedsrichter und Assistenten an der Seitenlinie meist über Jahre eingespielte und gut interagierende feste Teams sind,  dann kann der ständig wechselnde, in Köln sitzende Hauptschiedsrichterkollege kaum ein Teil dieses eingespielten Teams sein. 
Ein weiteres Problem: Der Schiri und der am Videoschirm sind zwar Kollegen mit ähnlicher Erfahrung, aber auch Konkurrenten - etwa um Einsätze in der Bundesliga oder internationale Berufungen. Und wie wir wissen, sind sich Teile der Eliteschiedsrichter in Deutschland untereinander auch keineswegs grün. Ob das zu den schon beobachteten seltsamen Entscheidungen in dieser Saison beigetragen hat, kann ich nicht beurteilen. 
Es könnten aber solche Einflüsse eine Rolle spielen - egal ob das Motiv des Videoschiris nun ist, dass er seine Rolle besonders gut ausfüllen will oder ob er einfach eine andere Art der Spielleitung bevorzugt und an die Szenen eine etwas andere Bewertungsmaßstab anlegt. Wir wissen doch alle, dass manche Schiris gern viel laufen lassen, andere viel wegpfeifen. Ich stelle es mir für erfahrene Buli-Schiedrichter schwer vor, das am Videoschirm ganz auszublenden und sich voll auf den Stil des Kollegen im Stadion umzustellen.
Ich könnte mir vorstellen, dass es wirklich sinnvoll wäre, Videoassistenten speziell auszubilden und gemeinsam mit dem Gespann zu schulen und einzusetzen statt wie jetzt in Köln jede Woche andere noch pfeifende oder "im Ruhestand" befindliche Bundesliga-Kollegen zuzuordnen. Das gäbe den Teams die Chance, sich gut aufeinander einzuspielen und eine einheitliche Linie zu finden, die den Spielen zugute käme. Dann würde es von Spiel zu Spiel natürlich weiterhin unterschiedliche Regelauslegungen von den unterschiedlichen Schiedsrichterteams geben - aber eben nicht mehr so sehr innerhalb eines Spiels.

Auch wenn ich mich schon oft geärgert habe: Es ist spannend, die Entwicklung des Videoassistenten in der Bundesliga zu beobachten. Ich kann die Ungerechtigkeiten, die daraus entstanden sind und noch entstehen, nicht gut ertragen. Aber ich denke, dass es ein Mittel ist, viele Fehlentscheidungen zu vermeiden - wenn man sich auf das beschränkt, was vergleichbar ist und die Willkürlichkeiten der Hinrunde abgestellt werden.
Was der Videobeweis und der VAR im Nacken des Stadionschiedrichters allerdings langfristig mit dem Spiel und der Art zu pfeifen macht, steht auf einem anderen Blatt Papier. Darüber lässt sich nach 17 Spieltagen nur spekulieren. Ich erwarte schon, dass sich Schiris im Stadion mit der Instanz im Hintergrund einerseits sicherer fühlen, weil sie ihre Entscheidung im Zweifel revidieren können, falls sie doch falsch war. Andererseits ist ein Schiri auch leicht unter Druck, das Hilfsmittel nutzen zu müssen, vor allem, falls sich sonst herausstellt, dass er falsch lag. Das kann einen Unparteiischen auch zusätzlich unter Druck setzen oder in einem sehr umstritten geführten Spiel auch noch unsicherer machen. Spannend wird auch zu beobachten, wie sich die Neuerung langfristig auf daa Abseitswinken des Assistenten an der Seite auswirkt. Grundsätzlich wäre es im Sinn des Spiels, bei engen Abseitsentscheidungen lieber öfter mal die Fahne untenzulassen, weil dies bei Torerfolg ja nochmal überprüfbar wäre. Wird das Spiel dagegen fälschlicherweise unterbrochen, ist der Angriff natürlich nicht mehr zu wiederholen. Für mich ergab sich dieser Eindruck allerdings bisher noch nicht - was auch weiterhin zu verschiedenen zu Unrecht weggewunkenen Angriffen (nicht nur des VfL) geführt hat.

Nun gut. Ich bin gespannt, ob der DFB und die Schiedsrichter aus den durchwachsenen Erfahrungen mit dem VAR in der Hinrunde lernen und ob sie es schaffen, das Instrument künftig so eng umgrenzt wie möglich einzusetzen - vor allem aber so, dass man nicht den Eindruck hat, dass die einen Ungerechtigkeiten und Fehlentscheidungen aus der Vergangenheit nun nur durch andere ersetzt werden. Dann hätte der Videobeweis in der Tat bald ausgedient. Und dann wäre es auch nicht schade um ihn. 
Wer weiß, vielleicht könnten wir mit dieser Erfahrung auch die fehleranfällige, weil menschliche Instanz, die Tatsachenentscheidung des Schiris auf dem Platz, auch wieder mehr würdigen als wir es heute tun. Denn in der Regel machen die Unparteiischen während eines Spiels doch immer noch weniger Fehler als jeder Spieler auf dem Platz. Das vergisst man ja schnell im Eifer des Gefechts - und davon nehme ich mich ausdürcklich nicht aus.

Donnerstag, 21. Dezember 2017

Borussia vs. eine Zwölf und die Chefschwalbe

Wenn man es neutral betrachten wollte, könnte man sagen, dass Bayer Leverkusen heute als das cleverere und effizientere Team nicht unverdient weitergekommen ist. Die Gäste nutzten eine ihrer wenigen Topchancen, Gladbach wieder einmal nicht. Und somit muss man eine solche Niederlage schlucken und vor allem der eigenen Mansnchaft ankreiden - weil sie es nicht fertiggebracht hat, ein oder mehr Tore zu erzielen - was nunmal Voraussetzung für einen Sieg im Fußball ist.

Aber so rational will ich heute nicht denken. Weil Borussia aus meiner Sicht ein tadelloses Spiel abgeliefert hat, mit einer Not-Elf, die über sich hinausgewachsen ist. Die mental und körperlich alles reingeworfen hat, was in dieser Situation kurz vor der Winterpause noch drin war. Grandios unterstützt von echten Fans, die ebenfalls alles gegeben haben, obwohl sie von den fanfeindlichen Spielansetzern vom DFB zum zweiten Mal in dieser Pokalsaison zu dieser unsinnig frühen Anstoßzeit ins Stadion gehetzt wurden. Das ist für sich schon ein Unding - der verspätete Anpfiff war logisch für jeden, der die Verkehrssituation rund um Mönchengladbach kennt. Und natürlich kostet so ein Irrsinn mehrere tausend Zuschauer, die es eben nicht rechtzeitig in den Park schaffen können.

