Montag, 19. März 2018

Lehren aus einer unvollendeten Saison III: Spielsystem

Angesichts des derzeitigen Auf und Ab auf dem Platz und dem nicht enden wollenden Elend im Lazarett des VfL ist es schön, sich auch mal vom aktuellen Geschehen ab- und der Zukunft zuzuwenden. In Teil drei meiner kleinen Serie zu den Lehren aus dieser verkorksten Spielzeit soll es nun wie angekündigt um das Spielsystem gehen. Und auch wenn jeder andere Vorstellungen haben wird, für die meisten Fans steht wohl fest: So kann es nicht weitergehen.

Borussias Führung ist stolz darauf, dass die Mannschaft "Ballbesitzfußball" spielt und spielen kann. Das Problem dabei ist, dass das keinem Gegner mehr Angst einjagt. Zwei Drittel der Liga haben ihr Spiel darauf eingestellt, den meist spielerisch stärkeren Gegner kommen zu lassen, bissig zu verteidigen und mit schnellen Ballgewinnen überfallartig vor das gegnerische Tor zu kommen.
Die einzige Mannschaft, die so dominant auftritt, dass sie das nicht stören muss, ist die, die ganz vorne steht. Alle anderen Teams in der Bundesliga haben stets Schwierigkeiten gegen defensive und meist physisch kompromisslose Kontermannschaften.

Doch zurück zum VfL. Der beherrscht das dominante Spiel durchaus und ist durch die individuelle Klasse von Spielern wie Raffael, Hazard, Stindl, Traoré, Hofmann, Kramer oder Zakaria in der Lage, sich durch massive Abwehrketten zu kombinieren. Zumindest gilt das, sofern diese Spieler nicht verletzt in der Ecke liegen. Und wenn das Spieltempo hochgehalten und vor allem die Ballzirkulation schnell und präzise funktioniert. Favre hat es den Jungs gezeigt, Schubert hat den Spielern nach vorn alle Freiheiten dazu gegeben, weswegen die Mannschaft unter ihm auch die Abwehr viel stärkerer Teams auseinanderpflücken konnte. Dass es in der Defensive irgendwann nicht mehr gepasst hat, ist bekannt.
Dieter Hecking brachte das vorhandene unrunde System schnell wieder in die Waage. Seitdem aber ist eine eigene Handschrift kaum zu erkennen. Das kann man zum Teil mit der Verletzungsmisere entschuldigen. Aber ich sehe in dieser Saison auch keinen Spieler, den DH merklich stärker gemacht hat, wie es Favre mit vielen seiner Schützlinge gelungen war und Schubert immerhin mit Julian Korb, dem er offensiv seine Fesseln gelöst hatte und der diese Rolle bei Hannover in dieser Saison nochmal besser ausfüllt als bei uns.

Muss Borussia also im Sommer umdenken und vom Spielsystem flexibler werden? Das System neu ausrichten? Oder erstmal den klassischen Weg der Stabilisierung gehen, von der Abwehr her denken, also tief stehen und kontern, bis das Team wieder so gefestigt ist, dass es sich wieder mehr zutrauen kann? Nun, letzterer Weg wäre ein deutlicher Rückschritt, ein Mittel, das man einsetzt, wenn man ganz schnell Verbesserungen und Ergebnisse braucht - wie Lucien Favre nach der Übernahme des Himmelfahrtskommandos in Gladbach. Vielleicht braucht man dieses Mittel kurzfristig nochmal, wenn die personelle Situation so prekär bleibt, wie sie sich nach dem Leverkusen-Spiel darstellt.

Für die neue Saison ist dies aber keine akzeptable Option. Da die 4-4-2-Variante, die Hecking derzeit spielen lässt, wie gesagt von den meisten Gegnern gut gekontert wird, richtet sich mein Blick darauf, dass der VfL sich neu aufstellen sollte. Das heißt nicht, dass nun das 4-4-2 einfach über Bord geworfen werden soll. Natürlich muss die Mannschaft so flexibel sein, taktische Umstellungen auch im Spielverlauf schnell anzuwenden - wie der Wechsel auf Dreierkette in der Schlussphase des Spiels bei den Pillen oder das mutmachende, wenn auch aus der Not geborene 3-4-2-1 vom Wochenende gegen Hoppelheim. Davon abgesehen braucht eine Mannschaft schon ein Plan-A-System, auf dass sie ihr Spiel aufbauen kann und auf dessen Wirksamkeit sie sich verlassen können muss.

