Samstag, 14. April 2018

Kurzes Hoch, langes Tief

So, das allerletzte Fitzelchen Hoffnung auf eine Europacup-Teilnahme in der nächsten Saison ist dahin, Borussia wird die verkorkste Saison im Niemandsland der Tabelle beenden. Und über die gesamte Spielzeit gesehen wird das auch ok sein. 
Durch die ein wenig befürchtete Klatsche in München ist nicht nur der Punkterückstand auf deutlich formstärkere Mannschaften wie Hoffenheim, Frankfurt und Leipzig kaum noch auszugleichen. Den Garaus macht dem VfL die unaufholbare (miese) Tordifferenz, die man größtenteils einigen wenigen Tagen wie diesem heute verdankt.

Das eben geschilderte Szenario war schon vor dem Anpfiff beim deutschen Meister nicht so ganz unwahrscheinlich gewesen. Was mich aber so sauer macht, ist, dass in dem Spiel heute alles drin war, um für einen Überraschungserfolg zu sorgen. 
15 ganz hervorragende Minuten, in denen die kleine Borussia dem großen Weltverein aus München und der sportlichen Konkurrenz eindrucksvoll zeigte, wie man den Dauermeister packen und besiegen kann. Aggressiv im Anlaufen, mit dem Willen, den Ball selbst zu besitzen und in den eigenen Reihen zu halten. Ein paar clevere Pässe, mit denen man die Weltklasseoffensive leicht überspielt, um dann die seit Jahren eher mittelmäßige, aber von Gegnern fast nie geforderte Abwehrreihe in Schwierigkeiten zu stürzen. Das und der unbändige Kampf und Wille, sich eine einmal erzielte Führung um keinen Preis der Welt mehr abjagen zu lassen, war das Erfolgsgeheimnis aller guten Ergebnisse gegen den Rekordmeister in den vergangenen Jahren. Auch heute sah es 25 Minuten lang danach aus, als könnte die zuletzt angeknockte Gladbacher Elf den Bayern  so Paroli bieten - wie in der Hinrunde beim sensationellen 2:1-Sieg.

Doch es kam anders. Wie gesagt, das kann passieren. Es ist wahrscheinlich, in München zu verlieren. Man kann bei den Bayern auch mal hoch verlieren. Doch das, was nach dem guten Beginn in den letzten 70 Minuten des Spiels passierte, ist nicht zu entschuldigen. Es war die freiwillige Selbstaufgabe einer Mannschaft, die dem Klassenschläger erst ein paar freche Widerworte gegeben hat und nun mit einem winselnden "bitte, bitte, tu mir nichts" um eine Tracht Prügel bettelt.

Man kann in dieser Saison an der Hecking-Elf viel kritisieren, viel beklagen, was schief gelaufen ist. Aber so, wie die Mannschaft nach den guten Beginn hinterhergelaufen und auseinandergefallen ist, das geht nicht. Das ist nichts, was ich nochmal mitansehen möchte.

Bei Sky gab es in der Kommentierung natürlich nur eine Richtung: Die Bayern haben die Anfangsphase verschlafen. Dann haben sie sich gefangen und mit ihrer Klasse der Borussia eine Lehrstunde erteilt. Das stimmt auch irgendwie, aber es führt auf eine falsche Fährte. Denn wie das Spiel ablief, hatte deutlich mehr mit Gladbach zu tun als mit dem Gegner. 

Fast erschrocken durch das frühe Tor von Josip Drmic und weiteren einfachen Angriffen, die den Bayern sichtlich weh taten, tat der VfL viel zu schnell wieder das, was er zu oft nach Führungstoren in dieser Saison getan hatte. Erstmal den Gang rausnehmen und den Gegner kommen lassen. Sich auf dem 1:0 ausruhen. Das kann gegen viele Gegner gutgehen, gegen die Bayern nur in den seltensten Fällen. Denn wenn man nicht alle Zweikämpfe voll bestreitet, sich auch nur einen Schritt weniger erlaubt als der Gegner, dann wird das gegen das Starensemble meist teuer.