So leicht abhaken will ich das Spiel außerdem nicht, weil Borussia mutmaßlich und sehenden Auges um ein besseres Ende der Partie gebracht wurde - vom zwölften Mann der Gäste.
Ich weiß, ich schimpfe auch so schon oft über Schiedsrichter. Aber was sich Manuel Gräfe heute über weite Strecken der Partie geleistet hat, kann man kaum anders bezeichnen als Parteinahme für den Pillenclub. Mehrere übersehene gravierende Foulspiele gegen Gladbach sind das eine, etwa gegen Zakaria kurz vor dem Bayer-Strafraum in der Anfangsphase. Deutlich zu wenige Gelbe Karten gegen unsportlich auftretende Spieler wie Kohr, Retsos, Baumgartlinger oder den ewig lamentierenden und provozierenden Volland (aber auch gegen Stindl und Herrmann) gehören ebenfalls zu dem schwachen Bild, das das Referee heute abgab. Und natürlich wie das inkonsequente (Nicht-)Verhalten bei verschiedenen Provokationen der Chemietruppe und die lächerliche Nachspielzeit von einer Minute in der ersten Hälfte, in der allein der zweimal niedergestreckte Ginter schon drei Minuten auf dem Rasen behandelt wurde.
Aber dass Gräfe den Ellbogenchecker Havertz nicht nach dessen zweiter Attacke gegen Ginter vorzeitig zum Duschen geschickt hat, ist aus meiner Sicht durch gar nichts zu rechtfertigen. Es fehlen mir da einfach die Worte für die Wut, die ich über solche Ungerechtigkeiten verspüre. Beide Male hatte Gräfe gute Sicht auf die Szene. Beim ersten Mal zieht er völlig korrekt Gelb, beim zweiten Mal schont er den Spieler. Und das, obwohl er beide Szenen nach dem Spiel nicht einmal mehr auseinanderhalten können würde, so identisch waren sie.

Das, meine lieben Herren vom Fußballverband und der Schiedsrichterzunft, ist eine skandalöse Entscheidung, die das ganze Blabla von "Fair geht vor" und anderen ähnlich leeren Funktionärs-Phrasen ad absurdum führt. Havertz geht in beiden Szenen nicht mit dem Rücken zum Gegenspieler und mit den Armen seitlich in den Zweikampf, sondern mit einem Ellenbogen voran. Damit nimmt er in Kauf, dass er den anderen Spieler schwer verletzt, ob er das nun beabsichtigt oder nicht. Ich bekomme jetzt noch einen dicken Hals, wenn ich daran denke, dass Gräfe den gegnerischen Trainer quasi auch noch belohnt, indem er ihn in die Lage versetzt, mit elf Spielern weiterzuspielen. Denn natürlich wurde Havertz zur Halbzeit ausgewechselt. Klar, es ist nicht gesagt, dass der VfL das Spiel in Überzahl gewonnen hätte. Doch die Chancen hätten gut gestanden, zumal bei der Gladbacher Überlegenheit über weite Strecken der Partie. 

Ganz ehrlich: Ich habe es satt, dass mein VfL immer wieder - auch mithilfe solcher Entscheidungen - auf diese Art und Weise aus Pokalwettbewerben gekickt wird. Es kotzt mich an, dass wir am Ende immer wieder als die Blöden dastehen. 
Aufheitern kann mich da auch nicht die schon ungewollt komische, auf jeden Fall aber peinliche Schwalbeneinlage von Bayer-Trainer Heiko Herrlich. Im Gegenteil. Ich habe trotz seiner blöden Wechselgeschichte damals nichts gegen den früheren Gladbach-Stürmer, anders als manche Fans, die ihm das nie verziehen haben. Dass er sich anschließend für die Aktion entschuldigt hat, spricht aber nur vordergründig für ihn. Es war grob unsportliches Verhalten, mit dem Ziel, einen schnellen Einwurf von Gladbach zu verhindern und eine Strafe gegen Zakaria zu provozieren. Punkt. 
Sich nach dem Sieg dann für seine "ehrlichen Worte" feiern zu lassen, ist genauso heuchlerisch wie das Verhalten des Spielers Naldo, der nach dem Schalke-Spiel Kritik an der zurückgenommenen Elfmeterentscheidung übte, von der er persönlich und sein Team enorm profitiert hatten - obwohl er einer derer war, die zuvor vehement den Schiri bestürmt hatten, um die strittige Szene vor dem Elfmeterfoul durch den Videoschiri überprüfen zu lassen. Das passt einfach nicht zusammen.

Aber, auch das habe ich schon angedeutet: Ich will mir von so etwas heute nicht den guten Eindruck kaputtmachen lassen, den die Mannschaft (und die Borussia-Familie) heute zum Ausklang des Jahres hinterlassen hat. Natürlich konnte Mickael Cuisance auf der Raffael-Position heute den Maestro und seine unglaubliche Kaltschnäuzigkeit im Zweikampfverhalten nicht wettmachen. Der Junge kann so viele tolle Dinge - heute hat er in manchen Szenen einfach zu viel und zu stark mit dem Kopf durch die Wand gewollt. Aber daraus lernt er, genauso wie Reece Oxford, dem der unglückliche Ballverlust vor dem Gegentor unterlief. Die beiden haben heute, wie der bärenstarke Denis Zakaria, erneut bewiesen, was für eine tolle Arbeit bei Borussia gemacht wird, wenn es darum geht, immer wieder entstehende Lücken mit hervorragenden Talenten zu schließen. Das gelingt nicht immer auf einem so hohen Niveau (oder der nötigen Prise Glück) wie es heute notwendig gewesen wäre. Aber es gelingt schon erstaunlich gut.
Der VfL stellte sich heute vor dem Tor mit dem Bayer-Kreuz insgesamt etwas unglücklich an, ob nun Thorgan Hazard oder der vom Torschusspech verfolgte Patrick Herrmann. Beide machten dennoch ein richtig gutes Spiel, wie ihre Kollegen, von Sommer über Wendt, Ginter, das Schlachtross Vestergaard, Nico Elvedi, der sichtlich auf die Zähne gebisen hat, um spielfähig zu sein - und natürlich das "Phantom" Stindl, das für Gegenspieler meist nicht zu greifen ist und die Bälle aus jeder noch so ausweglosen Situation noch zum Mitspieler weiterleiten kann. Ja, das letzte Quäntchen hat heute gefehlt, um die Gäste dann auch verdient zu bezwingen. Doch die Hecking-Elf hat aufopferungsvoll gekämpft, unheimlich viele Bälle erobert, Leverkusens hervorragende Offensive gut kontrolliert, stabil gestanden und selbst gut nach vorne gespielt. Das ist angesichts der personellen letzten Rille, auf der die Mannschaft fährt, erstaunlich. 