Nun weiß ich natürlich nicht, ob aus der angekündigten Stürmerverpflichtung nun ein Brecher, ein Stoßstürmer oder doch wieder eher ein wuselnder spielmachender Stürmer hervorgeht.
Was man weiß, ist, dass Dieter Hecking früher schon gern auf eine Speerspitze ganz vorne gesetzt hat - einen wie Bas Dost in Wolfsburg, Sebastian Polter in Nürnberg oder Mikael Forssell und Mike Hanke in Hannover.
Zuletzt spielte mangels Raffaels Einsatzfähigkeit Raul Bobadilla diese klassische Mittelstürmer-Rolle. Allerdings ist er dabei nicht annähernd so effektiv wie andere in der Liga.
Ob 4-1-4-1, 4-5-1 oder 4-2-3-1, bei Heckings früheren Stationen stach vorne immer ein zentraler Stürmer hervor. Das flache 4-4-2 hat er erst in Gladbach als Standardaufstellung übernommen, nicht zuletzt, weil ihm ein derartiger Stürmertyp hier nicht zur Verfügung steht oder erst hineinwachsen müsste, siehe Julio Villalba.

Das könnte sich im Sommer ändern. Und die große Zahl an vielversprechenden offensiven Mittelfeldspielern, über die der VfL verfügt, sprechen auch für eine solche Verschiebung. Für die neue Saison stehen neben Stindl und Raffael auch Hofmann, Cuisance, Benes und mit Abstrichen Grifo (und Hazrd, wenn er bleibt) für eine offensiv-zentrale Rolle zur Verfügung. Dazu noch Zakaria, Kramer und Strobl für die eher defensive Rolle auf der Sechs. Neu dabei wäre Florian Neuhaus, der von seiner Leihe aus Düsseldorf zurückkehrt und den ich in meinem Neuzugangs-Text sträflicherweise einfach vergessen hatte. Im 4-4-2 wären für diese zehn bis elf Spieler also vier Plätze zu vergeben. Für einen weiteren Stürmer wäre kein Platz.
Bei einem 3-4-2-1 sähe das etwas anders aus. Vor Sommer ständen dann etwa Elvedi, Vestergaard und Ginter in der Dreierkette, gegen den Ball unterstützt von den sonst deutlich offensiveren Außen Wendt (oder ein zu verpflichtender Backup) links und Johnson (oder Ersatz). In der Mitte könnten ein oder zwei Sechser (Kramer und oder Zakaria, vielleicht auch Benes oder Cuisance) dicht machen und dementsprechend ein spielstarkes Offensivduo oder -trio aus der Auswahl Raffael, Stindl, Neuhaus, Grifo, Benes, Cuisance, Hofmann und ggf. Hazard richtig Alarm machen. Und vorne wartet Mr. X als mitspielender Stoßstürmer auf seinen Einsatz. Das klingt für mich - auch wenn die aktuellen Leistungen das nicht unbedingt unterstützen - nach einer sehr schlagkräftigen Mannschaft.

Gelingt es Max Eberl, für beide Außenverteidigerpositionen Spieler zu verpflichten, die Defensiv- wie Offensivkraft noch besser vereinen, wäre natürlich auch eine Viererkette denkbar, die mit einer Achse aus Sechser, Achter und Zehner bzw. zwei Zehnern, mit zwei Außenstürmern und dem Stoßstürmer aufläuft - also im 4-1-4-1-System. Allerdings ist dies gerade gegen tiefstehende Gegner oft weniger effektiv. Eine gut eingespielte Dreierkette mit zwei vorgezogenen Außen - gegen die TSG waren das Wendt und Herrmann - hingegen ist sowohl in der Absicherung kompakt und würde auch bei Kontern kaum in Unterzahl geraten. Vor allem aber bildet sie eine Absicherung für ein flexibleres Spiel der übrigen Offensivkräfte. Borussias Stärke in der Spätphase unter Favre und unter Schubert lag unter anderem darin, dass Hazard, Raffael und Stindl (vorher auch Kruse und Johnson) ständig ihre Positionen wechselten und so für die Gegner kaum auszurechnen waren. Diese Flexibilität böte das 3-4-2-1 aus meiner Sicht eher als das eher statische 4-4-2.