So war es beim Ausgleich und allen weiteren Toren. Der zu Beginn bärenstarke Josip Drmic bricht den erfolgversprechenden Sprint gegen Hummels frühzeitig ab, versucht stattdessen mit einer Körpertäuschung vorbeizukommen und wird vom Abwehrmann mit leichtem Stoßen vom Ball getrennt. Das gibt oft Freistoß, muss aber nicht zwingend so sein. Stattdessen läuten dieser Ballgewinn und ein langer Ball die sehenswerte Kombination ein, die Wagner zum 1:1 abschließt. Da war auch noch viel Pech im Spiel. Der Ball holpert ein bisschen glücklich durch den Strafraum, Yann Sommer fehlen nur ein paar Zentimeter, um das Zuspiel vor Wagner wegzufischen. Dennoch hatte sich das 1:1 bereits angedeutet, weil die Bayern schon zwei, dreimal gefährlich vor Sommer aufgetaucht waren. 

Die anderen vier Gegentore - es hätten am Ende auch gut noch drei mehr sein können - hatten dann nichts mehr mit Pech zu tun, sondern mit einem unterirdischen Abwehrverhalten. Beim 1:2 sieht der am Ball vorbeigreifende Sommer am schlechtesten aus. Aber die Fehlerkette zuvor ist deutlich länger: Dreimal gelingt es unter anderem Hofmann nicht, den Ball im Strafraum zu klären und weit genug weg zu befördern. Und wenn im vierten Anlauf Wagner dann, umringt von drei Gegnern, frei zum Kopfball kommt, ist das peinlich. Beim dritten Gegentor schlafen gleich drei Gladbacher, die den Steilpass auf Tolisso nicht mitbekommen. Beim 1:4 bewundert Hazard die Schusstechnik von Alaba, anstatt ihn zu stören. Und beim 1:5? Da müsste man eine bessere verbale Abstimmung zwischen Ginter und Elvedi erwarten können. So verlängert Ginter den Ball, den er hätte durchlassen müssen, unglücklich vorbei an Elvedi direkt auf Lewandowskis Fuß.

Wenn man also nach einer starken Anfangsphase so dramatisch nachlässt, zwar über 90 Minuten läuft wie ein Hase, aber kaum noch in Zweikämpfe kommt und die dann noch meist verliert, dann bleibt am Ende ein ganz bitteres Gefühl zurück. 

Natürlich hat die Mannschaft sich kollektiv den Schneid abkaufen lassen. Aber das hatte auch mit einigen indivuellen Dingen zu tun - und vielleicht auch mit der Wechseltaktik. 
Während ein Josip Drmic seit Monaten leise, zurückhaltend und bescheiden um seine frühere Form kämpft und in den letzten Spielen (4 Torbeteiligungen) dafür auch langsam wieder belohnt wird, hört man von anderen immer wieder Kampfansagen von wegen "Europa ist noch nicht abgeschrieben" oder "auch bei den Bayern können wir gewinnen". Letzteres kam gerade erst per Boulevardzeitung von Raffael. Doch wer war heute mit Abstand der schlechteste Spieler auf dem Platz? Genau: Raffael. Er wirkte behäbig, unlustig, fahrig. Gewann nicht nur kaum einen Zweikampf, sondern produzierte mit riskanten Rückspielen zwei gefährliche Gegenangriffe. Nach vorne war er ein Totalausfall, verzögerte das Spiel, wenn es nach vorne hätte gehen können und vertändelte Ball um Ball. Der Maestro war schon zur Halbzeit ein klarer Kandidat zum Auswechseln. 

Hatte der VfL deshalb also gefühlt schon die zweite Hälfte der ersten Halbzeit in kämpferischer Unterzahl gespielt, gesellten sich zu den Ausfällen nach dem Pausentee mindestens noch Hazard und Kramer dazu. Dass man so den immer glatter anlaufenden Bayern-Angriffswellen nicht erfolgreich trotzen kann, ist offenkundig. Also stellte Borussia nach dem 1:3 sämtliche Angriffsbemühungen ein und schaltete den Hertha-Rückpass-Modus ein. Ab da war der Auftritt der Borussia nicht mehr zu ertragen.