Deshalb können wir mit erhobenem Haupt aus der Pokalsaison und in die Winterpause gehen. Hilft ja nix, es geht im DFB-Pokal ohne uns weiter, ob wir nun hadern oder nicht. Jetzt heißt es Krönchen richten, aufstehen, die kurze Pause nutzen und zum Rückrundenauftakt in K*** wieder angreifen. Die Mannschaft hat sich in der Bundesliga eine gute Ausgangsposition geschaffen. Die gilt es 2018 zu nutzen. Und wie wir in der Hinrunde gesehen haben, ist Gladbach konkurrenzfähig - egal, wer auf dem Platz steht. Das ist auch kein schlechtes Gefühl. Auch wenn es heute nur mäßig tröstet.

DFB-Pokal 2017/18, Achtelfinale: Borussia Mönchengladbach - Bayer Leverkusen 0:1

Samstag, 16. Dezember 2017

Mit starkem Oxford-Akzent

Geschafft! Die Hinrunden-Achterbahn ist überstanden - und das mit einem sehr anständigen Ergebnis. 28 Punkte, in Reichweite der Champions-League-Plätze und das mit einer Gegentorquote, die eher der eines Abstiegskandidaten entspricht. 
Aber es war ja fast klar, dass auch das letzte Spiel der Hinrunde das Auf und Ab des Saisonverlaufs nachspielen würde. Unter dem Strich stand dementsprechend ein verdienter Sieg, der die durchaus vorhandenen Schwächen ganz gut übertünchte -und der leicht auch zur Niederlage hätte werden können.

Zuerst das, was mich gestört hat:

Dass nach der frühen Führung trotz bester Torchancen wieder nicht nachgelegt wurde.
Das ist mittlerweile nur noch schwer zu ertragen.

Dass die passive Phase nach der Pause den absehbaren Ausgleich mit sich brachte (natürlich durch Ex-Gladbacher André Hahn) und damit das Spiel zu kippen drohte.

Dass es im Stadion zeitweise so unruhig wurde.
Ich kann die Verzweiflung verstehen, die man auf den Rängen und vor dem Fernseher spürt, wenn man genau sieht, wo ein vielversprechender schneller Ball in die Offensive gespielt werden könnte, stattdessen aber die sichere Variante nach hinten gewählt wird. Und das über mehrere Minuen immer wieder. Aber ehrlich: Die Mannschaft, die heute auf dem Platz stand, hatte keine Kritik verdient. Sie hat aus der Gesamtsituation (Verletzungen, Verunsicherung über die eigenen wechselhaften Auftritte, das erste Mal in dieser Formation auf dem Platz) das Beste gemacht.
Dass der VfL uns verzaubern kann, hat man auch heute wieder in vielen Szenen gesehen. Aber man darf sich davon nicht blenden lassen. Die Mannschaft, und vor allem die Spieler, die durch die Verletzungsmisere in die erste Elf gerutscht sind, ist noch auf der Suche nach der Balance und der Konstanz in ihren Leistungen. 
Manchmal sollte man da auch als Fan einen Schritt zurücktreten und mit etwas Abstand und einer Prise Großzügigkeit betrachten, was die Jungs unter diesen Voraussetzungen leisten. Das soll nicht heißen, dass ich es nicht kritisch sehe, wie schlecht manche Situationen gelöst werden oder wie schwach viele lange Bälle von Yann Sommer im Moment sind. Denn wenn ich viel hintenrum spiele und dann öfter einen langen Ball einstreue, dann sollte auch ab und zu mal einer beim Mitspieler ankommen.

Dass sich die Mannschaft immer wieder ohne Not in die Enge treiben lässt. Das hängt sicher mit dem vorherigen Punkt zusammen, aber es ist hochgefährlich. Wenn vorne die Tore nicht fallen und hinten leichtfertig zugelassen wird, dass sich ein Gegner an den tiefstehenden Borussen langsam aufbaut und dann - viel zu einfach - zu Toren kommt. Das muss abgestellt werden, will der VfL auch am Ende der Saison noch in diesen Tabellenregionen stehen, wo er jetzt ist. 

Dass sich drei Tage nach Freiburg offensichtlich die Video-Schirivorgaben schon wieder verändert haben. 
Denn sonst hätte es noch vor dem 1:0 einen verspäteten Elfmeterpfiff geben müssen. Nach Oxfords Lattentreffer war Vestergaard klar am Ball, bevor er von drei Hamburgern regelwidrig abgeräumt wurde. Die fällige Intervention aus Köln blieb allerdings aus.

Dass einseitige Schiedsrichterleistungen zur Serie werden. Schiedsrichter Markus Schmidt veränderte zum Glück nicht den Spielausgang mit seinen mitunter nicht mehr nachvollziehbaren Foulpfiffen gegen Borussia. Zweifel an der Wahrnehmung eines Schiris kann man schon bekommen, wenn dieser ein völlig reguläres Tackling wie das von Cuisance in der ersten Halbzeit als Foul bewertet, wo der junge Franzose den Ball doch - ohne Körperkontakt - einen halben Meter vor dem Gegner wegspitzelt. Auffälliger aber war sein Umgehen mit verwarnungswürdigen Fouls beim Gegner. Viermal hätte er gegen Hamburger deswegen Gelb ziehen müssen. Er tat es nicht. Die drei Verwarnungen, die er stattdessen gab, waren dafür umso kurioser: Für das Spielen des Balles mit einer Trinkflasche in der Hand (korrekt), für den Torwart einem kleinen Gerangel nach dem 3:1, bei dem auch Hazard provoziert hatte (übertrieben) und für ein Foulspiel, das er nicht gepfiffen hatte (unverständlich). Es war die Szene, wo Ekdal Oxford wohl unabsichtlich, aber heftig auf das Sprunggelenk trat, Schmidt nicht unterbrach und erst nach der Behandlungspause plötzlich die Karte zog (Hinweis aus Köln? Wäre auch wieder nicht angemessen). Das Spiel aber ging mit einem Einwurf für den HSV weiter, Schmidt hatte also das Foul auch nicht nachträglich mit einem Freistoß für Gladbach geahndet. Sehr seltsam. 

Doch kommen wir zum Positiven.