Nicht zuletzt aufgrund der Erfahrungen mit der Dreierkette - in Frankfurt, in der zweiten Hälfte in Leverkusen und jetzt gegen die Gäste aus Sinsheim - glaube ich, dass das Trainerteam ebenfalls verstärkt in diese Richtung denkt. Gegen Frankfurt zahlte die Mannschaft mit dieser Taktik Lehrgeld, vor allem Patrick Herrmann, der in der Defensive einige Male ziemlich alt aussah. Das war gegen Hoffenheim aber schon erheblich besser. Doch in allen drei Spielen konnte Borussia den Gegner  in der Offensive gehörig unter Druck setzen, wenngleich das in Leverkusen nur für einen Teil des Spiels galt.

Ich bin gespannt, in welche Richtung sich der VfL taktisch bewegen wird. Die Gelegenheit für einen Wechsel ist günstig. Gladbach hat die Innenverteidiger für eine robuste und bewegliche Dreierkette, in der sich auch Tony Jantschke wohl besser zurechtfinden würde als auf Außen. Der Verein muss auf den Außenpositionen aufgrund der Personalien Wendt, Johnson (Alter), Oxford (Leihe) und Doucouré (Verletzungsanfälligkeit) ohnehin handeln. Das Gleiche gilt für die Nachfolge von Raffael und für den Fakt, dass sich im zentralen Mittelfeld (Zakaria, Benes, Cuisance, Neuhaus) deutlich mehr hervorragende Talente stapeln werden als es Plätze zu vergeben gibt. Also muss auch hier geschaut werden, auf welchen anderen Positionen Spieler entwicklungsfähig wären. Es ist ein großes Puzzle, solange nicht klar ist, wie der Kader nächste Saison aussieht. Aber das macht es ja auch immer wieder aufs Neue so spannend. Was meint ihr?

Samstag, 17. März 2018

3:3 gewonnen

In der Tabelle wird es zwar nicht so gewertet, aber  eins ist klar: Der VfL hat heute 3:3 gewonnen. Wenn alles gegen einen läuft, wie dieser Tage die Gladbacher Verletzungs- und Ergebnisseuche, dann kannst du nur noch mit dem Mute der Verzweiflung anrennen. Und dafür wurde das letzte Aufgebot von Dieter Hecking heute - zumindest teilweise - belohnt.

Ich gebe zu: Danach sah es zu Beginn nicht immer aus. "Fußballgott" Tony Jantschke erneut mit einigen Anlauf-Schwierigkeiten im Abwehrverhalten und in der ungewohnten Rolle, immer wieder als erste Spielaufbaustation gesucht zu werden, leider manches Mal überfordert. Das verhieß nichts Gutes. Sehr sicherheitsorientiert verwaltete die Mannschaft daher dann auch die ersten Minuten aus der neuformierten Dreierkette heraus und mit einem gehemmt wirkenden Mickael Cuisance auf der Sechs. Der spielte in der ersten halben Stunde fast nur Sicherheitspässe - bis auf die tolle Flanke zu Herrmanns Flugkopfball nach einer Viertelstunde.
Doch der anfängerhaft verteidigte Eckball zum 0:1 und damit der erneute Rückstand kratzten merklich am Selbstbewusstsein. Dazu Bobadillas frühe Auswechslung wegen einer - natürlich - Muskelverletzung. Das machte es nicht besser. Der Fußballgott schien also auch heute nichts für die Fohlenelf übrig zu haben.

Aber manchmal geschehen Dinge, die man nicht unbedingt erwarten konnte. Die nach dem 0:1 deutlich vernehmbaren Sprechchöre von den Rängen ("Wir wolln euch kämpfen sehen") wurden von der Mannschaft - bewusst oder nicht - mit zunehmender Spielzeit immer besser beherzigt. Die Bissigkeit in den Zweikämpfen nahm zu, die Schnelligkeit in Spiel nach vorn auch, Borussia brachte die Gäste immer öfter in Bedrängnis. Und die ließen sich beeindrucken.
Dann: Ausgerechnet der für Boba eingewechselte Josip Drmic erzielte mit etwas Glück (aber regulär) das erste Tor seit einer gefühlten Ewigkeit - nach einem fast perfekten Pass des mutiger werdenden Mika Cuisance. Der so verletzungsgebeutelte Schweizer wirkte auch sonst heute ganz und gar nicht mehr wie ein Fremdkörper im Team. Auch wenn nicht alles gelang: Er kämpfte, rackerte, sicherte Bälle, leitete gut weiter. Ob ihm die etwas überraschende Nominierung für die Schweizer Nati noch einen Extraschub gegeben hat, weiß man natürlich nicht. Auf jeden Fall war das Spiel heute ein Indiz dafür, dass sich Josip wirklich von Woche zu Woche und Stück für Stück seine Form zurückholt. Ich gönne es ihm von Herzen, dass er dafür heute endlich mal wieder belohnt wurde. Das sollte ihm Auftrib geben und damit auch der ganzen Mannschaft helfen, wenn man weiß, man hat für die Mittelstürmerposition dann vielleicht doch noch eine passable Alternative.