Durch die Auswechslungen verschlimmerte sich meine Laune nur noch. Der lauffreudigste und heute auch defensiv sehr bissige Hofmann musste dem Künstler Grifo weichen, in einem Spiel, indem es nur noch um Schadensbegrenzung gehen konnte. Und Cuisance ersetzte Drmic, den einzigen, der vielleicht nochmal für ein wenig Entlastung hätte sorgen können - denn echte Stürmer hatte der VfL ja keine auf der Bank. Raffael und Hazard dagegen blieben auf dem Feld. Und auch Strobl ersetzte am Ende nicht den immer schwächer werdenden Chris Kramer, sondern Zakaria, der wenigstens ansatzweise noch mal dazwischenging, wenn die Bayern aufdrehten. Das muss man nicht verstehen.

Egal. Es ist rum. Natürlich musste man einkalkulieren, in München unter die Räder zu kommen. Denn auch wenn die Erfolgsfans kichernd noch dreimal "B-Elf" zu ihrer heutigen Anfangsaufstellung sagen. Fakt ist: Auch diese Startelf ist Borussia von der Papierform noch immer deutlich überlegen. Aber darum geht es nicht. Es geht mir nur um den VfL, und der hat für mich heute den Tiefpunkt der Saison abgeliefert - den Klatschen gegen Leverkusen, Dortmund oder schwachen Auftritten wie in Freiburg zum Trotz, und auch noch nach dem armseligen Auftritt gegen Berlin letzte Woche. 
Klar: Auch heute trifft die Mannschaft der Fluch des eigenen Leistungsvermögens. Hätte der VfL einfach nur schlecht gespielt, hätte man das Ergebnis heute leichter abhaken können. Doch wenn man in der ersten Viertelstunde mit seinem Auftritt knapp 70000 Erfolgsfans im eigenen Stadion verstummen lässt - was angesichts der Monotonie der Bayern-Sprechchöre allein schon eine Wohltat ist - und dann doch so einbricht, dass der Gegner am Ende denkt, er hätte sich selbst auf die Siegerstraße gebracht, dann macht mich das wütend. 
Es ist ein tiefer Fall in eindeutig zu kurzer Zeit. Und den müssen nicht nur die Spieler verdauen, sondern auch wir Fans. 


Bundesliga, Saison 2017/18, 29. Spieltag: Bayern München - Borussia Mönchengladbach 5:1 (Tor für Borussia: 0:1 Drmic)

Samstag, 7. April 2018

Happyend beim Grottenkick

Dass es auch noch solche Spiele gibt: Der Gegner ist vor dem Tor so effektiv wie sonst der VfL, Gladbach schlägt spät eiskalt zu und gewinnt ziemlich unverdient.
2:1 statt einem eigentlich folgerichtigen 0:5 also. Keine Frage: Das nehme ich in dieser Saison gern auch mal mit. Ich freue mich auch für Thorgan Hazard, der endlich wieder mal getroffen hat. Und für Patrick Herrmann, der immerhin ein gefühltes Tor erzielt hat (obwohl ich dabei bleibe, dass das kein Abseits war). Gut war, dass Borussia einmal mehr zurückgeschlagen hat nach einem Rückstand. Aber das war es dann auch schon mit den positiven Dingen.

Denn das Spiel heute reißt mehr Gräben auf, als das am Ende gute Resultat überdecken kann. Das war auch im Stadion deutlich zu hören. Und obwohl ich meine Mannschaft nie auspfeifen würde - ich konnte den Frust des Publikums sehr, sehr gut nachvollziehen. Nicht allerdings die konfrontativen Szenen nach dem Spiel in der Nordkurve. Es hat keinen Sinn, wenn Spieler und Fans in den verbalen Infight gehen. Dadurch wird nichts besser. Dennoch darf und muss man natürlich den Auftritt heute kritisieren dürfen.