Ich bin sehr stolz darauf, wie sich die Mannschaft nur drei Tage nach der Pleite in Freiburg heute präsentiert und wie sie sich auch aus der schwierigen Wackelphase nach der Halbzeit wieder befreit hat. Wie einfach sie es den nachrückenden jungen Spielern macht, sich nahtlos in das Team einzufügen. Das galt am Anfang der Saison für Zakaria und Cuisance, heute genauso für Reece Oxford, der auf einer überraschenden Position als Sechser neben dem kaum erfahreneren Mickael Cuisance ein ganz hervorragendes Spiel ablieferte - auch weil ihm die anderen mit viel Einsatz super halfen. Oxford eroberte Bälle, spielte kraftvolle, sichere und intelligente Pässe, stand stabil in Kopfballduellen und hätte um ein Haar sogar sein erstes Bundesligator erzielt. Er fühlte sich in der zentralen Rolle sichtlich wohler als auf der rechten Seite, die er in Freiburg übernehmen musste. Doch auch da machte er es schon sehr passabel. Was für gute Anlagen der Junge hat, war aber erst gegen den HSV richtig zu sehen. Und so spielte Gladbach heute - das Wortspiel können wir uns ruhig mal erlauben - nicht perfekt, aber mit starkem Oxford-Akzent.

Mich freut, dass sich Raffael und Thorgan Hazard von den zuletzt bescheideneren Auftritten gut erholt zeigten, auch wenn man konstatieren muss, dass sie die einfachen Gelegenheiten viel zu oft verschenken und wie heute die komplizierten Bälle reinschießen - das aber dann mit Klasse. Längst nicht so auffällig, aber mindestens genauso wichtig, war daneben heute wieder einmal Lars Stindl, der als giftiger Forechecker, Balleroberer, Verbindungsspieler und Passgeber das Gladbacher Spiel zwischen den Strafräumen prägt.
Auch Patrick Herrmanns Rückkehr brachte Belebung, ebenso wie Elvedi über rechts, der hoffentlich (nach seinem Pferdekuss heute) bis zum Leverkusenspiel wieder fit wird. Cuisance gefiel mit seinem frechen Spiel, das mitunter noch einige Spuren zu risikofreudig ist. Und er hat einfach eine fantastische Ballbehandlung, wie man nicht nur bei seinem Pfostenschuss sah. Die Abwehr stand bis auf wenige Minuten deutlich sicherer als gegen Freiburg, Wendt steigert sich von Spiel zu Spiel und auch Ginter und Vestergaard gewinnen zunehmend an Profil und räumen konsequent hinten auf.

Es sind also alle Voraussetzungen da, um die Saison erfolgreich zu gestalten: Ein ausgewogener Kader, der selbst diese unglaubliche Verletzungsseuche anständig auffängt und der Ergebnisse abliefert. Klar, mit mehr Cleverness wäre auch noch mehr drin gewesen in dieser Halbserie. Aber das wäre dann in der Tat auch etwas vermessen, denn viele Spiele, die Borussia siegreich gestalten konnte, waren eben auch nur phasenweise gut. Dieter Hecking hat sicher recht damit, dass er vor überzogenen Erwartungen warnt. Der Zeitpunkt nach der Freiburg-Enttäuschung war allerdings wohl nicht der richtige, um dies anzusprechen. Doch davon sollten wir uns nicht auseinanderdividieren lassen.

Es gilt jetzt noch einmal für alle auf die Zähne zu beißen und sich trotz der angespannten personellen Lage den Weg ins Viertelfinale des DFB-Pokals freizuschießen. Dazu braucht es wieder einmal die unbeugsame positive Energie von allen im Stadion. Ich kann leider nicht da sein, aber ich wünsche mir, dass der Borussia Park von der ersten bis zur letzten Minute ohne Murren und Zweifeln hinter der Fohlenelf steht, vor allem hinter solch feinen Jungs wie Oxford, Cuisance oder Zakaria. Also, Borussen: Noch einmal alles geben bis zum Schlusspfiff! Erst danach dürfen wir uns ein paar Tage erholen, von einer grandios stressigen ersten Saisonhälfte. Nur der VfL!   

Bundesliga, Saison 2017/18, 17. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - Hamburger SV 3:1 (Tore für Borussia: 1:0 Hazard, 2:1 Raffael, 3:1 Raffael)

Dienstag, 12. Dezember 2017

Schwarzwälder Fohlenlähmung

Wer mich und mein Blog etwas kennt, weiß, dass ich nicht vorschnell auf die Mannschaft einschlage. Aber das, was ich mir heute Abend anschauen musste, war sicherlich die schlechteste Leistung einer Borussen-Elf seit der letzten Abstiegssaison. Das war vor mehr als 10 Jahren. 
Von Position eins bis elf gab es heute nur Totalausfälle. Von einem Yann Sommer, der zwar einige Male noch Schlimmeres verhinderte, aber gefühlt keinen langen Ball zum eigenen Mann brachte bis zu einem Thorgan Hazard, der uninspiriert und arrogant über den Platz stolzierte, wie ich es von ihm noch nie gesehen habe. Es schien so, als ob die Mannschaft vor dem Anpfiff noch gemeinsam einen Eimer Baldrian geschlürft hatte. Fünf bissige Minuten mit gutem Forechecking zu Beginn, danach nichts mehr, was in irgendeiner Weise an eine Bundesligamannschaft erinnerte, die zu diesem Zeitpunkt auf einem Champions-League-Qualiplatz stand. Drei offensive Einwechslungen, die verpufften. Eine Halbzeitpause, die keine erfrischende Wirkung zeigte - im Gegenteil. Direkt nach Wiederanpfiff hätten die Breisgauer unser Team richtig abschießen können. Das ist schlicht unbegreiflich.

Natürlich, es war wieder Freiburg mit dieser traditionell fohlenlähmenden Schwarzwaldluft, die seit inzwischen fast 30 Jahren für fortlaufend unerfreuliche Ausflüge unseres treuen Anhangs sorgt. Aber das heute war noch mehr (oder weniger) als die Fortsetzung einer holprigen Vorstellung bei einem Angstgegner. Das heute war ein Offenbarungseid. 
Es hatte auch nichts damit zu tun, dass die Mannschaft sich verletzungsbedingt von selbst aufstellte oder dass der sichtlich noch nicht für die Startelf bereite Josip Drmic für Raffael begann. Es war eine kollektive Auszeit, ein Lehrbuch-Beispiel für Zweikampfschwäche und dem Gegner hilflos hinterherlaufen.