Mit diesem Stürmertor (!) im Rücken steigerte sich der VfL erheblich, vergab aber wie üblich alle folgenden Chancen bis zur Halbzeit. Darum ging es mit dem gewohnten Gefühl zum Pausentee, dass man längst hätte führen sollen, können, müssen. Dass sich das oft rächt, muss ich keinem Borussen sagen. So auch diesmal: Ein dummer Konter, ein ungeschickter Zweikampf von Hofmann, ein Elfertor für Hoppelheim. Und nach dem wiederum von Hofmann toll herausgespielten, aber insgesamt schwer erkämpften 2:2 von Stindl (endlich!) der erneute Nackenschlag. Diesmal mit unfreiwilliger Mithilfe des  guten (!) Schiedsrichters Martin Petersen. Allerdings passierte der entscheidende Fehler hier schon vorher, auch Hofmann behielt in der Szene nicht den Überblick und dribbelte unnötig in den Schiri hinein und zu schlechter Letzt verpasste noch Cuisance im Anschluss die Gelegenheit, vor dem Strafraum das taktische Foul gegen Uth zu ziehen und damit das Unheil namens 2:3 zu verhindern.

Doch auch damit war der VfL noch nicht besiegt. Antrieb war der unbändige Wille, nicht schon wieder geschlagen vom Rasen gehen zu müssen - eine wahnsinnig umkämpfte, aber auch fußballerisch ansprechende Schlussphase, ein Kraftakt auf dem Platz und auch auf den Rängen - mit zumindest dem kleinen Happyend. 

Ok, das 3:3 ändert nichts an der schwachen Rückrundenbilanz, es hilft nicht viel nach unten und schon gar nicht, um den Anschluss an die Teams auf Platz sechs und sieben zu halten. Auch diese Gomez-Kirmestruppe aus Stuttgart steht jetzt noch vor uns.

Dennoch könnte von diesem Spieltag eine Initialzündung für einen Endspurt in der Liga ausgehen. Denn der Spirit in der Mannschaft ist nach wie vor da. Wer dreimal einen Rückstand aufholt, und sei er noch so dämlich oder unglücklich, der darf einfach nicht im Niemandsland der Tabelle versinken. Der muss am Ende der Saison da stehen und sich sagen können: "Uns kann nichts umhauen". Das wünsche ich der Mannschaft, die in dieser Saison schon so viel Scheiße am Schuh hatte. Natürlich: Auch heute haben wir mit Bobadilla einen weiteren Verletzten zu beklagen, zu dem sich eventuell noch Ginter gesellen könnte, der ja in der Schlussphase übel auf die Schulter gefallen war. 
Aber dafür gibt es Hoffnung, dass Raffael, Johnson und Wendt in zwei Wochen wieder echte Alternativen für die Startelf sind. Heute haben alle drei gezeigt, wie wichtig sie noch immer für uns sein können. Oscar hat heute nicht nur bravourös über 90 Minuten durchgehalten. Er hat auch gezeigt, wie er der Mannschaft helfen kann, wenn er voll bei der Sache ist. Das war ein sehr gutes Comeback. Raffa ist sofort ein Faktor, wenn er im Team ist - auch weil er beim Gegner Nervosität auslöst. Und auch für Fabian Johnson war der Einsatz heute ein Schritt nach vorn. Dabei bleibt es hoffentlich nicht. Benes und Strobl sollten bis zum Mainz-Spiel ebenfalls weitere Schritte zurück in den Kader gemacht haben, vielleicht sind auch Kramer, Zakaria und Oxford wieder fit - oder gar Ibo Traoré. Hoffen wir drauf, toi toi toi, dass zur Abwechslung mal nicht wieder neue Verletzungen hinzu kommen. 
Das vorausgesetzt, lässt sich auch psychologisch darauf aufbauen, was Borussia heute alles besser gemacht hat als in den letzten Spielen: Drei Tore in 90 Minuten gegenüber sechs aus den übrigen 810 Minuten des Jahres 2018. In einem Spiel dreimal einen Rückstand aufgeholt gegenüber einem einzigen erzielten Ausgleichstor (Köln) in den neun Spielen zuvor. Drmics Torlos-Serie (25 Monate) beendet und Stindls (14 Spiele) gleich mit. Gezeigt, dass man auch mit all den personellen Einschränkungen bis zum Schluss torgefährlich ist. 