Liebe Elf vom Niederrhein, seit vielen Wochen gibt es von Euch Spielern über social media und die anderen Kanäle die gleichen Sprüche und Ansagen bezüglich des nächsten Spiels und des Ziels "Europa". Dass ihr euch steigern wollt, noch mal angreifen - und dass ihr alles versuchen werdet. Jede Woche die gleichen Analysen vom Trainerteam in der Pressekonferenz, dass man schneller und gezielter nach vorn spielen muss, dass man besser verteidigen muss und, und, und.

Und was passiert? Bei besten äußeren Bedingungen, zur besten Fußballzeit, mit einem erstmals qualitativ wieder hervorragend besetzten 18er-Kader? Im Heimspiel gegen die Hertha, den seit vielen Jahren wohl punktemäßig freigiebigsten Gegner, den Borussia hat? Eine Mannschaft, die seit Wochen auch nicht viel auf die Kette bekommt und somit ein guter Gegner für eine entschlossen und geschlossen auftretende Mannschaft sein sollte? Was passiert? Nichts. Genau die gleiche Grütze wie seit Wochen. Nur diesmal eine ganze Stunde lang. 
Die erste Halbzeit heute war einfach zum Abgewöhnen. 45 Minuten lang ängstliches, ratloses Quer- und Zurückgespiele: Pomadig, kraftlos, harmlos, uninspiriert. Was kam von Euch? Kampf, ja - und Krampf: Stückwerk, Stockfehler, Fehlpässe, Ballgeschiebe. Und zu wenig aktive Laufarbeit im Angriff, um dem Spielaufbau auch die Möglichkeit zu geben, schnell Anspielstationen zu finden. 
Der einzige, der ein bisschen Übersicht bewies, war ein 18-Jähriger, dessen Weltklassepass in den Strafraum und dessen scharfer Distanzschuss jeweils ein Törchen verdient gehabt hätten. Das wäre allerdings bei dem Spielverlauf der reine Hohn gewesen. Es war letztlich Euer Glück, dass die (nicht mal herausragenden) Berliner nicht zur Pause schon klarer in Führung lagen und euch am Leben gelassen haben.

Nun hat eine Halbzeitpause ja oft den Effekt, dass man als Trainer eine schlafende Mannschaft wecken oder mit einer anderen Einstellung zurück ins Spiel schicken kann. Bei Borussia gelingt auch dies aber leider oft nicht. Die ersten Minuten gingen gerade so armselig weiter, und wenn Yann Sommer nicht gleich nach dem Wiederanpfiff mal wieder einen Weltklassereflex gegen Kalou gezeigt hätte, wäre das Spiel wohl völlig in die Binsen gegangen.
Nun gut, mit zunehender Spielzeit wurde die Partie offener, auch weil Hertha etwas passiver wurde. Die Umstellung auf ein 4-4-2-System und die Einwechslung von Thorgan Hazard machten sich - mit Verzögerung - positiv bemerkbar. Doch dazwischen lagen auch immer wieder erschreckende Fehler in der Rückwärtsbewegung und im Zweikampfverhalten in der Defensive, die der Hertha noch gut und gerne drei bis vier Tore ermöglichten. 
Wirklich gut war es also bis zum Ende nicht. Aber mit Hazard, Drmic und Hofmann wurde das Gladbacher Spiel zielstrebiger, Hertha fiel es nicht mehr so leicht, die Räume zuzustellen. Und natürlich merkte man gerade bei den in der ersten Hälfte völlig indisponierten Raffael und Stindl, wie wichtig Hazard als Laufmaschine und Lückenreißer für das Funktionieren der VfL-Angriffs ist. Plötzlich hatten alle mehr Zug in ihren Aktionen, die Laufarbeit wurde effektiver und die Angriffe präziser. Es ging diesmal gut, die drei Punkte sind im Sack, auch wenn sie in vielen anderen Spielen der Saison deutlich verdienter gewesen wären. Aber es war auch ein klares Zeichen, dass das jüngst eingeführte 3-5-2 nur dann funktioniert, wenn alle an ihre Grenzen gehen. Dazu fehlte heute einiges.