Nicht mal über das Tor des Tages lohnt es sich groß zu reden. Es ist zwar nach wie vor albern, dass es für so einen zufälligen Kontakt die gleiche Strafe gibt wie für eine Blutgrätsche im Strafraum, aber die Regel ist eben so. Dass es mehr als eine Minute braucht, bis der Elfmeterpfiff nachgeholt wird, gehört zu dem Irrsinn, der sich mittlerweile rund um den Videobeweis entwickelt hat. Zum Drehbuch hätte heute aber eher gepasst, dass Gladbach ein Tor schießt, das nicht zählt, weil es auf der anderen Seite Elfmeter geben muss. Den Shitstorm hätte ich dem DFB mal gegönnt. Aber nicht einmal diese Gefahr bestand heute.

Der VfL ließ heute nicht einmal in der Schlussphase erkennen, dass ihm bewusst war, dass man Tore schießen muss, um ein Spiel zu gewinnen. Wie anders ist es zu erklären, dass man sich trotz des frühen Rückstands bis zur 85. Minute stoisch die Bälle in der eigenen Hälfte hin und herschob und jeglichen Esprit nach vorne hin vermissen ließ? Leute - der Gegner hieß nicht Dortmund, Bayern oder Barcelona - das war der SC Freiburg, der auch heute defensiv keineswegs sattelfest war. Dem es aber ausreichte, die Gladbacher Defensive halbwegs clever anzulaufen, damit diese jeglichen Spielfluss nach vorne verstolperte und den Ball lieber zum Torwart zurückpasste, der ihn dann mit Vorliebe ins Seitenaus prügelte. Ok, ich übertreibe. Aber ich bin auch wirklich sauer über das, was sich die Hecking-Truppe da heute geleistet hat.

Zum Gesamteindruck passt, dass sich Denis Zakaria nun auch noch die 5. Gelbe Karte abholte, die natürlich nicht zwingend verhänt werden musste - was sich aber dadurch ausglich, dass Schiri Aytekin sowohl ein übles Frustfoul von Chris Kramer (der vor der Auswechslung erneut angeknockt wirkte) ungeahndet ließ wie Zakarias Rempler in der Schlussphase, der genausogut Gelb-Rot hätte bedeuten können.

In drei Tagen steht voraussichtlich eine noch gerupftere Borussen-Elf schon wieder gegen den HSV auf dem Platz und in der Pflicht, sich zu rehabilitieren. Da kann es einem schon ein bisschen mulmig werden. Denn aus der prima Ausgangslage nach dem Bayern-Sieg kann innerhalb von zwei Wochen auch leicht ordentlich Zunder unterm Weihnachtsbaum werden, wenn Stindl und Co. den Hamburgern nicht viel entschlossener die Stirn bieten und sich am Ende vielleicht auch noch im Pokal verabschieden müssen. Ich hoffe, ich sehe das zu schwarz. Aber sicher bin ich nicht. Dafür war die Leistung heute zu erschreckend.



Bundesliga, Saison 2017/18, 16. Spieltag: SC Freiburg - Borussia Mönchengladbach 1:0

Sonntag, 10. Dezember 2017

Video killed the Borussia star

Das Wichtigste zuerst: Ein Punkt gegen Schalke ist grundsätzlich nichts Schlechtes. Natürlich war mehr drin, Borussia hatte es über die gesamte Spielzeit in der eigenen Hand, die Gäste mit einer Niederlage, oder sogar mit einer Packung nach Hause zu schicken. Dass es nicht dazu kam, lag in allererster Linie an dem aus dieser Saison schon gut bekannten zu schlampigen Umgehen mit guten Torchancen - und an der Unfähigkeit, aus hervorragend bis zum gegnerischen Strafraum kombinierten Angriffen in der Box etwas Zählbares zu machen. Selbstverständlich hätte auch die Tedesco-Truppe ihre Chancen besser nutzen können, dann stünden Stindl und Co. heute genauso bedröppelt da wie vor einer Woche bei der VW-Betriebssportmannschaft. Aber das Gladbach dieses Spiel gewinnt, wäre nach dem Spielverlauf die deutlich wahrscheinlichere Variante gewesen. Wenn, ja wenn...

Denn leider kann ich mich heute nicht angemessen über eine über weite Strecken wirklich sehenswerte Leistung des VfL freuen, der Schalke eigentlich über 75 Minuten sicher im Griff hatte und schon zur Halbzeit eine Vorentscheidung geschafft haben musste (bei allen Comeback-Qualitäten des Gegners). 
Doch das Spiel nahm heute vor der Pause eine Wendung, nach der ich nicht einfach zur Tagesordnung übergehen kann. Ich beobachte den Videobeweis seit seiner Einführung sehr genau. Es ha mich schon oft gejuckt, dazu etwas Grundsätzliches zu schreiben. Ich habe es mir bis jetzt verkniffen. Und obwohl ich ein Gegner der Einführung dieses Hilfsmittels war - weil er absehbar nicht für eine Gleichbehandlung sorgen kann, egal, wie man ihn auslegt -, sehe ich, dass er bereits geholfen hat, viele Fehlentscheidungen zu revidieren. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille.

Wir alle haben in dieser Bundesliga-Hinrunde auch schon zur Genüge vorgeführt bekommen, wie selbst professionell ausgebildete Schiedsrichter durch strittige Entscheidungen oder Nichtentscheidungen für Chaos und noch mehr Ärger bei Fans und Akteuren gesorgt haben als ohne das Videoauge aus Köln. 
Heute hat die Einflussnahme aus der verbotenen Stadt definitiv dem Spiel eine grundlegend andere Wendung gegeben. Mit einer wieder neuen Definition seiner Kompetenzen und seines Aufgabenbereichs. Und das führt das Videoassistenten-System letztlich völlig ad absurdum.