Die Mannschaft scheint intakt, sie nimmt ihr Schicksal an und zeigte sich heute auch taktisch variabel. Das aus der Not heraus eingeübte System mit Dreierkette und den beiden Außen Wendt und Herrmann funktionierte und entlastete so die Not-Sechser-Besetzung Hofmann und Cuisance merklich. Hier ist sicher ein Ansatzpunkt zu finden, der auch in der kommenden Saison eine Rolle spielen wird: Wie man flexibler agieren kann, um etwa passiv-massiv verteidigende Gegner zu knacken. Das heute war dafür ein guter Fingerzeig, und ich werde darauf in einem anderen Blog-Beitrag noch eingehen.

Zum Abschluss noch dieses: Ich habe einige Spieler für ihre Rolle im Spiel schon erwähnt. Es wäre unfair, zu unterschlagen, was Jantschke, Ginter und Elvedi heute an Abwehr- und Laufleistung abgespult haben. Yann Sommer hat uns einige Male hervorragend im Spiel gehalten, auch das spielt für die Moral eine wichtige Rolle. Hofmann war heute mit Dauerrenner Stindl zusammen das Herz des Spiels (beide weit über 12 Kilometer Laufleistung). Wichtigen Anteil hatten aber auch Patrick Herrmann, Thorgan Hazard und Mickael Cuisance. Herrmann und Hazard waren zwar vielleicht nicht so auffällig, aber ungemein lauf- und zweikampfstark, schafften damit auch Räume für ihre Mitspieler. Den jungen Franzosen wiederum bewundere ich natürlich für sein feines Füßchen, das er unter anderem vor dem 1:1 einmal mehr bewies. Wichtiger aber war heute, dass er sein Dribbel-Temperament zügeln und sich voll in den Dienst der Mannschaft stellen konnte. Das ist für so einen Spielertyp nicht einfach, das weiß ich. Umso höher rechne ich ihm heute diese sehr erwachsene Leistung an.

Natürlich gab es auch heute viele Schwächen, viele Fehler, die auch zu den Gegentoren geführt haben. Aber auf dieser Leistung lässt sich aufbauen. Mit diesem Spiel im Rücken lässt sich hoffen, dass die Saison noch nicht ganz im Eimer ist. 
Also: Weiter so, Jungs!  


Bundesliga, Saison 2017/18, 27. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - TSG Hoppelheim 3:3 (Tore für Borussia: 1:1 Drmic, 2:2 Stindl, 3:3 Ginter)

Samstag, 10. März 2018

Abhaken oder gegenhalten

Nach längerer Zeit mal wieder eine verdiente Niederlage. Da muss man heute nicht drumherum reden, auch wenn die Leverkusener längst nicht so gut waren wie Borussia sie hat aussehen lassen. Das Beste heute war der Support der Gladbacher Fans und die hammerharte Choreo für Walli - Gänsehaut pur. Stark gemacht, Leute!