Aber nochmal ganz im Ernst: Das Spiel von heute kann nicht der Anspruch dieser Mannschaft sein. Eines Teams, das angesichts des doch erheblichen Rückstands auf Platz sieben jetzt eher frei aufspielen können müsste. Zu einer Mannschaft, die sich nach oben orientieren will, gehört, dass man solche Spiele wie heute nicht verliert und die, die man überlegen bestreitet, gewinnt. Zu einer Mannschaft mit Europa-Ambitionen gehört aber auch, dass sie ihre Nerven im Griff behält und nicht unter dem selbst auferlegten Sieges-Druck dann zusammenbricht und auf Angsthasenfußball umschaltet. 

Wir haben in dieser Saison schon viele Höhen und Tiefen hinter uns und sehr viele seltsame Spiele erlebt. Das heute hat noch einmal eine neue Facette der Seltsamkeit geliefert, aber ein zweites Mal gewinnt man eine solche Partie wohl auch nicht. Also gilt es, das Gute daraus zu saugen, die Fehler konsequent aufzuarbeiten und - den Rest schnell zu vergessen. Denn mit einer Leistung wie heute setzt es selbst gegen eine möglicherweise nach dem Meistertitel nicht mehr ganz fokussierte Bayern-Mannschaft ziemlich sicher mindestens ein halbes Dutzend Gegentore. Und dafür habe ich nach dem Gekicke heute wirklich gar keine Nerven mehr.

Ach ja: Zum Videobeweis sage ich heute nicht viel. Bibiana Steinhaus hat zweifellos gut gepfiffen. Aber es ist und bleibt lächerlich, wenn Videoassistenten Tore mal wegen Zentimeter-Abseits wegpfeifen, dann wieder nicht und im dritten Fall vielleicht noch nicht einmal eine brauchbare Kontroll-Linie zur Verfügung steht, um das auf dieser Basis zu entscheiden. Anhand der Fernsehbilder ist es für mich inakzeptabel, dass Herrmanns Tor zurückgenommen wurde, zumal zum Beispiel vor einer Woche ein ganzer Lewandowski ungestraft im Abseits stehen durfte. Und wenn künftig mithilfe der Technik ständig zehennagelbreites Abseits wie beim vermeintlichen 1:1 geahndet wird, pervertiert das auch den Spielgedanken und den Sinn des Abseits. Entweder, man geht bald zum Ausgangsgedanken zurück, dass der Stürmer sich mit der strafbaren Abseitsstellung einen unzulässig großen Vorteil verschafft - also zumindest deutlich sichtbar für jeden im Stadion im Abseits steht. Oder man muss einen anderen Weg finden, wie man dieses "mal so, mal so" in den Griff bekommt, das sich durch die Entscheidungen in dieser Saison zieht. Ich glaube aber kaum, dass das gelingt. Zum zweiten Videobeweis muss man wirklich nicht viele Worte verlieren. Wenn der VAR dieses glasklare Foul nicht gesehen und angesagt hätte, dann hätte ich meine Karriere als Fußballgucker mit sofortiger Wirkung beendet. 

Bundesliga, Saison 2017/18, 29. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - Hertha BSC 2:1 (Tore für Borussia: 1:1 Hazard, 2:1 Hazard FEM)

Sonntag, 1. April 2018

Kein Mittel gegen Mittelmaß


Für ein Remis gibt es in der Liga einen Punkt. Immer. Und doch können Unentschieden-Spiele so dermaßen unterschiedlich verlaufen, dass sie nichts gemein haben - außer eben der Tatsache, dass es dabei für beide Teams einen Punkt in der Tabelle gibt. Über das 3:3 gegen Hoffenheim habe ich genug geschrieben. Über das heutige 0:0 ist fast jedes Wort zu viel.