Zur Erklärung: Gladbach bekommt beim Stand von 1:0 ein Tor wegen Abseits weggepfiffen. Die Abseitsstellung des Torschützen Stindl ist (wie schon vor einer Woche bei Hazard in Wolfsburg) eine Millimeterentscheidung, die der Assistent an der Seite gleichwohl anzeigt. Darüber kann man sich ärgern. Doch absurd wird es, wenn während des weiteren Spielverlaufs bekannt wird, dass das Tor wegen einer anderen, früheren Abseitsstellung nicht anerkannt worden sein soll. Lars Stindl hat schon früher im Abseits gestanden - was dem Mann an der Seite verborgen geblieben ist. Danach ging der Gladbacher Spielzug aber weiter, mit drei Ballkontakten von anderen Gladbacher Spielern inklusive Lattenschuss von Grifo, bevor Stindl zum vermeintlichen 2:0 abschloss. 
Wie absurd diese nachträgliche Auslegung ist, zeigt ein fiktives Beispiel, bei dem eine vorherige Abseitsstellung keine Rolle spielen würde: Ein Stürmer steht bei einem langen Konterball im strafbaren Abseits. Er nimmt den Ball, den er selbst erreichen könnte, aber nicht an, sondern überlässt ihn einem Mitspieler, der bei Ballabgabe nicht im Abseits stand. Dieser bedient den ersten Stürmer dann wiederum mit einem Pass und der Stürmer schießt das Tor. In diesem Fall wäre es ein korrekt erzieltes Tor, weil laut Schiridefinition durch den Ballkontakt des Mitspielers eine neue Spielsituation entstanden ist. 
Bei Stindl aber wird abgepfiffen, weil es angeblich die gleiche Angriffsaktion sei, obwohl mehrere eigene Mitspieler dazwischen den Ball bekommen haben. Oder setzen wir noch einen drauf: Was wäre gewesen, wenn Grifos Schuss nicht an die Latte, sondern ins Tor gegangen wäre? Ich glaube kaum, dass dann jemand die Notwendigkeit gesehen hätte, nach einer möglichen früheren Abseitsstellung zu suchen. 
Der Freistoß für Schalke wurde nach meiner Erinnerung dann übrigens auf der Höhe ausgeführt, wo Stindl das zweite Mal abseits gestanden haben soll - kurz vor dem Tor. Mag sich jeder seinen Teil denken.

Noch absurder wird es aber beim zweiten Videobeweis: Oscar Wendt geht gegen Caligiuri an der Schalker Auslinie in den Zweikampf, er gewinnt den Ball gegen den fallenden und auf Freistoß hoffenden Gegner. Auch hier ist anschließend mindestens noch ein weiterer Gladbacher am Ball, bis dieser im Strafraum zu Stindl kommt und der von Naldo elfmeterreif gefoult wird. Schiedsrichter Stegemann gibt Elfmeter und wird aus Köln auf die Szene mit Wendt angesetzt, die er zuvor aktiv und völlig korrekt mit einer Geste "weiterspielen" bewertet hat. Das Ende vom Lied: Stegemann schaut sich nochmal die drei Zeitlupen an, gibt Freistoß für Schalke und nimmt den Elfmeter und die gelbe Karte für den foulenden Naldo zurück. 

Das ist zwar nicht die erste unglückliche Aktion im Zusammenspiel des Schiris auf dem Platz und dem Assistenten in Köln. Es ist in seiner (Un-)Logik aber das sichtbare Ende des Schiedsrichters, wie wir ihn seit Jahrzehnten kennen und - je nach Verlauf des Spiels - lieben und hassen.
Denn hier werden Tatsachenentscheidungen in Echtzeit, in deren korrekter Bewertung unsere Schiedsrichter ja, trotz unserer Mäkeleien am Fernseher, zweifellos hervorragend geschult sind, ersetzt durch die Sezierung eines Temposports in Zeitlupe. Das wäre auch in Ordnung, wenn dieses Kriterium nicht nur in ausgewählten Einzelfällen, sondern durchgängig zur Bewertung herangezogen würde - und auch könnte, denn natürlich ist das nicht praktikabel. Es ist für mich auch akzeptabel, wenn man damit Szenen bewertet, die unmittelbar mit der Erzielung eines Tores in Zusammenhang stehen - oder Tätlichkeiten, Handspiel im Strafraum oder Abseits betreffen.

Wenn wir aber anfangen, in der Entstehung eines Tores alle Szenen in Einzelbilder zu zerlegen, dann öffnet das Manipulationen Tür und Tor. Denn wie weit will ich und darf ich im Spielverlauf zurückgehen? Einmal hatten wir es in dieser Saison bereits (ich meine, Dortmund wäre betroffen gewesen), dass ein Eckball der einen Mannschaft nach einem Konter zurückgenommen wurde und auf der anderen Seite Elfmeter gegeben wurde, weil bei der vorhergehenden Standardsituation, die zum Ballverlust geführt hatte, jemand gefoult worden war. Das war sicher in diesem Fall gerechtfertigt, aber in wie vielen Zweifelsfällen wird das gar nicht geprüft? Weil das Spiel vielleicht, anders als in dem Beispiel, noch minutenlang ohne Unterbrechung weiterläuft. Oder der Videomann im Studio gerade keine Veranlassung sieht, nochmal draufzuschauen. 
Es gibt über das genaue Maß, wie und wann Videoassistenten eingreifen, keine Transparenz für Teams und für Fans. Es gibt auch keine Klarheit, welche Kriterien dafür existieren, es ändern sich die Vorgaben scheinbar wöchentlich. Und es bleiben so viele Ungerechtigkeiten bestehen, obwohl sie den Kölnern im Bild vorliegen oder dem Schiedsrichter im Stadion, um sie zu überprüfen - siehe der Kopfstoß von Goretzka letzte Woche und krachende Fehlentscheidungen nach Videobeweis, etwa gegen die uns so wohlbekannten Schlusslichter der Liga.

Von der Problematik der verschiedenen Maßstäbe abgesehen, war diese nachträgliche Eigenkorrektur von Stegemann bei der Elfmeterentscheidung einfach himmelschreiend falsch. Natürlich werden viele dieser Szenen ständig abgepfiffen -aus meiner Sicht oft zu Unrecht. Wenn ein Abwehrspieler den Ball abschirmt und er den Atem des Gegenspielers im Nacken spürt, dann schmeißt er sich oft bei der leichtesten Berührung hin und greift sicherheitshalber auch noch nach dem Ball, damit das Spiel auf jeden Fall unterbrochen wird. Es ist übliche Praxis, dass der Schiri dem auch nachkommt.
Hier aber war es ein ganz normaler Zweikampf. Caligiuri stellt als erstes den Körper aktiv - "mit Schmackes" - nach rechts in Wendts Laufweg, der hält mit Schulter und angelegtem Arm dagegen, sodass der Schalker an Wendt abperlt. Es gibt im Männerfußball keinen Grund, diese Szene abzupfeifen, was Stegemann ja zunächst auch genauso gesehen hat. 
In der Zeitlupe aus drei Perspektiven wird dieses Bild möglicherweise etwas diffuser. Aber es darf nicht dazu führen, dass der Unparteiische auf dem Platz sich davon so beeindrucken lässt, dass er sich auf den Holzweg begibt. Sascha Stegemanns Leistung haben diese denkwürdigen Minuten vor der Pause jedenfalls nicht gutgetan. Er war vorher schon nicht besonders konsequent gewesen. Doch mit den strittigen Entscheidungen verlor er den Faden völlig. Zum Glück war es ein diszipliniert geführtes Spiel ohne grobe Fouls, sonst wäre er der Partie wahrscheinlich nicht mehr Herr geworden.