Für mich persönlich war das heute ansonsten dennoch der vorläufige Tiefpunkt dieser Saison. Das Leiden mit einer verunsicherten Mannschaft, deren Selbstvertrauen schon mit einem Gegentor geknackt wird. Spieler, die (warum?) beste Kontermöglichkeiten vorzeitig abbrechen, die vor dem Tor, oder schon vor dem Strafraum zuverlässig die falsche Lösung wählen. 
Dazu ein noch immer zu dünner Spielerkader mit Akteuren, die deshalb nicht auf ihren Stammpositionen spielen können. Und in der Startelf noch einige Spieler, die das nötige Niveau im Moment einfach nicht auf den Platz bringen. 
Heute ragte nur Denis Zakaria heraus, gefolgt von einem willensstarken Kapitän Stindl, der zwar keine Gefahr für das gegnerische Tor darstellt, aber irrsinnig viele Zweikämpfe führt, Bälle gewinnt und Angriffe einleitet - schon viel Licht und Schatten in der Leistung. Mit Abstrichen geht noch Bobadilla als wertvoller Prellbock durch. Zu Torgefahr kommt aber auch er nicht - weil auch kein anderer in der Mannschaft in der Lage ist, ihn in eine gute Position zu bringen. 
Dazwischen lauter Mittelmaß und sichtbares Bemühen, aber keiner, der in so einem Spiel den Unterschied machen kann. 
Und am Ende der Rangliste stehen Spieler, mit denen du nicht gewinnen kannst, weil sie überhaupt nicht ins Spiel reinfinden. Es sind nicht immer die gleichen, heute waren es Hazard, Grifo und Jantschke. Thorgan Hazard wird von Woche zu Woche schwächer, heute endete er als Totalausfall. Tony Jantschke hinkt der fußballerischen Entwicklung auf dem Platz deutlich hinterher, aber auch in den Zweikämpfen ist er zu oft der Unterlegene. 
Warum aber Vincenzo Grifo heute 90 Spielminuten sammeln durfte, ist für mich das größte Rätsel. Wegen ihm musste Hazard auf die rechte Angriffseite ausweichen, wo er noch nie so effektiv war wie auf der anderen Seite. Also musste man vom Italiener etwas erwarten können. Grifo, der sich offenbar im Training in dieser Woche reingehängt hatte, was andeutet, dass er dies vorher nicht genauso getan hatte, zeigte nichts von dem, weswegen wir ihn vor der Saison als Verstärkung für die Mannschaft eingeschätzt hatten. Im Gegenteil: Er schoss Standards genauso uninspiriert wie Hazard, verschleppte das Spiel, wo man es hätte schnell machen müssen, spielte schlampige Pässe und wirkte auch in der Defensivarbeit mehrfach desorientiert. Und als er einmal die Möglichkeit hatte, einen leichten Elfmeter zu ziehen, lief er weiter. 
Spätestens zur Halbzeit hätte man seinen Auftritt beenden sollen und Hofmann oder noch lieber Herrmann über rechts bringen müssen.
Stattdessen wurde erst Bobadilla vom Platz genommen, dann Jantschke und zum Schluss noch Zakaria. Der Effekt war bescheiden, denn nur Hofmann konnte Akzente setzen und das Spiel sichtlich beleben - er war aber auch maßgeblich am zweiten Gegentor beteiligt. 
Die anderen Wechsel rochen schon nach Verzweiflung. Drmic versemmelte die zweitbeste von drei Torchancen auf tragische Weise - ein perfekter Kopfball, nur leider stand das Tor zwei Meter weiter links. Die beste Torchance war bezeichnenderweise ein kurioser Kopfball des Gegners auf eigene Tor, den Leno nur mit Glück abwehren konnte.
Und zu Cuisance bleibt einmal mehr zu sagen, dass er noch immer nicht verstanden hat, was er auf dem Platz bringen muss: sicheres Aufbauspiel und überlegte und überraschende Pässe in die Spitze. Er aber will mit dem Kopf durch die Wand, sucht ständig Dribblings, die er nicht gewinnen kann und sorgt so eher für gefährliche Kontersituationen des Gegners als für Möglichkeiten des eigenen Teams. 
Ich weiß, der junge Franzose hat sich in der Vorrunde gerade mit seiner frechen Art in unsere Herzen gespielt. Aber so, wie er in den vergangenen Spielen aufgetreten ist, ist er keine Hilfe. Und das müsste ihm doch im Verein jemand erklären können.

So richtig nachvollziehbar waren die Wechsel für mich heute jedenfalls nicht, außer natürlich die Umstellung auf Dreierkette nach Jantschkes Auswechslung, die ja vielleicht auch verletzungsbedingte Gründe hatte. Aber auch insgesamt fehlte mir heute das spielerische Konzept, mit dem man die konterstarken Pillen knacken wollte. Der Auftritt heute war nicht Fisch, nicht Fleisch und wieder einmal, so schien es, ohne den unbändigen Willen und Mut, den Gegner zu dominieren und mit aller Macht den Torerfolg erzwingen zu wollen. Nicht mal über eine Standardsituation - heute landete jeder Ball auf dem Kopf eines Bayer-Spielers.