Seit der Energieleistung gegen die TSG hatte Borussia zwei Wochen Zeit, um wieder genesene Spieler trainingstechnisch an die erste Mannschaft heranzuführen. Es gab keine neuen Verletzten, und am Spieltag endlich wieder eine von der Papierform ansehnliche Startelf ohne Verlegenheitslösungen. 
Kurz und gut: Vor dem Spiel hatte ich die Hoffnung, dass in dieser Saison vielleicht doch noch mal etwas möglich sein könnte. Ein Ruck, der angesichts der besseren personellen Perspektiven durch die Mannschaft geht. Der sie beflügeln könnte. Eine kleine Siegesserie, eine Wende zum Besseren. Ein versöhnlicher Abschluss für diese beknackte Spielzeit und eventuell am Ende doch noch ein Plätzchen an der europäischen Sonne - wer weiß. Doch ich täuschte mich, einmal mehr.
Denn für mehr als ein mageres Pünktchen bei den angeschlagenen, aber zweifellos kämpferisch erfahrenen Mainzern hätte die Mannschaft die Form, die Kreativität und den Willen vom Hoffenheim-Spiel mit nach Rheinhessen nehmen müssen. 
Stattdessen aber war die Mannschaft, vor dem Mainzer Abstiegskampfmodus ja ausgiebigst gewarnt, schon mit wenig zufrieden. Der VfL verwaltete in der ersten Hälfte ein lebloses Spiel mehr oder weniger geschickt. Kramer und Co. hielten einen mittelmäßigen Gegner sicher in Schach, mehr nicht. Gladbach passte sich, dem Gegner an, anstatt dessen vorhandene Verunsicherung zu nutzen und sich als die dominierende Mannschaft zu präsentieren, die alle - auch die Konkurrenz - in ihr doch eigentlich sehen. 
Bis auf wenige Ausnahmen sah sich das Aufbauspiel einmal mehr ratlos einem Neun-Mann-Abwehrbollwerk gegenüber und versuchte die Verlegenheit darüber durch Quer- und Rückpässe aufzulösen. Und wenn es doch einmal einen guten Einfall, einen schnittigen Pass durch die Mainzer Abwehr gab, wurde die Chance verstolpert oder mit einem Pass ins Leere entschärft. Das alte Leiden eben.

Dass Sommer, Vestergaard und Elvedi sich heute die (mittelmäßigen) Bestnoten verdienten, sagt viel aus. Bei Hazard, Herrmann und Stindl ist inzwischen förmlich zu greifen, dass sie verkrampfen, wenn sie nur in Schussweite des gegnerischen Tores kommen. Das nahm heute schon beinahe tragische Züge an. 
Und selbst Hoffnungsträger Raffael, der mit so etwas wie Selbstzweifel vor dem Torschuss im Normalfall keine Probleme hat, war heute ein Schatten seiner selbst. Wollen wir hoffen, dass es wenigstens Nico Elvedi und die anderen angeschlagenen Spieler (Kramer, Ginter) nicht so schlimm erwischt hat wie es zeitweise aussah.

Mehr habe ich über diesen Kick heute nicht zu sagen. Es gibt außer dem anständigen Bundesliga-Debüt von Florian Meyer und der Tatsache, dass Yann Sommer mal wieder zu Null gespielt hat, woran er mit seiner Wahnsinnsparade auf der Linie selbst den größten Anteil hat, aus meiner Sicht nichts, was sich als positiver Fingerzeig für den Endspurt in der Saison eignen würde. Basta.
Diese Saison ist nicht mehr zu retten, weil der VfL sich dem fußballerischen Mittelmaß der Liga, das in dieser Saison auch noch besonders mittelmäßig ist, ziemlich genau angepasst hat. Das hat Gründe - Verletzungen, Formschwächen, individuelle Fehler, Pech und viel Unvermögen, und und und. Aber es führt auch dazu, dass man sechs Spieltage vor Schluss auch mit der besten Absicht nicht mehr sagen kann, dass Borussia einen besseren Tabellenplatz verdient hätte als der, auf dem die Mannschaft derzeit steht. Und das ist angesichts des ganzen Potenzials, von dem wir wissen, dass es da ist, eine bittere Erkenntnis. 
Borussia 2018 scheitert immer wieder an sich selbst - weil das Team (inklusive Trainer) auf dem Platz kein Mittel gegen Mittelmaß findet.


Bundesliga, Saison 2017/18, 28. Spieltag: FSV Mainz 05 - Borussia Mönchengladbach 0:0