Es ist mir zum Beispiel schleierhaft, wieso sich ein Schiri permanent von mehreren Schalkern belabern lässt, wenn er eine Entscheidung getroffen hat. Warum er sich keinen Respekt verschafft und sich diese ständige, meist auch noch unberechtigte Lamentiererei gefallen lässt, ohne Verwarnungen zu verteilen. Dieser Auftritt der Schalker bestätigte einmal mehr, warum mir dieser Klub so unsympathisch ist. Spieler wie Harit und Caligiuri, die sich gefühlt nach jedem Laufduell auf der Erde wälzen und sich im Fallen auffallend oft theatralisch ins Gesicht fassen, um Verwarnungen für den Gegner zu provozieren. Die wie di Santo mehrfach (straflos) den Ball wegspitzeln, um eine schnelle Freistoßausführung zu verhindern und auf der anderen Seite eine Karte für Stindl fordern, als der aus Wut über einen der falschen Pfiffe von Stegemann den Ball wegdrosch - wofür er selbstverständlich auch Gelb verdient gehabt hätte. Schalker Spieler, die nach dem Spiel schon ungewollt komische Geschichten erzählen, um sich zu rechtfertigen. Wie Goretzka letzte Woche, der seinen Kopfstoß versuchte wegzureden. Oder heute Caligiuri, der ernsthaft behauptet, er sei mit Wendt im Vollsprint gewesen, und da reiche ja schon ein kleiner Schubs, um aus dem Gleichgewicht zu kommen. Das stimmt zwar, und gerade Caligiuri sinkt in der gegnerischen Hälfte ja bekanntermaßen gerne schon bei einem leichten Windhauch zu Boden, noch schneller als der Abwehrspieler "Buh" sagen kann. Aber ganz sicher gilt das nicht für die besagte Szene. Denn beide Spieler hatten schon deutlich "gebremst", und der Körpereinatz beider Spieler war ganz sicher kein sanfter, sondern ein kerniger, aber regelgerechter. 

Aber was soll's, auch hier ändert sich nachträglich nichts mehr an der Spielwertung, egal , was ich schreibe. Borussia hat mit der Punkteteilung erneut einen wichtigen Schritt nach vorn verpasst, ohne aber an Boden zur Konkurrenz zu verlieren. Das Problem für Dieter Hecking liegt weniger in diesem Punktverlust, sondern in der personellen Situation. Die Mannschaft, die heute gespielt hat, ist das letzte Aufgebot des ersten Anzugs, und es sind noch drei Spiele innerhalb einer Woche zu absolvieren. Mit Ausnahme von Nico Elvedi sind Rechtsverteidiger derzeit "aus" im Gladbacher Kader. Und Elvedi ist im nächsten Spiel passenderweise gelbgesperrt. Fast überflüssig zu erwähnen, dass der Schweizer die dazu noch fehlenden Verwarnungen in den vergangenen beiden Spielen jeweils für Zweikämpfe erhalten hat, bei denen er sehr deutlich den Ball gespielt hatte. Das heute war erste Szene, in der ich an der Neutralität des Schiedsrichters hätte zweifeln können. Eine glatte Fehlentscheidung mit potenziell spielbeeinflussender Wirkung. Und das nach gerade einmal 15 gespielten Minuten.  
Verletzen darf sich also besser keiner mehr, denn auch auf der Sechserposition und den Flügeln herrscht zurzeit wenig Gedränge. Nur die Mittelstürmer stapeln sich, da ist der Bedarf aber am geringsten, auch wenn Raffael heute wieder einen seiner unauffälligen Tage hatte und Thorgan Hazard sich, voll des Selbstvertrauens, zu viel auflädt und dabei zu oft mit dem Kopf durch die Wand will. Vincenzo Grifo steigert sich zwar in der Offensive, auch durch die zunehmende Spielpraxis. In der Defensive gibt es aber noch viel Steigerungsbedarf, wie man beim Tor zum 1:1 sehen konnte, wo er zu optimistisch rausrückte, den Zweikampf verlor und anschließend in der Rückwärtsbewegung fehlte.

Insgesamt aber war das eine geschlossene Mannschaftsleistung, die deutlich besser war, als es das Ergebnis ausdrückt. Es wäre schade, wenn man das nicht nochmal betonte. Trotz des ganzen Ärgers um den Videobeweis soll mein Text schließlich, angesichts des aktuellen Tabellenstandes und des ersten Tores von Arbeitsbiene Chris Kramer seit drei Jahren, versöhnlich enden.
 

Bundesliga, Saison 2017/18, 15. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - FC Schalke 04 1:1 (Tor für Borussia: 1:0 Kramer)

Montag, 4. Dezember 2017

Same procedure...

Same procedure as every year.... Da saß ich nun vor dem Fernseher, um mir die jährliche Pleite meiner Borussia in dieser seltsamen Stadt bei dem noch seltsameren Verein abzuholen. Ich wurde nicht enttäuscht. Was natürlich sarkastisch gemeint ist.

Tja, so schnell wirft man die vor Wochenfrist noch unverhofft gegen die Bayern erworbenen drei Extraperlen wieder vor die nächsten Säue.
Denn es war wie immer in VW-Burg. Und: Es war wie zu befürchten, nach einer Woche voller Lobes über die Bayern-Besieger. Das bekommt der Mannschaft offensichtlich nicht. 
Klar ist: Gegen diese Wolfsburger Mannschaft musste man nun wirklich nicht verlieren. Aber wieder einmal stimmte zu Beginn des Spiels "die Körperspannung" nicht, die Zweikämpfe wurden zu sorglos geführt und ratzfatz lief unser VfL einem Zwei-Tore-Rückstand hinterher. Der war zu diesem Zeitpunkt, nach knapp 30 Minuten, auch nicht mal unverdient.

Doch dann ging ein Ruck durch das Team. Und so leid es mir für den erneut gebeutelten Tony Jantschke tut: Sein verletzungsbedingtes Ausscheiden tat Borussia gut. 
Denn der durchaus risikoreiche Wechsel, statt dem positionsgetreuen Austausch "Johnson für Jantschke" den offensiven Mickael Cuisance so früh neben Zakaria im zentralen Mittelfeld aufzubieten, Ginter von der Sechs in die Innenverteidigung zu ziehen und Elvedi auf rechts wechseln zu lassen, brachte richtig Schwung in Borussias Angriffsbemühungen. Elvedis Präsenz ließ die rechte Angriffseite aufblühen, über die vorher so gut wie nichts gelaufen war. Cuisance nahm das Spiel selbstbewusst in die Hand und glänzte als guter Ballverteiler und ständige Anspielstation, auf die Wolfsburg zunächst keine Antwort hatte. Und ab dem Moment, in dem Borussia die Gastgeber etwas mehr in deren eigener Hälfte forderte und variabler auftrat, zeigten die Wölfe eklatante Schwächen.