Ein enttäuschender Abend also, der auch die letzte vage Chance auf einen Champions-League-Platz kostete. Aber den hat Borussia nach diesem Saisonverlauf auch einfach nicht verdient (mal ganz unabhängig davon, ob ihn die Teams da oben mehr verdient hätten). Nein, mit etwas Glück kann es noch die Euro League werden. Aber auch danach sieht es heute nicht mehr unbedingt aus. 
Sollten uns am Sonntag auch noch die Nichtskönner aus Stuttgart in der Tabelle überholen, sollte jeder im und um den Verein herum wissen, was die Stunde geschlagen hat. Es gibt zwei Möglichkeiten: Saison abhaken und leichtfertig auch für die nächste Saiosn einen Rückschritt in der Entwicklung bei Borussia riskieren - oder drum kämpfen, dass sich endlich wieder was ins Gute dreht. 

Nur noch als Randnotiz: Drei gelbe Karten gab es für den VfL - keiner davon ging ein gelbwürdiges Foul voraus. Zakaria wurde in der Szene deutlich sichtbar gefoult. Doch statt Freistoß für sich bekam er die Karte gegen sich - für ein unbeabsichtiges Schlagen des Gegners hinter ihm, während ihm Alario in die Knochen trat. Christoph Kramer spielte in der fragliche Szenen sehr deutlich den Ball, der Gegner kam durch den von Kramer geblockten Ball zu Fall. Und Vestergaard hätte nicht für die geahndete Szene gelb sehen müssen, sondern, wenn schon, für eine  Szene davor an der Mittellinie, nach der er anschließend behandelt werden musste. Ach nein, Moment, das wäre ja auch nicht korrekt gewesen. Denn Schiri Robert Hartmann pfiff zwar Foul, aber Vestergaard hatte Havertz gar nicht getroffen, sondern nur leicht den Arm angelegt. Was zeigt, dass uns dieses Jahr noch nicht einmal ein guter Platz in der Fairplay-Tabelle gegönnt wird.



Bundesliga, Saison 2017/18, 26. Spieltag: Bayer Leverkusen - Borussia Mönchengladbach 2:0

Samstag, 3. März 2018

Folgenschwere Kleinigkeiten

Was fängt man denn damit wieder an?
Ein sehenswertes Bundesligaspiel, ein leistungsgerechtes Ergebnis - und doch kann keine Mannschaft so richtig zufrieden sein mit dem 2:2. Bei Bremen ist mir das ziemlich egal, bei Borussia selbstredend nicht.
Der VfL hat heute alle Trümpfe in der Hand, um das Spiel nach der komfortablen 2:0-Führung frühzeitig nach Hause zu bringen. Die Chancen waren da. Am Ende konnten wir aber froh sein, dass das Spiel nicht noch verloren ging. 
Es ist schwer zu glauben, dass das mit vielen ganz kleinen unglücklichen Entwicklungen auf dem Spielfeld zu tun hatte, die gar nicht einmal unmittelbar miteinander zu tun hatten. Aber so war es. Für Borussia hat sich das am Ende so summiert, dass die Hecking-Elf in der zweiten Halbzeit offenbar einen zu schweren Rucksack mit sich herum schleppte. Und insofern ist es auch nicht wirklich verwunderlich, dass die Führung nicht bis zum Ende gereicht hat.

Aber jetzt mal strukturiert erzählt. Gladbach bot in Halbzeit eins eine tolle Leistung, war spritzig, hellwach, beraubte Werder von Anfang an seiner Stärken und führte durch Zakarias überlegt vollendetes Tor verdient. Da war in der Entstehung schon etwas Glück dabei gewesen, genauso wie dann auch beim zweiten Treffer, aber egal. Borussia hatte das Spiel im Griff, wenngleich man auch da schon Bremen ab und an zu viel Freiraum vor Yann Sommers Tor erlaubte.
Doch da hatte Schiedsrichter Benjamin Cortus schon begonnen, das Spiel in eine andere Richtung zu lenken - natürlich nicht absichtlich. Die sehr kleinliche Linie, die er in den ersten halben Stunde fuhr, wirkte sich nämlich für den Rest des Spiels aus. Er gab zwei überzogene gelbe Karten, erst gegen Zakaria und dann gegen Eggestein auf der anderen Seite. Und brachte damit sich selbst unter Druck - und nahm letztlich Zakaria, den vielleicht besten Mann auf dem Platz in Halbzeit eins, quasi aus dem Spiel. Wäre Cortus seiner Linie treu geblieben, hätte er Zakaria für sein zweites Foul noch vor der Pause zum Duschen schicken müssen - was folgerichtig, aber in der Summe ungerechtfertigt gewesen wäre. Dann hätten aber auch die Gäste nicht in voller Besetzung über die Runden kommen dürfen. Cortus tat das nicht, er pfiff ab da nicht mehr so schnell und blieb für den Rest des Spiels in seinen Entscheidungen dann auch oft inkonsequent  - was dem VfL einerseits erlaubte, zu elft weiterzuspielen, andererseits aber eben nach der Halbzeit ohne den jungen Schweizer, der zu seinem Schutz ausgewechselt werden musste.