Doch anders als die Niedersachsen verplemperten die Gladbacher ihre teils hervorragend herausgespielten Chancen vor der Pause wieder zu leichtfertig. Besonders Thorgan Hazard wollte oft zu viel auf einmal. Deswegen war es bitter und ließ schon Böses erahnen, dass trotz einer richtig guten Viertelstunde Dauerdruck vor der Pause nur zwei Abseitstore heraussprangen, aber nichts Zählbares. Dazu später mehr.

Ganz so zielstrebig wie vor dem Pausenpfiff trat die Hecking-Elf in der zweiten Hälfte zwar nicht mehr auf. Doch sie war auf einem guten Weg. Bis in der 71. Minute das Schicksal mal wieder nach typischer Wolfsburg-Gladbacher Art zuschlug. Dass Zakaria den Glücksschuss von Guilavogui, der ziemlich sicher nicht ins Tor gegangen wäre, unglücklich abfälschte, mag ihn wurmen, doch es war nicht sein Fehler. Erst bekamen die Borussen im Verbund Malli - wie bei den ersten beiden Toren - wieder nicht gestellt, dann klärten Elvedi und Sommer stark gegen Gomez, doch was Ginter vorhatte, als er den Ball aus dem Strafraum dirkt vor die Füße des Wolfsburger schob, wird er jetzt auch nicht mehr wissen. Damit aber war das Spiel entschieden, trotz redlicher Bemühungen bis zur Schlussminute.

Alles wie immer also in der auch heute wieder fanmäßig oberpeinlichen VW-Stadionkiste. Die Gladbach-Fans hatten das Geschehen durchweg im Griff, die Mannschaft über weite Strecken. Dennoch reichte es auch heute wieder nicht zu drei Punkten in der Stadt, an der auch ICEs am liebsten vorbeifahren. 

Es hätte auch anders kommen können. Denn zusätzlich zu den eigenen Fehlern, mit denen Stindl und Co. heute zu kämpfen hatten, hatten sie es auch mit einem äußeren Einfluss zu tun, der sich nicht unwesentlich auf das Spiel auswirkte. Schiedsrichter Benjamin Cortus verdiente sich heute, und das meine ich gar nicht abfällig, das Prädikat Heimschiedsrichter. 
Nicht dass er entscheidende Fehlentscheidungen getroffen hätte. Aber: Es gibt in umkämpften Spielen immer viele 50:50-Situationen, in denen man in die eine oder die andere Richtung pfeifen und dies auch vertreten kann. Von diesen Grauzonen-Entscheidungen gab es heute besonders viele. Wenn aber alle diese engen Entscheidungen zugunsten einer Mannschaft ausgelegt werden, fällt es auf. Und das war für mich heute so. 
Keine der vielen Wolfsburger Rempeleien in den Rücken des Gegners wurde geahndet, auf Gladbacher Seite aber schon. Als Brooks Raffael vor dem Tor mit dem Ellenbogen in den Rücken stieß und so aus dem Gleichgewicht brachte, blieb der mögliche Elfmeterpfiff aus. Aus Köln kam auch kein Hinweis, die Szene nochmal anzusehen.
Ein Elfmeter hätte das Spiel in eine andere Richtung lenken können. Vielleicht hätte es auch schon gereicht, wenn die Nachspielzeit der ersten Hälfte nicht zwei, sondern die (aufgrund der Videopause und zweier Verletzungspausen von Jantschke) eher angemessenen vier Minuten betragen hätte. Kurz vor der Pause war Gladbach sehr nah am Anschlusstor, es lag mehrfach in der Luft. Es sollte aber offensichtlich heute nicht sein.
 
Statt einem guten Punktepolster auf die Plätze fünf bis sieben steht das Team von Dieter Hecking nun im Spitzen-Heimspiel gegen die Schalker Glücksritter am Samstagabend schon wieder unter Druck, will es nicht Richtung Mittelfeld rutschen. 
Gegen Schalke haben wir ja durchaus noch eine Rechnung offen. Und man sollte in dem Spiel übrigens besonders auf die Herren Goretzka und Stambouli achten, die gegen Köln eigentlich zwingend hätten vom Platz fliegen müssen, vom Schiedsrichter aber unverständlicherweise verschont wurden. So können sie gegen Borussia mit dabei sein. Bei uns hingegen sehen Spieler auch immer mal wieder Gelb, wenn sie im robusten Tackling den Ball spielen wie Zakaria heute. Die Schere bei der Bewertung von Spielsituationen geht aus meiner Sicht in der Liga auch hier immer weiter auseinander. Eine schlechte Entwicklung.

Und noch was Grundsätzliches in Sachen Abseits: Natürlich sah es beim vermeintlichen 1:2 zunächst so aus, als ob Hazard klar im Abseits steht. Der Assistent auf der Seite hinter dem Belgier konnte auch nicht sehen, dass ein Abwehrbein noch auf Höhe von Thorgans Fuß war. Laut Regel ist es klar: Hazards Oberkörper kippte ins Abseits und mit dem Rumpf und Kopf können Tore erzielt werden. Doch dieses Tor erzielte er mit dem Fuß, der sichtbar nicht im Abseits stand. Das ist eine der Fragen, die man im Zeitalter des Videoassistenten vielleicht mal neu bewerten könnte. Denn mit der Videotechnik lässt sich sauber klären, ob der Körperteil, mit dem das Tor erzielt wurde, im Abseits war. Man müsste sich nicht mehr mit der unlogischeren, heute geltenden Regel behelfen, die ihre Berechtigung hat, wo der Assistent von außen in Echtzeit bewerten muss, ob Abseits vorliegt oder nicht. Aber natürlich wird sich daran so schnell nichts ändern. Denn wer im Fußball-Verband hat schon ein Interesse an ehrlicheren und logischeren Entscheidungen, wenn man unausgegorene, halbherzige Lösungen haben kann, die aber immerhin Aufregerpotenzial haben?

Bundesliga, Saison 2017/18, 14. Spieltag: VfL Wolfsburg - Borussia Mönchengladbach 3:0