Dass später auch noch Kramer verletzt raus musste, dafür konnte der Schiedsrichter natürlich nichts. Dass auf der Borussen-Bank derzeit kein adäquater Ersatz für die etatmäßige Doppelsechs vorhanden ist, auch nicht. 
Aber in der Konsequenz hat die Leistung des Schiris in der ersten Hälfte einen nicht unerheblichen Einfluss auf den Verlauf der zweiten Halbzeit gehabt. Denn ohne ihr Mittelfeld-Herzstück rannten Stindl und Co in der zweiten Halbzeit mehr hinterher, als das Spiel aktiv gestalten zu können - wie es ihnen vor der Pause noch so eindrucksvoll gelungen war. 

Dazu kam, dass nicht jeder Borusse heute seine normale Leistungsfähigkeit auf dem Platz bekam. Reece Oxford ließ sich beim Anschlusstor als Gegenspieler von Delaney ziemlich einfach aus dem Spiel nehmen - er verpennte die Szene einfach, in der sich die Bremer darauf einigten, ihn wegzublocken. Aber nicht nur in dieser Szene ließ er Schwächen erkennen. Die rechte Abwehrseite war heute einfach anfälliger als gewohnt und das hatte viel mit dem jungen Engländer zu tun. Hätte Hecking Jantschke gleich bringen sollen und Oxford auf die Sechs ziehen? Das ist jetzt natürlich Spekulation.

Jungstar Mickael Cuisance war in keiner Phase des Spiels ein stabilisierender Faktor im Mittelfeld. Im Gegenteil, er muss schleunigst lernen, wann man sich Risikobälle leisten darf und wann nicht. Heute lag er deutlich öfter daneben, als dass er gute Bälle spielte. Aber natürlich ist das eine Kritik unter Vorbehalt, niemand kann von ihm heute schon erwarten, dass er ein solches Spiel für Borussia wieder unter Kontrolle bringt.

Die Stärke bei Standardsituationen ist, wie sich beobachten lässt, komplett in der Winterpause geblieben. Wenn es dadurch gefährlich wird, dann eher zufällig.

Und das Offensivquartett Hazard, Hofmann, Stindl und Bobadilla? Bekommt vor dem Tor einfach nicht die Kurve. Stindl blieb heute sogar ohne Torschuss, glaube ich. Am nächsten war Hofmann dran, dessen Kopfball Eggestein mit dem Arm abwehrte. Immerhin schaute sich Cortus die Szene noch mal selbst an, sodass man mit der Entscheidung besser leben kann als wenn irgendwelche geheimen Gespräche mit Köln den Ausschlag gegeben hätten. Doch bei allem Verständnis für die kurze Entfernung zwischen Hofmann Kopfball und dem Arm des Bremers: Erstens waren beide Arme fast auf Kopfhöhe vorgestreckt, und zweitens verhinderte er aus meiner Sicht damit - zwei Meter vor dem Tor - einen sicheren Treffer, da der Torwart den Kopfball nicht mehr hätte parieren können. Eine Merkwürdigkeit mehr in Sachen Videobeweis/Benachteiligungen, aber auch da stumpfe ich langsam ab, genauso wie bei den Szenen, in denen unsere Spieler im Strafraum zu Boden gerungen werden und für die sich trotzdem kein Schiedsrichter interessiert - auch heute nicht.

Unter dem Strich steht ein Punkt, der eine gefühlte Niederlage ist. Die Erkenntnis, dass langsam die personellen Möglichkeiten erschöpft sind - bitte, lass Chris Kramer nicht auch noch länger ausfallen. Und die Hoffnung, dass sich die verbesserten Leistungen seit dem Stuttgart-Desaster bald auch wieder kontinuierlicher in Erfolge ummünzen lassen. Denn dass das heute eine schlechte Leistung des VfL war, kann man nun wirklich nicht sagen.



Bundesliga, Saison 2017/18, 25. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - Werder Bremen 2:2 (Tore für Borussia: 1:0 Zakaria, 2:0 Eigentor Moisander nach Schuss Zakaria)